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GMS Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e.V. (GMDS)

ISSN 1860-9171

Gesundheitsbezogene Internetnutzung in Deutschland 2007

Health-related use of the Internet in Germany 2007

Originalarbeit

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  • corresponding author Berthold Lausen - Lehrstuhl für Biometrie und Epidemiologie, Institut für Medizininformatik, Biometrie und Epidemiologie (IMBE), Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen, Deutschland
  • Sergej Potapov - Lehrstuhl für Biometrie und Epidemiologie, Institut für Medizininformatik, Biometrie und Epidemiologie (IMBE), Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen, Deutschland
  • Hans-Ulrich Prokosch - Lehrstuhl für Medizinische Informatik, Institut für Medizininformatik, Biometrie und Epidemiologie (IMBE), Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen, Deutschland

GMS Med Inform Biom Epidemiol 2008;4(2):Doc06

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/journals/mibe/2008-4/mibe000065.shtml

Veröffentlicht: 19. September 2008

© 2008 Lausen et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Das europäische Projekt eHealth Trends untersucht die Einstellung der europäischen Bürger gegenüber eHealth-Anwendungen sowie die aktuelle Nutzung solcher Anwendungen im Verlauf (2005–2007). In sieben europäischen Ländern wurde im April/Mai 2007 die zweite Serie stratifizierter repräsentativer Befragungen (in Deutschland aufsetzend auf dem ADM-Master Sample) durch ein Meinungsforschungsinstitut als computergestütztes Telefoninterview (CATI) durchgeführt. Wir berichten über die wesentlichen Ergebnisse in Bezug auf die deutsche Bevölkerung. Es wurden 1000 Bundesbürger im Alter zwischen 15 und 80 Jahren befragt. Für die generelle, aber auch für die etablierte (mind. einmal monatliche) Internetnutzung in Gesundheitsfragen konnte in Deutschland ein deutlicher Anstieg (von 44,4% auf 56,6% bzw. von 22,5% auf 32%) beobachtet werden. Auch der Prozentsatz derjenigen Bundesbürger, die das Internet als wichtiges Informationsmedium in Gesundheitsfragen betrachten stieg von 33,7% auf 36,8%. Obwohl in Bayern der Anteil der generellen Internetnutzer am höchsten lag, war die etablierte Internetnutzung in Gesundheitsfragen deutlich niedriger als in allen anderen Bundesländern. Die Ergebnisse der deutschlandweiten Befragung zur Internetnutzung in Gesundheitsfragen zeigen in den letzten 18 Monaten eine deutliche Zunahme der Nutzung. Die deutsche Ärzteschaft muss sich darauf einstellen, dass die Anzahl der „informierten und mündigen Bürger“, die sich zu ihren Gesundheitsproblemen im Internet informieren, aber auch weitergehende Internetdienste anfragen, immer größer wird.

Schlüsselwörter: eHealth, gesundheitsbezogene Internetnutzung, Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien

Abstract

The European eHealth Trends project analyses the attitudes towards and usage of eHealth applications of European citizens in the time frame 2005–2007. In April/May 2007 the second series of representative stratified surveys with computer-based telephone interviews (CATI) (in Germany based on the German ADM Master Sample) were performed by a poll agency in seven European countries. Here we report the major results for the German population, were 1000 participants with an age between 15 and 80 years were interviewed. For the general use of the Internet for health purposes as well as the established eHealth Internet use (at least once a month) we report a significant increase (from 44.4% to 56.6% and from 22.5% to 32.0%). Further, the percentage of Germans who consider the Internet as an important medium for health purposes increased from 33.7% to 36.8%. In Bavaria, the percentage of established eHealth Internet users was lowest among the German states. The results of our eHealth Trends survey in Germany show a considerable increase of eHealth use within the last 18 months. German physicians need to be prepared for an increasing number of empowered patients, who have searched for information on their health problems in the Internet, but will also demand more enhanced services.


Einleitung

In den letzten Jahren hat die Internetnutzung weite Teile der Bevölkerung Deutschlands erreicht. Im ersten Quartal 2006 benutzten laut statistischem Bundesamt 65% der über 10-jährigen Deutschen das Internet. Unter diesen nutzte es fast jeder zweite (46,2%) um sich über Gesundheitsthemen zu informieren ([1]; S. 26, P2.1). Dies geht einher mit einer starken Zunahme gesundheitsbezogener Angebote im Internet. Auf immer mehr Webseiten findet man mittlerweile qualitätsgesicherte Informationen unmittelbar für Patienten, u. a. von ärztlichen Organisationen (z.B. [2], [3]), aber auch von Krankenhäusern, Pharmafirmen und anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens. Internationale Publikationen berichten vermehrt über elektronische Kommunikation (z.B. mittels E-Mail) zwischen Patienten und Ärzten [4], [5] und den Möglichkeiten für Patienten, Inhalte ihrer eigenen elektronischen Krankenakte über das Internet einzusehen [6], [7], [8]. Letztendlich scheint auch die Vision persönlicher elektronischer Gesundheitsakten [9], die direkt unter der Kontrolle des Patienten stehen, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland näher zu rücken [10], [11], [12], [13]. Selbst Google und Microsoft haben sich neuerdings die Bereitstellung persönlicher elektronischer Gesundheitsakten zum Ziel gesetzt [11].

Das europäische Projekt eHealth Trends [14] untersucht in diesem Kontext anhand zweier Befragungen (Oktober/November 2005 und April/Mai 2007) das internet-bezogene Verhalten sowie dessen Veränderungen über die Zeit der 15- bis 80-jährigen Menschen in 7 europäischen Ländern (Dänemark, Deutschland, Griechenland, Lettland, Norwegen, Polen und Portugal). In allen Ländern wurden Telefonbefragungen mit mindestens 1000 Interviews pro Land von Meinungsforschungsinstituten durchgeführt. Als wesentliches Ergebnis der Auswertung der europaweiten 2005er Befragung beschreiben Andreassen et al. [15] insbesondere europaweit Unterschiede des Verhaltens der gesundheitsbezogenen Internet-Nutzer bei soziodemografischen Faktoren und beim individuellen Gesundheitsstatus. In Bezug auf die deutsche Befragung in 2005 kamen Dumitru et al. [16] zu dem Ergebnis, dass trotz der zu diesem Zeitpunkt schon relativ hohen Anzahl an Personen, die das Internet für gesundheitsbezogene Aktivitäten nutzten, die Bedeutung des Internets im Vergleich zu eher traditionellen Informationsmedien immer noch sehr niedrig war.

In der vorliegenden Arbeit beschreiben wir die gesundheitsbezogene Internetnutzung in Deutschland 2007 im Vergleich zu 2005 und betrachten regionale Unterschiede.


Methode

In Deutschland wurde die Befragung 2007 von TNS Emnid (Bielefeld) an einer repräsentativen Stichprobe von 15- bis 80-jährigen Einwohnern durchgeführt. Der Stichprobe liegt eine Bevölkerungsgröße von 67,6 Millionen Einwohnern zugrunde. Sie wurde gemäß des ADM Master Sample (welches vom Arbeitskreis Deutscher Marktforschungsinstitute e.V. entwickelt wurde und eine standardisierte Methode der mehrstufigen Ziehung von repräsentativen Stichproben für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland darstellt) erhoben; Telefonnummern wurden mit der Gabler/Häder Methode selektiert [17]. Die Stichprobengröße wurde mit 1000 Interviews festgelegt. Stichproben wurden geschichtet nach Geschlecht, Alter in 4 Klassen (15–29 Jahre, 30–44 Jahre, 45–59 Jahre und 60–80 Jahre) und nach den 6 Nielsen-Regionen [18]: I) Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen; II) NRW; IIIa) Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland; IIIb) Baden-Württemberg; IV) Bayern; V-VII) Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Sachsen. Tabelle 1 [Tab. 1] führt die Anzahl der befragten Einwohner nach Schichten auf. Die Befragungen wurden als computergestütztes Telefoninterview (CATI) zwischen dem 23. April und dem 5. Mai 2007 durchgeführt. Von 7753 Telefonnummern des ADM Master Sample wurden 3951 nicht benutzt und zu 1376 konnte kein Kontakt hergestellt werden. 2426 Personen wurden somit kontaktiert. Da mit 1426 kontaktierten Telefonteilnehmern kein Interview durchgeführt werden konnte (Non response) ergibt dies eine Responserate von 41,2% (1000 von 2426 Personen).

Fragen 1 bis 6 bezogen sich auf Alter, Geschlecht, Schul- und Ausbildung, Anzahl der Kinder unter 18 Jahre im Haushalt des Angerufenen, Wohnort (Großstadt, Stadt, Dorf, kleines Dorf bzw. ländliches Gebiet), Erwerbstätigkeit und Beruf. Frage 7, 8 und 9 bezogen sich auf die Bedeutung verschiedener Informationsquellen zu Gesundheitsthemen oder Krankheiten, die Häufigkeit der Internetnutzung und die Häufigkeit der Internetnutzung um Informationen zu Gesundheitsthemen oder Krankheiten zu bekommen. Die Antworten zu diesen Fragen sind Gegenstand der hier vorgestellten Analysen.

Neben der Bedeutung des Internets wurde in Frage 7 die Bedeutung von traditionellen Informationsquellen zu Gesundheitsthemen oder Krankheiten abgefragt. Auf einer Likert-Skala von unwichtig (1) bis sehr wichtig (5) wurde die Bedeutung von Fernsehen und Radio, von Büchern, medizinischen Nachschlagewerken und Broschüren, von Kursen und Vorträgen, von Zeitungen und Zeitschriften, von Familie, Freunde und Kollegen, der Apotheke, sowie des direkten persönlichen Besuches bei einer Fachkraft im Gesundheitswesen bewertet. Zur Darstellung unserer Ergebnisse in den Tabellen 3, 4 und 5 sind die Antwortkategorien 4 und 5 gemeinsam mit „wichtig“ assoziiert. Bei Frage 8 „Wie häufig nutzen Sie das Internet?“ bezeichnen wir als Internetnutzer etabliert die Antworten „ein oder mehrmals monatlich“, „ein oder mehrmals wöchentlich“ und „täglich“. Erweitert man diese Gruppe noch, um diejenigen, die „weniger als einmal monatlich“ das Internet nutzten, so erhalten wir die Gruppe der Internetnutzer. Bei Frage 9 „Wie oft nutzen Sie das Internet, um Informationen zu Gesundheitsthemen oder Krankheiten zu bekommen?“ definieren wir entsprechend: Internet eHealth Nutzer als Personen, die „weniger als einmal pro Jahr“ , „etwa einmal im Jahr“, „ein paar Mal pro Jahr“, „ein oder mehrmals monatlich“, „ein oder mehrmals wöchentlich“ oder „täglich“ das Internet für Gesundheitsfragen nutzen, und die Gruppe der Internet eHealth Nutzer etabliert als diejenigen, die dies mindestens „ein oder mehrmals monatlich“ taten.

Die Befragung in 2005 wurde in Deutschland von einem anderen Meinungsforschungsinstitut durchgeführt und die Stichprobe war bzgl. Alter und Geschlecht nicht repräsentativ [19] (Tabelle 1 [Tab. 1]). Um für diese Publikation eine Vergleichbarkeit der Befragungen 2007 und 2005 herzustellen, wurden die relativen Häufigkeiten aus 2005 mit den relativen Stichprobenanteilen von 12 alters- und geschlechtsbezogenen Klassen aus 2007 gewichtet (vgl. Tabelle 1 [Tab. 1]). Die 6 Alterskategorien waren: 15 bis 25 Jahre, 26 bis 35 Jahre, 36 bis 45 Jahre, 46 bis 55 Jahre, 56 bis 65 Jahre und 66 bis 80 Jahre. In den Tabellen 2 [Tab. 2], 3 [Tab. 3] und 4 [Tab. 4] führen wir fehlende Antworten bzw. die Antwort „Weiß ich nicht“ nicht explizit auf. Die Ergebnisse einer logistischen Regressionsanalyse mit den Einflußfaktoren Alter, Geschlecht, Wohnort, Bildung, Erwerbstätigkeit, Kinder im Haushalt und Gesundheitsstatus werden in Tabelle 5 [Tab. 5] aufgeführt. Wir geben approximative 95% Konfidenzintervalle für die Odds Ratios an und P-Werte der Typ II Hypothesen (Haupteffekt des Faktors und Interaktionsterme, die den Faktor einschließen, sind im Modell der Nullhypothese nicht enthalten).


Ergebnisse

Tabelle 2 [Tab. 2] illustriert die Verteilung der Stichprobe in Bezug auf die möglichen Einflussfaktoren der Internetnutzung und stellt diese den entsprechenden Verteilungen der deutschen Bevölkerung in anderen Quellen (Statistisches Jahrbuch 2007 [20], European Social Survey [21]) gegenüber. Beim Wohnort und der Schulbildung entsprechen die Anteile denen im Statistischen Jahrbuch 2007 [20]. Dagegen sind Ausbildungsabschlüsse (Meister, Fachhochschule, Hochschule) in unserer Stichprobe mit 23,3% gegenüber 19,0% [22] stärker vertreten. Der Erwerbstätigenanteil der Bevölkerung liegt bei den 15- bis 80-Jährigen bei 58,2% [20] und somit deutlich höher als in unserer Erhebung (45,5%). Der Anteil der Befragten mit Kindern im Haushalt (31,9%) entspricht der Vergleichszahl (32,1%) von Haushalten mit Kindern [20]. Beim Gesundheitsstatus wurde in den eHealth Erhebung die gleiche Frage wie beim European Social Survey in den Jahren 2002, 2004 und 2006 gestellt. Die Daten des European Social Surveys [21] ergeben für die Einschätzung des Gesundheitsstatus mit gut oder sehr gut 28,1% im Vergleich zu 27,0% in unserer Studie. Auch in Bezug auf den Anteil von Personen mit chronischen Erkrankungen entspricht die Vergleichszahl aus den Daten des European Social Surveys mit 28,1% in etwa unserem Anteil von 27,0%.

Wie im Jahr 2005 wird auch 2007 vom größten Anteil der Bevölkerung der direkte Arztkontakt im Vergleich als wichtigste Informationsquelle in Gesundheitsfragen eingestuft (2005: 82,1%; 2007: 78,3%) (Abbildung 1 [Abb. 1]). Das Internet (2005: 33,7%, 2007: 36,8%) liegt bei dieser Frage nur wenig höher als Kurse und Vorträge, deren Bedeutung von der kleinsten Bevölkerungsgruppe als wichtig eingestuft wird (2005: 29,1%; 2007: 30,2%). Die anderen Medien werden mit seit 2005 geringer werdendem Anteil der Bevölkerung in 2007 von 43,0% bis 55% der Bevölkerung als wichtig bewertet. Lag der Rückgang bei den meisten traditionellen Medien zwischen 2,6 Prozentpunkten (TV/Radio) und 6,6 Prozentpunkten (Familie, Freunde, Kollegen) so wurde bei Tageszeitungen/Zeitschriften mit 13,6 Prozentpunkten ein deutlicher Rückgang beobachtet.

Abbildung 2 [Abb. 2] veranschaulicht die regional unterschiedliche Verteilung der generellen Internetnutzung und der Internetnutzung für Gesundheitsfragen in den deutschen Bundesländern im Jahr 2007. Detaillierte Prozentwerte (für die deutschlandweiten Angaben auch im Vergleich zu 2005) hierzu findet man in Tabelle 3 [Tab. 3]. Die Einschätzung der Bedeutung des Internets für Gesundheitsfragen, die allgemeine und etablierte Internetnutzung sowie insbesondere die Internet eHealth-Nutzung hat von 2005 zu 2007 zugenommen. Die allgemeine Internetnutzung stieg in den 18 Monaten zwischen den zwei Befragungen um 1,6 Prozentpunkte auf 64,9% in 2007 und die etablierte Internetnutzung um 2,5 Prozentpunkte auf 61,9%. Sowohl der Prozentsatz der Internet eHealth Nutzer (um 12,2 Prozentpunkte auf 56,6%) als auch der etablierten Internet eHealth Nutzer (um 9,5 Prozentpunkte auf 32,0%) verzeichneten in diesem Zeitraum einen noch deutlicheren Anstieg. Im Mai 2007 nutzte fast jeder dritte Befragte zwischen 15 und 80 Jahren das Internet mindestens einmal monatlich für Gesundheitsfragen. Im Vergleich zu 2005 ist dies ein Anstieg um 42%.

Auffällig ist in Tabelle 3 [Tab. 3] der geringe Anteil etablierter Internet eHealth Nutzer in der Region Bayern (23,7%). Dieser ist nur 40% bezogen auf den Anteil der Befragten, die das Internet überhaupt schon einmal für Gesundheitsfragen nutzten. Der entsprechende Anteil liegt in den anderen 5 Nielsen-Regionen Deutschlands zwischen 57% (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland) und 62% (NRW) und ist somit deutlich höher. Nur etwa jeder dritte etablierte Internet Nutzer ist in Bayern auch ein etablierter eHealth Nutzer (36%). In den anderen 5 Regionen Deutschlands schwankt der Anteil der etablierten eHealth Nutzer an den etablierten Internet Nutzern zwischen 51% (Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen) und 58% (NRW).

Eine nach Alter und Geschlecht differenzierte Betrachtung der Bedeutung des Internets für Gesundheitsfragen, sowie der Internetnutzer und Internet eHealth Nutzer findet sich in Tabelle 4 [Tab. 4]. In allen Altersklassen ist die allgemeine und etablierte Internet Nutzung bei Männern höher als bei Frauen. In Bezug auf die Internet eHealth Nutzung ist das Bild in den Altersklassen differenzierter. In den Alterklassen unter 55 Jahren schätzen jeweils über 40% der Frauen die Bedeutung des Internets für Gesundheitsfragen als wichtig (bzw. sehr wichtig) ein und der Anteil der etablierten eHealth Nutzerinnen liegt in diesen Altersklassen bei den Frauen immer über 38%. Bei den Männern werden die entsprechende Prozentwerte für die Bedeutung des Internets nur in den Altersklassen unter 45 Jahren bzw. bei den etablierten Internet eHealth Nutzern sogar nur unter 35 Jahren erreicht. Der Anteil der etablierten eHealth Nutzer unter den etablierten Internet Nutzern ist am höchsten bei Frauen zwischen 35 und 45 (64%), zwischen 45 und 55 (63%) und 65 und 80 (60%). Bei Männern zwischen 35 und 45 Jahren (35%) liegt dieser Anteil eher niedrig.

Die Ergebnisse einer logistischen Regressionsanalyse der Einflußfaktoren Alter, Geschlecht, Wohnort, Bildung, Erwerbstätigkeit, Kinder im Haushalt und Gesundheitsstatus auf die Bedeutung des Internets für Gesundheitsfragen sowie die allgemeine und etablierte Internet und eHealth Nutzung in 2007 sind in Tabelle 5 [Tab. 5] aufgeführt. Alter, Berufsbildung und Erwerbstätig sind jeweils signifikant. Das Vorliegen einer chronischen Erkrankung führt lediglich bei der etablierten eHealth Nutzung zu höheren Nutzungsanteilen; die Tatsache in einer „grösseren Stadt“ zu leben führt hier zu niedrigeren Nutzungsanteilen.


Diskussion

Unsere Befragung vom April/Mai 2007 zeigt bei der Nutzung des Internets für Gesundheitsfragen eine deutliche Zunahme der etablierten gesundheitsbezogenen Nutzung des Internets im Vergleich zum Oktober 2005 um 9,5 Prozentpunkte. Etwa jeder dritte Bundesbürger nutzt das Internet mindestens einmal im Monat für Gesundheitsfragen. Mehr als die Hälfte der Befragten (56,6%) geben an, dass sie das Internet schon einmal gesundheitsbezogen genutzt haben. 36,8% in 2007 gegenüber 33,7% in 2005 halten das Internet für eine wichtige Informationsquelle von gesundheitsbezogenen Informationen. Noch deutlicher sind die Ergebnisse in Bezug auf die Bedeutung des Internets bei der umgekehrten Betrachtung: Bewerteten in 2005 noch 45,6% der Bevölkerung das Internet als unwichtig so sind dies in 2007 nur noch 34,1%. Im Vergleich zu 2005 [16], [19] kann man zwar immer noch sagen, dass das Internet im Vergleich zu den traditionellen Medien/Kommunikationswegen (abgesehen von Kursen/Vorträgen) von der prozentual kleinsten Bevölkerungsgruppe (etwas mehr als einem Drittel der Bevölkerung) als wichtige Informationsquelle eingestuft wird und die Bedeutung des direkten Arztgesprächs (knapp 4 von 5 Befragten bewerten dies als wichtig) nicht in Zweifel gezogen wird, doch ist ein deutlicher Trend erkennbar, dass die Bedeutung aller anderen traditionellen Medien in der Bevölkerung zurückgeht, während die des Internet zunimmt. Bei gleich verlaufendem Trend könnte das Internet in etwa 2 Jahren in seiner Bedeutung bereits mit den meisten Medien gleichauf liegen und Zeitungen/Zeitschriften klar überholt haben.

Der Anteil der etablierten gesundheitsbezogenen Nutzung hat bei den etablierten Internetnutzern von 37,9% in 2005 auf 51,7% in 2007 zugenommen. Dies resultiert einerseits aus der starken Zunahme bei den 15- bis 25-Jährigen und andererseits aus der anteiligen stärkeren Zunahme der etablierten Internetnutzer bei den Frauen, von denen 57% gegenüber 47% der Männer das Internet auch monatlich oder häufiger gesundheitsbezogenen nutzen.

Tabelle 3 [Tab. 3] illustriert sehr anschaulich, dass mittlerweile fast jeder Internet-Nutzer auch ein etablierter Internet-Nutzer ist (95% in 2007; der größte Teil der Internetnutzer, nutzt dies sogar täglich oder mindestens wöchentlich). Anders ist dies aber offensichtlich noch bei der gesundheitsbezogenen Internet-Nutzung. Knapp die Hälfte derjenigen, die das Internet in Gesundheitsfragen nutzen scheint dies zwar einige wenige Male versucht, dann aber kaum wiederholt zu haben (de Prozentsatz der etablierten eHealth Nutzung in Bezug auf die eHealth Nutzung liegt 2007 bei 57%). Dies könnte daran liegen, dass wir uns heute in Bezug auf die Internetnutzung für Gesundheitsfragen noch in einer deutlichen Wachstumsphase befinden, während der Anstieg der allgemeinen Internetnutzung schon fast seinen Höhepunkt erreicht hat. Auf der anderen Seite ist es natürlich ebenfalls nachvollziehbar, dass für Gesundheitsfragen auch zukünftig nicht unbedingt ein täglicher oder wöchentlicher Informationsbedarf gegeben sein wird, sondern ein Einpendeln auf eine monatliche Nutzung des Internets eher zu erwarten ist.

Auffällig ist das offensichtlich von allen anderen Bundesländern abweichende Verhalten der bayerischen Bevölkerung. So hat Bayern zwar de prozentual höchsten Anteil an Internetnutzern in Deutschland (68,2% und 66,2% etablierte Internetnutzer) und auch noch di prozentual zweit meisten Internet eHealth Nutzer (58,8%; hinter NRW mit 60,4%), aber die mit Abstand wenigsten etablierten Internet eHealth-Nutzer (nur 23,7%). Dies lässt natürlich Raum für Spekulationen. Scheinen die Bayern sehr technik-affin zu sein und im Rahmen ihrer generell hohen Internetnutzung dieses auch schon mal für Gesundheitsfragen zu nutzen, doch scheint sich diese Nutzung für Gesundheitsfragen in Bayern nur in einer relativ kleinen Gruppe mit häufigerer Nutzung zu etablieren (nur etwa ein Drittel der Internetnutzer). Hier bleibt es interessant, ob sich diese Lücke in Bayern zukünftig schließen wird.

Die von uns beobachtete deutliche Zunahme der etablierten Internetnutzung und der Bedeutung des Internets für Gesundheitsfragen in Deutschland liegt auch im Trend der entsprechenden Untersuchungen des statistischen Bundesamts: 18% in 2003, 22% in 2004 und 30% in 2006 ([1], S. 29, P2.4; sowie [23], S. 28, Tabelle 24 und S. 35, Tabelle 31). In den 18 Monaten zwischen unseren zwei Befragungen stieg der Prozentsatz der Internetnutzer bei den Befragten um 1,6 Prozentpunkte auf 64,9%. TNS Infratest ((N)ONLINER Atlanten 2005–2007) berichtet einen Anstieg um 3,1 Prozentpunkte auf 58,2% von 2005 auf 2006 und um 2 Prozentpunkte auf 60,2% von 2006 auf 2007 [24]. Das statistische Bundesamt berichtet eine Zunahme (1Q2005 auf 1Q2006) um 4 Prozentpunkte auf 65% ([23], S. 12. und [1], S. 16). Allerdings weichen beide Umfragen sowohl in der Methodik als auch der berücksichtigten Gesamtpopulation von unserer Studie ab. Bei der Interpretation unserer Erhebung ist ein möglicher Einfluss der unterrepräsentierten Haushalte mit Kinder und der ebenfalls unterrepräsentierten Erwerbstätigen (Tabelle 2 [Tab. 2]) zu berücksichtigen. Da beide Faktoren die Einstellung als auch die Nutzung bei den Haushalten tendenziell und bei der Erwerbstätigkeit signifikant erhöhen (Tabelle 5 [Tab. 5]), könnten unsere Ergebnisse nach unten verfälscht sein.

Im europäischen Vergleich ist der Anstieg der generellen Internetnutzung in Deutschland wesentlich niedriger als in den anderen, in der eHealth Trends Studie analysierten Ländern (von 63,3% auf 64,9% im Vergleich zu dem Anstieg von 60,6 % auf 67,5 % im europäischen Mittel). Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass es in Ländern wie z.B. Litauen und Polen auch noch einen deutlichen Nachholbedarf gab. Allerdings wurde für Deutschland der im Vergleich höchste Anstieg der Internet eHealth Nutzung verzeichnet (von 44,4% auf 56,5% im Gegensatz zum mittleren Anstieg von 42,3 % auf 52,2 % im europäischen Mittel) [25], [26]. Dies belegt, dass die Nutzung des Internets für Gesundheitsfragen in Deutschland in den beobachteten 18 Monaten vergleichsweise überdurchschnittlich zugenommen hat. Über Gründe hierfür kann nur spekuliert werden. Die zunächst denkbare Annahme, dass die Diskussion um die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte in der deutschen Bevölkerung zu einem höheren Bewusstsein für eHealth Services geführt haben könnte, wird eigentlich dadurch widerlegt, dass ein weiteres Ergebnis unserer Studie zeigt, dass sich über 80% der deutschen Bevölkerung diesbezüglich schlecht informiert fühlten [27].

Insgesamt gesehen, muss sich die Ärzteschaft in Deutschland also mit der Tatsache auseinandersetzen, dass sowohl die Einschätzung der Bedeutung des Internets zur gesundheitsbezogenen Informationsrecherche als auch die tatsächliche Internetnutzung für Gesundheitsfragen in der Bevölkerung deutlich zunimmt. Damit einhergehen wird in den nächsten Jahren ein höherer Anteil von Patienten, die ihren behandelnden Arzt mit medizinischen Informationen aus dem Internet konfrontieren und auch in größerem Umfang nach interaktiven internet-basierten Diensten (E-Mail-Kommunikation, elektronische Terminvereinbarung, etc.) fragen. Aktuelle Angebote von Google und Microsoft, die verstärkt den Gesundheitsmarkt ansprechen [11], werden dies noch fördern. In Dänemark wurde aufgrund dieses Trends bereits eine gesetzliche Vorgabe erlassen, dass jeder niedergelassene Arzt ab 2009 eHealth Services über das Internet anbieten muss [28].


Anmerkung

Interessenkonflikte

Keine angegeben.


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PLOs (Praktiserende Lægers Organisation) Landsoverenskomsten 01-04-2006, § 39 Tilrettelæggelse af lægebetjening i dagtiden og link er nedenstående: http://www.laeger.dk/portal/page/portal/LAEGERDK/LAEGER_DK/LOEN_OVERENSKOMSTER/PLO/LANDSOVERENSKOMSTEN2006/OVERENSKOMSTEN/PARAGRAF_39 . Archived at: http://www.webcitation.org/5UCjJxtRC Externer Link