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126. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie

Deutsche Gesellschaft für Chirurgie

28.04. - 01.05.2009, München

Verworfenes menschliches Gewebe für die Forschung: Erfahrungsbericht von 10 Jahren Aufbau und Verstetigung einer humanen Gewebebank in der Chirurgie

Meeting Abstract

  • corresponding author W.E. Thasler - Chirurgische Klinik und Poliklinik, Klinikum Großhadern, LMU München, Deutschland
  • A. Reichert - Chirurgische Klinik und Poliklinik, Klinikum Großhadern, LMU München, Deutschland
  • T.S. Weiss - Zentrum für Leberzellforschung, Klinikum der Universität Regensburg, Deutschland
  • T. Plän - Stiftung Human Tissue and Cell Research HTCR, Regensburg, Deutschland
  • N. Nüssler - Allgemein- und Viszeralchirurgie, Klinikum Neuperlach, München, Deutschland
  • H.J. Schlitt - Zentrum für Leberzellforschung, Klinikum der Universität Regensburg, Deutschland
  • K.W. Jauch - Chirurgische Klinik und Poliklinik, Klinikum Großhadern, LMU München, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Chirurgie. 126. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. München, 28.04.-01.05.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09dgch10978

DOI: 10.3205/09dgch163, URN: urn:nbn:de:0183-09dgch1636

Veröffentlicht: 23. April 2009

© 2009 Thasler et al.
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Gliederung

Text

Einleitung: Der Chirurg wird zunehmend mit der Frage nach intra- oder postoperativ entnommenem menschlichem Gewebe aus den Operationspräparaten konfrontiert. Die Forschung an humanen Gewebeproben hat einen ständig wachsenden Stellenwert und gerät in das Spannungsfeld der Kommerzialisierung der Forschung.Dies führt zu einer Vielfalt damit verbundener Fragen und Problemstellungen, die einerseits rechtliche Aspekte wie die Datensicherheit bei Erhebung und Speicherung, die Eigentums- und Besitzfrage der gesammelten Gewebe betreffen, andererseits auch technische Verfahrensweisen zu deren Sammlung, Verarbeitung, Lagerung und Weitergabe.Über die als notwendig erachteten ethisch–rechtlichen sowie technischen Vorraussetzungen zur Forschung an menschlichen Zellen und Gewebe besteht zwar ein allgemeiner Konsens, dennoch fehlen zurzeit vielerorts geeignete Instrumentarien und finanzielle Mittel zu deren praktischer Umsetzung.

Material und Methoden: 1997 wurde in Regensburg mit dem Aufbau einer chirurgischen Gewebebank für die biomedizinische Forschung begonnen. Notwendig dafür war die Schaffung eines verbindlichen Rahmens, um den ethischen, rechtlichen und qualitativen Anforderungen im Umgang mit sensiblen datenschutzrechtlichen Informationen und Geweben Rechnung zu tragen.Als klinikunabhängige, nicht kommerzielle Einrichtung wurde 2000 die gemeinnützige, staatlich anerkannte Stiftung Human Tissue and Cell Research (HTCR) in Regensburg gegründet, die eine Verstetigung als Institution sicherstellt. Zur Erhöhung des notwendigen Stiftungskapitals, aus dessen Erträgen u.a. die Stiftungstätigkeit erfolgt, wurden Zustiftungen und Spendenmittel aus der forschenden Pharmaindustrie eingeworben. HTCR fungiert nach dem Modell eines „ honest broker“, der die Sammlung, Verarbeitung und Weitergabe des gesammelten Gewebes unter ethischen Gesichtspunkten überwacht und in einem bislang gesetzlich noch nicht geregelten Feld für eine ethische Sicherheit sowohl für den behandelnden Chirurgen im Verhältnis zum Gewebespender als auch für die Wissenschaftler sorgt. Als Organe dienen hierzu der wissenschaftliche Beirat und Ethikbeirat, die die Qualität und wissenschaftliche Relevanz der mit dem Gewebe betriebenen Forschung begutachten.

Ergebnisse: Bisher wurde in den Jahren von 1997–September 2008 insgesamt von 1603 Patienten der informed consent und damit ihre Zustimmung zur Gewebespende für Forschungszwecke eingeholt. 1249 Gewebeproben teilweise mit dazugehörigen Serum-/Plasmaproben wurden asserviert, sowie dazugehörige relevante klinische Daten erfasst und in der Datenbank verblindet/pseudonomisiert gespeichert. Dabei orientierte sich die Art der Gewebesammlung an den nachgefragten wissenschaftlichen Fragestellungen. Neben Lebergewebeproben wurden u.a. Nieren-, Darm-, Pankreras-, Magen-, Haut- und Lungengewebe in der Regel als Kombination aus Normal- und Tumorgewebe asserviert.Es wurden im Rahmen der in 2007 erfolgten Zertifizierung der Gewebebank (nach ISO 9001:2000) über 70 standardisierte Verfahren und etablierte Richtlinien für die Gewebeasservierung, Probenbearbeitung, -lagerung und -transport entwickelt, ebenso für die Patientenaufklärung, Patientendatenaquise, Datendokumentation sowie Datenverarbeitung.Auf Anfrage und Antrag an die Stiftung HTCR und nach Überprüfung der Verfügbarkeit wurden bisher 1.934 Gewebeproben alloziiert, dabei im Mittel zu 75% an gemeinnützige Institutionen und Forschergruppen, zu 34% an industrielle Nutzer. Mehr als 70 Publikationen resultierten aus der Nutzung von Gewebe, welches von HTCR weitergeben wurde. Mittlerweile vereint das Netzwerk der Stiftung 5 universitäre und städtische Kliniken, die verworfenes Gewebe aus Operationspräparaten in die Gewebebank einbringen.

Schlussfolgerung: Die in den letzten 10 Jahren aufgebaute Struktur hat deutschlandweit und in Europa Modellcharakter und könnte in ihrer transparenten Rolle als „honest broker“ innerhalb der Chirurgie eine wachsende Plattform darstellen, die die Möglichkeiten und Perspektiven der gewebebezogenen Forschung erweitern könnte.