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23. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.

24.09. - 27.09.2024, Potsdam

Gelingt es primär inaktive Personen mit chronischen Mehrfacherkrankungen an einen sportlichen Lebensstil heranzuführen? Ergebnisse einer randomisierten, kontrollierten Überlegenheitsstudie im Kontext der Gesundheitsversorgung

Meeting Abstract

  • Simone Schweda - Universitätsklinikum Tübingen, Abteilung Sportmedizin, Tübingen, Deutschland
  • Peter Martus - Universitätsklinikum Tübingen Abteilung für Klinische Epedemiologie und angewandte Biometrie, Tübingen, Deutschland
  • Gorden Sudeck - Eberhard Karls Universität Tübingen, Institut für Sportwissenschaft, Tübingen, Deutschland
  • Katja Dierkes - Eberhard Karls Universität Tübingen, Institut für Sportwissenschaft, Tübingen, Deutschland
  • Julia Schmid - Universität Bern - Institut für Sportwissenschaft, Bern, Schweiz
  • Gerhad Müller - Allgemeine Ortskrankenkasse Baden Württemberg, Stuttgart, Deutschland
  • Inga Krauß - Universitätsklinikum Tübingen, Abteilung Sportmedizin, Tübingen, Deutschland

23. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung (DKVF). Potsdam, 25.-27.09.2024. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2024. Doc24dkvf419

doi: 10.3205/24dkvf419, urn:nbn:de:0183-24dkvf4194

Published: September 10, 2024

© 2024 Schweda et al.
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Hintergrund: Die vielfältigen positiven Effekte von körperlicher Aktivität bei chronischen Erkrankungen sind bereits nachgewiesen. Trotz allem gelingt es bis dato nicht vulnerable Zielgruppen zu adressieren. Insbesondere Personen mit Mehrfacherkrankungen haben eine geringere Wahrscheinlichkeit die (inter-)nationalen Bewegungsempfehlungen zu erreichen.

Zielsetzung: Ziel dieser Studie war es zu evaluieren, ob es gelingt, primär inaktive Personen mit Multimorbidität an einen sportlichen Lebensstil heranzuführen. Es wurde davon ausgegangen, dass die Teilnehmenden die das Programm MultiPill-Exercise (IG) erhalten, nach Interventionsende sportlich aktiver sind als Personen, die die Regelversorgung der Krankenkasse (KG) erhalten.

Methode: Primär inaktive Versicherte der Allgemeinen Ortskrankenkasse Baden Württemberg (AOK BW) mit mindestens zwei der folgenden chronischen Erkrankungen oder Risikofaktoren für Diabetes Mellitus Typ 2, Übergewicht, Cox- und/oder Gonarthrose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurden eingeschlossen. An sieben Standorten der AOK BW wurde die 24-wöchige Lebensstilintervention MultiPill-Exercise durchgeführt und mit der KG, die ebenfalls Kurse zu Bewegung und/oder Ernährung erhielten, verglichen. Zur Erfassung der körperlichen Aktivität wurde der Europäische Gesundheitsfragebogen für körperliche Aktivität (EHIS-PAQ) eingesetzt. Primäre Zielmessgröße war der Index zur gesundheitsförderlichen Aktivität (HEPA Index) 24 Wochen nach Interventionsbeginn (t6). Fehlende Werte wurden mittels multipler Imputation ergänzt. Die statistische Analyse beinhaltet eine Baseline- und Studienarm- adjustierte Kovarianzanalyse. Ebenso wurde eine Responder-Analyse mittels Kreuztabellen durchgeführt um darzustellen wie viele Personen zu t6 die Bewegungsempfehlungen für Ausdauer- und Krafttraining erfüllten.

Ergebnisse: Es wurden 257 Fälle ausgewertet (IG: n = 128, KG: n= 129; ♀: 160, ♂: 97; Alter: 55,9 ± 9,7 Jahre, BMI: 33,4 ± 5,9). Beide Gruppen zeigen eine statistisch signifikante Steigerung der sportlichen Aktivität zu t6. Die IG steigerte die sportliche Aktivität von 97 (SE: 12,16) auf 196 Minuten/Woche (SE: 14,26, p < 0.001), die KG von 86 (SE: 10,76) auf 157 Minuten/Woche (SE: 15,81, p< 0.001). Die Beta-Koeffizienten zeigen eine Steigerung der IG gegenüber der KG um 35 Minuten/Woche, allerdings ist diese Veränderung im Gruppenvergleich statistisch nicht signifikant (p = 0.08). Nach t6 62% der Teilnehmenden der IG die Bewegungsempfehlungen für aerobes Training und 51% die der muskelkräftigenden Aktivitäten. Damit liegt die IG um 22% (p= 0.01) bzw. 13% (p= 0.05) über den Ergebnissen der KG.

Implikation für Forschung/Praxis: Die Studie zeigt, dass eine systematisch angeleitete Lebensstilintervention zu einer Steigerung der sportlichen Aktivität führen kann. Die Anzahl der Personen, die nach der Intervention die Bewegungsempfehlungen erfüllen, spiegelt den Erfolg des Programms wieder. Dabei ist jedoch auf die erfolgreiche KG hinzuweisen, die ebenso die sportliche Aktivität steigerte, was zum nicht signifikante Gruppenunterschied führt. Daraus wird deutlich, dass Personen mit Multimorbidität zukünftig mehr in entsprechenden Interventionen Berücksichtigung finden sollten. Durch eine Etablierung des Angebots in der Krankenkasse ist es für Versicherte eine leicht zugängliche Möglichkeit unter Aufsicht erfolgreich an einen sportlichen Lebensstil herangeführt zu werden.

Förderung: Sonstige Förderung; Projektname: MultiPill-Exercise