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Forum Medizin 21, 45. Kongress für Allgemeinmedizin und Familienmedizin

Paracelsus Medizinische Privatuniversität in Zusammenarbeit mit der Deutschen, Österreichischen und Südtiroler Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin

22.09. - 24.09.2011, Salzburg, Österreich

Wie aus Interviews ein inhaltsvalider Fragebogen werden kann – ein Beitrag zur sequentiellen mixed methods-Methodik

Meeting Abstract

  • corresponding author presenting/speaker Michael Pentzek - Abteilung für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum und Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Düsseldorf, Deutschland
  • author Anja Wollny - Institut für Allgemeinmedizin, Medizinische Fakultät, Universität Rostock, Rostock, Deutschland
  • author Oliver R. Herber - Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke, Witten/Herdecke, Deutschland
  • author Rolf Porst - Abteilung Survey Design and Methodology, GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Mannheim, Deutschland
  • author Andrea Icks - Funktionsbereich Public Health, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf; Institut für Biometrie und Epidemiologie, Deutsches Diabetes-Zentrum, Leibniz-Institut an der Universität Düsseldorf, Düsseldorf, Deutschland
  • author Heinz-Harald Abholz - Abteilung für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum und Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Düsseldorf, Deutschland
  • author Stefan Wilm - Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke, Witten/Herdecke, Deutschland

45. Kongress für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Forum Medizin 21. Salzburg, 22.-24.09.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11fom169

DOI: 10.3205/11fom169, URN: urn:nbn:de:0183-11fom1692

Published: September 14, 2011

© 2011 Pentzek et al.
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Outline

Text

Hintergrund: Die Anwendung von Studiendesigns mit einer Integration qualitativer und quantitativer Methoden (mixed methods) hat in den letzten Jahren auch in der medizinischen Forschung an Bedeutung gewonnen und wird als „third paradigm“ diskutiert [1]. In der häufig eingesetzten sequentiellen Form stellt der Prozess des Abgleichs der qualitativen Ergebnisse mit den nachfolgend einzusetzenden quantitativen Verfahren besondere methodische Herausforderungen, weil es keine standardisierte Methode gibt.

Material und Methoden: Ein qualitativ-quantitativ angelegtes Versorgungsforschungsprojekt [2] dient als Beispiel zur Darstellung unseres Vorgehens. Ziel des Projekts war die psychosoziale Charakterisierung von sehr gut vs. sehr schlecht eingestellten Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2. Zunächst wurden mögliche Charakteristika in Interviews mit Patienten und deren Hausärzten identifiziert; dann wurden diese Faktoren als Items formuliert, um sie an einer größeren Stichprobe mit einem Fragebogen zu erheben. Die im qualitativen Studienteil erarbeiteten Inhaltsanalysen der Interviews bilden den Ausgangspunkt für den hier beschriebenen mehrstufigen Prozess der Auswahl und Entwicklung von Fragebogenitems.

Ergebnisse: Sieben Schritte waren nötig, um zu einem inhaltlich validen Fragebogen zu gelangen:

1.
Ermittlung der als wichtig identifizierten Faktoren aus dem Interviewmaterial und der bestehenden Literatur.
2.
Suche nach bestehenden Fragebögen zur gleichen Thematik und Erstellung eines Itempools.
3.
Einbezug von Experten für das Forschungsthema (→ weitere Hinweise auf Studien und Fragebögen).
4.
Inhaltlicher Abgleich bestehender Fragebögen mit den in Schritt 1 gewonnenen Faktoren.
5.
Konstruktion neuer Items für Faktoren, für die keine passenden Items in bestehenden Bögen gefunden werden konnten. Die Formulierung eigener und die Adaptation entlehnter Fragen erfolgten in enger Anlehnung an unsere Interviewanalysen.
6.
Bewertung und Überarbeitung aller Items hinsichtlich methodischer Qualität [3] unter Mitarbeit eines Experten für Fragebogenentwicklung.
7.
Kognitive Pretests [4] mit der ersten Fragebogenversion: Instruktionen, Fragen und Antwortskalen wurden Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 vorgelegt, auf Verständlichkeit, Ausfüllbarkeit und inhaltliche Validität geprüft und anschließend überarbeitet.

Schlussfolgerung/Implikation: Das dargestellte Vorgehen ist ein Beispiel, wie man Interviewergebnisse in einem Fragebogen verarbeiten kann. Will man neue statt altbekannter Faktoren erfassen, dann sollten die eigenen Interviews die primäre Grundlage der Itemformulierung bilden. Bereits existierende Items sollten ergänzend nur nach Bewertung ihrer inhaltlichen und methodischen Eignung genutzt werden. Das genannte Vorgehen mündete in einen Fragebogen, der in der Lage ist, die Interviewergebnisse in inhaltlich valider Weise abzubilden. In Projekten mit einem sequentiellen mixed methods-Design sollte der Zeit- und Kostenaufwand für die Entwicklung des quantitativen Instruments angemessen berücksichtigt werden.


Literatur

1.
Dures E, Rumsey N, Morris M, Gleeson K. Mixed methods in health psychology: Theoretical and practical considerations of the third paradigm. J Health Psychol. 2010. DOI: 10.1177/1359105310377537 External link
2.
Herber OR, Wollny A, Pentzek M, Abholz HH, Icks A, Wilm S. Was erzählen Hausärzte über ihre Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2? Mögliche Gründe für unbefriedigende Blutzuckerwerte. Z Allg Med. 2010;86:203-208.
3.
Porst R. Fragebogen: Ein Arbeitsbuch. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2008.
4.
Prüfer P, Rexroth M. Kognitive Interviews. ZUMA How-to-Reihe; Nr. 15. 2005. http://www.gesis.org/fileadmin/upload/forschung/publikationen/gesis_reihen/howto/How_to15PP_MR.pdf (letzter Zugriff: 03.05.2011) External link