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27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

17.09. - 19.09.2010, Aachen

Orofaziale Spalten – Ursache für Sprachentwicklungsstörungen?

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Anne Jurkutat - Lehrstuhl für Sprachheilpädagogik, Universität Würzburg, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Aachen, 17.-19.09.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10dgppV52

DOI: 10.3205/10dgpp77, URN: urn:nbn:de:0183-10dgpp773

Veröffentlicht: 31. August 2010

© 2010 Jurkutat.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Bei Kindern mit angeborenen orofazialen Spalten ist ein Kausalzusammenhang zwischen peripher-organischem Defekt und resultierenden Sprechstörungen offensichtlich. Ob darüberhinaus sprachsystematische Entwicklungsabweichungen vorliegen, gilt als umstritten. Als Ursachenfaktoren werden begleitende Schallleitungsschwerhörigkeiten, phonetische Auffälligkeiten und psychosoziale Aspekte in Betracht gezogen.

Material und Methoden: Eine Gruppe vierjähriger Kinder (N=10) mit isolierter Gaumenspalte und Lippen-Kiefer-Gaumenspalte wurde hinsichtlich ihrer sprachlichen Kompetenzen mit einer Kontrollgruppe (N=10) verglichen. Die Sprachstandserhebung umfasste die Überprüfung phonetischer Fähigkeiten, expressiver/rezeptiver phonologischer, semantisch-lexikalischer und morphologisch-syntaktischer Leistungen sowie Aspekten der phonologischen Bewusstheit und des Arbeitsgedächtnisses anhand standardisierter und informeller Testverfahren.

Ergebnisse: Neben der quantitativen Auswertung mittels U-Test von Mann-Whitney wurden qualitative Analysen vorgenommen. Einige der Spaltkinder zeigten phonetische Einschränkungen, wenngleich statistisch nicht bedeutsam. Hinsichtlich der sprachlichen Dimensionen wurden weder quantitativ noch qualitativ Gruppenunterschiede ermittelt. Hingegen wies die Spaltgruppe tendenziell signifikant (p<.10) schwächere metaphonologische Kompetenzen (Untertest Reime erkennen) sowie ein signifikant (p<.05) schlechteres Leistungsvermögen bezüglich des Arbeitsgedächtnisses auf.

Diskussion: Die erhobenen Daten tragen zur Manifestation eines kritischen Standpunktes gegenüber der Annahme einer zentralen sprachentwicklungsbehindernden Rolle orofazialer Spalten bei.


Text

Einleitung und Hintergrund

Als Ursache einer Sprachentwicklungsstörung bei Kindern mit orofazialer Spaltbildung werden psychosoziale Faktoren (Störung der Eltern-Kind-Interaktion) [1], begleitende Schallleitungsschwerhörigkeiten (SLS) [2] sowie phonetische Auffälligkeiten [3] in Betracht gezogen.

Keine der aktuell diskutierten Spracherwerbstheorien ist in der Lage ist, das Phänomen des kindlichen Spracherwerbs in all seinen Dimensionen zu erklären, gegenstandsbezogen kann ihnen jedoch eine unterschiedliche Aussagekraft zugesprochen werden. Bezüglich des Erwerbs sprachstruktureller Eigenschaften (Phonologie, Morphologie, Syntax) ist von einer weitgehenden Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen auszugehen. Theoretische und empirische Belege zeigen, dass Störungen des Erwerbs wesentlicher linguistischer Strukturbereiche nicht ursächlich auf ein unzureichendes Sprachangebot auf der Grundlage einer psychosozialen Beziehungsstörung zwischen Kind und Bezugsperson zurückführbar sind [4].

Nahezu alle Kinder mit Spaltbeteiligung des Gaumens sind von wiederholten Episoden chronischer Mittelohrentzündung mit SLS betroffen. Ergebnisse kontrollierter Therapiestudien bestätigen, dass SLS keine langfristigen negativen Auswirkungen auf den Aufbau des Sprachsystems nach sich ziehen [5]. Die Wiederherstellung des Hörvermögens geht unmittelbar mit einer Verbesserung auditiver Wahrnehmungsleistungen einher, minimale Einschränkungen können jedoch auch nach hörverbessernden Maßnahmen andauern [6]. Möglicherweise bedingen subtile Hörstörungen Defizite bezüglich der phonologischen Bewusstheit und des Arbeitsgedächtnisses [7].

Die Mehrheit aller Spaltkinder mit Beteiligung des Gaumens weist artikulatorische Beeinträchtigungen unterschiedlichen Ausmaßes auf. Einige Autoren vertreten die Ansicht, dass artikulatorische Fähigkeiten den Aufbau des muttersprachlichen Phoneminventars determinieren [3]. Diesbezüglich existieren jedoch weder hinreichend begründete Theorien noch empirische Belege, die die Annahme einer direkten negativen Beeinflussung des Erwerbs phonologischer Kompetenzen durch ein eingeschränktes Artikulationssystem stützen. Spaltspezifische artikulatorische Auffälligkeiten können anhand phonologischer Prozesse beschrieben werden, sind jedoch nicht primär phonologischer Natur, es sei denn, es lassen sich rezeptiv phonologische Defizite nachweisen.

Im Rahmen der vorliegenden Studie wurde folgende Hypothese überprüft: Kinder mit Spaltbildung weisen keine sprachstrukturellen Defizite auf.

Material und Methode

Der Querschnittsstudie lag ein quasi-experimentelles Design mit einer Versuchsgruppe vierjähriger Kinder (N=10) mit isolierter Gaumenspalte/Lippen-Kiefer-Gaumenspalte und einer Kontrollgruppe (N=10) zugrunde. Die Sprachstandserhebung umfasste die Überprüfung phonetischer Fähigkeiten, expressiver/rezeptiver phonologischer, semantisch-lexikalischer, morphologisch-syntaktischer Leistungen sowie Aspekten der phonologischen Bewusstheit und des Arbeitsgedächtnisses anhand standardisierter (Psycholinguistischer Entwicklungstest (PET) [8], Psycholinguistische Analyse Kindlicher Sprechstörungen (PLAKSS) [9] und informeller Testverfahren (Patholinguistische Diagnostik [10], Computergestützte Profilanalyse (COPROF) [11], Pyrmonter Inventar Metaphonologischer Fähigkeiten (PIMF) [12]).

Ergebnisse

Neben der quantitativen Auswertung mittels U-Test von Mann-Whitney wurden qualitative Analysen vorgenommen. Verglichen mit der Kontrollgruppe zeigten die Spaltkinder, wenngleich statistisch nicht signifikant, eine größere Anzahl konstanter und inkonstanter artikulatorischer sowie physiologischer phonologischer Prozesse. Eine tendenziell statistisch bedeutsame Differenz bestand bezüglich der Auftretenshäufigkeit pathologischer phonologischer Prozesse in Form von Rückverlagerungen (p=.06). Hinsichtlich der sprachlichen Dimensionen wurden weder quantitativ noch qualitativ Gruppenunterschiede ermittelt. Hingegen wies die Spaltgruppe tendenziell signifikant schwächere metaphonologische Kompetenzen (Untertest Reime erkennen, p=.09) sowie ein signifikant schlechteres Leistungsvermögen bezüglich des Arbeitsgedächtnisses (p=.02) auf.

Diskussion

Anhand der Ergebnisse der vorliegenden Studie kann die Ausgangshypothese verifiziert werden: Die hier untersuchten Spaltkinder wiesen tendenziell schlechtere artikulatorische Kompetenzen auf, erzielten aber dennoch altersgerechte Leistungen in allen sprachlichen Dimensionen. Vorbehaltlich des geringen Stichprobenumfangs tragen die erhobenen Daten zur Manifestation eines kritischen Standpunktes gegenüber der Annahme einer zentralen sprachentwicklungsbehindernden Rolle orofazialer Spalten bei. Ein physiologischer Erwerb linguistischer Kompetenzen ist auch bei spaltbedingten artikulatorischen Einschränkungen sowie wiederholten Schallleitungsschwerhörigkeiten möglich. Nicht auszuschließen sind jedoch subtile Auffälligkeiten auf metaphonologischer Ebene und bezüglich des Arbeitsgedächtnisses. Ob diese Defizite auf Phasen peripherer Hörbeeinträchtigungen zurückgeführt werden können und inwieweit ein Zusammenhang zwischen Hörvermögen, Artikulation und Arbeitsgedächtnis besteht, bedarf weiterer longitudinaler Forschungsbemühungen.


Literatur

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Wassermann GA, Allen R, Linares LO. Maternal interaction and language development in children with and without speech-related anomalies. Journal of Communication Disorders. 1988;21:319-31. DOI: 10.1016/0021-9924(88)90036-6 Externer Link
2.
Schönweiler R, Lisson JA, Schönweiler B, et al. A retrospective study of hearing, speech and language function in children with clefts following palatoplasty and veloplasty procedures at 18–24 months of age. International Journal of Paediatric Otorhinolaryngology. 1999;50:205-17. DOI: 10.1016/S0165-5876(99)00243-8 Externer Link
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Nittrouer S, Burton LT. The role of early language experience in the development of speech perception and phonological processing abilities: evidence from 5-year-olds with history of otitis media with effusion and low socioeconomic status. Journal of Communication Disorders. 2005;38:29-63. DOI: 10.1016/j.jcomdis.2004.03.006 Externer Link
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Angermaier MJ. Psycholinguistischer Entwicklungstest (PET). Weinheim: Beltz; 1977.
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10.
Kauschke C, Siegmüller J. Patholinguistische Diagnostik bei Sprachentwicklungsstörungen. Jena: Elsevier; 2002.
11.
Clahsen H, Hansen DM. COPROF – Ein linguistisches Untersuchungsverfahren für die sprachdiagnostische Praxis. Köln: Focus; 1991.
12.
Poetter T, Babbe A. Pyrmonter Inventar Metaphonologischer Fähigkeiten (PIMF). Köln: Prolog; 2005.