gms | German Medical Science

GMS Journal for Medical Education

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 2366-5017

Validierung einer deutschsprachigen Kurzversion des Attitudes towards Patient Safety Questionnaire (G-APSQshort) zur Messung von Haltung und Bedürfnissen von Medizinstudierenden hinsichtlich Patientensicherheit

Artikel Patientensicherheit

  • corresponding author Jan Kiesewetter - Klinikum der LMU München, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland
  • author Moritz Kager - Klinikum der LMU München, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland
  • author Martin R. Fischer - Klinikum der LMU München, Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin, München, Deutschland
  • author Isabel Kiesewetter - Klinikum der LMU München, Klinik für Anästhesiologie, München, Deutschland; Klinikum der LMU München, Klinik für Palliativmedizin, München, Deutschland

GMS J Med Educ 2017;34(1):Doc8

doi: 10.3205/zma001085, urn:nbn:de:0183-zma0010857

Dieses ist die übersetzte Version des Artikels.
Die Originalversion finden Sie unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2017-34/zma001085.shtml

Eingereicht: 26. Oktober 2015
Überarbeitet: 29. August 2016
Angenommen: 6. Oktober 2016
Veröffentlicht: 15. Februar 2017

© 2017 Kiesewetter et al.
Dieser Artikel ist ein Open-Access-Artikel und steht unter den Lizenzbedingungen der Creative Commons Attribution 4.0 License (Namensnennung). Lizenz-Angaben siehe http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/.


Zusammenfassung

Hintergrund: Zunehmend sollen Themen der Patientensicherheit auch im Rahmen des Medizinstudiums gelehrt werden. Für eine Bedarfsanalyse existiert im deutschsprachigen Raum jedoch bisher kein geeignetes Messinstrument zur Erhebung des Status Quo von Einstellungen Medizinstudierender zum Thema Patientensicherheit. Die deutsche Validierung einer Kurzversion des Attitudes towards Patient Safety Questionnaire (G-APSQshort), soll diese Lücke anhand von zwei Validierungsstudien schließen.

Methode: In Studie 1 wird mittels Item- und Reliabilitätsanalysen die interne Konsistenz, sowie die faktorielle Struktur überprüft. In Studie 2 wird die Messsensitivität des G-APSQshort zum Nachweis von Einstellungsveränderungen eingeschätzt.

Ergebnisse: An Studie 1 nahmen N=83 Teilnehmer (M=23,16 Jahre; 21 Weiblich) teil. Von den insgesamt sieben Subskalen konnte bei sechs Subskalen ausreichende interne Konsistenz (Cronbachs α=.722-.903) erreicht werden. Die Faktorenanalyse ergab, dass die sechs extrahierten Faktoren mit den theoretisch konzipierten Subskalen übereinstimmen.

An Studie 2 nahmen N=21 Teilnehmer (M=26 Jahre; 11 weiblich) teil. Eine Multivariate Varianzanalyse ergab, dass die Unterschiede vor- zu nach einer Kurzzeitintervention mit mittelgroßem Effekt signifikant geworden sind (F(1;16)=6,675; p<.05; η2=.29). Die Reliabilität der Differenzen der Messzeitpunkte war mit Cronbachs α=.615 ausreichend hoch.

Diskussion: Der G-APSQshort kann in sechs Subskalen als messzeitpunkt- und veränderungsvalide gelten. Es ist zu hoffen, dass durch den regelmäßigen und konzertierten Einsatz von Messinstrumenten wie dem G-APSQshort eine gemeinsame Datenbasis vieler verschiedener deutschsprachiger medizinischer Fakultäten entsteht.


Hintergrund

In den letzten Jahren haben die Themen Fehler in der Medizin und Patientensicherheit in Deutschland sowohl im öffentlichen als auch im medizinischen und gesundheitspolitischen Raum zunehmend an Bedeutung gewonnen. Diese Entwicklung unterstreichen neben zahlreichen Berichten in den Boulevardmedien beispielsweise das seit 2005 bestehende Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V., das 2013 in Kraft getretene Patientenrechtegesetz und die zunehmende Anzahl der von Seiten der Ärzteschaft etablierten Fehlermeldesysteme [1], [2], [3], [4].

Der Ausbildung und Vorbereitung der Ärzte1, die als Leistungserbringer innerhalb der Patientenversorgung maßgeblich an der Entstehung von Fehlern, aber auch an deren Vorbeugung beteiligt sind, und die letzten Endes auch mit den Konsequenzen von medizinischen Fehlern umgehen müssen, wird bisher nur wenig Beachtung geschenkt. Verschiedene internationale Gremien fordern schon lange die frühzeitige Integration entsprechender Ausbildungsstrukturen zum Thema Fehler und Patientensicherheit in die medizinische Aus-, Weiter- und Fortbildung [5], [6], [7]. Der 2008 von der WHO Weltallianz für Patientensicherheit vorgestellte Leitfaden zur Entwicklung entsprechender Curricula zu Fehlermanagement und Patientensicherheit wurde explizit für die medizinischen Fakultäten als inhaltliche Grundlage entworfen [6]. Diese beinhaltet sowohl detaillierte inhaltliche Informationen zu allen die Patientensicherheit betreffenden Themenbereichen als auch Anleitungen darüber, wie ein neues Curriculum erfolgreich implementiert werden kann. Bisher werden in der internationalen Literatur nur wenige der umgesetzten Ausbildungsformate zu Fehlern in der Medizin und Patientensicherheit beschrieben. Nur wenige Ausbildungsformate berücksichtigen in ihrer Umsetzung den WHO-Leitfaden und die Umsetzungen weisen bisher eine große Bandbreite hinsichtlich Struktur und Inhalt auf [8].

In Deutschland zeigen sich erste Ansätze zur Entwicklung entsprechender curricularer Strukturen und auch in die Entwicklung des Nationalen Lernzielkataloges Medizin [NKLM] ist das Thema Patientensicherheit einbezogen worden [9], [10]. Der Ausschuss Patientensicherheit und Fehlermanagement der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung veröffentlichte 2015 den Lernzielkatalog Patientensicherheit für das Medizinstudium, welcher ein Konsens auf die wichtigsten Lernziele für Patientensicherheit darstellt [11]. Der Attitudes towards Patient Safety Questionnaire (APSQ) wurde entwickelt und für den englischen Sprachraum validiert, um die Haltung von Medizinstudierenden zu messen [12]. Die Originalversion konnte neun Subskalen identifizieren:

  • Patientensicherheitstraining bis heute („Patient safety training received“)
  • Sicherheit, Fehler zu kommunizieren („Error reporting confidence“)
  • Arbeitszeiten als Fehlerquelle („Working hours as error cause“)
  • Unvermeidbarkeit von Fehlern („Error inevitability“)
  • Berufliche Inkompetenz als Fehlerursache („Professional incompetence as error cause“)
  • Angabepflicht von Fehlern („Disclosure responsibility“)
  • Zusammenarbeit/Teamfähigkeit („Team functioning“)
  • Die Rolle des Patienten bei Fehlern („Patient’s role in error“)
  • Die Wichtigkeit der Patientensicherheit im Curriculum („Importance of patient safety in the curriculum“)

In der Kriteriumsvalidierung der Originalskala konnten sieben Subskalen zwischen studentischen Novizen und erfahrenen Tutoren differenzieren. Die Skalen sind mit Cronbach’s alpha von .63 bis .82 reliabel. Die 26 Items verteilen sich mit je 2-4 Items auf 9 Subskalen. Sie beinhalten Fragen, welche die die Einstellung zu Patientensicherheit abfragen von „Stimme voll und ganz zu“ bis „Stimme überhaupt nicht zu“ abfragen; bspw. für die Subskala Sicherheit, Fehler zu kommunizieren: „I would feel comfortable reporting any errors I had made, no matter how serious the outcome had been for the patient.“ [12].

Die Autoren schlagen weitere Validierungsstudien zur Retest Reliabilität und Vorhersagevalidität vor. Weiterhin wurde bisher die Veränderungsreliabilität des APSQ nicht nachgewiesen.

Bei einer solchen Messung können individuelle Änderungen im Verlauf des Studiums nachvollzogen werden und zielgerichtete Trainingsinterventionen geplant und deren Erfolg evaluiert werden. Auch sind vergleichende Messungen zwischen unterschiedlichen Trainings oder Curriculumsbausteinen oder sogar ganzer Curricula zum Thema Patientensicherheit [13] möglich. Einsatzgebiete des Fragebogens im interprofessionellen und post-graduierten Ausbildungsbereich werden diskutiert [14]. Die bisherigen Messungen in den Vereinigten Staaten zeigen ein gemischtes Bild der Einstellungen von Medizinstudierenden zu Beginn ihres Studiums: Zum einen zeigen Medizinstudierende eine positive, der Patientensicherheit förderliche Einstellung. Andererseits herrscht zu Beginn des Studiums Unkenntnis und Unsicherheit über den Meldevorgang beim Auftreten von Fehlern, in der Fehlerkommunikation und bezüglich der Konsequenzen eines Fehlers für den Einzelnen [8]. Über die Einstellungen zu Patientensicherheit über den Verlauf von Curricula und am Ende des Studiums ist bisher noch wenig bekannt.

Für den deutschsprachigen Raum existiert bisher noch kein Instrument welches systematisch Daten zu studentischen Bedürfnissen oder der Einstellung und dem Umgang mit Behandlungsfehlern aus studentischer Perspektive erhebt. Mit der deutschsprachigen Validierung einer Kurzversion des Attitudes towards Patient Safety Questionnaire (G-APSQshort), soll die vorliegende Studie diese Lücke schließen. Von den bisher bestehenden Messinstrumenten wurde dieser ausgewählt, da er am umfassendsten validiert wurde. Die angestrebte Validierung bezieht sich auf Konstruktvalidität. Es wird also überprüft, inwiefern das Instrument das zu erfassende Merkmal der Einsteillung zu Patientensicherheit (=Konstrukt) misst.


Fragestellung

Das vorliegende Manuskript untersucht zwei Aspekte des APSQ:

1.
Entwicklung und testtheoretische Überprüfung einer deutschsprachigen Kurzversion des APSQ (G-APSQshort) zur Messung der Einstellung gegenüber Patientensicherheit mittels Item- und Reliabilitätsanalysen zur Ermittlung der internen Konsistenz, sowie Überprüfung der faktoriellen Struktur, also die Untersuchung, welche Subskalen auch im deutschsprachigen Raum interpretiert werden dürfen.
2.
Überprüfung der Veränderungsreliabilität des G-APSQshort zum Nachweis von Veränderungen der Einstellung gegenüber Patientensicherheit anhand einer kurzzeitigen Intervention.

Methoden

Es wurden zwei Teilstudien zur Validierung des Fragebogens konzipiert. In Studie 1 wurden an einer Stichprobe von Medizinstudierenden (N=83) die interne Konsistenz sowie die faktorielle Struktur des Fragebogens überprüft. In Studie 2 wurde anhand einer kleineren Stichprobe (N=21) von Medizinstudierenden die Veränderungsreliabilität von denjenigen Skalen des Fragebogens getestet, die sich in Studie 1 als valide erwiesen hatten. Für beide Studien wurde ein Ethikvotum der zuständigen medizinischen Fakultät eingeholt. Alle Daten wurden anonym erhoben.

Übersetzung

Beiden Teilstudien ging die Übersetzung des Fragebogens ins Deutsche entsprechend internationaler Standards voraus [15]. Zwei Mitarbeiter übersetzten zunächst unabhängig voneinander alle Items vom Englischen ins Deutsche; bei Abweichungen zwischen beiden Übersetzungen wurden diese besprochen und es wurde sich auf eine gemeinsame Version geeinigt. Diese erste deutsche Version wurde von einem dritten Mittarbeiter, der zugleich Muttersprachler im Englischen ist, ins Deutsche rückübersetzt. Diese rückübersetzte Version wurde mit der englischen Originalversion verglichen. Dabei zeigten sich minimale Abweichungen, die im Sinne einer kommunikativen Validierung zwischen den drei Mitarbeitern geklärt und in die finale Validierungsversion des Fragebogens eingearbeitet wurden.

Pilotierung

Die Pilotierung des Fragebogens fand an n=22 Medizinstudierenden innerhalb von einer Woche statt. Die Studierenden gaben Rückmeldung über Funktionalität und Verständlichkeit der Fragen und durften anschließend im Studiensample nicht teilnehmen.

Form

Die einzelnen Fragen werden analog zur Originalversion auf einer Likert Skala von 1 (ich stimme nicht zu) bis 7 (ich stimme voll und ganz zu) bewertet. Durch diese Maßnahmen konnte eine möglichst gute Verständlichkeit und hohe Übereinstimmung und Vergleichbarkeit mit dem Original gewährleistet werden.

Konsequenzen aus der Pilotierung

Sowohl bei der Übersetzung, als auch während der Pilotierung fiel bei den Subskalen Angabepflicht von Fehlern („Disclosure responsibility“) und Zusammenarbeit/Teamfähigkeit („Team functioning“) auf, dass es sehr herausfordernd war, die Items gemäß dem Original zu formulieren. Die Übersetzungen stimmten zwar im Übersetzung-Rückübersetzungsschritt mit den Originalskalen überein, allerdings ging hierdurch die Möglichkeit einer sinnvollen Differenzierung bei der Beantwortbarkeit verloren. In der Pilotierung ergaben sich für diese Items Deckeneffekte – alle Studierenden bewerteten die Items mit der vollen Punktzahl. Da just dies auch die Subskalen waren, welche in der Original Validierungsstudie nicht zwischen den Studierenden und Tutoren differenzierten, entschieden sich die Autoren eine deutsche Kurzversion des APSQ (German APSQ Kurzversion; G-APSQshort) weiter zu validieren (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]).

Datenerhebung
Studie 1

Der erste Studienabschnitt der Validierung des Fragebogens fand an einer Stichprobe aller teilnehmenden Medizinstudierenden des Bundeskongresses der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) vom 30.11.2012 bis 02.12.2012 statt. An diesem Kongress nahmen insgesamt ca. 200 Studierende von allen deutschen medizinischen Fakultäten teil. Den Teilnehmern wurden bei der Kongress-Anmeldung die Fragebögen ausgehändigt; ausgefüllte Bögen konnten über das gesamte Wochenende zentral in einer Urne abgegeben werden. Als Anreiz für die Bearbeitung wurden unter allen Teilnehmern 20 Büchergutscheine zu jeweils 10 Euro verlost.

Studie 2

In der Curriculumsentwicklung und -evaluation sind nicht nur Querschnittsdaten hinsichtlich der Haltung von Medizinstudierenden zu Fehlern und Patientensicherheit von Interesse, sondern auch Veränderungen dieser Haltung durch entsprechende Interventionen im Sinne einer Ausbildung zu Patientensicherheit [14]. Studie 2 wurde daher durchgeführt, um die Veränderungsvalidität des G-APSQshort zu evaluieren.

Im Rahmen der einwöchigen Summerschool „Fehler in der Medizin“ im August 2013 wurden hierfür zu Beginn und nach Abschluss der Veranstaltung Daten von insgesamt 21 Studierenden erhoben. Innerhalb dieser Woche erhielten die Teilnehmer intensiven Unterricht und anschließende Diskussionsmöglichkeiten zu Grundlagen der Fehlertheorie, zu rechtlichen, ethischen und philosophischen Aspekten von Fehlern in der Medizin sowie zum praktischen Umgang mit erfolgten Behandlungsfehlern.

Datenanalyse

Die Daten beider Studien wurden mit SPSS Version 20.0 analysiert. Alle berichteten signifikanten Werte beziehen sich auf ein Alphafehlerniveau von p=.05. Alle Items wurden analog zum Original kodiert; höhere Werte bedeuten eine Einstellung, die der Patientensicherheit förderlich wäre.

In Studie 1 wurde zunächst die Reliabilität anhand von Cronbach’s alpha überprüft. Anschließend wurden die Voraussetzungen für eine Faktorenanalyse anhand von zwei statistischen Verfahren zur Abschätzung der Korrelationen der Items untereinander getestet. Genauer, wurden die Adäquatheit des Samples anhand des Kaiser-Meyer-Olkin Kriteriums (KMOK) und die Sphärizität anhand von Bartletts Sphärizitätstest überprüft. Letzterer überprüft ob die Daten aus einer Grundgesamtheit stammen oder allesamt unkorreliert sind. Der KMOK zeigt an wie groß der Anteil der Varianz der einzelnen Variablen ist, der sich nicht durch die anderen Variablen erklären lässt [16]. Die faktorielle Struktur wurde anhand einer explorativen Faktorenanalyse (Maximum Likelihood, mit Varimax Rotation und Kaiser-Normalisierung) überprüft.

In Studie 2 wurde eine multivariate Varianzanalyse (MANOVA) für die Gesamtskala durchgeführt. Innerhalb der MANOVA wurde der Pillai-Spur-Test interpretiert. Zur Klärung von Post-hoc Wechselwirkungseffekten wurden LSD (Least Significant Difference) Tests durchgeführt. Für diese Studie wurde die Veränderungsreliabilität (Messzeitpunkt 2 - Messzeitpunkt 1) anhand von Cronbachs α überprüft.


Ergebnisse

Studie 1

Die in Studie 1 eingeschlossene Stichprobe umfasste N=83 Datensätze (M=23.16 Jahre; SD=2.72; 46 weiblich). Die Teilnehmer verteilten sich über alle drei Studienabschnitte (Vorklinik N=17; Klinik N=61; Praktisches Jahr N=5). Von den insgesamt sieben Subskalen konnte bei sechs Subskalen ausreichende Reliabilität (Cronbachs α=.722 - .903) erreicht werden. Vier Items der Subskala „Berufliche Inkompetenz als Fehlerursache“ mussten aus der finalen Fragebogenversion aufgrund mangelnder Passung zu allen anderen Subskalen entfernt werden. Eine Übersicht der Reliabilitäten zeigt Tabelle 1 [Tab. 1]. Die Gesamtskala zeigte eine Reliabilität von Cronbachs α=.744.

Das Kaiser-Meyer-Olkin Kriterium lag bei 0.618, also über der Grenze von 0.6 [17] und Bartlett’s Sphärizitätstest war ebenfalls signifikant (Chi2(df=210)=.680-.566;p<.001). Die faktorielle Struktur ergab sechs extrahierte Faktoren, (Faktorladungen > .40) welche mit den theoretisch konzipierten Subskalen („Patientensicherheitstraining bis heute“, „Sicherheit, Fehler zu kommunizieren“, „Arbeitszeiten als Fehlerquelle“, „Unvermeidbarkeit von Fehlern“, „Rolle des Patienten bei Fehlern“, „Bedeutung der Patientensicherheit im Lehrplan“) übereinstimmen. Insgesamt klären die Subskalen 52,91% der Gesamtvarianz auf. Die extrahierten Faktoren sowie Varianzaufklärung und deskriptive Statistiken finden sich in Tabelle 1 [Tab. 1]. Der finale Fragebogen G-APSQshort beinhaltet 14 Items zu sechs Subskalen und findet sich im Anhang 1 [Anh. 1] dieses Artikels. Für interessierte Leser haben wir die anfänglichen Eigenwerte der Items und die rotierte Ladungsmatrix in Anhang 2 [Anh. 2] und Anhang 3 [Anh. 3] des Artikels dargestellt.

Studie 2

Die eingeschlossenen N=21 Teilnehmer (davon 11 weiblich) kamen von zehn verschiedenen medizinischen Fakultäten Deutschlands. Das Durchschnittsalter betrug 26 Jahre.

Der G-APSQshort liefert ein sehr differenziertes Ergebnis darüber, wie sich die Einstellungen zu dem Thema über die Woche verändert haben. Die Veränderungsreliabilität liegt bei Cronbachs α=.615 und ist damit ausreichend messsensitiv für Veränderungen. Die Multivariate Varianzanalyse ergab, dass die Unterschiede vor- zu nach der Summerschool mit mittelgroßem Effekt signifikant geworden sind (F(1;16)=6,675; p<.05; η2=.29). Wie in Abbildung 2 [Abb. 2] zu erkennen ist, haben alle Skalen zu diesem Effekt beigetragen, außer die Skala „Unterricht zu Patientensicherheit im Studium“. Der LSD Post-hoc der Wechselwirkung von Messzeitpunkt und Subskala ist für vier der sechs Subskalen signifikant (siehe Tabelle 2 [Tab. 2]). Die deskriptiven Statistiken der Subskalen finden sich in Tabelle 2 [Tab. 2].


Diskussion

Die deutsche Kurzversion des Attitudes to Patient Safety Questionnaire kann in sechs Subskalen als valide gelten. Es ist trotz einer geringen Anzahl an Gesamtitems gelungen, sechs der bereits in der Originalversion validierten Subskalen ebenfalls zu validieren. Die Subskala „Berufliche Inkompetenz als Fehlerursache“ konnte nicht validiert werden. Hier ist ggf. eine nochmalige Überprüfung der Formulierungen notwendig. Die Reliabilität der einzelnen Subskalen kann als außerordentlich gut bewertet werden. Erfreulich ist, dass trotz einer auf einen Messzeitpunkt bezogenen hohen Reliabilität die Veränderungsreliabilität ebenfalls als sehr gut einzuschätzen ist [16]. Das die Skala „Unterricht zu Patientensicherheit im Studium“ sich im Vergleich vor zu nach der Summerschool nicht unterschied ist nicht erstaunlich, da diese lediglich retrospektiv den Unterricht im Studium erfragt. Die Ergebnisse unserer Studie weisen große Ähnlichkeit mit den Ergebnissen anderer internationaler Messungen zur Patientensicherheit auf [8], [12]. So ist die Einstellung zu Patientensicherheit bei Medizinstudierenden prinzipiell positiv (Studierende erkennen Arbeitszeiten als Fehlerquelle, sind sich der Unvermeidbarkeit von Fehlern bewusst, wünschen sich mehr Lehre zu Patientensicherheit), jedoch ist die Sicherheit, Fehler zu kommunizieren vergleichsweise gering und den Studierenden ist auch die Rolle der Patienten bei der Klärung von Fehlern eher unklar.

Die nachgewiesene Veränderungsreliabilität ist für Messinstrumente zu Haltung und Einstellungen besonders wichtig, da sie so zur Evaluation von Interventionen zur Steigerung der Patientensicherheit herangezogen werden kann. Diese Interventionen könnten sich sowohl auf kleine Interventionen wie Kurse oder Workshops (wie beispielsweise von Jha [14] umgesetzt) als auch auf ganze Curricula beziehen (wie von Armitage et al. [13] gefordert). Zu beachten ist, dass sich die Subskalen bisher ausschließlich auf Medizinstudierende beziehen. Einsatzbereiche außerhalb dieser Stichprobe (bspw. Weiterbildungsassistenten, Gesundheitspfleger) erscheinen wünschenswert, jedoch müsste hierzu der G-APSQshort zuvor erneut validiert werden.

Limitationen

Das G-APSQshort ist ein kurzes schriftliches Messinstrument über die Einstellungen zu Patientensicherheit und Behandlungsfehlern bei Medizinstudierenden. Die Stichprobe von N=83 stellt lediglich einen Querschnitt verschiedener medizinischer Fakultäten dar. Die Unabhängigkeit von einzelnen Fakultäten (welche das Thema Patientensicherheit besonders gut oder besonders schlecht in das Curriculum integriert haben) kann dadurch zwar gewährleistet werden, jedoch ist die tatsächliche Repräsentativität für alle Medizinstudierenden Deutschlands nicht gegeben. Weiterhin könnte vermutet werden, dass auf dem bvmd Kongress besonders engagierte Studierende anzutreffen sind. Auch für die in der Originalstudie verwendete Stichprobe wurde diese Einschränkung vorgenommen.

Die vorliegende Veränderungsmessung fand an einer kleinen Stichprobe mit sehr verdichtetem Unterricht in sehr kurzer Zeit statt. Ob das Messinstrument zu einer langfristigeren Veränderungsmessung eingesetzt werden kann, ist letztlich nicht erwiesen. Nichtsdestotrotz weist die mittelgroße Effektstärke der multivariaten Varianzanalyse sowie die ausreichend hohe Veränderungsreliabilität darauf hin, dass Veränderungen adäquat dargestellt werden können. Eine Veränderungsmessung über einen längeren Zeitraum ist zur Stärkung der Validierung des Messinstruments wünschenswert.

Das Messinstrument beinhaltet in der deutschen Kurzversion nur 2-3 Items pro Subskala, welches von den Autoren des Originalinstrumentes als zu gering eingeschätzt wurde. Nichtsdestoweniger ist die interne Konsistenz sowohl des Originalinstruments, als auch der deutschen Kurzversion jeweils als befriedigend zu werden. Inwieweit differenzierte Aussagen auf Subskalenniveau mit dem G-APSQshort möglich sind oder ob Verlängerungen der einzelnen Subskalen benötigt werden kann nur weitere Forschung zeigen.


Schlussfolgerung

Das vorliegende Messinstrument kann zum Vergleich verschiedener Fakultäten und zur Evaluation von kurzfristigen Interventionsmaßnahmen als validiert gelten. Es ist mit vierzehn Items relativ kurz und verständlich formuliert. Die Autoren hoffen, dass im Zuge der voranschreitenden Curriculumsentwicklung das G-APSQshort als ein Messinstrument zur nationalen und internationalen Vergleichbarkeit verwendet wird. Für den deutschsprachigen Raum steht die systematische Entwicklung und Erfassung reliabler Daten zu Patientensicherheit erst am Anfang. Es ist zu hoffen, dass durch den regelmäßigen und konzertierten Einsatz von Messinstrumenten wie dem G-APSQshort eine gemeinsame Datenbasis vieler verschiedener deutschsprachiger medizinischer Fakultäten entsteht.


Anmerkung

1 Zur besseren Lesbarkeit wird nur die männliche Sprachform verwendet; diese sind als geschlechtsneutral anzusehen.


Danksagung

Die Autoren danken der Volkswagenstiftung für die finanzielle Unterstützung der Summerschool.

Ein weiterer Dank gilt der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) für die Unterstützung bei der Datenerhebung.


Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass sie keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


Literatur

1.
Schrappe M. Patientensicherheit und Risikomanagement. Med Klinik. 2005;100(8):478–485. DOI: 10.1007/s00063-005-1061 Externer Link
2.
Spiegel online. Fehlerhafte Behandlungen: Tausende Patienten klagen über Medizinerpfusch. Spiegel Online. 2011. Zugänglich unter/available from: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/fehlerhafte-behandlungen-tausende-patienten-klagen-ueber-medizinerpfusch-a-769698.html zuletzt aufgerufen am 10.10.15 Externer Link
3.
Bildzeitung. SCHOCKZAHLEN! 1712 Tote durch Ärztepfusch ...und mangelhafte Medizinprodukte. Bildzeitung. 2012. Zugänglich unter/available from: http://www.bild.de/politik/inland/behandlungsfehler/tod-durch-aerztepfusch-22667672.bild.html Externer Link
4.
Rohe J, Heinrich AS, Thomeczek C. CIRSmedical.de: Netzwerk für Patientensicherheit. Dtsch Ärztebl. 2011;108(3):A-92, B-71, C-71. Zugänglich unter/available from: http://www.aerzteblatt.de/archiv/80367/CIRSmedical-de-Netzwerk-fuer-Patientensicherheit Externer Link
5.
Association of American Medical Colleges. Patient Safety and Graduate Medical Education. Washington/DC: Association of American Medical Colleges; 2003. P.27. Zugänglich unter/available from: https://members.aamc.org/eweb/upload/patient%20safety%20gme.pdf Externer Link
6.
WHO. WHO Patient Safety Curriculum Guide for Medical Schools. Genf: WHO; 2009. Zugänglich unter/available from: http://www.who.int/patientsafety/education/curriculum/EN_PSP_Education_Medical_Curriculum/en/index.html zuletzt aufgerufen am 10.10.15 Externer Link
7.
Walton MM, Shaw T, Barnet S, Ross J. Developing a national patient safety education framework for Australia. Qual Saf Health Care. 2006;15(6):437-442. DOI: 10.1136/qshc.2006.019216 Externer Link
8.
Flin R, Patey R, Jackson J, Mearns K, Dissanayaka U. Year 1 medical undergraduates' knowledge of and attitudes to medical error. Med Educ. 2009;43(12):1147-1155. DOI: 10.1111/j.1365-2923.2009.03499.x Externer Link
9.
Kaufmann M, Staender S, Von Below G, Brunner H, Portenier L, Scheidegger D. Computerbasiertes anonymes Critical Incident Reporting: ein Beitrag zur Patientensicherheit. Schw Ärztez. 2002;83(47):2554-2558.
10.
Institute of Medicine (US) Committee on Quality of Health Care in Amerika; Kohn LT, Corrigan JM, Donaldson MS. To err is human: building a safer health system. Washington (DC): National Academies Press; 2000.
11.
Kern D, Thomas P, Howard D, Bass E. Curriculum Development for Medical Education. A Six- Step- Approach. Baltimore: The John Hopkins University Press; 1998.
12.
Carruthers S, Lawton R, Sandars J, Howe A, Perry M. Attitudes to patient safety amongst medical students and tutors: Developing a reliable and valid measure. Med Teach. 2009;31(8):e370-e376. DOI: 10.1080/01421590802650142 Externer Link
13.
Armitage G, Cracknell A, Forrest K, Sandars J. Twelve tips for implementing a patient safety curriculum in an undergraduate programme in medicine. Med Teach. 2011;33(7):535-540. DOI: 10.3109/0142159X.2010.546449 Externer Link
14.
Jha V, Winterbottom A, Symons J, Thompson Z, Quinton N, Corrado O, et al. Patient-led training on patient safety: A pilot study to test the feasibility and acceptability of an educational intervention. Med Teach. 2013;35(9):e1464-e1471. DOI: 10.3109/0142159X.2013.778391 Externer Link
15.
Wild D, Grove A, Martin M, Eremenco S, McElroy S, Verjee-Lorenz A, Erikson P; ISPOR Task Force for Translation and Cultural Adaptation. Principles of Good Practice for the Translation and Cultural Adaptation Process for Patient-Reported Outcomes (PRO) Measures: Report of the ISPOR Task Force for Translation and Cultural Adaptation. Value Health. 2005;8(2):94-104. DOI: 10.1111/j.1524-4733.2005.04054.x Externer Link
16.
Bortz J. Statistik für Sozial- und Humanwissenschaftler. Heidelberg: Springer; 2005.
17.
Hutcheson GD, Sofroniou N. The multivariate social scientist: Introductory statistics using generalized linear models. London: Sage; 1999. DOI: 10.4135/9780857028075 Externer Link