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GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 1860-3572

Von Studierenden für Studierende: Das Projekt "Archiv deutsche Medizinstudierendenschaft" und seine Bedeutung für die Weiterentwicklung der studentischen Lehre

From students to students: The project "Archiv deutsche Medizinstudierendenschaft" (Archive of German Medical Student Bodies, or ADM) and its relevance for the advancement of the medical curriculum

Projekt/project Humanmedizin

  • corresponding author Dominik Groß - RWTH Aachen, Medizinische Fakultät, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Aachen, Deutschland External link
  • corresponding author Katharina Kulike - RWTH Aachen, Medizinische Fakultät, Aachen, Deutschland External link
  • author Nino Neumann - RWTH Aachen, Medizinische Fakultät, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Aachen, Deutschland External link
  • author Julia Glahn - RWTH Aachen, Medizinische Fakultät, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Aachen, Deutschland External link
  • author Dagmar Schmitz - RWTH Aachen, Medizinische Fakultät, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Aachen, Deutschland External link

GMS Z Med Ausbild 2010;27(1):Doc08

doi: 10.3205/zma000645, urn:nbn:de:0183-zma0006453

Received: February 19, 2009
Revised: August 22, 2009
Accepted: October 30, 2009
Published: February 24, 2010

© 2010 Groß et al.
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Zusammenfassung

Das „Archiv Deutsche Medizinstudierendenschaft“ (ADM) ist ein Gemeinschaftsprojekt der „Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V.“ (bvmd), der Fachschaften Medizin (unter der Federführung der Aachener Fachschaft) und des „Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin“ an der RWTH Aachen. Es dient nicht nur der umfassenden Archivierung, Erschließung und Auswertung von zeitgeschichtlichen und aktuellen Quellen aller Studierendenorganisationen und Fachschaften im Bereich der Medizin, sondern soll insbesondere genutzt werden, um die studentische Selbstverwaltung effizienter zu gestalten und die studentische Lehre weiterzuentwickeln. So gilt es z. B. erfolgreiche wie missglückte studentische Lehrinitiativen der Vergangenheit zu erfassen und mögliche Parameter für Erfolg und Misserfolg herauszuarbeiten – etwa indem studentische Forderungen in einem zeithistorischen Kontext betrachtet oder gegenwärtige Argumentationsstrategien hinterfragt und ggf. optimiert werden können.

Zentrales Ziel des ADM ist es daher, das Engagement der Studierendenschaft in Lehre und Ausbildung zu professionalisieren und studentische Interessen bei der Weiterentwicklung der ärztlichen Approbationsordnung und des ärztlichen Curriculums gezielter einzubringen. Die zeithistorischen Dokumente erlauben zudem wissenschaftliche Einblicke in das hochschul- und gesellschaftspolitische Engagement der Medizinstudierendenschaft und belegen deren Austausch mit internationalen studentischen Organisationen.

Schlüsselwörter: Archivierung, studentische Selbstverwaltung, medizinische Ausbildung, medizinische Fachschaft, medizinische Curricula

Abstract

The “Archiv deutsche Medizinstudierendenschaft” (Archive of German Medical Student Bodies, ADM) is a joint project between the Federation of Medical Students' Associations (bvmd), the local student councils in medicine (lead-managed by the council in Aachen), and the Institute for History, Theory and Ethics in Medicine at the RWTH Aachen University. It does not only contribute to the comprehensive archival storage, indexing, and evaluation of the written sources of different student councils, but it also particularly aims at strengthening the student self-administration and, hence, at improving the medical curriculum. A crucial aim is to critically analyze student initiatives in teaching in the recent past and to extract possible parameters for success and failure, e.g., by examining student claims and argumentations within a historical context or by questioning their recent strategies in order to improve them. Thus, the historical documents also provide strategies for the explanation and justification of their current efforts to improve the medical curriculum.

The essential aim of the ADM is to professionalize the collegiate commitment in medical teaching and education, to implement student interests in the advancement of the German Medical Licensing Act and the medical curriculum more specifically, but also to comprise the sociopolitical activities of medical student bodies and to evaluate their international activities and exchange.

Keywords: archival storage, medical student body, medical education, student council, medical curricula


Einleitung

Problemstellung

Studierende leisten einen kaum zu überschätzenden Beitrag zur Weiterentwicklung der universitären Lehre. Sie geben in ihrer Funktion als „Zielgruppe“ der medizinischen Ausbildung ein wichtiges Feedback zur Strukturierung und inhaltlichen Ausrichtung der Lehrveranstaltungen. So formulierte beispielsweise der bvmd 2006 ein Kerncurriculum für die medizinische Ausbildung der Medizinstudierenden Deutschlands [2], das die Reform des Medizinstudiums in Deutschland mitgestalten soll. Münchener Medizinstudierende erstellten zusammen mit Dozenten eine Wiki-Bibliothek für unterrichtsbegleitende Materialien und unterstützen so die Reformbemühungen der dortigen Fakultät in Richtung neuer POL-Ansätze [1].

Ein großer Teil derartiger curricularer Aktivitäten wird von Seiten der studentischen Selbstverwaltung, der Fachschaften, initiiert und getragen – und dies nicht erst in den letzten, durch verstärkte Reformbewegungen im Medizinstudium, geprägten Jahren. Schon seit den Anfängen der Bundesrepublik sind die Medizinstudierenden in nationalen und internationalen Verbänden organisiert, um ihren Interessen in Fragen der medizinischen Ausbildung Ausdruck zu verleihen und zu gesellschaftlichen, kulturellen und (hochschul)politischen Themen Stellung zu beziehen. Zahlreiche dieser Tätigkeiten sind seit dieser Zeit in Form von Protokollen, Briefwechseln, Positionspapieren, Postern, Flyern, Artikeln und Zeitschriften dokumentiert.

Bisher fehlten jedoch die wissenschaftlichen und strukturellen Voraussetzungen, um

1.
auf diese Unterlagen zuzugreifen und um so
2.
studentische Lehrinitiativen, Aufklärungskampagnen, Versuche der Qualitätssicherung in der Lehre oder öffentlichkeitswirksame Maßnahmen (z.B. Teddyklinik, Lehrwettbewerbe, Förderprogramme) systematisch zu erfassen.

Das Archiv Deutsche Medizinstudierendenschaft (ADM) soll ebendieses Desiderat erfüllen. Hierdurch soll den Studierenden ein Zugang zu früheren Projekten und Initiativen ermöglicht werden, um die Aktivitäten der Medizinstudierendenschaft kontinuierlicher und nachhaltiger gestalten zu können. Durch die Archivierung und systematische Erschließung zahlreicher Dokumente aus der Medizinstudierendenschaft sind zudem erstmals umfassende Einblicke in deren hochschul- und gesellschaftspolitisches Engagement möglich.

Ein weiteres Forschungsdesiderat betrifft die Frage nach Art und Umgang des Austausches der nationalen Medizinstudierendenschaft mit internationalen studentischen Vereinigungen. Auch auf derartige Fragen gibt das ADM Antworten. So waren deutsche Medizinstudierenden z.B. 1951 an der Gründung der International Federation of Medical Students‘ Associations (IFMSA) beteiligt und haben damit ein internationales studentisches Netzwerk geschaffen, das heute den bilateralen Austausch von Praktikumsplätzen für Medizinstudierende in über 70 Ländern weltweit ermöglicht.

Die Initiatorinnen und Initiatoren verstehen das Archivprojekt zusammenfassend als wichtigen Beitrag zur Stärkung der Identität der organisierten Medizinstudierenden sowie als Möglichkeit, studentische Interessen bei der Weiterentwicklung der ärztlichen Approbationsordnung und des ärztlichen Curriculums gezielter einzubringen. Durch die beschriebene Archivierung wird zugleich die Grundlage geschaffen, die Tätigkeiten der Medizinstudierenden im Bereich der studentischen Selbstverwaltung wissenschaftlichen Untersuchungen zuzuführen.


Projektbeschreibung

Umsetzungsplan

Das Projekt ADM ist im Sommer 2008 angelaufen und auf zweieinhalb Jahre angelegt. Die projektbezogenen Aufgaben umfassen folgende Arbeitsschritte und Aspekte:

Sammlung, Erschließung und Nutzbarmachung der Quellen

Die vorhandenen bzw. bislang eingegangenen Dokumente u. a. der Fachtagung Medizin (FTM), des Deutschen Famulantenaustauschs (DFA), des Verbands Deutscher Studierendenschaften (VDS) und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) sowie verschiedener regionaler Fachschaften und internationaler Organisationen wurden gesichtet und geordnet. Vorausgegangen waren diverse Rundschreiben und öffentliche Ankündigungen. Auch künftig sind alle vorgenannten Organisationen eingeladen, entsprechende Dokumente (ggf. in Kopieform) zur Verfügung zu stellen.

Unter den Archivalien befinden sich Tagungsprotokolle, Zeitschriften, Fachschaftszeitungen, Briefwechsel und Petitionen, die bis in die 1950er Jahre zurückreichen.

Die vorsortierten Dokumente werden von studentischen Hilfskräften fortlaufend eingescannt und in die Datenbank des Archivs eingetragen. Hierfür wurden 200 Gigabyte Speicherplatz auf dem Server des UK Aachen bereit gestellt. Um die Dokumente inhaltlich zugänglich zu machen, erfolgt anschließend eine Verschlagwortung mittels Texterkennung. Als Hilfsmittel zur Sacherschließung kommt der Thesaurus MeSH (Medical Subject Headings) zum Einsatz. Ein Verzeichnisbaum stellt die Systematik der Archivierung dar. In ihm ist visualisiert, wo ein bestimmtes Dokument historisch und systematisch eingeordnet wird (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]).

Ziel ist es, die Archivalien für die Vertreter der oben genannten studentischen Organisationen, aber auch für alle anderen Interessenten des ADM elektronisch zugänglich zu machen und somit den Bedarf an archivalischen Recherchen zur Ort zu minimieren.

Ausbau bestehender Netzwerke und öffentlichkeitswirksamer Maßnahmen

Flankierend zur Archivierung der Dokumente soll die Vernetzung zwischen der nationalen Medizinstudierendenvertretung (bvmd), den lokalen Fachschaften Medizin unter der Federführung der Aachener Fachschaft Medizin und dem ADM verstärkt werden. Daneben werden die Kontakte zum Institut für Zeitgeschichte in München und Berlin intensiviert - dem einzigen historischen Institut in Deutschland, das die deutsche Zeitgeschichte in ihrer Gesamtheit erforscht und hierbei auch wichtige Anknüpfungspunkte für die Erforschung studentischer Initiativen und Organisationen bietet.

Zudem ist eine Homepage zum Archivprojekt ADM aufgebaut worden (vgl. http://www.ukaachen.de/content/folder/8789809 und http://bvmd.de/verein/geschichte/archiv/)

Lehrinitiativen

Schon während der Projektlaufzeit soll das Archivprojekt nutzbringend in der Lehre eingesetzt werden. Hierzu wird zunächst in Aachen im SS 2010 ein Seminar zur Geschichte der Medizinstudierendenschaft und ihrer Lehrinitiativen angeboten, welches ein Mitarbeiter des Aachener Institutes für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin sowie ein in das Archivprojekt involvierter studentischer Vertreter gemeinsam leiten. Das Seminar ist im dem Wahlpflichtbereich zugeordnet und beinhaltet folgende Themen: Studentische Lehrinitiativen im Zeitverlauf; Argumentationsstrategien studentischer Lehrinitiativen – Kontinuitäten und Brüche; Möglichkeiten und Grenzen der Professionalisierung von Fachschaftsarbeit; Medizin studieren – gestern und heute; Genderaspekte des Medizinstudiums; Fachschaften und Hochschulpolitik – Möglichkeiten und Grenzen der Einflussnahme; Sind Mediziner anders? Ein Vergleich der Fachschaften.

Es ist geplant, Fachschaftsvertreter anderer medizinischer Fakultäten als auswärtige Referenten einzuladen und die betreffende Lehrinitiative mittelfristig auf andere fakultäre Standorte auszudehnen. Zu diesem Zweck sollen die Ergebnisse der Lehrveranstaltung dem bvmd und über die dort verfügbaren Verteiler den lokalen Fachschaften zugänglich gemacht werden.


Diskussion

Die zentrale Sammlung, Erschließung und elektronische Nutzbarmachung des vorhandenen umfangreichen Quellenbestandes stellt in unseren Augen eine wichtige Aufgabe der organisierten Medizinstudierendenschaft dar.

Gerade die systematische Erfassung historischer, aktueller und künftiger (Lehr-)Initiativen kann darüber hinaus an allen Standorten zur Verbesserung der Lehr- und Studienbedingungen beitragen:

1.
Indem sie die Eigen- und Fremdwahrnehmung der studentischen Selbstverwaltung verbessert, zur Identitätsbildung beiträgt und auf diesem Weg die studentische Position an den medizinischen Fakultäten stärkt. Auch die medizinischen Fakultäten profitierten von einer starken studentischen Selbstverwaltung, die zentrale Forderungen in der Lehre mit Quellen des ADM untermauert und Verbesserungen der Lehr- und Studienqualität argumentativ unterfüttert.
2.
Indem sie das studentische Engagement professionalisiert. Ein auf einer modernen benutzerfreundlichen Datenbank fundiertes Archiv kann dazu beitragen, den in der studentischen Selbstverwaltung gegebenen hohen personellen „turnover“ zu kompensieren und bereits zu früheren Zeitpunkten geleistete Arbeit und bisherige (erfolgreiche wie missglückte) Initiativen rasch zugänglich zu machen. Sie steigert auf diesem Weg die Kontinuität, die Nachhaltigkeit und die Effizienz der studentischen Selbstverwaltung.

Zudem kann der Austausch der nationalen Medizinstudierendenschaft mit internationalen studentischen Vereinigungen anhand der verfügbaren Quellen nachvollzogen und systematisch erforscht werden.


Schlussfolgerung

Das hier skizzierte Archivprojekt bietet hervorragende Möglichkeiten, um die studentische Einflussnahme auf die medizinische Lehre effizienter zu gestalten und die Identitätsbildung der organisierten Studierendenschaft zu fördern.

Die archivierten Dokumente liefern Begründungsansätze und Rechtfertigungsfiguren für aktuelle Forderungen im Rahmen der studentischen Ausbildung, gewähren Einblicke in das gesellschaftspolitische und fachspezifische Engagement der Studierendenschaft und belegen den Grad ihrer internationalen Integration und Vernetzung.

Darüber hinaus schafft das Projekt die strukturelle Grundlage, um die Tätigkeit der organisierten Medizinstudierendenschaft in Deutschland wissenschaftlichen Untersuchungen zuzuführen.


Conclusion

This archival project offers excellent chances to foster student initiatives in teaching and to create a shared identity among medical students.

The documents allow a more specific and effective influence on the advancement of medical curricula, give an insight into the sociopolitical und professional activities of medical student bodies and record the extent of international integration and networking.

Moreover, the project provides a structural basis for scientific studies on the activities of medical student bodies in Germany.


Literatur

1.
Berger M, Störmann S, Fischer MR. Eine studentische Wiki-Bibliothek für unterrichtsbegleitende Materialien: Konzeption, Implementierung und Evaluation für das Medizinische Curriculum München (MeCuM). GMS Z Med Ausbild. 2007;24(4):Doc185. Zugänglich unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2007-24/zma000479.shtml External link
2.
Kulike K, Hilgers J, Störmann S, Hornung T, Dudziak J, Weinmann P, Johannink J. Kerncurriculum für die Medizinische Ausbildung in Deutschland: Ein Vorschlag der Medizinstudierenden Deutschlands. GMS Z Med Ausbild. 2006;23(4):Doc85. Zugänglich unter: http://www.egms.de/en/journals/zma/2006-23/zma000277.shtml External link