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GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung

Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)

ISSN 1860-3572

GMA Jahrestagung 2009 - Ein Rückblick

Konferenzbericht/conference report Humanmedizin

  • author Marianne Giesler - Universität Freiburg, Medizinische Fakultät, Studiendekanat, Freiburg, Deutschland
  • author Silke Biller - Universität Freiburg, Medizinische Fakultät, Studiendekanat, Freiburg, Deutschland
  • author Rudolf Korinthenberg - Universität Freiburg, Medizinische Fakultät, Studiendekanat, Freiburg, Deutschland
  • corresponding author Irmgard Streitlein-Böhme - Universität Freiburg, Medizinische Fakultät, Studiendekanat, Freiburg, Deutschland

GMS Z Med Ausbild 2010;27(3):Doc39

doi: 10.3205/zma000676, urn:nbn:de:0183-zma0006768

Received: May 4, 2010
Revised: May 5, 2010
Accepted: May 5, 2010
Published: May 17, 2010

© 2010 Giesler et al.
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Einleitung

Die Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) vom 8. – 10. Oktober 2009 in Freiburg befasste sich mit den Schwerpunkten „Von der Lehrverpflichtung hin zur wissenschaftlich orientierten Medizinerausbildung“, „Zukunft und Entwicklung der Lehrevaluation“ sowie „Studiengangsreformen und Implementierung neuer Studiengänge“. Ein weiteres Thema beschäftigte sich mit der „Lehre in dezentralen Ausbildungsstätten“, so dass neben den Akademischen Lehrpraxen auch die Akademischen Lehrkrankenhäuser angesprochen waren. Obwohl in Freiburg als Studiengang nicht vertreten, fand auch ein gut besuchtes Tiermedizinisches Symposium statt, und zahlreiche Zahnmediziner nahmen an der Tagung teil, um sich die vielen hochinteressanten und innovativen Beiträge zur Lehre in der Medizin anzuhören (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]).

Das gesamte Vortrags- und Posterprogramm war breit gefächert und sehr gut besucht. Auch die angebotenen Workshops (z.B. Erstellung hochwertiger MC-Fragen, Qualitative Forschungsmethoden, Evidence-based Medicine in der Lehre, Rollenstandards für Simulationspatienten) fanden großen Zuspruch. Der Donnerstagvormittag gehörte den zahlreichen Ausschusssitzungen der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung, so tagten die Ausschüsse Weiterbildung, Praktische Fertigkeiten, Studienreform sowie Neue Medien, um nur einige wenige zu nennen. Zusätzlich traf sich die Arbeitsgruppe Prüfungen des Medizinischen Fakultätentages (MFT). Am Freitag waren die Studiendekanatsleitungen und FakultätsassistentInnen zu einem gemeinsamen Treffen und Informationsaustausch geladen. Dieses Treffen fand erstmalig im Rahmen einer GMA-Tagung statt und wurde von allen TeilnehmerInnen äußerst positiv bewertet, nicht zuletzt weil die Hauptverantwortlichen dieser Veranstaltung ein gelungenes dreistündiges Programm zusammengestellt hatten, das von einer persönlichen Stadtführung interessierter Gäste umrahmt wurde.

Mehr als 400 TeilnehmerInnen zählte die Tagung und damit wurden die Zahlen der bis dahin herausragenden GMA-Tagung 2006 in Köln erreicht. Das Review-Komitee der Tagung, an dem sich allein 28 Mitglieder unserer Fakultät beteiligten sowie weitere 19 externe Reviewer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, hatte herausragende Arbeit geleistet und mit seiner Bewertung der insgesamt 167 eingereichten Abstracts eine gute Grundlage für eine qualitativ hochwertige Tagung gelegt. So wurden insgesamt 82 Vorträge sowie 71 Poster in 2 Tagen präsentiert und alle Beiträge konnten verdeutlichen, wie vielfältig sich die Lehre und die Lehrforschung in den letzten Jahren an den verschiedenen Standorten entwickelt hat (siehe Abbildung 2 [Abb. 2]).

Die Poster-Preise, gesponsert von der Firma Erler-Zimmer, wurden für die folgenden Beiträge vergeben:

  • „Wissenschaftliche Ausbildung Medizinstudierender: Wer lernt wie am besten? Didaktische Präferenzen Hamburger Medizinstudierender in Abhängigkeit vom Lerntyp“ von C. Bachmann, S. Roschlaub und H. van den Bussche, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klinik für Allgemeinmedizin, Hamburg
  • „Wird die Kommunikationsfähigkeit von Männern unterschätzt?“ von C. Heinrich, K. Gilbert, M. Sennekamp, H. M. Schäfer, F. Gerlach, JWG-Universität Frankfurt, Institut für Allgemeinmedizin, Frankfurt am Main
  • „Simulation des direkten KOH-Pilzbefundes – E-Learning einer praktischen dermatologischen Fertigkeit im Studium der Humanmedizin“ von J. Bernhardt, F. Hye, P. Bauer, G. Ginter und J. Smolle, Medizinische Universität Graz, Graz, Österreich

Inhaltlich gestalteten sich die Themenschwerpunkte der Jahrestagung wie folgt:


Von der Lehrverpflichtung hin zur wissenschaftlich orientierten Medizinerausbildung

Die Medizinischen Fakultäten Deutschlands, der Schweiz und Österreichs sehen ihre Aufgabe in der Ausbildung praktisch tätiger Mediziner, aber auch des zukünftigen wissenschaftlichen Nachwuchses. Das Thema „Von der Lehrverpflichtung hin zur wissenschaftlich orientierten Medizinerausbildung“ widmete sich dem daraus resultierenden Spannungsfeld und den Möglichkeiten zur Verbesserung der gegenwärtig nicht immer optimalen Bedingungen. Als Auftakt zu diesem Thema gab es zwei Keynote Lectures. Der GMA-Preisträger „Junge Lehrende“ aus dem Jahr 2008, Herr Dr. Tobias Weberschock, referierte zum Thema "Evidenzbasierte Medizin im Studium - Das Frankfurter Modell". Als weiterer Keynote Speaker trug Professor Dr. Georges Bordage aus Chicago das Thema "From Teaching to Scholary Teaching, to Scholarship of Teaching: Making It Count Twice" vor (siehe Abbildung 3 [Abb. 3]). In diesem Vortrag zeigte Bordage auf, dass die Forschung im Bereich der medizinischen Ausbildung noch viel zu häufig auf der beschreibenden Ebene angesiedelt ist und noch viel zu selten solche Fragen gestellt und beantwortet werden, wie „Why or how did it work?“. Um die medizinische Ausbildungsforschung voran zu bringen, ist es seiner Ansicht nach notwendig, bereits bei der Konzeption und Planung von Lehrprojekten konsequent wissenschaftlich vorzugehen. Dazu gehört etwa eine klare Bezugnahme auf wissenschaftliche Theorien oder Konzepte, aus denen sich die einzelnen Elemente des geplanten Projektes schlüssig herleiten lassen. Nur dann können nämlich diese Theorien und Konzepte überprüft und weiterentwickelt werden, nur dann ergeben sich Erkenntnisse, die wiederum von anderen für ihre Arbeit genutzt werden können. In diesem Sinne zahlt sich die eigene Arbeit dann tatsächlich doppelt aus: Einerseits lokal durch ein innovatives Lehrprojekt und andererseits durch allgemeine Erkenntnisse für die Scientific Community der medizinischen Ausbildungsforschung.


Zukunft und Entwicklung der Lehrevaluation

Die Approbationsordnung schreibt eine systematische Evaluation des Lehrerfolges unter Beteiligung der Studierenden vor. Während die Fakultäten diesen Auftrag umsetzen, bleiben viele Fragen zur Praxis und Validität der studentischen Evaluation weiter zu klären. Von daher hatte das Kompetenzzentrum für Lehrevaluation im Vorfeld der Tagung Überlegungen angestellt, zu ihrem Hauptthema Arbeitsgruppen anzubieten, mit dem Ziel eines intensiven fakultätsübergreifenden Gedankenaustausches. Nach dem Einführungsvortrag von Professor Dr. Ulrich Voderholzer aus Freiburg über "Evaluation der medizinischen Ausbildung: Sinn oder Unsinn?" wurden fünf Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen angeboten, die alle einen überaus großen Zuspruch fanden und deren Ergebnisse anschließend im Plenum vorgestellt und nochmals intensiv diskutiert wurden.

Im Folgenden sind die wichtigsten Ergebnisse dargestellt:

  • Benchmarking in der Evaluation: Ist ein standortübergreifender Vergleich von Fächern möglich?: Da Benchmarking oftmals als problematisch erlebt wird (z.B. Pseudoobjektivierung, fragliche Qualität der verwendeten Kriterien und Instrumente), sollten immer Qualitätsstandards definiert und evidenzbasierte Kriterien herangezogen werden. Vor allem die Lernfunktion von Benchmarking sollte in Zukunft stärker hervorgehoben werden. Mögliche Kriterien für Benchmarking können strukturbezogen (z.B. Betreuungsrelation), prozessbezogen (z.B. Zulassungskriterien) und ergebnisbezogen (z.B. Patientensicherheit) sein.
  • Evaluation im Praktischen Jahr: MiniCEX als formative Evaluation - Erfahrungen und Nutzen im PJ: Die Studierenden mahnen in Evaluationen immer wieder an, dass im PJ zu wenig Feedback stattfindet. Eine mögliche Methode, Feedback im Rahmen des PJ „hoffähig“ zu machen und eine strukturierte Ausbildung zu gewährleisten, wäre die Einführung von MiniCEX. Doch sollte MiniCEX nur nach entsprechenden Feedback-Schulungen von Dozierenden und Studierenden eingeführt werden, und ausschließlich als formative Methode.
  • DozentInnenevaluation: Peer- und Selbstevaluation als Qualitätsinstrument. Verbessert dies die Lehre?: Peer- und Selbstevaluationen sollten kontinuierlich erfolgen. Während die Selbstevaluation beispielsweise in einem Portfolio-Format denkbar ist, das auch in elektronischen Systemen verankert werden kann, müssten für Peerevaluationen noch geeignete Instrumente entwickelt werden. Zu empfehlen wäre auch eine Gegenüberstellung von Ergebnissen der Peerevaluationen mit den Ergebnissen studentischer Lehrevaluationen.
  • Die „Gender-Perspektive“: Eine bedeutende Variable in der Evaluation interaktiver und kommunikativer Kompetenzen in standardisierten OSCE-Prüfungen?: Verschiedene Fragen wurden im Rahmen der Arbeitsgruppe diskutiert, so z.B. inwieweit es bereits im Lehrangebot und Lernverhalten genderspezifische Präferenzen gibt bzw. inwieweit Unterschiede im Kommunikationsverhalten zwischen Studenten und Studentinnen sowie männlichen und weiblichen Patienten bestehen. Zusammenfassend betrachtet wird die gendertypische Kommunikation eher als eine Bereicherung und nicht als ein Problem angesehen. Eine individuelle Förderung kommunikativer Kompetenzen sollte jedoch in jedem Fall angestrebt werden.
  • Kompetenzentwicklung: Wie lassen sich Kompetenzen der Stufen 3 und 4 des Kirkpatrick-Modells objektiv erfassen?: Um die Entwicklung von Kompetenzen feststellen zu können, sind medizinische Leitlinien zu berücksichtigen (Bestpractice, EBM). Zur Sicherstellung der Objektivität der Messung sind mindestens zwei Beurteiler erforderlich. Darüber hinaus sollte die Beurteilung einer spezifischen Kompetenz immer in verschiedenen Situationen bzw. Kontexten stattfinden. Es existieren bereits einige Methoden zur Erfassung von Kompetenzniveaus wie beispielsweise MiniCEX, Portfolios, Skriptkonkordanz, strukturierte Interviews mit Checklisten, 360°-Evaluationen. Es bedarf jedoch noch der Klärung, wie sich diese Methoden unter der Bedingung hoher Studierendenzahlen angemessen anwenden lassen.

Akademische Lehrkrankenhäuser und Lehrpraxen: Lehre in dezentralen Ausbildungsstätten

Dieses Thema widmete sich der Frage, wie die Lehre in dezentralen Lehrstätten sowohl in den Blockpraktika bzw. den Lehrveranstaltungen des klinischen Studienabschnitts als auch im Praktischen Jahr bezüglich ihrer Organisation, Qualität und Vergleichbarkeit verbessert werden kann. Als Keynote Speaker referierte Professor Dr. Thorsten Schäfer, Studiendekan aus Bochum, zum Thema „Dezentrale Ausbildung – Einheit versus Pluralismus“.


Studiengangsreformen und Implementierung neuer Studiengänge

Bei diesem Thema standen vor allem die Reformansätze und Weiterentwicklungen der Curricula traditioneller Studiengänge seit der letzten Novellierung der ÄAppO im Vordergrund, aber auch die Integration medizinnaher Studiengänge, wie z.B. Pflegewissenschaften oder Medizintechnik in die medizinischen Fakultäten. Zur Einstimmung in diesen Themenkomplex berichtete Frau PD Dr. Sigrid Harendza mit ihrem Vortrag: "Studienreform - Die große Chance für eine Fakultät" über die Erfahrungen der Hamburger Fakultät und Herr Dr. Gerhard Werner aus Freiburg referierte über kapazitätsrechtliche Aspekte der Implementierung neuer Studiengänge, damit sich zukünftige Studiengangsentwickler im Irrgarten der KapVo zurechtfinden können.


Kompetenzbasierter nationaler Lernzielkatalog

Eine zentrale Rolle der diesjährigen GMA-Tagung nahm die Erstellung eines kompetenzbasierten Nationalen Lernzielkataloges ein, mit der die Gesellschaft für Medizinische Ausbildung von Seiten der Kultusministerkonferenz im letzten Jahr betraut worden war. Professor Dr. Martin Fischer aus Witten-Herdecke berichtete zunächst im Plenum über den Stand der bisherigen Entwicklung und im Anschluss fand ein Treffen der Fachleute zu diesem Thema statt, bei dem die weitere Vorgehensweise diskutiert wurde.


Schlusswort und Danksagung

Für das Kompetenzzentrum Lehrevaluation in Baden-Württemberg war es natürlich selbstverständlich, dass in Freiburg eine Kongressevaluation durchgeführt wurde. Aufgrund intensiver Werbemaßnahmen wurden immerhin 84 Evaluationsbögen an uns zurückgegeben, eine Rücklaufquote von ca. 20%. Bei der Auswertung zeigte sich, dass 77% die Qualität der Keynote Lectures als hoch bis sehr hoch einschätzten und 85% empfanden die Anzahl der Lectures als genau richtig. Auch die erstmalig angebotenen Arbeitsgruppen zu „Zukunft und Entwicklung der Lehrevaluation“ zeigten positive Resonanz.

Auf die Frage „Was war besonders gut?“ wurden die Organisation, die Atmosphäre sowie die Vorträge und Keynote Lectures genannt. Positive Stimmen gab es außerdem für die Workshops und Arbeitsgruppen sowie für die Möglichkeit des Austausches mit Kollegen. Dagegen fanden die Posterpräsentationen wenig Gefallen, vor allem aufgrund der schlechten Akustik in den dafür vorgesehenen Räumlichkeiten. Auch standen die vielen Parallelveranstaltungen (Workshops, Posterpräsentationen und Ausschüsse) im Zentrum der Kritik.

Das Organisationsteam des Studiendekanates, das auch von einer Reihe sehr engagierter studentischer MitarbeiterInnen unterstützt wurde, möchte sich abschließend für die vielen anerkennenden Stimmen zur Freiburger GMA-Tagung bedanken. Wir hoffen, dass Freiburg den Mitgliedern der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung sowie den Besuchern des Kongresses noch lange in sehr positiver Erinnerung bleiben wird.

Allen Mitwirkenden bei dieser Tagung sei an dieser Stelle nochmals ganz herzlich für das überaus große Engagement gedankt (siehe Abbildung 4 [Abb. 4]).

Die nächste Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung findet vom 23. bis 25. September in Bochum unter dem Motto „Viel verändert – viel erreicht? Bilanz und Zukunft der Studienreformen“ statt. Wir wünschen den Organisatoren in Bochum eine gelungene Tagung und freuen uns auf ein Wiedersehen 2010.