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GMS Journal for Medical Education

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 2366-5017

Evaluation der Pilotphase des Wahlpflichtfaches Klasse Allgemeinmedizin: Ergebnisse von Studierendenbefragungen der ersten zwei Jahre

Artikel Allgemeinmedizin

  • Franziska-Antonia Samos - Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Institut für Allgemeinmedizin, Halle (Saale), Deutschland
  • Marcus Heise - Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Institut für Allgemeinmedizin, Halle (Saale), Deutschland
  • Stephan Fuchs - Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Institut für Allgemeinmedizin, Halle (Saale), Deutschland
  • Susanne Mittmann - Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Institut für Allgemeinmedizin, Halle (Saale), Deutschland
  • Alexander Bauer - Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Institut für Allgemeinmedizin, Halle (Saale), Deutschland
  • corresponding author Andreas Klement - Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Medizinische Fakultät, Institut für Allgemeinmedizin, Halle (Saale), Deutschland

GMS J Med Educ 2017;34(1):Doc4

doi: 10.3205/zma001081, urn:nbn:de:0183-zma0010813

Dieses ist die übersetzte Version des Artikels.
Die Originalversion finden Sie unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2017-34/zma001081.shtml

Eingereicht: 25. Februar 2016
Überarbeitet: 5. Oktober 2016
Angenommen: 9. November 2016
Veröffentlicht: 15. Februar 2017

© 2017 Samos et al.
Dieser Artikel ist ein Open-Access-Artikel und steht unter den Lizenzbedingungen der Creative Commons Attribution 4.0 License (Namensnennung). Lizenz-Angaben siehe http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/.


Zusammenfassung

Hintergrund: Die medizinische Grundversorgung in ländlichen Regionen befindet sich weltweit in einer Nachwuchskrise. Internationale und nationale Empfehlungen raten zur Stärkung praktischer Fertigkeiten und Kompetenzen im Medizinstudium. Dazu gehört, auch im Interesse der Nachwuchsbindung, den Kontakt zu allgemeinmedizinischen Lehrpraxen frühzeitig, mentoriert und longitudinal zu integrieren. Dazu wird die Klasse Allgemeinmedizin (KAM) in Halle seit 2011 als Wahlpflichtfach mit 20 individuell mentorierten Studierenden pro Jahr beginnend mit dem ersten Fachsemester durchgeführt. Wir berichten über die Evaluationsergebnisse der ersten zwei Jahre.

Methodik: Eine standardisierte Online-Befragung wurde mit allen Teilnehmern der KAM in zwei Jahrgängen 2011 bis 2012 (N=38) durchgeführt. Die Befragung erfolgte jeweils zum Ende des ersten Sommersemesters und nutzte eine adaptierte Version des Heidelberger Inventars zur Lehrevaluation (HILVE-II) und das Berliner Evaluationsinstrument für selbsteingeschätzte, studentische Kompetenzen (BEvaKomp). Ferner wurde jährlich die Präferenz zu Fachgebietswahl und Ort der Niederlassung erfragt. Mittels binär-logistischer Regression wurden Prädiktoren für die Präferenz zur Fachgebietswahl Allgemeinmedizin und Ort der Niederlassung geschätzt. Durch univariate Auswertungen wurden die Anteile der Studierenden ausgezählt, die in verschiedenen Kompetenzbereichen einen Wissenszuwachs durch die KAM berichteten. Zusammenhänge zwischen den beabsichtigten Verbleib in der KAM und der Lehrqualität wurden anhand bivariater Korrelationen ausgewertet.

Ergebnisse: 48% der Studierenden stimmten der Aussage eher oder völlig zu, dass die Seminare der KAM bei ihnen zu einer Steigerung der Fachkompetenz geführt haben. Dieser individuelle Kompetenzerwerb im Modellprojekt stellte einen signifikanten Prädiktor für die Präferenz zur Fachgebietswahl Allgemeinmedizin dar (OR 7,98; 95%-KI [1,27-50,27], p= 0,027). Studierende, die das Engagement (r=0,504), die Betreuung (r=0.526) und das Interaktionsmanagement (r=0,529) der Mentoren positiv einschätzten, waren eher gewillt, ihre Teilnahme an der KAM fortzusetzen.

Schlussfolgerung: Die erfolgreiche Vermittlung versorgungs-relevanter Kompetenzen an Studierende erwies sich in unserem Projekt als wichtigster Prädiktor einer Präferenz einer Fachgebietswahl Allgemeinmedizin. Hierfür müssen die ärztlichen Mentoren entsprechend geschult und Studierende gezielt auf die Praxiserfahrungen vorbereitet werden.

Schlüsselwörter: Medizinische Ausbildung, Allgemeinmedizin, Evaluation, Wahlpflichtfach, Fachgebietswahl


Einleitung

Die medizinische Grundversorgung in ländlichen Regionen befindet sich weltweit in einer Nachwuchskrise. In Deutschland sind hiervon vor allem die neuen Bundesländer betroffen [1]. Etwa die Hälfte der derzeit praktizierenden Hausärzte wird voraussichtlich altersbedingt in den nächsten zehn Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden [2], [3]. Durch einen zu geringen Anteil von an der Facharztweiterbildung zum Allgemeinmediziner interessierten Studierenden und jungen Ärzten kann vielerorts absehbar der Bedarf an Hausärzten vor allem in ländlichen und strukturschwachen Regionen nicht mehr gedeckt werden [4], [5]. Besonders deutlich wurde z.B. für Sachsen-Anhalt gezeigt, dass für eine dortige (land)ärztliche Tätigkeit hauptsächlich „Landeskinder“ mit ländlichem Hintergrund motiviert sind. Zuzug von jungen Ärzten aus anderen Bundesländern und mit städtischem Hintergrund ist nicht zu erwarten [5]. Internationale und nationale Empfehlungen raten zur stärkeren Orientierung an ärztlichen Kernkompetenzen im Studium und zu verstärkter Vermittlung primärversorgender Kompetenzen. Dazu erscheint es insbesondere empfehlenswert, den Kontakt zu allgemeinmedizinischen Lehrpraxen frühzeitig, mentorenbasiert und longitudinal im Medizinstudium zu integrieren [1], [6].

Entsprechend der Empfehlungen des Ausschusses Primärversorgung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) wurde in Halle (Saale) das Lehrprojekt Klasse Allgemeinmedizin (KAM) konzipiert. Es wird seit Herbst 2011 als fakultatives Wahlpflichtfach im vorklinischen und klinischen Studienabschnitt durchgeführt [6]. Die KAM folgt dabei internationalen Vorbildern, die mit ähnlichen curricularen Elementen seit bis zu 30 Jahren sowohl einen erheblichen Beitrag zur Versorgungssicherung einer ländlichen Region als auch zur verstärkten Vermittlung primärversorgungs-bezogener Kompetenzen im Medizinstudium leisten konnten [7], [8]. Die übereinstimmende Hypothese derartiger Initiativen ist, dass die Präferenzen zur (zukünftigen) Fachgebietswahl maßgeblich vom möglichst frühzeitigen Beginn, zeitlichen Umfang und Qualität des primärversorgungs-bezogenen Lehrangebots abhängt [9]. Über das akademische Lehrangebot hinaus konnte eine vergleichbare Studie zeigen, dass insbesondere Lehrärzte mit einer hohen Berufszufriedenheit als Rollenvorbild wirkten [10].

Ziel der KAM ist es, durch frühzeitige, individuelle und mentorierte Praxisorientierung langfristig den Anteil der halleschen Medizinstudierenden zu erhöhen, die eine Niederlassung als Allgemeinarzt in ländlichen Regionen anstreben.

Der vorliegende Artikel gibt einen ersten Überblick über die Zusammensetzung und Lehrevaluation der KAM-Teilnehmer für die Pilotphase vom Wintersemester 2011/12 bis Sommersemester 2013. Als Fragestellung wurde dabei untersucht,

  • welchen Kompetenzerwerb Studierende durch die Teilnahme an der KAM angeben,
  • welche Faktoren für die Präferenz zum (späteren) Karriereweg „Hausarzt“ relevant sind,
  • welche Faktoren die Präferenz zur Wahl des Niederlassungsortes beeinflussen und
  • welche Faktoren den Verbleib im KAM-Projekt beeinflussen.

Methoden

Curriculum

Das Curriculum der KAM besteht aus drei Modulen, die in jeweils doppelstündigen Seminaren je Semester mit den Schwerpunkten Fertigkeitentraining, Fallreflexion und Kommunikationstraining stattfinden [11], [12]. Das Fertigkeitentraining bereitet auf Abläufe in der Praxis, Untersuchungstechniken und apparative Methoden vor. Die Fallreflexion bietet Raum, um über das in den Praxistagen Erlebte zu sprechen und zu reflektieren. Im Kommunikationstraining werden wichtige Fähigkeiten zur Anbahnung, Verbesserung und Erhaltung der hausärztlichen Arzt-Patienten-Beziehung vermittelt. Aktive und interaktive Lehrmethoden (praxisorientiertes Rollenspiel) bilden hierfür die Basis. Zusätzlich zu den Seminaren absolvierten die Studenten an zwei Tagen pro Semester in einer Allgemeinarztpraxis im ländlichen Süden Sachsen-Anhalts die sogenannten Praxistage. Der Allgemeinarzt der Praxis wird „seinem“ Studenten während des gesamten Studiums als Mentor zur Seite stehen (1:1-Betreuung). Das Dozenten-Team bestand aus zwei in Sachsen-Anhalt praktizierenden Allgemeinmedizinern und einer Sprechwissenschaftlerin.

Stichprobe

Parallel zur Implementierungsphase der ersten zwei Jahrgänge der KAM 2011 und 2012 wurden alle Teilnehmer der KAM inklusive der Abbrecher befragt. Die Befragung erfolgte jeweils am Ende des Sommersemesters. Die Teilnahme an der Befragung war freiwillig. Alle Daten wurden pseudonymisiert erfasst. Da die Teilnahmedauern zwischen KAM 2011 und KAM 2012 variieren, wurden die Daten auf das erste Jahr der KAM-Teilnahme zensiert, um vergleichbare Erhebungszeiträume zu erhalten.

Erhebungsinstrumente

Die Datenerhebung erfolgte mittels Online-Fragebögen. Basis der Befragung war das Berliner Evaluationsinstrument für selbsteingeschätzte, studentische Kompetenzen (BEvaKomp) [13]. Das Instrument erfasst den selbst eingeschätzten Zuwachs der Studierenden in den Kategorien Fachkompetenz, Methodenkompetenz, Kommunikationskompetenz und Praxiskompetenz. Die Studierenden wurden gebeten, ihren persönlichen Kompetenzzuwachs auf einer Skala von „1“ (trifft nicht zu) bis „5“ (trifft völlig zu ) zu bewerten. Für die Beurteilung der Lehrqualität wurde eine angepasste Version des Heidelberger Inventar zur Lehrveranstaltungsevaluation (HILVE-2) [14] eingesetzt. Das Instrument erfasst das Interesse der Studierenden an den Seminarthemen, die subjektive Einschätzung des Lehrerfolges und eine Evaluation des Unterrichtshandelns der Dozenten, jeweils abgebildet über Mittelwertindizes mit einem Wertebereich von „1“ (trifft nicht zu) bis „5“ (trifft völlig zu).

Endpunkte

Primärer Endpunkt der Untersuchung war die Identifikation von Faktoren, durch die Studierende in der Präferenz zum (späteren) Karriereweg „Hausarzt“ bestärkt wurden. Als sekundäre Endpunkte wurden Faktoren zur Präferenz einer (zukünftigen) Niederlassung in einer ländlichen Region, der Kompetenzerwerb durch die Teilnahme an den Lehrveranstaltungen der KAM sowie Faktoren, die den Verbleib im Modellprojekt begünstigen, untersucht. Kompetenzerwerb wurde operationalisiert als gepoolter Score in den Bereichen Kommunikation, Methoden-, Fach- und Praxiskompetenz des BEvaKomp. Die Gesamteinschätzung der Lehrqualität wurde durch gemittelte Werte über die Teilbereiche Kommunikationstraining, Fallreflexion und Fertigkeitentraining des HILVE-2 abgebildet.

Statistische Verfahren

Der Einfluss des gemittelten subjektiven Kompetenzzuwachses im Rahmen des Modellprojektes auf die Wahl der späteren Facharztweiterbildung wurde in binär logistischen Regressionen geschätzt. Ebenso wurden soziodemographische Merkmale als Prädiktoren für die Wahl der Niederlassung in binär logistischen Regressionen verwendet. In beiden Analysen wurden Odds Ratios und ihre zugehörigen 95%-Konfidenzintervalle geschätzt. Im Rahmen univariater Auswertungen wurden die Anteile der Studierenden ausgezählt, die in verschiedenen Kompetenzbereichen einen Wissenszuwachs durch das Modellprojekt berichteten.

Die Gesamteinschätzung der Lehrqualität wurde für jedes Semester aus Mittelwerten der Hauptdimensionen des HILVE-2 errechnet und anschließend mit der selbstberichteten Absicht korreliert, die Teilnahme am Modellprojekt fortzusetzen. Hierbei wurde eine Signifikanzgrenze von α=0.05 festgelegt.


Ergebnisse

Insgesamt konnten N=38 Studierende der Jahrgänge KAM 2011 und 2012 in die Untersuchung einbezogen werden. Tabelle 1 [Tab. 1] gibt die soziodemographischen Merkmale beider Matrikel wieder (siehe Tabelle 1 [Tab. 1]).

Die Mehrzahl der Teilnehmer befand sich zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr und stammte aus ländlich geprägten Regionen. Jeweils die Hälfte der Teilnehmer hatte bereits einen Kontakt zur Allgemeinmedizin vor Beginn des Studiums, sei es über die elterliche Arztpraxis oder eine Berufsausbildung im medizinischen Bereich. Rund zwei Drittel der teilnehmenden Studierenden war weiblich, entsprechend der Geschlechtsverteilung unter den Erstsemestern in Halle. Auffällig in der Zusammensetzung der beiden Jahrgänge ist ein Überwiegen jüngerer Jahrgänge und Eltern im Arztberuf in 2011 (siehe Tabelle 1 [Tab. 1]). Von den zu Beginn 38 Teilnehmern setzten 14 (37%) das Projekt nicht fort (meist „regulär“ nach der ärztlichen Vorprüfung). Von den Abbrechern hatte keiner eine medizinische Berufsausbildung vor dem Studium absolviert, gegenüber 11 mit Berufsausbildung unter 24 fortsetzenden Teilnehmern (p=0,015 (zweiseitig)).

Kompetenzerwerb durch die Seminare der KAM

Mit dem Instrument BEvaKomp [13] wurden die Studierenden gebeten, die Bereiche zu benennen, in denen sie durch die Teilnahme an den Lehrveranstaltungen subjektiv einen Kompetenzzuwachs erfuhren. Ermittelt wurde der Anteil der Studierenden, die den Items nach einem Jahr Teilnahme am Modellprojekt eher oder völlig zustimmen vs. eher oder völlig ablehnen. 48.1% der Studierenden stimmen der Aussage eher oder völlig zu, dass die Seminare der KAM bei ihnen zu einer Steigerung der Fachkompetenz geführt haben. Über ein Drittel der Teilnehmer (37%) erlebte eine subjektive Steigerung der Methodenkompetenz. Einen Zuwachs an Praxis- und Kommunikationskompetenz gaben 26 bzw. 30% der Befragten an (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]).

Faktoren für die Präferenz zum (späteren) Karriereweg „Hausarzt“

Die im BEvaKomp ermittelten durchschnittlichen versorgungsnahen Kompetenzen üben im logistischen Regressionsmodell einen signifikanten Einfluss auf die Präferenz zum (späteren) Karriereweg „Hausarzt“ aus (siehe Tabelle 2 [Tab. 2]).

Pro Punkt, um den die selbsteingeschätzte Kompetenz der Studierenden durch die Teilnahme an den Lehrveranstaltungen ansteigt, steigt die Wahrscheinlichkeit „Hausarzt“ werden zu wollen um fast das 8-fache (OR 7,98; 95%-KI [1,27-50,27], p=0,027).

Faktoren für die Präferenz zur (späteren) Niederlassung im ländlichen Raum

In Ergänzung zu den Items des BEvaKomp wurden Studierende nach ihrer Absicht befragt, sich nach der Facharztweiterbildung in einer ländlichen Region niederzulassen. Als Einflussfaktoren wurden das Geschlecht, die Herkunft der Studierenden sowie der Beruf der Eltern in die Schätzung einbezogen (siehe Tabelle 3 [Tab. 3]).

Für keinen der verwendeten Prädiktoren konnte ein signifikanter Einfluss auf die Präferenz zur Niederlassung in einer ländlichen Region festgestellt werden. Auch insgesamt können die Beobachtungen nicht verallgemeinert werden (siehe Tabelle 3 [Tab. 3]).

Verbleib im Modellprojekt KAM

Anhand der studentischen Bewertung der Lehrveranstaltungen in den Kategorien des HILVE-II wird deutlich, dass die Chancen auf ein Verbleiben im Projekt steigen, wenn Studierende sowohl die Dozenten als auch die Lehrveranstaltungen positiv bewerten (siehe Tabelle 4 [Tab. 4]).

Die geäußerte Absicht, die Teilnahme am Modellprojekt KAM fortsetzen zu wollen, korreliert signifikant mit einer besseren Bewertung des wahrgenommenen Engagements der Dozenten (r=0,504; p=0,007), mit einer subjektiv besseren Betreuung durch die Dozenten (r=0,526; p=0,005) sowie mit einem positiv empfundenen Interaktionsmanagement (r=0,529; p=0,005). Keine signifikante Korrelation ist hingegen bezüglich des Aufbaus der Lehrveranstaltungen (Struktur), der Tiefe der Auseinandersetzung mit Lehrinhalten, der didaktischen Kompetenz der Lehrenden, dem Interesse der Studierenden an den behandelten Themen, dem Lernerfolg oder der gewählten Unterrichtsform (kommunikativ-aktivierend vs. Frontal) feststellbar (siehe Tabelle 4 [Tab. 4]).


Diskussion

Nach der zweijährigen Pilotphase der „Klasse Allgemeinmedizin“ verblieben mehr als 60 % der Teilnehmer im Projekt, wofür erscheint die Betreuungsqualität, Dozentenengagement und die Interaktion im Projekt bedeutsam erscheinen. Der subjektive Erwerb versorgungs-relevanter Kompetenzen in der KAM scheint einen bedeutsamen Einfluss auf die Präferenz für einen (späteren) Karriereweg „Hausarzt“ zu haben.

Die starken Korrelationen zwischen der studentischen Präferenz für einen (späteren) Karriereweg als Hausarzt und dem Dozenten-Engagement sowie der Betreuungsintensität und dem Interaktionsmanagement im Projekt legen die bereits vielfach vorgebrachte Interpretation nahe, dass hierfür ein positives Rollenvorbild durch die Mentoren maßgeblich verantwortlich ist [10], [15]. Aktuelle internationale Studien zeigen, dass selbst aufwändig konzipierte und durchgeführte curriculare Interventionen trotz positiver Lernerfahrungen schwächer auf Fachgebietswahl und Ort der Niederlassung wirken könnten, als die dabei gemachten „Praxiserfahrungen“ selbst [16], [17]. Entsprechend sind Mentorate obligatorischer Bestandteil ähnlicher Projekte [7], [8] und werden besonders für Hospitationen in frühen Studienabschnitten empfohlen, wofür aber sowohl Studierende wie Mentoren entsprechend vorbereitet werden müssen [6], [18], [19].

Obwohl soziodemographische Faktoren (bspw. Herkunft, Partner, Kinder) vielfach als Prädiktoren für die Präferenz zur (späteren) Niederlassung im ländlichen Raum vorbeschrieben sind, fanden wir auf diese Zusammenhänge in unserer Stichprobe keinen Anhalt [5], [15], [20]. Ursächlich hierfür könnte v.a. die geringe Stichprobengröße und/oder die Selbstselektion der Studierenden für die Projektteilnahme gegenüber jahrgangsübergreifenden „Vollerhebungen“ sein [5].

Mentoring-Programme für Studierende sind im Hinblick auf professionelle Entwicklung und Fachgebietswahl fächerübergreifend erfolgreich und sinnvoll [18], [19] und werden auch von angehenden (Haus-)Ärzten im Rahmen ihrer Weiterbildung vordringlich gewünscht [21]. Entsprechend bestätigen unsere ersten Ergebnisse damit weitgehend Übersichtsarbeiten, die Erfahrungen aus ähnlichen Lehrprojekten mit Peer-Gruppencharakter beschrieben haben [10], [15]. Auch eine aktuelle deutsche Querschnittserhebung zeigte ähnliche Effekte zugunsten eines hausärztlichen Karriereweges durch Teilnahme an allgemeinmedizinischen Lehrprojekten [20].

Stärken & Schwächen

Die Stärke unserer Arbeit ist, dass erstmals quantitativ über den Implementierungsverlauf eines Lehrprojektes zur Förderung einer landärztlichen Identitätsbildung von Medizinstudierenden in Deutschland berichtet wird. Limitationen der Studie sind die kleine Stichprobengröße und ein möglicher Selektionsbias. Insbesondere ist eine mögliche systematische Verzerrung der Ergebnisse durch die Selbst-Selektion der Studierenden der KAM denkbar: wer sich bereits zu Beginn des Studiums in Halle für Allgemeinmedizin interessiert, für den kommt bevorzugt die KAM als Wahlpflichtfach in Betracht und entsprechend erfolgt dann die Angabe einer Präferenz des Karrierewegs „Hausarzt“ – möglicherweise auch unabhängig vom Lehrprojekt selbst [15], [20]. Ferner können bei den im Projekt verbliebenen Studierenden Verzerrungseffekte durch „soziale Erwünschtheit“ nicht ausgeschlossen werden. Trotz der nicht zufälligen Auswahl der Teilnehmer und der geringen Stichprobengröße lassen sich jedoch aus den gezeigten Effekten Impulse für die inhaltliche Gestaltung und Weiterentwicklung derartiger Projekte ableiten.

Fazit und Ausblick

Zum Wintersemester 2015/16 hat der fünfte Jahrgang Klasse Allgemeinmedizin begonnen. Insgesamt befinden sich derzeit 82 Studierende in der KAM (KAM 11:10 Studierende, KAM 12: 7 Studierende (+10 „Nachrücker“ nach dem Physikum), KAM 13:15 Studierende (+5 „Nachrücker“), KAM 14:19 Studierende, KAM 15:20 Studierende). 70 landärztliche Mentoren aus dem südlichen Sachsen-Anhalt unterstützen das Projekt. Die Bewerberzahlen haben sich auf einem Niveau von etwa 17% der durchschnittlich 230 Erstsemester in Halle eingependelt (KAM 11:N=40, KAM 12:N=19, KAM 13:N=25, KAM 14:N=37, KAM 15:N=42). In den Auswahlgesprächen zur Besetzung der jährlich 20 Plätze im Projekt, nennen viele Studierende als einen Bewerbungsgrund in informellen Kontakten erhaltene „[…]positive Berichte durch Studierende vorangegangener Jahrgänge[…]“. Bestärkt wurden die Teilnehmer zudem durch (über)regionale Aufmerksamkeit in Medien (z.B. Deutschlandfunk und ZEIT-Campus) sowie öffentliche Anerkennung (z.B. „Land der Ideen“ 2014: Bundessieger in der Kategorie Bildung; Demographie-Preis Sachsen-Anhalt 2015). Innerhalb der Fakultät hat das „Funktionieren“ des Projektes zu einem höheren Ansehen des Faches Allgemeinmedizin und zu einer stärker versorgungsrelevanten Ausrichtung der Lehrinhalte und -methoden (z.B. im SkillsLab) beigetragen. Nach außen wurde die regionale Profilierung und Imagebildung der Fakultät unterstützt.

Obwohl sich das Projekt KAM mit begrenzten Ressourcen (1,0 „Wissenschaftlerstelle“) als machbar und – gemessen an den Bewerber- und Teilnehmerzahlen sowie medialen Echo – erfolgreich erweist, haben wir derzeit keine Belege für dessen Wirksamkeit. Gleiches gilt für den subjektiven Kompetenzzuwachs, der sich erst in der praktischen Arbeit wird beweisen müssen. Dies wird sich erst in der Langzeitbeobachtung u.a. mit Eintritt in die Weiterbildungszeit des ersten Jahrganges ab 2017 abbilden lassen. In zukünftigen Evaluationen werden wir zum einen ein mittlerweile validiertes Instrument zur Fachgebietswahl einsetzen [22] und zum anderen Wirkungen einzelner Curriculums- und Projektanteile auf affektive Ausbildungsziele, wie wertschätzende Haltung gegenüber hausärztlichen Tätigkeitsbereichen, differenzierter berücksichtigen – auch um die Vergleichbarkeit mit Evaluationen ähnlicher Projekte zu verbessern.


Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass sie keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


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