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29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

21.09. - 23.09.2012, Bonn

Nutzung von FM-Anlagen durch hörgeschädigte Schülerinnen und Schüler an Regelschulen in Rheinland-Pfalz

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Harriet von Creytz - Klinik für Kommunikationsstörungen, Mainz, Deutschland
  • Claudius Reutter - Akademie für Zahnärztliche Fortbildung, Karlsruhe, Deutschland
  • Annerose Keilmann - Klinik für Kommunikationsstörungen, Mainz, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Bonn, 21.-23.09.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12dgppV47

DOI: 10.3205/12dgpp83, URN: urn:nbn:de:0183-12dgpp832

Veröffentlicht: 6. September 2012

© 2012 von Creytz et al.
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Gliederung

Zusammenfassung

Einleitung: Kinder mit Schwerhörigkeiten müssen über hohe Kommunikations- und Konzentrationsfähigkeiten verfügen, wenn Sie erfolgreich eine Regelschule besuchen möchten. FM-Anlagen sollen den betroffenen Kindern helfen, dem Unterricht besser folgen und an ihm verstärkt interaktiv teilnehmen zu können. Ziel der Studie war die Exploration des aktuellen Standes der Nutzung von FM-Anlagen von Schülern und Schülerinnen an Regelschulen in Rheinland-Pfalz. Zudem sollten aus Sicht der Betroffenen sowie deren Eltern und der Lehrer die Vor- und Nachteile der FM-Anlagen-Nutzung beschrieben werden.

Material und Methoden: Zu Ende des Schuljahres 2008 wurden 165 Fragebögen an Schüler und Schülerinnen mit Hörstörungen an Regelschulen verteilt. Alle diese Schüler befanden sich in kontinuierlicher Betreuung durch die drei rheinland-pfälzischen Förderschulen für Schwerhörige (Trier, Neuwied, Frankenthal). Die Auswahl der Schüler erfolgte durch diese drei Förderschulen. Wir erfragten den Nutzungsgrad der FM-Anlagen im Unterricht sowie die Vor- und Nachteile der Nutzung aus Sicht der Schüler und Schülerinnen, deren Eltern sowie der betreuenden Lehrer.

Ergebnisse: Von 165 verteilten Fragebögen konnten 115 ausgewertet werden. 93% der Schüler besaßen eine FM-Anlage, davon benutzten knapp 3% das Gerät überhaupt nicht. 80% der Schüler nutzten die FM-Anlage regelmäßig im Unterricht. 90% gaben eine bessere Lehrerverständlichkeit an. Für 62% zeigte sich eine verbesserte Kommunikation mit den Mitschülern. Störgeräusche waren für über die Hälfte der Nachteil bei der FM-Anlagen-Nutzung. Aus Sicht der Lehrer war die Verbesserung der Aussprache bei 75% der Schüler der wichtigste Vorteil der Nutzung.

Diskussion: Schüler, Eltern und Lehrer beschrieben Vorteile der Nutzung der FM-Anlage. Neben technischen Optimierungswünschen standen v.a. die Störgeräusche im Mittelpunkt der Kritik. Es ist nicht auszuschließen, dass sich unter denen, die den Fragebogen nicht zurückgesendet haben, vermehrt die Schüler befanden, die keine FM-Anlage nutzten.


Text

Einleitung

Kinder mit Schwerhörigkeiten müssen über hohe Kommunikations- und Konzentrationsfähigkeiten verfügen, wenn sie erfolgreich eine Regelschule besuchen möchten. FM-Anlagen sollen den betroffenen Kindern helfen, dem Unterricht besser folgen und an ihm verstärkt interaktiv teilnehmen zu können. Ziel der Studie war die Exploration des aktuellen Standes der Nutzung von FM-Anlagen von Schülern und Schülerinnen an Regelschulen in Rheinland-Pfalz. Zudem sollten aus Sicht der Betroffenen sowie deren Eltern und der Lehrer die Vor- und Nachteile der FM-Anlagen-Nutzung beschrieben werden.

Material und Methode

Mittels standardisierter Fragebögen wurden bei hörgeschädigten Schülern und ihrem direkten Umfeld der Einsatz von FM-Anlagen im Unterricht und Vor- und Nachteile aus der Sicht der Betroffenen eruiert. Befragt wurden hörbehinderte Kinder und Jugendliche an Regelschulen, die sich in kontinuierlicher ambulanter Mitbetreuung durch die drei rheinland-pfälzischen Förderschulen in Frankenthal, Neuwied und Trier befanden, sowie deren Klassenlehrer und Eltern. Die Probandenselektion erfolgte durch diese drei Förderschulen. Die Zustimmungen des Datenschutzbeauftragten des Landes Rheinland-Pfalz und der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier lagen vor.

Ergebnisse

Bei 115 von 165 Probanden konnten belastbare Daten erhoben werden. Auffällig war die homogene Verteilung von Jungen und Mädchen an allen drei Förderschulen im Verhältnis 60 zu 40. 60% der Probanden waren Grundschüler; von den übrigen Schülern besuchte über die Hälfte das Gymnasium. Es lagen in 2/3 der Fälle bilateral symmetrische Hörstörungen vor. Die Versorgung mit Hörgeräten war bei 73 Schülern (66,4%) bilateral erfolgt, bei 11 (10%) unilateral. 21 Schüler (19,1%) waren bilateral mit einem Cochlea-Implant (CI) versorgt, 1 Schüler unilateral mit einem CI. 3 Schüler waren bimodal, ein Schüler nicht versorgt (keine Hörgeräteindikation).

Die Versorgung mit einer FM-Anlage erfolgte am häufigsten um den Zeitpunkt der Einschulung. 80% der Schüler nutzen die FM-Anlage regelmäßig im Unterricht (regelmäßige Nutzung bei 90% der Mädchen und 10% der Jungen). 90% gaben an, den Lehrer besser zu verstehen, 83% den Belastungen des Unterrichts eher gewachsen zu sein, für rund 62% gestaltete sich die Kommunikation mit den Mitschülern besser. Dem gegenüber litten 52% unter den durch die FM-Anlage verursachten Störgeräuschen und für 30% war das Tragen des Gerätes unangenehm (s. Abbildung 1 [Abb. 1]). Aus Sicht der Lehrer dominierte die Verbesserung der Aussprache bei 75% der FM-Anlagen-Nutzer. In knapp 70% bzw. 60% der Fälle ergab sich auch eine Verbesserung der Konzentration bzw. der Leistungsfähigkeit. Bezüglich der Mitarbeit und einer verringerten Ermüdung sahen 50% der Lehrer keinen Gewinn (s. Abbildung 2 [Abb. 2]). Die Beurteilung einer Verbesserung der Aussprache wurde insgesamt von Lehrern und Eltern etwa gleichwertig eingestuft, jedoch mit großen auf den einzelnen Schüler bezogenen Streuungen der Einschätzungen zwischen den beiden Gruppen.

Diskussion

Schüler, Eltern und Lehrer erkannten überwiegend Vorteile durch den Einsatz von FM-Anlagen. Auffällig war, dass 60% der befragten Schüler sich auf die ersten vier Grundschulklassen verteilten. Es werden somit relativ weniger Schüler in den weiter führenden Schulen von den Schwerhörigenschulen mitbetreut. Mögliche Gründe dafür können eine Beendigung der externen Betreuung aus organisatorischen Gründen oder die weitere Beschulung schwerhöriger Schüler in einer Förderschule sein. Es ist zu vermuten, dass unter den Schülern, von denen wir keine Antwort erhalten haben, der Anteil derer, die keine FM-Anlage nutzen, höher ist, und sie sich vielleicht gegen eine Beteiligung an unserer Umfrage entschieden haben, weil sie kein FM-System nutzten.

Fazit

Die Nutzung von FM-Anlagen kann durch die Hörstörung verursachte Defizite, unter denen hörbehinderte Kinder an Regelschulen im Vergleich zu ihren Klassenkameraden leiden, zumindest zum Teil kompensieren und ermöglicht ihnen eine aktivere und erleichterte Teilnahme am Unterricht.

Anmerkung

Diese Arbeit enthält wesentliche Teile der Dissertation von C. Reutter.