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GMS Journal for Medical Education

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 2366-5017

Digitale Lehre und digitale Medizin: Eine nationale Initiative tut not

Leitartikel Digitalisierung

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  • corresponding author Martin Haag - Hochschule Heilbronn, GECKO-Institut für Medizin, Informatik und Ökonomie, Heilbronn, Deutschland
  • author Christoph Igel - Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, Educational Technology Lab, Berlin, Deutschland
  • author Martin R. Fischer - Klinikum der Universität München, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, LMU München, Deutschland
  • Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA), Ausschuss "Digitalisierung - Technologie-unterstütztes Lernen und Lehren"
  • Gemeinsame Arbeitsgruppe „Technologiegestütztes Lehren und Lernen in der Medizin (TeLL)“ der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds) und der Gesellschaft für Informatik (GI)

GMS J Med Educ 2018;35(3):Doc43

doi: 10.3205/zma001189, urn:nbn:de:0183-zma0011895

Dieses ist die deutsche Version des Artikels.
Die englische Version finden Sie unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2018-35/zma001189.shtml

Eingereicht: 30. Juli 2018
Überarbeitet: 1. August 2018
Angenommen: 1. August 2018
Veröffentlicht: 15. August 2018

© 2018 Haag et al.
Dieser Artikel ist ein Open-Access-Artikel und steht unter den Lizenzbedingungen der Creative Commons Attribution 4.0 License (Namensnennung). Lizenz-Angaben siehe http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/.


Zusammenfassung

Die voranschreitende Digitalisierung des Gesundheitssystems macht es erforderlich, in Zukunft digitale Kompetenzen deutlich stärker an die Studierenden zu vermitteln. Darüber hinaus sollten digitale Lehr- und Lerntechnologien überall eingesetzt werden, wo diese einen echten Nutzen gegenüber anderen Ausbildungsszenarien bieten. Um diese Herausforderungen zu meistern, benötigt es einer nationalen Initiative „Medizinausbildung im digitalen Zeitalter“, die von der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung und der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie angeführt werden sollte.

Schlüsselwörter: Digitale Lehre, Digitale Transformation, Digitale Medizin, Open Educational Resources


Einleitung

Während die digitale Transformation des Gesundheitswesens voranschreitet, werden die benötigten Kenntnisse in digitaler Medizin an den meisten Hochschulen bislang offenbar nur unzureichend vermittelt und vorhandene digitale Werkzeuge nicht adäquat genutzt.

Was sind die Herausforderungen?
1.
Digitale Kompetenzen vermitteln: Medizin-Studierende werden nicht adäquat darauf vorbereitet, vorhandene und zukünftig zu erwartende Herausforderungen der digitalen Medizin zu meistern. Dazu gehört insbesondere die Auswahl und bewusste Nutzung digitaler Werkzeuge und Systeme und deren kritische Bewertung insbesondere im Hinblick auf Fragen des Datenschutzes und der Ethik zum Nutzen der Patientinnen und Patienten [1]. Dabei werden durch künstliche Intelligenz getriebenen Systeme selbst zu diagnostizierenden Agenten im System. Die Rolle der Patientinnen und Patienten als Besitzer und Sachwalter ihrer Gesundheitsdaten wird sich fundamental ändern und die professionellen Rollen in der Gesundheitsversorgung umformen – wie radikal lässt sich noch gar nicht abschätzen.
2.
Digitale Lehr- und Lerntechnologien sinnvoll und flächendecken einsetzen: Obwohl in vielen Kontexten das Lernen durch den Einsatz digitaler Lehr- und Lerntechnologien effektiv unterstützt wird [2], findet der Einsatz moderner digitaler Lehr-/Lern- und Prüfungstechnologien nur punktuell statt.

Leider ist eine flächendeckende und zügige Anpassung der universitären Lehre an die aktuellen Herausforderungen nicht zu erkennen. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Neben unzureichender bzw. fehlender Infrastruktur und fehlenden Qualifizierungsangeboten für Lehrende ist die hohe zusätzliche Belastung der Lehrenden durch Patientenversorgung und Forschung zu nennen. Darüber hinaus gibt es ungünstige gesetzliche Rahmenbedingungen, die Innovationen entgegenstehen.

Während das Thema Digitalisierung von Hochschulen bzw. Hochschullehre fächerübergreifend durch Initiativen wie dem Hochschulforum Digitalisierung oder der Expertengruppe Intelligente Bildungsnetze beim Digital-Gipfel bereits gut adressiert werden, beschäftigt sich aktuell keine nationale Initiative mit den spezifischen Anforderungen der Medizinischen Ausbildung und des Gesundheitswesens. Bisher existieren nur Einzelinitiativen von Lehrenden, wie z.B. das vom Stifterverband und der Carl-Zeiss-Stiftung geförderte Projekt „Medizin im digitalen Zeitalter“ [1], in dem ein „Curriculum 4.0“ entwickelt wird.


Medizinausbildung im digitalen Zeitalter

Um die vorhandenen Hemmnisse zu überwinden und Medizin-Studierende wie Lehrende für die Medizin der Zukunft zu qualifizieren, benötigt es einer konzertierten Anstrengung. Gefordert sind neben den medizinischen Fakultäten und Fachgesellschaften auch Bund und Länder, die für ein rechtliches Rahmenwerk sorgen müssen, welches die Erstellung und Nutzung von digitalen Lehrobjekten nicht hemmt sondern fördert.

Benötigt wird eine digitale Infrastruktur im Internet, die es Lehrenden ermöglicht, gemeinsam Inhalte zu entwickeln, zu nutzen und weiterzuentwickeln. Darüber hinaus muss es schnell und einfach möglich sein, geeignete Inhalte für die eigene Lehre zu identifizieren, beispielsweise durch die Verschlagwortung der Inhalte basierend auf Schlagwortkatalogen wie dem NKLM [http://www.nklm.de]. Bei der Schaffung einer solchen Infrastruktur ist die intensive Beteiligung von Lehrenden, (Medizin)-Informatikern und Ausbildungsforschern unabdingbar. In diesem Zusammenhang gehen die bisherigen Projektförderungen des BMBF im Bereich Shared Content und Shared Services in die richtige Richtung, müssen aber weitergeführt und deutlich verstärkt werden um Open Educational Resources (OER) in der Breite in der Medizinausbildung zum Durchbruch zu verhelfen [3]. In diesem Kontext sind auch Anpassungen am Urheberrecht erforderlich und es muss eine umfassende Open-Access- und Open-Content-Strategie erstellt werden. Zwingend erforderlich sind (IT)-technische Lösungen, die sich ohne hohe Kosten in lokale Infrastrukturen integrieren lassen.

Um die Zusammenarbeit bei der arbeits- und kostenintensiven Entwicklung von digitalen Inhalten über Hochschulgrenzen hinweg zu fördern, wird ein Anreiz- und Belohnungssystem für Lehrende und Institutionen benötigt. Hierbei ist die verlässliche Anrechenbarkeit von mit Hilfe digitaler Formate erbrachter Lehrleistungen hilfreich, die in dieser Ausgabe dargestellt werden [4]. Die Bereitstellung von selbsterstelltem Content muss für die Dozenten selbst auch einen echten Nutzen haben und darf nicht mit der Sorge verbunden sein, evtl. gegen das Urheberrecht zu verstoßen. Hier müssen seitens der Hochschulen, Länder und des Bundes geeignete Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Um die Lehrenden zu unterstützen, müssen deutlich mehr Beratungs- und Unterstützungsangebote zur Verfügung gestellt werden. Hierbei sollte aus Kosten- und Effizienzgründen auf einen Mix an Beratungs- und Unterstützungsmaßnahmen vor Ort und zentral im Internet zurückgegriffen werden.

Im Rahmen der Medizininformatik-Initiative [http://www.medizininformatik-initiative.de] werden zurzeit mit großem finanziellen Aufwand die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Forschungsergebnisse schneller den Weg in die Behandlung von Patienten finden. So sollen beispielsweise durch die Analyse großer Datenmengen neue Erkenntnisse gewonnen werden. Eine wechselseitige Verzahnung der laufenden Projekte mit Forschung, Ausbildung und Krankenversorgung kann hierbei großen Nutzen stiften [5]. Ebenfalls um die Nutzung vorhandener (großer) Datenmengen geht es bei Educational Data Mining und Learning Analytics. Vorhandene bzw. noch zu sammelnde Daten können genutzt werden, um Lehrenden bessere Einblicke in ihre Lerngruppen zu geben und Lehre besser an die tatsächlichen Bedürfnisse anpassen zu können. Hier werden klare rechtliche Rahmenbedingungen und Handlungsempfehlungen für Datenschutzbeauftragte und Medien- oder Service-Zentren an den Hochschulen benötigt [3].

Der Masterplan Medizinstudium 2020 adressiert das Thema digitale Transformation nicht [1], hier muss nachgebessert werden. Der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog (NKLM) enthält zwar eine Reihe relevanter Lernziele aus dem Gebiet der Medizinischen Informatik, diese müssen aber ergänzt werden, um den Anforderungen an eine zukunftsorientierte Ausbildung gerecht zu werden.


Fazit

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens schreitet unaufhaltsam voran, dieser Tatsache muss sowohl bei den Lehrinhalten als auch bei der Lehre stärker Rechnung getragen werden. Eine nationale Initiative „Medizinausbildung im digitalen Zeitalter“ tut not, um die dringend notwendigen Veränderungen zu befördern. Verantwortliche in Fakultäten und Ministerien müssen das Thema Digitalisierung stärker berücksichtigen und geeignete Maßnahmen initiieren. Die Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) sowie die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds) sollten hier die erforderlichen Diskussionen vorantreiben und gemeinsam eine nationale Initiative „Medizinausbildung im digitalen Zeitalter“ anführen.


Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass sie keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


Literatur

1.
Kuhn S. Transformation durch Bildung: Medizin im digitalen Zeitalter. Dtsch Arztebl. 2018;115(14):A633-638.
2.
Stegmann K, Fischer F. Auswirkungen digitaler Medien auf den Wissens- und Kompetenzerwerb an der Hochschule. Kurzbericht Ludwig-Maximilians-Universität München. München: LMU München; 2016. Zugänglich unter/available form: https://epub.ub.uni-muenchen.de/38264/ Externer Link
3.
Nationaler IT-Gipfel. Deutschland intelligent vernetzt: Digitale Bildung 2016. DIV Report Spezial. Berlin: Digital-Gipfel, Plattform Innovative Digitalisierung der Wirtschaft, Fokusgruppe Intelligente Vernetzung; 2016. Zugänglich unter/available from: http://deutschland-intelligent-vernetzt.org/app/uploads/2016/12/161216_FG2_039_DIV_Report_Spezial_ES.pdf Externer Link
4.
Müller C, Füngerlings S, Tolks D; E-Learning working group in the Competence Network Medical Education in Bavaria. Teaching load - a barrier to digitalisation in higher education? A position paper on the framework surrounding higher education medical teaching in the digital age using Bavaria, German as an example. GMS J Med Educ. 2018;35(3):Doc34. DOI: 10.3205/zma001180 Externer Link
5.
Kuhn S, Kadioglu D, Deutsch K, Michl S. Data Literacy in der Medizin: Welche Kompetenzen braucht ein Arzt?. Onkologe. 2018;24(5):367-377. DOI: 10.1007/s00761-018-0344-9 Externer Link