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GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 1860-3572

Chancengleichheit von Frauen und Männern in der Medizin – ein wichtiges Anliegen der Wissenschaftspolitik in Baden-Württemberg

Abstract Humanmedizin

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  • corresponding author Klaus Tappeser - Tappeser GmbH, Rottenburg am Neckar, Deutschland Externer Link

GMS Z Med Ausbild 2012;29(2):Doc36

doi: 10.3205/zma000806, urn:nbn:de:0183-zma0008060

Dieses ist die Originalversion des Artikels.
Die übersetzte Version finden Sie unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2012-29/zma000806.shtml

Eingereicht: 16. März 2011
Überarbeitet: 23. Mai 2011
Angenommen: 3. Juni 2011
Veröffentlicht: 23. April 2012

© 2012 Tappeser.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Einleitung

Die Chancengleichheit von Frauen und Männern ist ein großes Anliegen der Wissenschaftspolitik unseres Landes. Dies gilt vor allem auch für die Medizin. Betrachten wir die medizinischen Fakultäten Baden-Württembergs im Jahre 2009, so fällt auf: Während der Anteil der Absolventinnen bei 59,4% liegt, beträgt der Anteil der Professorinnen nicht mehr als 10,5%. Und während wir bei den Promotionen noch einen Frauenanteil von 57,1% haben, kommt es auf der nächsten Qualifikationsstufe zu einem starken Einbruch - bei den Habilitationen beträgt der Frauenanteil nur 17,6%.

Doch nicht nur der Wissenschaft gehen die jungen Ärztinnen nach einem erfolgreichen Studium verloren - auch in der Krankenversorgung fehlen sie uns.

So hatten im Jahr 2008 von allen berufstätigen Ärztinnen in Deutschland 39% keine Facharztbezeichnung. Ein Grund dafür könnte die Dauer der Facharztausbildung sein, die - bei einer Teilzeitbeschäftigung - bis zu 8 Jahre betragen kann.

Wenn sich Frauen überhaupt für eine Facharztausbildung entscheiden, dann überwiegend auf den Gebieten Innere Medizin, Allgemeinmedizin, Frauenheilkunde, Anästhesiologie oder Kinder- und Jugendmedizin. In operativen Fächern wie z. B. der Chirurgie stehen 427 berufstätigen Ärztinnen 3002 männliche Kollegen gegenüber.

Mit Blick auf den steigenden Frauenanteil im Medizinstudium einerseits und die wachsende Abwanderungsrate von Medizinerinnen und Medizinern in das europäische Ausland - wegen besserer Bezahlung und familienfreundlicher Arbeitsbedingungen - andererseits müssen wir alles daran setzen, auch in Deutschland die Medizin familienfreundlicher zu machen.


Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Karriere und Familie

Die bessere Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Karriere und Familie stellt eine der wichtigsten Säulen der Gleichstellungspolitik des Wissenschaftsministeriums dar. In Baden-Württemberg haben 6% aller Studierenden Kinder.

Um für Studierende mit Kindern das Studium familienfreundlicher zu gestalten, fördern wir Studienmodelle mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Und in der Medizin unterstützen wir das Projekt „Familienfreundlichkeit in der Medizin“, das den Rahmen für die heutige Tagung bildet. Zudem beabsichtigt der Gesetzgeber, das Landeshochschulgesetz zu ergänzen: Künftig soll es zu den gesetzlichen Aufgaben der Hochschulen und Universitätsklinika gehören, für eine bessere Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf zu sorgen. Viele Hochschulen haben die Notwendigkeit einer familienbewussten Personalpolitik bereits erkannt.

So haben z. B. die Universität und das Universitätsklinikum Ulm ein Zertifikat beim audit berufundfamilie bzw. audit familiengerechte hochschule der Hertie-Stiftung erworben. Die Universität Heidelberg befindet sich gerade im Auditierungsprozess. Die Universität Freiburg erhielt ein Prädikat von Total-Equality. Bei all diesen Verfahren wurde vereinbart, flexible Arbeitszeitmodelle zu entwickeln. Daher würde mich interessieren, wie viele Oberarztstellen an den Universitätsklinika in Baden-Württemberg zwischenzeitlich in Teilzeit besetzt sind. Dies ist sicher eine organisatorische Herausforderung an die Dienstplanung, aber trotzdem ein erreichbares Ziel, wie das Kreiskrankenhaus Sinsheim beweist, in dessen gynäkologischer Abteilung alle Oberarztstellen in Teilzeit besetzt sind.

Die Hochschulen zeigen ihre Familienfreundlichkeit bereits in vielfältiger Weise:

  • An vielen Universitäten wie z.B. der Universität Freiburg gibt es einen Familienservice, der sowohl für Studierende mit Kind als auch WissenschaftlerInnen mit Kind als erste Anlaufstelle dient.
  • An vielen Standorten gibt es auf dem Campus Wickelplätze und Elternzimmer.
  • Gemeinsam mit den Studentenwerken werden adäquate Kinderbetreuungsangebote geschaffen. Die Studentenwerke in Baden-Württemberg stellen für die Kinder von Studierenden momentan insgesamt 863 Krippenplätze zur Verfügung.
  • In den Studentenwohnheimen gibt es spezielle Appartements für Familien, und in den Mensen sind Hochstühle und Kindergeschirr zwischenzeitlich Standard.
  • Das Landeshochschulgesetz sieht vor, dass alle Prüfungsordnungen Studierenden mit Familienpflichten flexible Prüfungsfristen einräumen müssen. Auch ist es für Studierende mit Kind möglich, während Urlaubssemestern Scheine zu erbringen.
  • Schließlich können sich Studierende mit Kindern von den Studiengebühren befreien lassen. Die Altersgrenze, die hierbei für das Kind gilt, wurde von 8 auf 14 Jahre angehoben.

Unterstützung in der wissenschaftlichen Karriere

In der wissenschaftlichen Karriere von Ärztinnen bewirkt die Geburt eines Kindes häufig einen Karriereknick - nach der Promotion gehen die meisten Frauen der Wissenschaft verloren. Fächerübergreifend sind im akademischen Mittelbau 77% der Frauen und 72% der Männer kinderlos. Diese Zahlen sind alarmierend. Deshalb hat das Wissenschaftsministerium Stipendienprogramme wie das Brigitte Schlieben-Lange-Programm und das Margarethe-von-Wrangell Programm entwickelt, das auch jungen Ärztinnen helfen sollen, Krankenversorgung, wissenschaftliche Qualifizierung und Familie unter einen Hut zu bringen. Die Universität Heidelberg hat zusätzlich ein eigenes Kurzzeitstipendienprogramm für Medizinerinnen in der Facharztausbildung konzipiert, das Mittel zur Finanzierung einer 3 bis 6 monatigen Freistellung vom Klinik- und Routinedienst zu Verfügung stellt.

Parallel dazu fördert das Wissenschaftsministerium die Schaffung von Kinderbetreuungsangeboten für wissenschaftliches Personal, insbesondere auch Konzepte, die in Notfällen die Betreuung von kleinen Kindern sicherstellen.

Mit all diesen Maßnahmen versuchen wir, junge Ärztinnen und Ärzte mit Kindern oder Kinderwunsch der Wissenschaft zu erhalten.

Um künftig in Deutschland die Ärzteversorgung in allen Fachdisziplinen und auch in ländlichen Regionen zu gewährleisten, muss der Berufsalltag von Ärztinnen und Ärzten, insbesondere auch an den Kliniken, familienfreundlicher werden.

Deshalb setze ich mich als Aufsichtsratsvorsitzender von zwei Universitätsklinika von ganzem Herzen für eine familienbewusste Personalpolitik ein.

Ich wünsche allen Beteiligten eine erfolgreiche Tagung.


Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass er keine Interessenkonflikte im Zusammenhang mit diesem Artikel hat.