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GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 1860-3572

Extramurale Praktika im Rahmen des veterinärmedizinischen Studiums

Forschungsarbeit Tiermedizin

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  • corresponding author Mirja Börchers - Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, Klinik für Kleintiere, Hannover, Deutschland
  • Alper Teke - Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, Klinik für Kleintiere, Hannover, Deutschland
  • author Andrea Tipold - Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, Vizepräsidentin für Lehre, Hannover, Deutschland

GMS Z Med Ausbild 2010;27(5):Doc74

doi: 10.3205/zma000711, urn:nbn:de:0183-zma0007111

Dieses ist die Originalversion des Artikels.
Die übersetzte Version finden Sie unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2010-27/zma000711.shtml

Eingereicht: 27. Januar 2010
Überarbeitet: 27. Mai 2010
Angenommen: 5. August 2010
Veröffentlicht: 15. November 2010

© 2010 Börchers et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

In der vorliegenden Studie soll der Nutzen von Checklisten für klinische Praktika überprüft werden. Im veterinärmedizinischen Studium sind im praktischen Studienteil extramurale klinische Praktika vorgesehen. Die Kontrolle obliegt dabei den Ausbildungsstätten. Um diese Kontrolle übersichtlich zu gestalten, wurden ein Leitfaden und Checklisten für klinische Praktika entwickelt. Die Auswertung soll das Erlangen einer Übersicht über die derzeitige Situation und die Schaffung von Mindeststandards bei der Praktikumsgestaltung gewährleisten. In den Leitfäden werden ausgeführte Tätigkeiten der Studierenden in den externen kurativen Praxen oder Tierkliniken aufgeführt. Im Rahmen dieser Arbeit wurden die Daten von insgesamt 360 Checklisten erhoben. Die Auswertung soll darüber Aufschluss geben, ob die Einführung von Checklisten eine sinnvolle Ergänzung für die Lehre darstellt.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass mit Checklisten ein enormer Erkenntnisgewinn für die Hochschule zu erreichen ist, dieses Potential in der praktischen Anwendung jedoch häufig nicht vollständig ausgeschöpft wird und somit die Vermittlung ihrer Wichtigkeit zunehmende Bedeutung erlangt.

Schlüsselwörter: Checklisten, Leitfäden, klinische Ausbildung, praktische Fertigkeiten, Lehre


Einleitung

Das Vermitteln von praktischen Fertigkeiten ist ein wesentlicher Bestandteil der veterinärmedizinischen Lehre und als Lehrziel in der Tierärztlichen Approbationsordnung (TAppV) verankert [1].

Das veterinärmedizinische Studium wird in Deutschland durch die TAppV geregelt. Diese beschreibt die einzelnen Fächer und teilweise deren Durchführung [1], [2]. Nach 11 Semestern Regelstudienzeit sollen wissenschaftlich und klinisch ausgebildete Tierärztinnen und Tierärzte die Hochschulen verlassen, um den tierärztlichen Beruf ausüben zu können. Nach dem Studium wird den Absolventen eine Reihe von beruflichen Möglichkeiten geboten [3], [4]. Dazu gehört die Arbeit als praktische Tierärztin bzw. praktischer Tierarzt, in der Lebensmittelsicherheit, im öffentlichen Veterinärwesen, in der Industrie oder in der Forschung und Lehre. Die Förderung der praktischen Fertigkeiten ist dabei eine der elementaren Voraussetzungen, um die Studierenden auf diese berufliche Vielfalt vorzubereiten. Praktika sind von besonderer Bedeutung, da sie eine wichtige Funktion bei der Verknüpfung von angeeignetem Wissen und praktischen Fertigkeiten beinhalten [5]. Aus diesem Grund wurde im Wintersemester 2004/05 das praktische Jahr in die Ausbildung der Studierenden an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover integriert [6], [2]. Das praktische Jahr findet im 5. Studienjahr statt und beinhaltet klinische Ausbildung in einer Klinik oder Unterricht an einer paraklinischen Einrichtung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover [7]. Es ermöglicht den Studierenden eine stärkere Einbindung in den klinischen und wissenschaftlichen Alltag, so dass vor Ende des Studiums praxisnahe Erfahrungen gesammelt werden können [8]. Die so genannte „Orientierungsphase“ soll für die Studierenden eine Überleitung zwischen dem eng organisierten Studium und der beruflichen Laufbahn nach dem Abschluss darstellen [7].

Laut TAppV umfasst die tierärztliche Ausbildung einen wissenschaftlich-theoretischen Studienteil von viereinhalb Jahren mit 3850 Stunden Pflichtlehr- und Wahlpflichtveranstaltungen und einen praktischen Studienteil von 1170 Stunden [1]. Im Rahmen der studentischen Ausbildung sind im praktischen Studienteil interne Praktika in den hochschuleigenen Einrichtungen und extramurale Praktika vorgesehen. Extramurale Praktika sind ein Teil des Unterrichts, der außerhalb der Hochschule stattfindet [7]. Dabei werden die Plätze der extramuralen Praktika von den Studierenden selbstständig organisiert [8]. Den Ausbildungsstätten obliegt die Kontrolle der Praktika. Die European Association of Establishments for Veterinary Education (EAEVE), eine europäische Vereinigung, deren Aufgabe die Unterstützung und Entwicklung der veterinärmedizinischen Ausbildung in allen Aspekten in Europa ist und die Evaluierungen der europäischen veterinärmedizinischen Bildungsstätten durchführt, schreibt vor, dass die Bedingungen für die extramurale praktische Ausbildung von den veterinärmedizinischen Universitäten festzulegen und zu kontrollieren sind [9]. Eine Regelung der extramuralen Praktika gestaltet sich jedoch schwierig. Im Gegensatz zu den intramuralen Praktika in den hochschuleigenen Kliniken der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, die einen Pflichtenkatalog mit klinischer Ausbildung in verschiedenen Stationen vorsehen, können von den Bildungsstätten nur Vorschläge zur Gestaltung der extramuralen Praktika gemacht werden. Eindeutig definiert sind die Gesamtstundenzahl und die jeweiligen Tätigkeitsbereiche. Für die klinische Ausbildung sind 850 Stunden in einer privaten Tierklinik bzw. Tierarztpraxis oder einer veterinärmedizinischen Bildungsstätte vorgesehen. Diese gliedern sich in ein kleines Praktikum im Umfang von 150 Stunden über vier Wochen und in ein großes Praktikum mit insgesamt 700 Stunden über 16 Wochen oder zweimal je acht Wochen. Das kleine Praktikum ist für den Zeitraum nach dem 5. Studienhalbjahr bis zum Beginn des 8. Studienhalbjahres vorgesehen. Das große Praktikum wird innerhalb des 9. und 10. Studienhalbjahres absolviert. Die Durchführung der Praktika findet in der vorlesungsfreien Zeit bzw. als Rotation während des praktischen Jahres statt [7]. Um einen Einblick über die Tätigkeit der Studierenden während der externen Rotation zu haben, hat die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover einen Leitfaden für klinische Praktika entwickelt, der über die ausgeführten Tätigkeiten der Studierenden in den externen kurativen Praxen oder Tierkliniken Aufschluss geben soll. Die Leitfäden dokumentieren den Ablauf und den Inhalt der Praktika und dienen den Praktikumsbetreuern vor Ort und den Studierenden als Orientierung bei der Praktikumsgestaltung [6]. Zudem enthält das Formular vorgeschriebene Mindestanforderungen, um sicherzustellen, dass die Studierenden von den Praktika profitieren [8]. Sowohl vom Praktikanten als auch vom Praktikumsbetreuer kann der Verlauf kommentiert werden [6]. Die Rückmeldungen lassen Lernprozesse und Lernfortschritte der Studierenden nachvollziehen und zeigen Stärken und Schwächen verschiedener privater Ausbildungsbetriebe und –kliniken auf. Mit den Checklisten für Praktika erhält die Hochschule ein umfassendes Bild über den Umfang der praktischen Tätigkeiten und hat die Möglichkeit, die Qualität der Ausbildung zu beurteilen und Mindeststandards zu schaffen.

Eine Untersuchung des Nutzens und des Effekts eines tätigkeitsbezogenen Logbuchs in der Inneren Medizin am Universitätsklinikum Heidelberg ergab, dass sich Studierende besser in den Routinebetrieb integriert fühlten und somit eine höhere Zufriedenheit erreicht werden kann [10]. Des Weiteren können mit Hilfe der Logbücher Lehrinhalte aktiv von den Studierenden eingefordert werden [10]. Die in der Humanmedizin verwendeten Logbücher oder so genannten Portfolios sind prinzipiell mit den erwähnten Checklisten für extramurale Praktika der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover vergleichbar. Die Verwendung dieser Formulare verfolgt das Ziel, eine standardisierte und strukturierte Ausbildung zu gewährleisten [10]. Die Auswertung der Fragebögen in vorliegender Studie soll darüber Aufschluss geben, ob die Einführung von Checklisten eine sinnvolle Ergänzung für die Lehre in der Veterinärmedizin darstellt.


Material und Methoden

Im Rahmen der statistischen Auswertung wurden von zwei Jahrgängen die Daten aus den Jahren 2005/06 mit insgesamt 360 Checklisten der klinischen Praktika erfasst. Die Checklisten sind online in einem den Studierenden aller Semester zur Verfügung gestellten Portal abrufbar. Die erhobenen Werte wurden mit Hilfe des Tabellenkalkulationsprogramm Microsoft® Office Excel 2003 ausgewertet. Die grafische Darstellung des Datenmaterials erfolgt in Form von Balken- und Kreisdiagrammen. Die Erfassung der Effektivität und des Nutzens der Checklisten stellt dabei eine entscheidende Zielsetzung der Auswertung dar. Ein Vergleich der Tätigkeiten im extramuralen Praktikum mit den Lehrinhalten der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover sollte durch die ermittelten Daten realisierbar werden.

Leitfäden für klinische Praktika

Die Checklisten über die ausgeführten Tätigkeiten in den klinischen Praktika sind von den Studierenden auszufüllen und von den verantwortlichen Tierärzten zu unterschreiben. Die Checkliste ist klar gegliedert und besteht aus drei Abschnitten. Der erste Teil beinhaltet allgemeine Informationen über den Praktikanten mit Name, Matrikelnummer und Adresse. Des Weiteren werden Namen des verantwortlichen Betreuers und dessen kurativer Praxis oder Tierklinik und der Praktikumszeitraum abgefragt. Die Art der Praxis (Kleintiere, Nutztiere etc.) soll eingetragen werden. Im zweiten Teil werden die durchgeführten Tätigkeiten dokumentiert und im letzten Teil haben jeweils der Praktikant und der betreuende Tierarzt die Möglichkeit das Praktikum zu kommentieren. Folgende Punkte werden bei der Auswertung in den Vordergrund gestellt:

  • Art der kurativen Praxis/Tierklinik
  • Vorgestellte Tierarten
  • Von den Studierenden untersuchte Patienten (passiv, aktiv)
  • Durchgeführte praktische Tätigkeiten
  • Teilnahme am Notdienst
  • Beurteilung des Lernerfolgs durch die Studierenden

Das Ausfüllen der Fragebögen wurde als Pflicht festgelegt, um eine hohe Rücklaufquote zu gewährleisten.


Ergebnisse

Im Folgenden werden die Ergebnisse in der Reihenfolge der abgefragten Themenkomplexe der Checkliste vorgestellt. Grundlage der Studie bildet die Befragung von Tiermedizinstudierenden im Zusammenhang mit ihren Tätigkeiten während eines extramuralen Praktikums. Bei ca. 15% der Checklisten ist eine Auswertung auf Grund eines fehlerhaften Ausfüllens nicht möglich gewesen. In diesen Fällen wurde entweder nicht ausgefüllt oder unwahrscheinliche Tätigkeiten angegeben bzw. war die Anzahl an Tätigkeiten bzw. untersuchten Patienten übertrieben hoch eingetragen.

Verteilung nach Praxisart

Die Studierenden können sich für ihr extramurales Praktikum eine Praxisart auswählen. Die Auswertung ergibt, dass mit 39,4% die meisten Studierenden ihr Praktikum in einer Kleintierpraxis absolviert haben. Mit 35,3% wird die Kleintierpraxis dicht gefolgt von der Gemischtpraxis. Die Pferdepraxis ist mit 12,2% vertreten und die reine Nutztierpraxis macht mit 7,2% nur einen geringen Teil der Verteilung aus. Zu 5,8% wurden von den Studierenden andere Praktikumsorte wie Zoos oder Labore gewählt (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]).

Die Verteilung auf die verschiedenen Praxisarten wird in Abbildung 2 [Abb. 2] nach Geschlechtern getrennt dargestellt. Um eine Vergleichbarkeit zwischen männlichen und weiblichen Studierenden zu gewährleisten, werden die jeweiligen Datenbestände getrennt ausgewertet, da die Frauen mit insgesamt rund 89 % den männlichen Kommilitonen in dieser Studie prozentual überlegen sind, was ungefähr der Verteilung der Gesamtzahl der Studierenden an den tierärztlichen Bildungsstätten entspricht. Die Prozentzahlen beziehen sich somit nicht auf die Gesamtzahl der Studierenden, sondern ausschließlich auf das jeweilige Geschlecht.

Tierartenspektrum der vorgestellten Tierarten

In den Tierarztpraxen und Tierkliniken, in denen die Praktika der Studierenden absolviert wurden, werden verschiedene Tierarten untersucht und behandelt. Kleintiere stehen mit 23,7% ganz oben im Spektrum der vorgestellten Tierarten. Mit 19,5% folgen die Heimtiere und mit 15,9% die Pferde. An vierter Stelle stehen die Vögel mit 13,8% der vorgestellten Tiere und die Rinder liegen mit 11,9% an fünfter Stelle. Den geringsten Anteil am Patientenspektrum haben die kleinen Klauentiere mit 7,7% und die Schweine mit 7,4% der vorgestellten Tierarten (siehe Abbildung 3 [Abb. 3]).

Fachbereiche der Erkrankungsfälle

Die von den Studierenden untersuchten Erkrankungsfälle lassen sich unterschiedlichen Fachbereichen zuordnen. Nach den Angaben der Praktikanten ist eine deutliche Häufung von Patienten mit Erkrankungen des Magen-Darmtraktes (12,6 Fälle pro Woche) erkennbar. An zweiter Stelle stehen sonstige Erkrankungen mit 8,8 Fällen pro Woche. Gefolgt werden diese von orthopädischen Patienten mit 5 Fällen pro Woche und Erkrankungsfällen für die Gynäkologie, die im Durchschnitt 4,7-mal wöchentlich vorgestellt werden (siehe Abbildung 4 [Abb. 4]).

Durchgeführte Tätigkeiten

Je nach Praxisart werden unterschiedliche Tätigkeitsschwerpunkte für Studierende gesetzt. Die durchgeführten Tätigkeiten variieren nach Praxis- und Tierart allerdings nur numerisch.

Eine Übersicht über alle durchgeführten Tätigkeiten zeigt, welche Behandlungen am häufigsten von den Studierenden übernommen werden können. Besonders oft dürfen die Studierenden Injektionen durchführen. Subkutane Injektionen stehen dabei mit einer Anzahl von 10,3 pro Woche an erster Stelle der Tätigkeiten, dicht gefolgt von wöchentlich 9,5 intramuskulären Injektionen. Mit einer Anzahl von 7 folgen die bildgebenden Verfahren und Blutentnahmen werden durchschnittlich 5,5-mal pro Woche durchgeführt. Die Studierenden injizieren durchschnittlich 5,2-mal wöchentlich intravenös und rektalisieren 4,6-mal pro Woche. Labortätigkeiten und Beurteilungen von Blutuntersuchungen werden ca. dreimal wöchentlich durchgeführt. Das Assistieren bei Operationen und die Narkoseüberwachung erfolgt bei den meisten Studierenden zweimal wöchentlich. Tätigkeiten wie die Beurteilung von Harnuntersuchungen, Intubationen, Punktionen, Endoskopie, Harnentnahme, geburtshilfliche Untersuchungen, Geburtshilfe und das Setzen einer Sonde werden weniger als einmal wöchentlich ausgeführt. Sonstige Tätigkeiten werden mit 5,1-mal pro Woche angegeben (siehe Abbildung 5 [Abb. 5]).

Kommentare zur Anzahl der durchgeführten praktischen Tätigkeiten

Die Checkliste zu den externen Praktika sieht eine Einschätzung der Studierenden im Hinblick auf die gesammelten praktischen Erfahrungen vor. Die Auswertung der Kommentare der Praktikanten ergibt, dass ausreichend Erfahrung gesammelt werden konnte und die Einschätzung der Studierenden zu 92,5% überaus positiv ausfällt. Dagegen haben nur 7,5% eine negative Bewertung abgegeben (siehe Abbildung 6 [Abb. 6]).

Zufriedenheit mit der Anleitung zu den praktischen Tätigkeiten

Die positive Einschätzung der Studierenden gegenüber ihrem Praktikum spiegelt sich auch bei den Kommentaren zur Betreuung wieder. Der überwiegende Anteil beurteilt mit 95,8% die Anleitung zu den praktischen Tätigkeiten als gut. Demgegenüber sind 4,2% der Studierenden nicht zufrieden.

Arbeitszeit

Die Auswertung der täglichen Arbeitszeit der Studierenden ergibt einen Wert von durchschnittlich 8,9 Stunden.

Teilnahme am Notdienst

Eine Befragung zur Teilnahme am Notdienst ergibt, dass 46,8% der Studierenden am Notdienst beteiligt waren, wohingegen 53,2% davon ausgenommen wurden (siehe Abbildung 7 [Abb. 7]).

Beurteilung des Praktikums

Die überwiegende Mehrzahl der Studierenden beurteilt ihr Praktikum zu 97,2% als „gut“ und nur ein sehr geringer Anteil bewertet mit „nicht zufriedenstellend“ (2,8%).


Diskussion

Ziel der vorliegenden Studie ist die Erfassung der Effektivität und des Nutzens von Checklisten für extramurale Praktika. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass mit den Formularen ein enormer Erkenntnisgewinn über die Tätigkeiten der Studierenden während der extramuralen Rotation für die Hochschule zu erreichen ist. Im Rahmen der Auswertung erlangt die Ausbildungsstätte einen Einblick, wie Studierende ihr extramurales Praktikum erleben und welche Lehrinhalte ihnen geboten werden.

Die Resonanz der Studierenden auf die durchgeführten Praktika fällt durchweg positiv aus und verdeutlicht den wichtigen Anteil den extramurale Praktika im Hinblick auf das gesamte tiermedizinische Studium ausmachen. Die gesammelten Erfahrungen und erlernten praktischen Fähigkeiten stellen einen unverzichtbaren Wissensgewinn für jeden einzelnen dar und sind ein bedeutsamer Schritt für die eigene Entwicklung und den Weg in selbstständiges Handeln. Gerade diese Eigenschaften sind in dem gut und straff organisierten Tiermedizinstudium für das spätere Berufsleben von Bedeutung. Praktika sind häufig richtungweisend in der Schwerpunktsetzung der individuellen Interessen und eine wichtige Entscheidungshilfe für den späteren Tätigkeitsbereich der Studierenden.

Die Grafiken verdeutlichen, dass Studierende am häufigsten die Kleintierpraxis als Praktikumsort wählen. Der Anteil der Nutztiere liegt häufig weit abgeschlagen hinter den Kleintieren. Unterstützt wird diese Aussage durch das Tierartenspektrum der vorgestellten bzw. von den Studierenden untersuchten Patienten, da die Klein- und Heimtiere zusammengenommen einen Anteil von über 43% einnehmen. Bereits seit einigen Jahren ist der Trend zur Kleintierpraxis erkennbar und seit 2003 ist die Kleintierpraxis die häufigste Praxisart in Deutschland [3]. Dagegen ist der Anteil an Großtier- und Gemischtpraxen stagnierend bis rückläufig [3]. Der Wandel im Spektrum der vorgestellten Tierarten hat sich über die letzten 200 Jahre vollzogen. Anfang des 19. Jahrhunderts gehörten Pferde mit über 90 % noch zu der überwiegenden Mehrheit der Patienten, wohingegen in jüngster Vergangenheit einer Umkehrung in Richtung Kleintiere erkennbar ist [11]. Bei der Betrachtung der Zunahme von Kleintierpraxen ist weiterhin zu beachten, dass die Anzahl an Klein- und Heimtieren stetig ansteigt [3]. Dieses Bild passt zu den in letzter Zeit laut gewordenen Stimmen, die einen Wandel in der Tiermedizin zu Gunsten der Kleintierpraxis und zum Nachteil der Nutztierpraxis befürchten und die Ursache in dem hohen Frauenanteil an der Gesamtheit der Tiermedizinstudierenden sehen. Die Zunahme der weiblichen und Abnahme der männlichen Studierenden bestätigt sich auch durch eine Studie, die von 1991 bis 2001 den tiermedizinischen Nachwuchs in Deutschland ausgewertet hat [3], [11]. Die Abbildung 2 [Abb. 2] verdeutlicht jedoch, dass Studenten und Studentinnen zu einem ähnlich hohen Anteil ihre extramuralen Praktika in der Kleintierpraxis absolvieren. Andere Ursachen als die Geschlechterverteilung der Studierenden, die Nutztierpraxis zu meiden, müssen hier gesucht werden. Zu diskutierende Aspekte sind hier die Verdienstmöglichkeiten, Arbeitswege und die Gestaltung des Arbeitsplatzes. Auffällig ist jedoch die Tendenz, dass männliche Studierende eher alternative Praktikumsplätze bevorzugen als weibliche.

Ein Grund für den Wandel in der Geschlechterverteilung unter den Tiermedizinstudierenden ist nicht eindeutig auszumachen und die Situation wird unterschiedlich bewertet. Es gibt Theorien, dass gerade das Tier als Patient den Beruf seit einigen Jahren so anziehend für Frauen zu machen scheint, die besondere Voraussetzungen auf Grund ihrer gefühlsmäßigen Veranlagung mitbringen [11]. Auch andere Studien zeigen, dass neben der Vermittlung von Fachwissen auch vermehrt zwischenmenschliche Kompetenzen wie Mitgefühl, Fürsorge und Verständnis für die tiermedizinische Lehre gefordert werden [4]. Von anderer Seite wird spekuliert, dass die Abnahme der männlichen Tiermedizinstudierenden auf einen Verlust der Attraktivität dieses Berufes zurückzuführen ist [3]. Langzeitstudien müssen noch zeigen, ob die gewählte Praxisart in der Rotation an der Bildungsstätte im praktischen Jahr bzw. im extramuralen Praktikum mit der späteren Berufswahl übereinstimmt.

Die durchschnittliche praktische Tätigkeit der Studierenden liegt mit täglich rund neun Stunden noch unter der von Friedrich [3] ermittelten durchschnittlichen Nettoarbeitszeit von neun Stunden und 45 Minuten der Praxisassistent(inn)en und zeigt, dass die Studierenden bereits in der Ausbildungszeit wie im späteren Berufsleben gefordert werden.

Die vorliegende Studie zeigt, wie häufig Patienten mit verschiedenen Erkrankungen von Organsystemen vorgestellt werden, bzw. welche praktischen Tätigkeiten im extramuralen Praktikum erlernt werden können. Um dieser Situation gerecht zu werden und zukünftige Tierärzte ideal auf das spätere Berufsleben vorzubereiten, können Diskussionen zwischen Bildungsstätten und den Berufsständen entsprechend geführt werden. Die neue TAppV bietet den Bildungsstätten Chancen für mehr Freiheit bei der Curriculumsgestaltung und ermöglicht die Schaffung neuer Ansätze für die zukünftige Gestaltung des Tiermedizinstudiums [12]. Das Wissen um Ausbildungsinhalte der extramuralen Praktika kann in die zukünftige Gestaltung von Lehrplänen eingebracht werden.

Eine Untersuchung unter Studierenden der Humanmedizin von Kraus et al. [10] ergab, dass in einigen Fällen geforderte klinische Tätigkeiten absichtlich oder versehentlich nicht geleistet wurden, obwohl sie in den Formularen dokumentiert wurden. Des Weiteren hinterlässt die Art des Ausfüllens sowohl durch die Praktikumsbetreuer als auch durch die Studierenden den Eindruck, dass die Durchführung der Tätigkeiten und das Feedback möglicherweise wenig ernst genommen werden und die Dokumentation ausschließlich eine lästige Pflicht darstellt. In vorliegender Studie konnten 15% der Checklisten aus diesen Gründen nicht ausgewertet werden. Obwohl Checklisten für einige Studierende einen negativ kontrollierenden Charakter haben, kann mit ihnen eine bessere Integration in den Routinebetrieb erfolgen und vermehrt selbstständig klinische Tätigkeiten durchgeführt werden. Für einen erfolgreichen Einsatz von Checklisten ist die Vermittlung ihrer Wichtigkeit von besonderer Bedeutung. So kann diese Art der Dokumentation auch von den Studierenden als Chance gesehen werden, um ein aktives Einfordern bestimmter Ausbildungsinhalte zu ermöglichen [10].

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Verwendung von Checklisten für extramurale Praktika sinnvoll und hilfreich sein kann, dieses Potential in der praktischen Anwendung jedoch häufig nicht vollständig ausgeschöpft wird. Ein positiver Aspekt besteht darin, dass die Auswertung einen Überblick über die aktuelle Situation ermöglicht und mit den Ergebnissen weitere Ausbildungsforschung betrieben werden kann. Als nachteilig ist die zusätzliche zeitliche Belastung der Studierenden und insbesondere der Praktikumsbetreuer durch das Ausfüllen der Formulare zu nennen. Da viele der Befragten die Nachweisführung als zeitaufwendige Pflicht ansehen, sollte in Zukunft bei der Gestaltung von Checklisten auf ein vereinfachtes Ausfüllen, besonders beim Abzeichnen der einzelnen durchgeführten Tätigkeiten geachtet werden. Da bisher keine schwerwiegenden Konsequenzen für die Einzelpersonen aus den Ergebnissen gezogen werden, erschließt sich für einige oft nicht der Nutzen der Fragebögen. Dies ist ein Umstand der schnell zur Frustration und Nachlässigkeit beim Ausfüllen führen kann. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger die Checklisten fortwährend zu optimieren, um einen dauerhaften und sinnvollen Einsatz gewährleisten zu können.


Anmerkung

Frau Börchers und Herr Teke haben zu gleichen Anteilen bei der Entstehung der Studie mitgewirkt.


Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass sie keine Interessenkonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


Literatur

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