gms | German Medical Science

10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung, 18. GAA-Jahrestagung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.
Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie e. V.

20.-22.10.2011, Köln

Die Biographieanalyse – ein qualitatives Verfahren zur Untersuchung der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen am Beispiel der Inanspruchnahme künstlicher Befruchtung (IVF/ICSI)

Meeting Abstract

Suche in Medline nach

  • corresponding author Britt Hoffmann - Institut für Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie, Magdeburg, Deutschland

10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. 18. GAA-Jahrestagung. Köln, 20.-22.10.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dkvf054

DOI: 10.3205/11dkvf054, URN: urn:nbn:de:0183-11dkvf0547

Veröffentlicht: 12. Oktober 2011

© 2011 Hoffmann.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Text

Hintergrund: Mit Methoden qualitativer Sozialforschung kann die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen ausgehend von subjektiven Handlungsorientierungen und Sinnzuschreibungen der Patientinnen untersucht werden. Am Beispiel der Inanspruchnahme künstlicher Befruchtung (IVF, ICSI) soll gezeigt werden, welches spezifische Erkenntnisinteresse das qualitative Verfahren der Biographieanalyse nach Schütze [1], [2] verfolgt und welchen Nutzen es für die Versorgungsforschung haben kann. Die Reproduktionsmedizin ist durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet: a) Der Krankheitswert der ‚ungewollten Kinderlosigkeit’ ist umstritten. b) In der Reproduktionsmedizin kombinieren sich relativ geringe Erfolgquoten (ca. 17% Baby-take-Home Rate nach IVF/ ICSI) mit der Wiederholungsmöglichkeit der Behandlung. Beide Merkmale stellen die Patientinnen vor die Herausforderung, ihren Behandlungsplan wesentlich entlang eigener Relevanzen zu gestalten.

Material und Methoden: Das Verfahren der Biographieanalyse nach Schütze wurde auf das empirische Material von insg. 18 autobiographisch-narrativen Interviews mit Frauen angewandt, die künstliche Befruchtungen (IVF/ICSI) ohne Erfolg (Geburt eines Kindes) endgültig beendet haben. Wesentliches Merkmal der Biographieanalyse nach Schütze ist das Interesse an den Erfahrungen und dem Erleben der Subjekte auf dem Wege der Erzählung. Die besondere Erkenntnisperspektive der Biographieanalyse wird bestimmt durch drei Merkmale: 1) die prozessuale Analyse: sie verfolgt die langfristigen Handlungs- und Erleidensprozesse der Patientinnen entlang der Bedingungen ihrer Entstehung, Aufrechterhaltung und Veränderung, 2) die kontextuelle Analyse: durch definierte Analyseschritte, die das ‚Was’ (Inhalt) mit dem ‚Wie’ (Sprache) verzahnen, bleiben die subjektiven Kundgaben der Patientinnen auf den Kontext ihrer Entstehung bezogen, werden also nicht kontextfrei interpretiert, 3) die fallvergleichende Analyse: nach der Einzelfallanalyse werden Patientenfälle systematisch miteinander verglichen, die sich minimal und maximal voneinander unterscheiden. Der systematische Fallvergleich ist Basis für die Entwicklung eines theoretischen Modells.

Ergebnisse: Auf der empirischen Basis einer weitgehend offenen Steggreiferzählung der Lebens- und Behandlungsgeschichte konnten mit der Biographieanalyse Prozesse des Umgangs mit der Reproduktionsmedizin herausgearbeitet werden. Sie lassen sich einerseits als zunehmende Extremfokussierung auf die Behandlung und andererseits als kritisch-distanziertes Inanspruchnahmeverhalten maximal kontrastieren. Außerdem konnten biographische und soziale Bedingungen des Inanspruchnahmeverhaltens herausgearbeitet werden.

Schlussfolgerung: Die spezifische Erkenntnisperspektive der Biographieanalyse nach Schütze erlaubt es, langfristige Handlungs- und Erleidensprozesse systematisch aus der Sicht der Betroffenen zu untersuchen – und zwar auch solche Prozesse, die für die Patientinnen „seen, but unnoticed“ (Harold Garfinkel) sind. Die ärztliche Kenntnis der biographischen und sozialen Bedingungen, die den Umgang der Patientinnen mit den therapeutischen Angeboten beeinflussen, kann in der medizinischen Praxis die Ausrichtung auf eine rein biowissenschaftlich standardisierte Versorgung überwinden und für die psycho- und soziosomatischen Aspekte der ungewollten Kinderlosigkeit und ihrer Behandlung sensibilisieren – kurz, den umsichtigen Blick für die Individualität des Falles verbreitern und vertiefen.


Literatur

1.
Schütze F. Prozeßstrukturen des Lebenslaufs. In: Matthes J, et al, Hrsg. Biographie in Handlungswissenschaftlicher Perspektive. Nürnberg: Sozialwissenschaftliches Forschungszentrum der Universität Erlangen-Nürnberg; 1981. p. 67-156.
2.
Schütze F. Biography analysis on the empirical base of autobiographical narratives - how to analyse autobiographical narratives interviews. Part 1. 2007. Available from: http://www.forschung-sachsen-anhalt.de/ Externer Link