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10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung, 18. GAA-Jahrestagung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.
Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie e. V.

20.-22.10.2011, Köln

Effekt der Delegation hausärztlicher Hausbesuche auf die Entwicklung der Patientenzahlen in den Hausarztpraxen eines Medizinischen Versorgungszentrums

Meeting Abstract

  • corresponding author presenting/speaker Neeltje van den Berg - Universitätsmedizin Greifswald, Inst. für Community Medicine, Greifswald, Deutschland
  • author Romy Heymann - Universität Greifswald, LS für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement, Greifswald, Deutschland
  • author Claudia Meinke - Universitätsmedizin Greifswald, Inst. für Community Medicine, Greifswald, Deutschland
  • author Sebastian Baumeister - Universitätsmedizin Greifswald, Inst. für Community Medicine, Greifswald, Deutschland
  • author Steffen Fleßa - Universität Greifswald, LS für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement, Greifswald, Deutschland
  • author Wolfgang Hoffmann - Universitätsmedizin Greifswald, Inst. für Community Medicine, Greifswald, Deutschland

10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. 18. GAA-Jahrestagung. Köln, 20.-22.10.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dkvf065

DOI: 10.3205/11dkvf065, URN: urn:nbn:de:0183-11dkvf0654

Veröffentlicht: 12. Oktober 2011

© 2011 van den Berg et al.
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Gliederung

Text

Hintergrund: In den AGnES-Projekten (AGnES = Arztentlastende, Gemeindenahe, E-Healthgestützte, Systemische Intervention) wurden hausärztliche Hausbesuche an qualifizierte PraxismitarbeiterInnen (AGnES-Fachkräfte) delegiert. Hauptziel war die Entlastung des Hausarztes, um diesen in der Lage zu versetzen, mehr Patienten zu behandeln [1], [2].

Auf der Basis der durchgeführten AGnES-Hausbesuche wurde hochgerechnet, wie viele Patienten ein Hausarzt unter optimalen Bedingungen zusätzlich behandeln könnte. Am Beispiel des Modellprojektes AGnES-Brandenburg (Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) mit 6 Hausarztpraxen, davon 4 mit AGnES-Unterstützung) wurden die tatsächlichen Auswirkungen der Unterstützung durch die AGnES-Fachkräfte auf die Gesamtanzahl der Patienten in den teilnehmenden Hausarztpraxen ermittelt.

Material und Methoden: Die Daten zur Anzahl und Dauer der AGnES-Hausbesuche sowie die Fahrzeiten wurden der Projektdokumentation entnommen. Angenommen wurde, dass eine AGnES-Fachkraft zu 50% in der Hausarztpraxis beschäftigt ist. Auf der Basis dieser Daten wurde die durchschnittliche Kapazität einer AGnES-Fachkraft berechnet. Mit Daten zu Konsultationszeiten aus der Literatur [3] wurde hieraus die Anzahl möglicher zusätzlicher Patienten in der Hausarztpraxis berechnet.

Für die zweite Analyse wurden die Patientenzahlen pro Quartal aus den Abrechungsdaten des MVZ erhoben. Für die zwei nicht-teilnehmenden und die vier teilnehmenden Hausarztpraxen wurden die Unterschiede zwischen den durchschnittlichen Patientenzahlen vor und während der Intervention berechnet. Mit dem nicht-parametrischen Wilcoxon Rangsummentest wurden die Unterschiede in den Patientenzahlen zwischen Praxen mit und ohne AGnES-Fachkraft statistisch analysiert.

Ergebnisse: Eine 0,5 AGnES-Fachkraft kann durchschnittlich 688 Hausbesuche/Jahr durchführen und erarbeitet dem Hausarzt eine durchschnittliche zeitliche Entlastung von 360 Stunden/Jahr. Unter der Annahme, dass der Hausarzt 80% der eingesparten Zeit für Konsultationen verwendet, könnte er jährlich 2.038 zusätzliche Konsultationen durchführen. Bei durchschnittlich 3 Patientenkontakten entspricht dies pro Quartal 170 zusätzlichen Patienten.

Im MVZ Brandenburg betrug die durchschnittliche Anzahl der Patienten bei den teilnehmenden Praxen 1245/Quartal in den 4 Quartalen vor der Intervention und 1378/Quartal während der 8 Quartalen der Intervention (+ 133 Patienten). Bei den nicht-teilnehmenden Hausarztpraxen betrug die durchschnittliche Anzahl der Patienten vor der Intervention 415/Quartal, während der Intervention 519/Quartal (+ 104 Patienten; p=0,643).

Schlussfolgerung: Die teilnehmenden Hausarztpraxen konnten pro Quartal durchschnittlich 133 zusätzliche Patienten behandeln, obwohl diese Praxen bereits vor der Intervention überdurchschnittlich groß waren. Gleichzeitig stiegen die Patientenzahlen auch in den nicht-teilnehmenden Praxen. Der erhebliche Größenunterschied zwischen den teilnehmenden und nicht-teilnehmenden Praxen schränkt einen direkten Vergleich ein.

Die Ergebnisse dieser orientierenden Analyse sprechen dafür, dass eine tatsächliche Erhöhung der Patientenzahlen in einer Hausarztpraxis durch die Implementierung des AGnES-Konzeptes möglich ist. Ein Nachweis erfordert jedoch eine prospektiv randomisierte Studie.


Literatur

1.
van den Berg N, Meinke C, Heymann R, Fiß T, Suckert E, Pöller C, Dreier A, Rogalski H, Karopka T, Oppermann R, Hoffmann W. AGnES: Hausarztunterstützung durch qualifizierte Praxismitarbeiter - Evaluation der Modellprojekte: Qualität und Akzeptanz. Deutsches Ärzteblatt. 2009;106(1-2): 3-9.
2.
van den Berg N, Meinke C, Matzke M, Heymann R, Fleßa S, Hoffmann W. Delegation of GP-home visits to qualified practice assistants: assessment of economic effects in an ambulatory healthcare centre. BMC Health Services Research. 2010;10:155.
3.
van den Brink-Muinen A, Verhaak PFM, Bensing JM, et al. Communication in general practice: differences between European countries. Fam Pract. 2003;20(4):478-85.