gms | German Medical Science

126. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie

Deutsche Gesellschaft für Chirurgie

28.04. - 01.05.2009, München

Funktion der distalen Medulla oblongata nach schwerer, exogener Hirnschädigung

Meeting Abstract

  • corresponding author Th. Kapapa - Neurochirurgische Klinik der Universität Ulm, Deutschland
  • D. Woischneck - Neurochirurgische Klinik der Universität Ulm, Deutschland
  • R. Reissberg - Neuroradiologisches Institut der Universität Magdeburg, Deutschland
  • M. Skalej - Neuroradiologisches Institut der Universität Magdeburg, Deutschland
  • R. Firsching - Neurochirurgische Klinik der Universität Magdeburg, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Chirurgie. 126. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. München, 28.04.-01.05.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09dgch11347

DOI: 10.3205/09dgch745, URN: urn:nbn:de:0183-09dgch7454

Veröffentlicht: 23. April 2009

© 2009 Kapapa et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Text

Einleitung: Nach aktuellen, autoptischen Berichten gibt es den seltenen Fall des tief komatösen Patienten ohne Schädigung der Medulla oblongata, bei dem sämtliche Hirnstammreflexe erloschen sind, ein suffiziente Eigenatmung aber noch erhalten ist („medullar man“). Wir nahmen diese Hinweise zum Anlass, die Funktion der Medulla oblongata nach schwerer Hirnschädigung zu untersuchen.

Material und Methoden: Bei 290 Patienten nach schwerer exogener Hirnschädigung (Schädel-Hirntrauma – SHT, spontane intrazerebrale Blutung – ICB) wurde eine kranielle Kernspintomographie (MRT) durchgeführt. Die Komadauer betrug immer mehr als 24 Stunden. Das MRT erfolgte innerhalb der ersten 8 Tage nach SHT oder ICB. 70% der Betroffenen waren zu diesem Zeitpunkt bewusstlos. Die MRT-Daten wurden korreliert mit der Fähigkeit, am Tag der Untersuchung selbstständig atmen zu können. Selbstständige Atmung wurde definiert als Eigenatmung für mindestens eine Stunde bei ausgeglichener Blutgasanalyse. Die Studie erfolgte mit Billigung der örtlichen Ethikkomission und Unterstützung des Bundesministeriums für Forschung und Wissenschaft.

Ergebnisse: Von 290 Patienten waren 16 ( 6 %) nicht zur Eigenatmung befähigt. Diese wiesen immer eine beidseitige Läsion der distalen Medulla oblongata auf. In 4 Fällen fanden sich, neben dieser medullären Läsion, nur geringfügige supratentorielle Verletzungen. Diese Patienten erwachten nach 2 Tagen mit einer Tetraparalyse und Apnoe aus dem Koma. Bei 12 Patienten zeigten sich, neben der medullären Läsion, ausgedehnte zusätzliche Hirnstammläsionen. Diese Patienten erwachten nie aus dem Koma und verstarben immer. 274 Patienten waren zur Eigenatmung befähigt. Diese wiesen nie beidseitige Läsionen der distalen Medulla oblongata auf. Bei einem Patienten fand sich eine einseitige Läsion der distalen Medulla oblongata, Eigenatmung war möglich.

Schlussfolgerung: Die Studie beweist eine autonome respiratorische Funktion der distalen Medulla oblongata, welche auch bei schwersten Hirnschädigungen eine Eigenatmung ermöglicht. Auch einseitge Intakheit ist für diese Funktion ausreichend. Die Ergebnisse erlauben medizinische und evolutionsbiologische Rückschlüsse.