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Ein Hörscreening- und Interventionsprogramm für Menschen mit geistiger Behinderung in ihrem Lebensumfeld zur Einführung in Deutschland
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Veröffentlicht: | 20. August 2024 |
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Gliederung
Zusammenfassung
Hintergrund: Menschen mit geistiger Behinderung (gB) haben etwa 5–10 mal häufiger Hörstörungen als die Allgemeinbevölkerung – oft unerkannt und unbehandelt. Kürzlich wurde die deutschlandweite Einführung eines Programms von Hörscreenings, -diagnostik und -interventionen im Lebensumfeld von Menschen mit gB in Wohneinrichtungen, Werkstätten, Kindergärten und Schulen evaluiert (Schwarze et al. 2023).
Material und Methoden: Bei 1.050 Personen mit gB aller Altersgruppen wurden Hörscreenings in ihrer Lebensumgebung durchgeführt. Auf ein nicht bestandenes Screening folgten eine audiometrische Diagnostik und im Falle einer Hörstörung die Einleitung und Überwachung einer Therapie. Einhunderteinundvierzig Kontrollpersonen wurden von ihrer Krankenkasse eingeladen, das gleiche Programm in einer Klinik zu absolvieren. Beiden Kohorten durchliefen das Programm ein Jahr später nochmals, um langfristige Ergebnisse bewerten zu können.
Ergebnisse: Hörscreenings und -diagnostik in der Lebensumgebung von Menschen mit gB waren in den meisten Fällen durch Hörgeräteakustiker*innen durchführbar. Ein ärztliches Telemonitoring war in etwa 20% der Fälle nötig. Unter zeitweiligen COVID-19-Pandemie-Bedingungen, aber auch ansonsten, schien es schwierig, Zugang zu diesen Menschen zu erhalten. Von 810 kontaktierten Einrichtungen nahmen 19% teil, und vom Erstkontakt bis zum Hörscreening waren durchschnittlich 8,0% Gespräche erforderlich. Ca. 40% der Teilnehmer*innen wiesen eine Hörstörung auf. Screenings in klinischen Einrichtungen wurden kaum in Anspruch genommen.
Diskussion: Hörscreenings, Vor-Ort-Diagnostik und Interventionen einschließlich von Hörgeräteanpassungen bei Menschen mit gB erscheinen machbar und sinnvoll (Prein et al. 2024).
Fazit: Der Zugang zu Menschen mit gB in ihren Einrichtungen ist eine Barriere, die überwunden werden muss, damit ein Hörscreening-Diagnostik-Therapie-und-Monitoring-Programm landesweit umgesetzt werden kann. Entscheidend ist hierbei, Betreuungspersonen über den Nutzen regelmäßiger Hörscreenings- und -interventionen ihrer Betreuten aufzuklären.
Förderung: G-BA-Innovationsfonds, Förderkennzeichen 01NVF18038
Text
Hintergrund
Eine Reihe von Untersuchungen legt nahe, dass Menschen mit geistiger Behinderung (gB) etwa 5–10 mal häufiger Hörstörungen als die Allgemeinbevölkerung haben, die oft unerkannt und unbehandelt sind. Kürzlich wurde die deutschlandweite Einführung eines Programms von Hörscreenings, -diagnostik und -interventionen im Lebensumfeld von Menschen mit gB in Wohneinrichtungen, Werkstätten, Kindergärten und Schulen evaluiert [1].
Material und Methoden
Bei 1.050 Personen mit gB aller Altersgruppen wurden Hörscreenings in ihrer Lebensumgebung durchgeführt. Auf ein nicht bestandenes Screening folgten eine audiometrische Diagnostik und im Falle einer Hörstörung die Einleitung und Überwachung einer Therapie. Einhunderteinundvierzig Kontrollpersonen wurden von ihrer Krankenkasse eingeladen, das gleiche Programm in einer Klinik zu absolvieren. Beiden Kohorten durchliefen das Programm ein Jahr später nochmals, um langfristige Ergebnisse bewerten zu können.
Ergebnisse
Hörscreenings und -diagnostik in der Lebensumgebung von Menschen mit gB waren in den meisten Fällen durch Hörgeräteakustiker*innen durchführbar. Ein ärztliches Telemonitoring war in etwa 20% der Fälle nötig. Unter zeitweiligen COVID-19-Pandemie-Bedingungen, aber auch ansonsten, schien es schwierig, Zugang zu diesen Menschen zu erhalten. Von 810 kontaktierten Einrichtungen nahmen 19% teil, und vom Erstkontakt bis zum Hörscreening waren durchschnittlich 8,0% Gespräche erforderlich. Einer ersten Datenanalyse zufolge hatten 45% der Teilnehmenden eine Hörstörung und nur 52% hatten keine. In lediglich 3% der Fälle ließ sich der Hörstatus nicht klären. Eine Darstellung entsprechend dem Grad der Hörstörung findet sich in Abbildung 1 [Abb. 1].
Klassifiziert nach ihrer Art fanden sich Schallleitungsstörungen bei 11% der Teilnehmenden, Schallempfindungsstörungen bei 16%, kombinierte Hörstörung bei 4% und isolierte Hörstörungen (Hoch- oder Tieftonschwerhörigkeit) bei 1%. In 10% der Untersuchten war die Art einer nachgewiesenen Hörstörung nicht bestimmbar.
Die Sensitivität des Screenings lag bei 96,0% (95%-Konfidenzintervall (95%-CI) [94.1, 97.9]), die Spezifität bei 96,4% (95%-CI [94.1, 97.9]). Hörscreenings auf Einladung in klinische Einrichtungen in der Kontrollgruppe wurden kaum in Anspruch genommen.
Die bei nachgewiesenen Hörstörungen neu initiierten Interventionen wie Hörgeräteverordnungen, Medikamentenverschreibungen oder hörverbessernde Operationen waren ein Jahr später in 61% der Fälle nicht umgesetzt worden, vor allem aus mangelnder Einsicht der Betreuungspersonen der Betroffenen.
Diskussion
Hörscreenings, eine Vor-Ort-Diagnostik und Vor-Ort-Interventionen einschließlich Hörgeräteanpassungen [2] sowie regelmäßige Therapiemonitorings bei Menschen mit gB erscheinen machbar, valide und notwendig. Allerdings stellen der Zugang zu Menschen mit gB in ihren Einrichtungen und die von ihren Betreuungspersonen vermittelte Umsetzung von Interventionen eine Barriere dar, die überwunden werden muss.
Fazit
Entscheidend für die landesweite Umsetzung eines hoch sinnvoll erscheinenden Hörscreening-Diagnostik-Therapie-und-Monitoring-Programms für Menschen mit geistiger Behinderung ist es, Betreuungspersonen zur Bedeutung von Hörstörungen und zum Nutzen von Hörtestungen und -interventionen ihrer Betreuten aufzuklären. Die Betroffenen benötigen eine Hörrehabilitation und gemeinsam mit ihren Betreuer*innen ein Hör- und Kommunikationstraining.
Förderung
G-BA-Innovationsfonds, Förderkennzeichen 01NVF18038
Literatur
- 1.
- Schwarze K, Mathmann P, Schäfer K, Brannath W, Höhne PH, Altin S, Prein L, Naghipour A, Zielonkowski SM, Wasmuth S, Kanaan O, Am Zehnhoff-Dinnesen A, Schwalen AS, Schotenröhr A, Scharpenberg M, Schlierenkamp S, Stuhrmann N, Lang-Roth R, Demir M, Diekmann S, Neumann A, Gietmann C, Neumann K. Effectiveness and costs of a low-threshold hearing screening programme (HörGeist) for individuals with intellectual disabilities: protocol for a screening study. BMJ Open. 2023 May 18;13(5):e070259. DOI: 10.1136/bmjopen-2022-070259
- 2.
- Prein L, Vogt N, Neumann K. Hörgeräte-Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung in ihrem Lebensumfeld. Hörakustik. 2023 Sep;10:8-12.
- 3.
- Holube I, Dziemba O, Fedtke T, Hoth S, Michel O, Neumann K, Rahne T, Veraguth D, von Gablenz P, Wesarg T, Baljic I. Die WHO-Klassifikation von Hörverlusten: Ein Konsens zu einer deutschen Fassung [The WHO grades of hearing loss: A consensus on the German version]. HNO. 2024 Jun 13. DOI: 10.1007/s00106-024-01494-z