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GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 1860-3572

Schulische und nicht-schulische Prädiktoren für die Studienplatzzusage an der Universität Witten / Herdecke - Ergebnisse einer QUEST-Analyse

Academic and non-academic predictors for acceptance to medical studies at Witten/Herdecke University - findings of a QUEST-analysis

Originalarbeit/research article Humanmedizin

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  • corresponding author Marzellus Hofmann - Private Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Medizin, Witten, Deutschland
  • author Monika A. Rieger - Private Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Medizin, Witten, Deutschland
  • author Thomas Ostermann - Private Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Medizin, Lehrstuhl für Medizintheorie und Komplementärmedizin, Witten, Deutschland

GMS Z Med Ausbild 2007;24(4):Doc188

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/journals/zma/2007-24/zma000482.shtml

Eingereicht: 2. Februar 2007
Überarbeitet: 17. August 2007
Angenommen: 13. September 2007
Veröffentlicht: 14. November 2007

© 2007 Hofmann et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Zielsetzung: Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Verfahren der Studierendenauswahl rückt durch die Novellierung des Hochschulrahmengesetzes zunehmend in den Verantwortungsbereich deutscher Fakultäten. Als private Universität führt die Universität Witten/Herdecke (UWH) seit 20 Jahren universitätseigene Auswahlverfahren durch. Seit 2005 besteht dieses aus einer schriftlichen ersten Phase und einem zweitägigen Assessment-Center. In der vorliegenden Untersuchung fand eine retrospektive Klassifizierung der Studierendenbewerber 2005 statt. Ziel war es, existierende schulische und nicht-schulische Prädiktoren für die Studienplatzzusage an der UWH zu identifizieren.

Methodik: Allen Bewerber/innen der Phase des Assessment-Centers (n=172) wurde ein Fragebogen mit den Items: Alter, Geschlecht, Abiturnote, Leistungskurse, Schulform, Berufsziel, Teilnahme am Tag der offenen Tür, Beruf- und Bildungsabschluss der Eltern vorgelegt. Das Einschlusskriterium war ein vollständig ausgefüllter Fragebogen (n=155). Nach deskriptiver Datenauswertung erfolgte die weitere Klassifizierung auf der Basis der QUEST-Analyse unter dem Gesichtspunkt „Zusage versus Absage“ eines Studienplatzes.

Ergebnis: Die QUEST-Analyse klassifiziert, in welcher Reihenfolge abnehmender Stärke die Kriterien des Fragebogens im Zusammenhang mit der Zielvariablen „Zusage“ stehen. Mit einer erhöhten Zusagewahrscheinlichkeit waren ein Abitur = 1,3, die Schulform Waldorfschule/Montessorischule, die Abwesenheit am Tag der offenen Tür, das Berufsziel „Forschung“ und die Leistungskurskombination rein naturwissenschaftlich bzw. Sprache/Gesellschaftswissenschaft verbunden. Die Sensitivität der Prädiktorkombination betrug 0,53, die Spezifität 0,92. Der positiv-prädiktiver Wert lag bei 0,77, der negativ-prädiktive Wert ergab 0,83.

Schlussfolgerung: Für das Auswahlverfahren der UWH scheint auch die Abiturnote retrospektiv einen übergeordneten Stellenwert zu besitzen. Darüber hinaus spielen Faktoren wie Schulform, Berufsziel und Leistungskurskombination eine Rolle. Der hohe negativ-prädiktive Wert weist darauf hin, dass die Ergebnisse des QUEST-Modells nicht dazu geeignet sind, das bestehende Auswahlverfahren zu ersetzen, evtl. könnten sie aber zu einer Art „Vorselektion“ herangezogen werden. Weiterführende Untersuchungen müssen zeigen, ob es sich hier um kohortenspezifische Effekte oder repräsentative Ergebnisse für die Studierendenauswahl an der UWH handelt.

Schlüsselwörter: Auswahlverfahren, Prädiktoren, Assessment-Center, Medizinstudierende

Abstract

Aims: Changes within the German Higher Education Framework act increasingly attract notice to the fact that the debate on different methods of selecting students lies in the responsibility of german medical schools. For more than 20 years the University of Witten/Herdecke has adhered to its own concept and procedure relating to its choice of students. Since 2005 this application procedure consists of a written and an oral application phase (assessment center). Within this study a retrospective classification of all applicants in the year 2005 was conducted, with the objective of finding academic and non-academic predictors for acceptance at Witten/Herdecke.

Methods: All 172 applicants of the assessment center received a questionnaire asking for: age, gender, high school graduation mark, type of school, main school subjects, intended career, attendance at open house, parent graduation and profession. All duly completed questionnaires were classified according to the QUEST model from the viewpoint of acceptance versus refusal to medical studies at Witten/Herdecke.

Outcomes: The QUEST model classifies the items of the questionnaire in sequence of declining power and in coherence to the targeted variable (acceptance). Affiliated with an increased probability of acceptance were: high school mark = 1.3, Steiner and Montessori schools, absence at open house, intended career as researcher and natural/social sciences and languages as main school subjects. Predictor sensitivity was 0.53, specificity reached 0.92. The positive predictive value accounted for 0.77, whereas the negative predictive value was 0.83.

Conclusions: The high school graduation mark shows to be of high significance for the admission process at the University of Witten/Herdecke. Furthermore factors such as type of school, intended career and main school subjects play a major role. The high negative predictive value points out that the QUEST analysis is not suitable for replacing the existing admission process, but might be used for pre-selecting candidates. Further studies have to show whether the found effects are specific to the investigated group (applicants 2005) or whether they can be seen as representative for other cohorts of applicants at Witten/Herdecke.

Keywords: admisssion process, predictors, assessment center, medical students


Einleitung

Die Zulassung zum Studium der Humanmedizin erfolgte in der Vergangenheit vor allem durch die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) nach staatlicher Reglementierung [1]. Lediglich ein kleiner Anteil (20%) der Studienplätze konnte von den Hochschulen im Rahmen von Bewerberinterviews vergeben werden.

Auf der Basis des Hochschulrahmengesetztes (HRG 2004) [2], sowie insbesondere der 7. HRG-Novelle vom 28.08.2004 (BGBI. S. 2298), wird für alle Länder das Verfahren zur Studierendenauswahl neu geregelt, 60% der Studienplätze sollen von den Hochschulen selbst vergeben werden. In Nordrhein-Westfalen sind z.B. als Ergänzung zur Abiturnote für die Auswahl als weitere Kriterien gewichtete Einzelnoten, ein fachspezifischer Studierfähigkeitstest, die Art der Berufsausbildung, Berufstätigkeit oder ehrenamtliche Tätigkeit, Auswahlgespräche oder eine Kombination der genannten Kriterien zulässig (§ 2 Abs.2 AuswVfG NRW 2004) [3].

Im internationalen Raum bestehen langjährige Erfahrungen mit einer Vielzahl unterschiedlicher Aufnahmeverfahren. In den USA führen 99% der Universitäten Studienanfängerauswahlverfahren durch [4], [5], [6]. Neben dem „Grade Point Average“ der High School (vergleichbar der Durchschnittsnote des Abitur) und Auswahlinterviews werden allgemeine und spezielle Studierfähigkeitstests, wie der SAT (Scholastic Aptitude Test; schulnaher kognitiver Test mit stark wissensbezogenen Fragen) und der MCAT (Medical College Admission Test, fachspezifischer Studierfähigkeitstest) durchgeführt. Mehrjährige Erfahrungen mit Auswahlinterviews bestehen ebenfalls u.a. in Australien, Großbritannien, Canada und Japan [7].

Ein Problem der Studierendenauswahl ist darin begründet, dass Parameter wie Abiturnote, gewichtete Fachnoten und Studierfähigkeitstests gut den kognitiven Hintergrund eines Bewerbers abbilden und eine allgemein gute Validität und Reliabilität aufweisen, aber nur unzureichend bis nicht in der Lage sind, soziale, kommunikative, ethische Kompetenzen, Teamfähigkeit, Motivation und Identifikation zu erfassen. Der messtheoretisch belegte Zusammenhang zwischen Abiturnoten und den Ergebnissen aus Studierfähigkeitstests bzw. dem Studienerfolg operationalisiert den Begriff „Studienerfolg“ nur in Bezug auf Examensnoten [8]. Über weiterführende Indikatoren des Studienerfolges, wie Studienabbruch, Studiendauer, Zufriedenheit oder Berufserfolg kann keine Aussage getroffen werden [9], [10].

Verfahren, wie Essays, Interviews und Assessment-Center, die sich stärker z.B. auf die Eignungsmerkmale, Motivation, Kommunikationsfähigkeit und Fähigkeit zu kritischem Denken konzentrieren, leiden oft aufgrund von mangelnder Standardisierung unter einer geringen Validität und Reliabilität. Die neuste Lösung dieser Schwierigkeit scheint ein interviewgestütztes Auswahlverfahren zu sein, das an der University of McMaster (Hamilton, Canada) entwickelt wurde. Im sog. „Multiple Mini Interview“ (MMI) durchlaufen die Bewerber/innen 10 standardisierte Aufgabenstationen, die dem universitätsspezifischen Anforderungsprofil entsprechen [11], [12], [13]. Die Reliabilität des MMI betrug 0.65 – 0.81.

Das Auswahlverfahren an der privaten Universität Witten / Herdecke (UWH)

Die UWH ist durch ihren privatrechtlichen Status nicht an das staatliche Vergabeverfahren von Studienplätzen durch die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) gebunden. Auf der Basis dieser Autonomie begann die UWH bereits vor über 20 Jahren mit universitätseigenen Verfahren zur Studierendenauswahl. Hierbei stellten schriftliche Bewerbungen und Einzelinterviews die zwei wesentlichen Fundamente dar. Ziel des Verfahrens war, Studierende auszuwählen, die neben entsprechender Begabung und Motivation dem Leitbild und Ausbildungsprofil der UWH entsprachen. Hierzu sollten die Studienbewerber ein hohes Maß an sozialen, ethischen und kommunikativen Kompetenzen, Kreativität und gesellschaftspolitisches Interesse vorweisen. Darüber hinaus stellte die Identifikation mit dem Leitbild der Fakultät für Medizin der Universität [http://wga.dmz.uni-wh.de/medizin/html/default/profil] eine erwünschte Voraussetzung dar.

Die Studierendenauswahl der UWH erfolgt seit 2005 in einem dreistufigen Verfahren:

Phase 1: Elemente von Essay-, Motivations- und Begründungsschreiben dienen der Vorauswahl. Diese beinhalten einen individuellen Lebenslauf, Motivation für das Studienfach, ein Essay zu einem vorgegebenen Thema, Nachweise über bisherige Tätigkeiten, Praktika und Zeugnisse. Es erfolgt die gutachterliche Bewertung der Unterlagen aller Bewerber/innen durch die Vergabe von Punktwerten zwischen 0 und 4, wobei 4 die beste und 0 die schlechteste Bewertung darstellt. Zur Erreichung der höchsten Punktzahl sollten die Texte, laut Aufnahmeausschuss, klar und nachvollziehbar gestaltet sein, die Fähigkeit zur Abstraktion und Reflexion erkennen lassen und eine engagierte Auseinandersetzung mit dem Studienort dokumentieren (über die letzten Jahre im Schnitt ca. 650 Bewerber/innen pro Zulassungsjahr).

Phase 2: Ca. 180 Bewerber/innen werden zum Assessment-Center eingeladen. Den strukturellen Rahmen bilden vier Wochenenden, an denen jeweils 45 Bewerber/innen auf acht Gutachter/innen treffen. Einzelgespräche, Gruppendiskussionen und Vorträge bilden die Grundlage der Bewertung. Eine Sechs-Punkte-Skala, von 0 – 1 Punkt = „strikt gegen die Aufnahme“ bis 5 Punkte = „soll auf jeden Fall bevorzugt einen Studienplatz erhalten“ dokumentiert die individuellen Ergebnisse. Auf dieser Grundlage werden stark differierende Ergebnisse im Rahmen einer gutachterlichen Abschlussbesprechung diskutiert. Gemeinsam wird eine Gesamtpunktzahl ermittelt und in ein Ranking übertragen. Diese Auswahlverfahrensstufe entspricht in Grundzügen dem Verfahren der Studienstiftung des deutschen Volkes [http://www.studienstiftung.de/auswahlverfahren.html].

Phase 3: 42 Studienplatzzusagen und ggf. ein Nachrückerverfahren bilden die abschließende Phase der Studierendenauswahl.

Die Gutachter/innen des Bewerbungsverfahrens rekrutieren sich aus Dozenten/innen der Hochschule, Mitarbeiter/innen des Studiendekanates und Alumni der Universität.

Standardisierte Checklisten zur Bewerberbewertung insbesondere für Phase 1 liegen nicht vor. Vorgegeben sind hier lediglich sog. „Rahmenkompetenzen“, wie z.B. eigenständiges Urteilsvermögen, Problemlösefähigkeiten, Initiativkraft, Kreativität, Breite des Interessensspektrums, soziale und kommunikative Kompetenzen. Die Abiturnote spielt hier eine eher nachgeordnete Rolle. Auch eine Quote maximal abzugebender positiver Gutachten ist in Phase 1 nicht festgelegt. Eine gewisse „Unschärfe“ des Verfahrens ist durchaus erwünscht und soll den Gutachtern eine eigene Schwerpunktsetzung bei der Bewertung der Bewerber/innen ermöglichen. Weiterführende wissenschaftliche Untersuchungen werden sich in Zukunft noch genauer mit Phase 1 beschäftigen müssen. Eine Untersuchung zu den Gütekriterien des Auswahlverfahrens zeigte jedoch bereits in der Vergangenheit eine hohe „Inter-Rater-Reliabilität“ mit einem Kappa-Wert nach Cohen von 0,81, der je nach Unterkategorie zwischen 0,7 und 0,88 variierte [14].

Ziel der vorliegenden deskriptiv angelegten retrospektiven Untersuchung war die Generierung von Indikatoren zur Klassifizierung derjenigen Bewerber/innen, die eine Studienplatzzusage erhielten. Es sollten gewichtete Prädiktoren und deren Abhängigkeiten untereinander gefunden werden, die mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einer Studienplatzzusage einhergingen. Da die vorliegende Arbeit diese Problematik erstmals systematisch untersucht, liegen noch keine gerichteten Hypothesen vor. Bekannt ist nur, dass Studierende der UWH im bundesweiten Vergleich der „schriftlichen Physikumsnoten“ einen der oberen Ränge belegen [15]. In Bezug auf die Studierenden-Abbrecherquote zeigen Ergebnisse der internen Statistik durchschnittliche Abbrecherquoten von unter 10% und liegen damit im Bundesdurchschnitt (laut HIS/DAAD Studie 9%).


Kollektiv und Methoden

Kollektiv

Im Jahr 2004 wurde ein Fragebogen entwickelt und erprobt, der alle Studienbewerber/innen der Medizin in der Bewerbungsphase des Assessment-Centers der UWH vorgelegt wurde.

Im Rahmen eines Expertenpanels wurden aus einem umfangreichen Fragenkatalog diejenigen Variablen kondensiert, die nach Meinung der Experten sowohl eine interne als auch externe Validität aufzuzeigen in der Lage sind. Dabei wurde eine beschränkte Anzahl von Items gewählt, um eine gute Compliance der Bewerber/innen zu erzielen. Der Fragebogen umfasste folgende Items: Note der allgemeinen Hochschulreife, Leistungskurse, Schulform (staatlich, privat), eigenes Berufsziel, Teilnahme am Tag der offenen Tür zur Studieninformation sowie Beruf- und Bildungs¬abschlüsse der Eltern. Personenbezogene Stammdaten (z.B. Geschlecht, Alter) konnten einer eigenen Bewerber/innen-Datenbank entnommen werden.

Zum Sommersemester 2005, dem Studienjahrgang 24, bewarben sich 1104 Studienbewerber, von denen 932 Bewerber/innen auf der Basis o.g. Kriterien nicht die zweite Stufe des Auswahlverfahrens erreichten. Die Einladung zum Assessment-Center, die 172 Bewerber/innen erhielten, beinhaltete den Fragebogen, mit der Bitte diesen zum persönlichen Auswahlverfahren ausgefüllt mitzubringen. Die Rücklaufquote betrug 88% (n=155). Von 12% der Bewerber/innen wurde der Fragebogen unvollständig ausgefüllt oder nicht zurückgegeben.

Methode

Die Daten der zum Assessment-Center eingeladenen Bewerber/innen, von denen ein vollständig ausgefüllter Fragebogen vorlag (n=155), wurden in die Untersuchung eingebunden. Die vergleichende Datenanalyse erfolgte unter dem Gesichtspunkt „Zusage versus Absage“ eines Studienplatzes nach Abschluss des Bewerberauswahlverfahrens.

Die Klassifizierung erfolgte auf der Basis der QUEST-Analyse (Quick, Unbiased, Efficient, Statistical Tree) nach Loh und Shih (1997) [16]. Methodisch wird in der QUEST-Analyse ein binärer Entscheidungsbaum aufgebaut. Die Gruppe der Bewerber/innen, die eine Zusage (Zielvariable) erhielten, wurden in Bezug auf alle eingehenden Variablen (Moderatorvariablen) dahingehend untersucht, welches Kriterium am stärksten den Zusammenhang mit der Zusage klassifiziert. Das heißt: alle Kriterien des Fragebogens werden in einem ersten Schritt getrennt voneinander (mit Hilfe des ANOVA F-Tests oder des Levene’s Test für ordinal skalierte Prädiktoren und des Chi-Quadrat Tests für nominale Prädiktoren) auf ihre Signifikanz in Bezug auf die Zielvariable „Zusage“ hin betrachtet. Derjenige Prädiktor, der dann den stärksten Zusammenhang mit der Zielvariablen aufweist, wird als Verzweigungskriterium für eine nachfolgende Ebene benutzt. Dieser Vorgang wiederholt sich auf jeder Ebene für alle Kriterien und führt so zu jeweils weiteren Verzweigungspunkten, bis die Abbruchkriterien erreicht werden oder kein Muster (Gruppen maximaler bzw. minimaler Zusagen) mehr gefunden wird.

Die QUEST-Analyse wurde mit SPSS Answer Tree Version 2.1G durchgeführt. Abweichend von der Standardparametrisierung wurde für die vorliegenden 155 Fragebögen eine maximale Entscheidungsbaumtiefe von 5, eine Hauptknotenanzahl von n=10 und eine Nebenknotenzahl von N=5 gewählt. Die QUEST-Analyse nahm also alle Fragebogen-Kriterien als „unabhängige Variablen“ und untersuchte, wie sich die Zielvariable (Zusage) dadurch erklären ließ.

Folgende Kernfragen wurden mit diesem Verfahren untersucht:

  • Lassen sich Prädiktoren dafür beschreiben, eine Studienplatz-Zusage zu erhalten oder abgelehnt zu werden?
  • Welche Reihenfolge der Prädiktoren ergibt sich für die Zielvariable „Studienplatz-Zusage“?
  • Wie verhalten sich die tatsächlichen Kategorien „Zusage – ja“ versus „Zusagen – nein“ zu den mittels der Analyse vorhergesagten Kategorien? Welcher positiv prädiktive Wert des Verfahrens ergibt sich?

Ergebnisse

Soziodemographische Statistik

Für die soziodemographische Beschreibung der Bewerber/innen (n=1104) diente eine eigene Datenbank, in der Angaben zu Geschlecht, Schulform und Abiturnote erfasst waren.

Von 1104 Bewerber/innen waren 41% männlich und 59% weiblich. Dieses Verhältnis entsprach der Verteilung im Kollektiv derer, die nicht zum Auswahlwochenende eingeladen wurden. Vergleichbar war das Verhältnis der zum mündlichen Verfahren Zugelassenen mit vollständig ausgefülltem Fragebogen (n=155). Ein ähnliches Verhältnis lag sowohl bei denjenigen Bewerber/innen vor, die eine Zusage als auch bei denen die eine Absage erhielten.

Die durchschnittliche Abiturnote aller Bewerber/innen lag bei 2,4 (SD 0,5). Es ist eine geringfügig bessere durchschnittliche Abiturnote in den Gruppen der zum Assessment-Verfahren zugelassenen und der zum Studium zugelassenen Studienbewerber zu beobachten (siehe Tabelle 1 [Tab. 1]). In allen drei Gruppen wiesen weibliche Bewerber durchschnittlich eine bessere Abiturnote auf als ihre männlichen Mitbewerber.

Für das Kriterium „Schulart“ wurden folgende Unterkategorien erfasst (siehe Tabelle 2 [Tab. 2]): staatliche Schule, Privatschule mit staatlichem Curriculum, Waldorfschule, Montessori-Schule und sonstige. Von allen Bewerber/innen erwarben 86% die allgemeine Hochschulreife auf einer staatlichen Schule, 14% in einer anderen Schulform. Hier nahm die Waldorfschule mit fast 10% den größten Anteil ein. Mit Blick auf die Zielvariable „Zusage“ zeigen sich unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten in Bezug auf eine Studienplatzzusage in Abhängigkeit von der Schulart. Waldorfschüler/innen hatten mit ca. 50% die größte Wahrscheinlichkeit, eine Zusage zu erhalten. Für Schüler/innen einer privaten Schule mit staatlichem Curriculum lag die Wahrscheinlichkeit bei 33%, für Schüler/innen einer staatlichen Schule bei ca. 23%.

Von 17 Bewerber/innen, die aufgrund der Kriterien nicht in die QUEST-Analyse eingingen, erhielten 9 eine Studienplatzzusage. Insgesamt wurden 54 Studienplatzzusagen erteilt, da einige Studienplätze nicht angenommen wurden und damit Nachrücker/innen zur Verfügung standen.

Nachfolgend werden die Einzelergebnisse der Kriterien „Anwesenheit am Tag der offenen Tür“, „Berufsziel“ und „Leistungskurse“ für die in die Untersuchung eingeschlossene Population dargestellt. Den Tag der offenen Tür besuchten 63% der eingeschlossenen Bewerber/innen, von diesen erhielten 53% eine Studienplatzzusage. Ebenso erhielten 58% eine Zusage, obwohl sie nicht am Tag der offenen Tür teilgenommen hatten. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Besuch/kein Besuch des Tages der offenen Tür und Studienplatzzusage scheint nicht zu bestehen.

Im Hinblick auf das Fragebogen-Kriterium „Berufsziel“ nannten 32% „Arzt in der Klinik“ (n=49), 25% „niedergelassener Arzt“ (n=39), 14% „weiß nicht“ (n=22) und 9% „niedergelassener Arzt/Arzt in der Klinik“ (n=14). Bei der Betrachtung, wie viele aus den vier Gruppen eine Studienplatzzusage erhielten, zeigte sich, dass 40% der Gruppe „weiß nicht“, 36% der Kombination „niedergelassener Arzt/Arzt in der Klinik“ und 21% bzw. 20% der Gruppen „niedergelassener Arzt“ und „Arzt in der Klinik“ eine Studienplatzzusage erhielten. Studienplatzbewerber/innen, die das Berufsziel „Forschung“ einzeln oder in Kombination angaben (n=12), erhielten zu 67% (n=8) eine Studienplatzzusage. Auf alle Angaben zu weiteren Berufszielen, wie z.B. „sonstiges“ wird an dieser Stelle nicht weiter eingegangen, da auf diese weniger als sechs Nennungen entfielen.

Im Hinblick auf das Fragebogen-Kriterium „Leistungskurse“ (n=147) gaben 30% (n=47) die Kombination „Naturwissenschaft und Sprache“ an, 18% (n=26) die Kombination „Sprache und Gesellschaftswissenschaft“, 16% (n=23) die Kombination „Naturwissenschaft und Gesellschaftswissenschaft, 14% (n=21) eine rein naturwissenschaftliche Kombination und 10% (n=15) eine rein sprachliche Leistungskurskombination an. Bei der Betrachtung, ob spezielle Kombinationen aus Leistungskursen mit einer erhöhten Studienplatzzusage einher ging, zeigten die Kombinationen „rein naturwissenschaftlich“ und „sprachlich/gesellschaftswissenschaftlich“ mit 42 bis 43% eine ca. doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit gegenüber den übrigen o.g. Kombinationen (17 bis 21%).

Quest-Analyse:

Die QUEST-Analyse (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]) klassifiziert, in welcher Reihenfolge abnehmender Stärke die Kriterien des Fragebogens im Zusammenhang mit der Zielvariablen „Zusage“ stehen. Auf jeder neuen Ebene des Entscheidungsbaumes werden alle Kriterien parallel geprüft, um den jeweils nächsten Entscheidungspunkt zu bestimmen. Innerhalb eines jeden Prädiktors findet eine weitere Berechnung statt, die aus den Fragebogen-Items Unterkategorien für eine Maximierung des Anteils an Zusagen bzw. Absagen sucht.

Im Rahmen des Entscheidungsbaumes der QUEST-Analyse in Bezug auf die Abfolge der Kriterien werden jeweils nur diejenigen Bewerber/innen weiterverfolgt, die durch das jeweils vorausgegangene Kriterium eingeschlossen wurden. Von den 155 Bewerber/innen, die den Fragebogen ausgefüllt abgaben, erhielten 45 eine Studienplatzzusage (29%), während 110 (71%) abgelehnt wurden. In der QUEST-Analyse bildeten sich folgende fünf Entscheidungsebenen ab.

Erste Verzweigungsebene:

Auf der ersten Verzweigungsebene stellte das Kriterium „Abiturnote“ den unter allen Kriterien stärksten Prädiktor für eine Studienplatzzusage dar. Innerhalb des Prädiktors „Abiturnote“ ergab sich der einzige signifikante Effekt in der gesamten QUEST-Analyse bezüglich der Zielvariablen „Zusage“ bei der Note kleiner bzw. größer 1,3 (P-Wert=0,02, F=9,38, df=1,16). Von den Bewerber/innen mit einer Abiturnote kleiner oder gleich1,3 (n = 6) wurden 4 aufgenommen (aufgrund der kleinen Fallzahl wurde diese Gruppe nicht weiter differenziert), während von Bewerber/innen mit einer Abiturnote von größer 1,3 (n = 149) n=41 (27,5%) aufgenommen wurden.

Zweite Verzweigungsebene:

Für die Bewerber/innen mit einer Abiturnote von größer oder gleich 1,3 stellte auf der zweiten Verzweigungsebene die Schulart den nächst stärkeren Prädiktor dar (P-Wert=0,06; Chi-Quadrat=13,37; df=4). Hier wurden in der QUEST-Analyse die staatlichen und Privatschulen mit staatlichem Curriculum in die eine und die Waldorf-, Montessori- und sonstigen Schulen in die andere statistische Gruppierung zusammengefasst (Kategorienmix). Während in Gruppe 1 (n = 126) nur 23% eine Zusage erhielten, wurden aus Gruppe 2 (n = 23) über die Hälfte (n=12) aufgenommen.

Dritte Verzweigungsebene:

In Gruppe 2 (Waldorfschulen, Montessorischulen, sonstige) erhielt die Abiturnote wiederum eine Bedeutung im Hinblick auf die Prädiktion der Studienplatzzusage. Bewerber/innen dieser Schulsysteme mit einer Abiturnote von kleiner oder gleich 2,2 (n = 12) wurden deutlich häufiger (n=9) aufgenommen als Bewerber/innen mit einer Abiturnote von größer 2,2 (3/11) (P-Wert 0,31; F=4,25; df=1,20).

Für Gruppe 1 (Staats- und Privatschulen mit staatlichem Curriculum) stellte sich die Anwesenheit am Tag der offenen Tür als nächst wichtiger Prädiktor dar. Von denjenigen, die anwesend waren (n = 81), erhielten nur n=15 (18,5%) eine Zusage, während ein Drittel derjenigen, die nicht anwesend waren (n = 45), eine Zusage bekamen.

Vierte Verzweigungsebene:

Für diejenigen Bewerber/innen aus der Schulgruppe 1, die am Tag der offenen Tür anwesend waren, ergab sich eine weitere Verzweigungsebene in Bezug auf den Prädiktor „Berufsziel“ (P-Wert=0,17; Chi-Quadrat=22,90; df=12). Da hier Mehrfachnennungen möglich waren, weist die statistische Gruppierung bestimmte Zusammensetzungen (Profile) der Berufsziele auf. Auffällig ist, dass in der einen Verzweigung das Berufsziel „Forschung“ Bestandteil aller vier genannten Berufsziel-Kombinationen war, während dieses Berufsziel in den Angaben der anderen Verzweigung kein Mal vorkommt. Die Gruppe der „Forschungsverzweigung“ war relativ klein (n = 8), es wurden 5 der Bewerber/innen aufgenommen. In der deutlich größeren Gruppe ohne Nennung von „Forschung“ als Berufsziel (n = 73) erhielten dagegen nur 10 Personen eine Zusage (siehe QUEST-Grafik).

Für diejenigen Bewerber/innen, die am Tag der offenen Tür nicht anwesend waren, stellte erneut die Abiturnote den nächst wichtigen Prädiktor dar. Bewerber/innen mit einer Abiturnote von kleiner oder gleich 2,2 (n = 21) wurden deutlich häufiger aufgenommen (n=9) als Bewerber/innen mit einer Abiturnote von größer 2,2 (5/24) (P-Wert 0,67; F=2,65; df=1,43).

Fünfte Verzweigungsebene:

Eine fünfte Verzweigungsebene wurde nur noch für die Bewerber/innen gebildet, die – aus der Schulgruppe 1 kommend und nicht am Tag der offenen Tür teilnehmend – eine Abiturnote kleiner oder gleich 2,2 hatten. In dieser Subgruppe resultierten in der QUEST-Analyse bestimmte Leistungskurskombinationen als Prädiktoren (P-Wert=0,59; Chi-Quadrat=10,71; df=6) mit Betonung der Leistungskurs-Kombinationen „2 x Naturwissenschaften“ und „Sprache und Gesellschaftswissenschaften“ (6/7 Zusagen). In der anderen Gruppe (3/14) fanden sich fünf unterschiedliche LK-Kombinationen mit einer stärkeren Tendenz zu den Fächern Sprache, Gesellschaftswissenschaften, Kunst und Sport.

Sensitivität, Spezifität, positiv- und negativ-prädiktiver Wert und Korrektklassifikationsrate

In einer Fehlerklassifizierungsmatrix (siehe Tabelle 3 [Tab. 3]) wurden die tatsächlichen Kategorien „Zusage ja/nein“ den mittels dieser Analyse vorhersagbaren Kategorien „Zusage ja/nein“ gegenübergestellt, um die Sensitivität, Spezifität, den positiv- und negativ-prädiktiven Wert sowie die Korrektklassifikationsrate der ermittelten Prädiktoren-Kombination näher bestimmen zu können. Insgesamt wurden 125/155 der Bewerber über die beschriebenen Prädiktoren richtig klassifiziert, was einer Korrektklassifikationsrate von 80,6% entspricht. Die Sensitivität der Prädiktoren-Kombination erreichte im vorliegenden Fall nur einen Wert von 0,53, während die Spezifität bei 0,92 lag. Für die Studienplatzzusage wurde ein positiv-prädiktiver Wert von 0,77 ermittelt, der negativ-prädiktive Wert betrug dagegen 0,83.


Diskussion

Ergebnisinterpretation: Basis-Statistik

Die Geschlechterverteilung der Gesamtbewerber/innen spiegelt das für die Medizin bekannte Verteilungsmuster wieder. Auch unter den zum Assessment-Center Eingeladenen finden sich ca. 2/3 Bewerberinnen; dies, obwohl den Gutachtern die Geschlechterverteilung der Gesamtbewerber/innen nicht bekannt war und auch keine „Quotenregelung“ existiert. Eine leichte erste Verschiebung der Geschlechterverteilung tritt erstmalig unter denjenigen auf, die eine Studienplatzzusage erhielten. Von den 45 Zusagen entfielen 20 auf Männer und 25 auf Frauen. Hier bildet sich ein leichter, wenn auch nicht signifikanter „Vorteil“ für Männer im Verfahren des Assessment-Centers ab. Für die Abiturnote bildet sich über alle drei Verfahrensebenen eine Verbesserung der Durchschnittsnote der jeweiligen Gruppe, die einen Schritt weiter gekommen war, ab. Dies lässt vermuten, dass die Abiturnote auch bei der Auswahl der Studierenden an der UWH eine zentrale Bedeutung hat. Ein Ergebnis, das durch die QUEST-Analyse bestätigt wurde.

Ein diskussionswürdiges Ergebnis, da bekannt ist, dass Schulnoten insgesamt von geringer Objektivität und niedriger Widerholungszuverlässigkeit sind [7], [17], [18], [19]. Große Übereinstimmung herrscht darüber, dass auf der Basis von Schulnoten auch eine Aussage getroffen werden kann, in wie weit Schüler/innen neben ihrer Grundintelligenz bereit und in der Lage sind, konzentriert, motiviert, ausdauernd und sozial angepasst sich mit ihnen vorgegebenen Inhalten auseinander zu setzen [20]. Zuletzt muss berücksichtigt werden, dass die Vergabe der Allgemeinen Hochschulreife „Ländersache“ ist, bislang einheitliche nationaler Bildungsstandards fehlen und somit nur eine eingeschränkte bundesweite Vergleichbarkeit vorliegt. Dennoch ist bislang die Abiturdurchschnittsnote derjenige Einzelindikator mit der vergleichsweise höchsten prognostischen Gültigkeit in Bezug auf den Studienerfolg, gemessen an Prüfungsleistungen [8], [21], [22], [23], [24]. Damit sind zugleich die prognostischen Grenzen der Abiturnote aufgezeigt: die Vorhersage betrifft eine „generelle Studieneignung“ im Sinne einer Fähigkeit, Leistungen in einer lokalen Lernumgebung erfolgreich abrufen zu können und nicht die Eignung bzw. Qualifizierung für ein bestimmtes Fach [25], [26]. Wenn es um die Frage des späteren Berufserfolges geht, bescheinigen mehrere Metaanalysen den strukturierten Aufnahmeinterviews einen hohen Aussagewert [27]. Dieser tritt umso deutlicher zutage, je klarer umrissen das Berufbild eines Studiengangs ist, wie z. B. Lehramt, aber auch Medizin.

Bemerkenswert in der vorliegenden Untersuchung ist, dass die Spanne der Abiturnoten (Minima/Maxima) über die drei Gruppen (siehe Tabelle 1 [Tab. 1]) zwar schmaler wird, aber in der Gruppe derer mit einer Studienplatzzusage immer noch zwei volle Noten (Min. 0,9/Max. 2,8) beträgt. Dies deutet darauf hin, dass die im Assessment-Center im Vordergrund stehenden „Rahmenkompetenzen“ die Wertigkeit des Abiturs auf- bzw. überwiegen können.

Eine aus der Untersuchung heraus begründbare Kausalität des Ergebnisses, dass ein erhöhter Anteils an Waldorfschüler/innen eine Zusage erhalten hat, liegt nicht vor. Es kann jedoch nach einer Studie von Randoll [28] davon ausgegangen werden, dass bei ihnen die Merkmale „Kreativität“ und „Interessensbreite“ besonders ausgeprägt sind und dies eine positiven Effekt auf ihre Ergebnisse im Assessment-Center hatte. Ob es sich hier um ein kohortenspezifisches Phänomen oder um einen repräsentativen Effekt handelt, muss durch Untersuchungen an folgenden Jahrgängen überprüft werden.

Die Teilnahme am Tag der offenen Tür an der UWH hatte keinen positiven Effekt auf eine Studienplatzzusage. Hier ist auf der einen Seite fraglich, ob den Bewerber/innen am Tag der offenen Tür die erwünschten Inhalte vermittelt werden konnten, auf der anderen Seite schien im weiteren Bewerberverfahren die Teilnahme am Tag der offenen Tür für die Gutachter/innen keinerlei ausschlaggebende Rolle gespielt zu haben.

Interessant bezüglich der Häufigkeitsverteilungen des Berufsziels erscheint, dass ein deutlicher Unterschied bei der Wahrscheinlichkeit für eine Studienplatzzusage mit der Angabe einher ging, als „Forscher/innen“ tätig werden zu wollen. Hier ist zu vermuten, dass sich in dieser Gruppe Persönlichkeitseigenschaften oder Ansichten häuften, die dem erwünschten Profil der Gutachter/innen entsprachen. Unklar bleibt, ob die „Eintrittskarte“ alleine der Wunsch war, als Forscher tätig zu sein, oder ob damit erwünschte Eigenschaften verbunden waren, die im Rahmen des Assessment-Centers deutlich wurde. Denkbar wären z.B. ein hohes Maß an Logik, analytischer Verstand, Sachbezogenheit und Zielgerichtetheit. Auch hier sind weitere Untersuchungen zur Beantwortung der Vermutungen erforderlich.

Ergebnisinterpretation: QUEST-Analyse

Den stärksten und einzigen signifikanten Prädiktor für die Zielvariable Zusage stellte die Abiturnote dar (p ≤ 0,016). Innerhalb dieses Prädiktors differenziert sich eine Gruppe maximaler Zusagen von einer Gruppe maximaler Absagen (≤ 1,3 bzw. >1,3). Die numerische Mehrzahl der Zusagen stammen zwar aus dem Bereich Abiturnote >1,3, ein Abiturdurchschnitt ≤ 1,3 führt aber in einem wesentlich höheren Prozentsatz zu einer Zusage (66,7%). Diese Gruppe konnte auf Grund der kleinen Fallzahl leider nicht weiter verfolgt werden. Eine Interpretation des Ergebnisses ist schwierig. Auch hier ist zu vermuten, dass diese Bewerbergruppe Eigenschaften besitzt, die von den Gutachtern besonders wert geschätzt werden. Eine weitere Klärung können hier nur nachfolgende Untersuchungen bringen.

Den zweitstärksten Prädiktor stellt die „Schulart“ dar. Die Trennung fand hier zwischen Waldorfschule, Montessori-Schule und sonstige gegenüber staatlichen und Privatschulen mit staatlichem Curriculum statt. Hier bekamen ca. die Hälfte der „Waldorfschüler/innen“ eine Studienplatzzusage und nur ca. 1/5 der Bewerber/innen mit „staatlichem Schulhintergrund“. Ein Ergebnis das knapp die statistische Signifikanz verfehlte (p ≤ 0.058).

Erneut stellte für die Gruppe „Waldorfschule, Montessorischule und sonstige“ das Abitur den nächsten Verzweigungspunkt dar. Wie für den ersten Prädiktor Abitur zeigt sich auch hier, dass die Bewerber/innen dieser Gruppe, die eine Abiturnote ≤ 2,2 vorweisen, zu ¾ eine Studienplatzzusage erhielten; diejenigen, die einen Abiturschnitt von > 2,2 hatten, erhielten dagegen nur zu ca. ¼ eine Zusage. Hier zeigt sich, dass unabhängig von der für diese Schüler/innen als besonders ausgeprägt nachgewiesenen „Kreativität“ und „Interessenbreite“ der Faktor Abiturnote eine diskriminierende Rolle spielt. Offen bleibt auch hier die Frage der weiteren Kausalität.

Für die Gruppe „staatliche Schule und private Schule mit staatl. Curriculum“ bildete das Kriterium „Anwesenheit am Tag der offenen Tür“ den nächsten Verzweigungspunkt. Ähnlich der Interpretation der Basisergebnisse stellt sich hier die Frage nach den Gründen, warum die „Teilnahme am Tag der offenen Tür“ nicht mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, sondern sogar mit einer erhöhten negativen Wahrscheinlichkeit einer Studienplatzzusage einherging. Vermutlich führte die Teilnahme am Tag der offenen Tür nicht zu einer erhöhten Auseinandersetzung mit den Inhalten und Zielen der Medizinischen Fakultät der UWH.

Unter den Anwesenden am Tag der offenen Tür ergibt sich als nächster Prädiktor das Berufsziel. Einzig das Berufsziel „Forschung“, auch in Kombination, wies eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Studienplatzzusage (ca. 2/3) auf. Auch hier müssten weitere Untersuchungen zeigen, wie die Gutachter/innen im Rahmen des Assessment-Centers dies wahrnahmen oder durch welche sonstigen Eigenschaften diese Bewerber/innen in ein besonderes Licht rückten. Darüber hinaus gelten auch hier die Überlegungen, die im Rahmen der Basis-Statistik dargestellt wurden.

Unter den nicht am Tag der offenen Tür Anwesenden stellte erneut die Abiturnote den nächsten Verzweigungspunkt dar. Für die daraus hervorgehende Gruppe maximaler Zusagen (Abiturschnitt von ≤ 2,2) stellte die Leistungskurskombination den nächsten und letzten Verzweigungspunkt dar. Bewerber/innen mit rein naturwissenschaftlich geprägten Leistungskurse sowie einer sprach-/gesellschaftswissenschaftliche Kombination hatten eine über 80%ige Wahrscheinlichkeit einer Studienplatzzusage. Im Gegensatz dazu standen Bewerber/innen mit „Mischformen“ mit ca. 20% Zusagenwahrscheinlichkeit. Dieses Ergebnis einer Fokussierung fand sich in ähnlicher Form in der QUEST-Analyse bei dem Berufsziel Forschung wieder.

Zusammenfassend weist das Modell der QUEST-Analyse auf Basis der Fehlerklassifizierungsmatrix eine hohe Spezifität, geringere Sensitivität sowie einen zufrieden stellenden negativ-prädiktiven Wert und einen unzureichenden positiv-prädiktiven Wert auf. Über 21 der insgesamt 45 Bewerber/innen, die tatsächlich eine Zusage erhielten (21 „falsch negative“), kann mit diesem Modell nichts ausgesagt werden. Dagegen werden 101 von 110 Bewerber/innen, die keine Zusage erhalten haben, auch mit diesem Modell identifiziert, lediglich 9 Bewerber/innen hätten im Rahmen der vorhergesagten Kategorien fälschlicherweise eine Zusage erhalten. Dies bedeutet, dass das Modell mit den vorliegenden Daten nicht geeignet ist, diejenigen Bewerber/innen herauszufiltern, die tatsächlich einen Studienplatz erhalten haben. Das Modell konnte jedoch deutliche Hinweise darauf geben, welche Bewerber/innen keine Studienplatz-Zusage erhalten haben.

Methodisch müssen bei der vorliegenden Untersuchung nachfolgende Einschränkungen vorgenommen werden. Die der QUEST-Analyse zugrunde liegende Population ist, wie bereits dargestellt, durch das erste Auswahlverfahren (Gutachtensystem) vorausgewählt. Dies zeigt sich u.a. in der "Verbesserung" der durchschnittlichen Abiturnote, besonders aber an der Verteilung der einzelnen Schulformen. Daher können die vorliegenden Ergebnisse nicht auf die Gesamtbewerber übertragen werden. Zudem sollte berücksichtigt werden, dass die für die Analyse verwendeten Variablen nicht notwendigerweise deckungsgleich mit denjenigen Parametern sind, die für die Auswahl der Bewerber/innen in Stufe 1 und 2 des Auswahlverfahrens von den Leserinnen/Interviewerinnen herangezogen werden. Im Rahmen geplanter qualitativer Studien sollen die für die Leserinnen/Interviewerinnen relevanten Kriterien für die Bewerberauswahl daher genauer untersucht werden, um eine Kongruenz bzw. Dissonanz zu den hier gefundenen Ergebnissen besser beurteilen zu können. Erst nach Abschluss dieser Studien ist es möglich, die Validität und Reliabilität der hier gefundenen Prädiktoren für das Auswahlverfahren zu beurteilen und dieses ggf. zu modifizieren.

Weiterhin ist die Fallzahl relativ gering, so dass ggf. signifikante Unterschiede nicht deutlich werden konnten. Da bislang die Untersuchung nur bei einer Kohorte durchgeführt wurde, ist ungeklärt, ob es sich um kohortenspezifische Effekte oder repräsentative Ergebnisse handelt.

Trotz der oben dargestellten Limitationen der Studie zeigt sich zusammenfassend für das Auswahlverfahren der UWH, dass die Abiturnote einen übergeordneten Stellenwert besitzt. Darüber hinaus spielen weiter Faktoren wie Schulform und Berufsziel sowie Kombination der Leistungskurse eine Rolle. Da die erfassten Kriterien ex juvantibus gestellt wurden, ist es möglich, dass weitere relevante Merkmale in der Untersuchung nicht erfasst wurden. Hier böte sich eine qualitative Auswertung der schriftlich eingereichten Bewerbungsunterlagen an. Darüber hinaus wären qualitative Einzelinterviews mit den Gutachtern ratsam, um ein übergeordnetes Klassifizierungssystem der Gutachter zu erstellen. Alle weiteren Bestrebungen dienten dem Ziel, zeit- und kohortenstabile Prädiktoren zu identifizieren. In letzter Konsequenz könnte das Auswahlverfahren evtl. verschlankt werden ohne erwünschte Studierende zu übersehen. Nach erfolgter Studierendenauswahl und erfolgreichem Studium sollen zukünftig weiterführende Studien die Entwicklungen der UWH-Absolventen im Berufsleben untersuchen.


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