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GMS Medizin — Bibliothek — Information.

Arbeitsgemeinschaft für Medizinisches Bibliothekswesen (AGMB)

ISSN 1865-066X

E-Books an Medizinbibliotheken – „Gekommen um zu bleiben“. Ein Erfahrungsbericht der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien

E-Books at medical libraries: They came to stay. A report from the university library at the Medical University Vienna

Fachbeitrag

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  • corresponding author Bruno Bauer - Medizinische Universität Wien, Universitätsbibliothek, Wien, Österreich Externer Link
  • Helmut Dollfuß - Medizinische Universität Wien, Universitätsbibliothek, Wien, Österreich
  • Daniel Formanek - Medizinische Universität Wien, Universitätsbibliothek, Wien, Österreich

GMS Med Bibl Inf 2011;11(3):Doc14

doi: 10.3205/mbi000229, urn:nbn:de:0183-mbi0002293

Veröffentlicht: 29. Dezember 2011

© 2011 Bauer et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Viele wissenschaftliche Bibliotheken, insbesondere Medizinbibliotheken, haben mittlerweile umfangreiche Sammlungen an elektronischen Büchern aufgebaut. E-Books haben bereits eine hohe Akzeptanz bei den Nutzern erreicht, trotz offener Fragen über technische Standards und Lizenzierungsmodelle, welche von Verlagen und Bibliotheken noch zu lösen sind.

Nach einer kurzen Einführung zu Vor-und Nachteilen der E-Books folgt eine Übersicht von Angebot und Nachweis der elektronischen Bücher an den Medizinbibliotheken in Berlin, Mainz, Münster und Zürich. Daran schließt eine detaillierte Darstellung der E-Book-Situation der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien an. Weiters werden auch die Problematik der Nutzungsstatistiken thematisiert und Ergebnisse einer kürzlich an der Bibliothek durchgeführten BenutzerInnenbefragung präsentiert, soweit sie die E-Books betreffen. Die Erfahrungen an der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien mit E-Books und das positive Feedback der Benutzer zum vorhandene Angebot an elektronischen Bücher bestätigen die Einschätzung, dass das E-Book an Medizinbibliotheken gekommen ist, um zu bleiben.

Schlüsselwörter: elektronisches Buch, Vorteil, Nachteil, technische Standards, Lizenzmodel, E-Book-Angebot, E-Book-Katalog, Verlag, Bibliothek, Nutzung, Benutzungsstatistik, COUNTER, Benutzerbefragung, Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien

Abstract

Many university libraries and in particular medical libraries have built up a considerable collection of electronic books. These E-Books are already highly accepted by patrons despite unsolved questions on technical standards and license models which have to be tackled by publishers and libraries. A short introduction on advandages and disadvantages of E-Books is followed by a presentation of E-Book collections and E-Book catalogues found on the websites of medical libraries in Berlin, Mainz, Münster and Zürich. A more detailed report is given on the E-Book situation at the library of the Medical University Vienna including problems with usage data. Results of a recent library online survey are discussed in regard to E-Books. So far the experience with E-Books at the library of the Medical University Vienna and the positive feedback by patrons suggests that E-Books came to stay in medical libraries.

Keywords: electronic book, advantage, disadvantage, technical standard, license model, e-book collection, e-book catalogue, publisher, library, usage data, usage statistics, COUNTER, survey, Library of the Medical University Vienna


Vorteile und Problemfelder von E-Books

Listet man Vor- und Nachteile der elektronischen medizinischen Fachbücher getrennt für Benutzerinnen und Benutzer sowie für die Bibliothek auf, ergibt sich rasch eine bemerkenswerte Schieflage. Das Gros der Vorteile fällt in den Schoß der Benutzer, während sich auf Bibliotheksseite die Probleme scheinbar nur so auftürmen und die nicht abzustreitenden Vorteile überschatten (Tabelle 1 [Tab. 1]).

Benutzungsprobleme wurden und werden durch die rasche technische Weiterentwicklung von Lesegeräten und Formaten überwunden. Dadurch ändern sich auch die Lesegewohnheiten der Benutzerinnen und Benutzer medizinischer Fachbücher und Lexika, wie in einer aktuellen Studie festgestellt wurde [1]. Längere Textteile werden nun durchaus auch online am Bildschirm gelesen, ohne diese anschließend auszudrucken, und Bibliotheksbenutzer sind zunehmend flexibel bezüglich gedruckter oder elektronischer Formate. Es zählt in erster Linie der fachliche Content.

Bibliotheksprobleme wurden und werden andererseits nur sehr langsam überwunden oder durch notwendige Sparmaßnahmen gar noch verschärft. Die Wunschliste an die Verlage mit Verbesserungsvorschlägen ist lang [2] und die Finanzmittel werden immer kürzer. Die Schieflage des elektronischen Bücherstoßes zwischen Vor- und Nachteilen, zwischen Angebot und Nachfrage wird sich noch vergrößern, blickt man auf die für die unmittelbare Zukunft an vielen Bibliotheken zu erwartenden Etatkürzungen.


E-Books aus der Sicht der Verlage

E-Books sind im Vormarsch. Amazon verkauft angeblich bereits mehr E-Books als Printausgaben. Doch wie sieht die Realität aus. Sind E-Books derzeit ein adäquater Ersatz für die Printausgabe? Bei den Verlagen ist noch keine klare Linie erkennbar. Einige setzen auf kapitelweisen Download als PDF, andere nutzen Flash-Plattformen, wo maximal 7 Seiten pro Session heruntergeladen werden können, und dies nur, wenn man sich zuvor registriert hat. Wieder andere lassen Downloads erst gar nicht zu und gestatten dem Benutzer lediglich den Ausdruck einzelner Seiten. Aber warum sollte man den Inhalt von E-Books ausdrucken? Eigentlich sind E-Books ja dazu da, um am Bildschirm gelesen zu werden. Allerdings hat nicht jeder einen E-Reader oder ein Tablet. Zu bedenken ist auch, dass zum Beispiel ein iPad kein Flash verarbeiten kann. Somit ist man bei Flash-Angeboten gezwungen, den Text auf einem herkömmlichen PC zu lesen, oder eben auszudrucken, auch wenn eine solche Arbeitsweise nur von den Wenigsten befürwortet wird.

Eine wesentliche Problematik von elektronischen Büchern liegt darin, dass jeder Verlag sehr unterschiedlich an die Thematik E-Books herangeht. Thieme und Urban&Fischer setzen auf Flash-Plattformen, wohl aus der Befürchtung heraus, der Verkauf der gedruckten Ausgaben könnte zurückgehen. Andere Anbieter, wie zum Beispiel Springer, forcieren hingegen PDF’s, womit allerdings der Mehrwehrt den ein E-Book generieren könnte, nicht im vollen Ausmaß ausgeschöpft werden kann. Verlage die Nachschlagewerke produzieren, wie De Gruyter mit Pschyrembel Premium Online, konzipieren diese wie eine Datenbank. Zusätzlich gibt es noch Verlage, wie McGraw-Hill, die ihre E-Books als ständigen „Work-in-Progress“ verstehen. Einzelne Kapitel werden laufend einem Update unterzogen, wodurch das E-Book ständig verändert wird. Die Breite an Publikationsmodellen verwirrt nicht nur die Bibliotheksmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, sondern vor allem die Benutzerinnen und Benutzer.

Ein Trend lässt sich auf Seiten der Verlage allerdings erkennen. Sie berücksichtigen bei der Entwicklung von E-Books kaum, wie Benutzerinnen und Benutzer mit diesem neuen Medium umgehen (wollen). Vielmehr forcieren Verlage bisher lediglich eine digitale Kopie der Printausgabe, was insofern logisch scheint, weil mit einem nur geringen Mehraufwand erhebliche Mehreinnahmen lukriert werden können.

Einige Verlage ermöglichen mittlerweile zumindest, dass man Textstellen markiert oder kleinere Notizen hinterlegt werden können. Für Benutzerinnen und Benutzer ist es ja nicht relevant, bei welchem Verlag das E-Book erhältlich ist, sondern wie es weiter verwendet werden kann und wie es in den täglichen Lern- und Arbeitsprozess integriert werden kann.

Die Schwierigkeit für die Bibliothek liegt aber nicht allein in den unterschiedlichen Angeboten zwischen den verschiedenen Verlagen, sondern auch in den verschiedenen Kauf- oder Lizenzmodellen. Oft sind Lehrbücher und Buchreihen nur in Form von Jahreslizenzen erhältlich, während die restlichen Einzeltitel und Nachschlagewerke käuflich erworben werden können. Die Angebote variieren von Verlag zu Verlag so stark, dass die Erwerbung von E-Books mittlerweile den Komplexitätsgrad erreicht hat, den Bibliotheken bereits vom Bezug elektronischer Zeitschriften kennen.

Gerade das Lizenzmodell (ohne Archivrechte) stellt Universitätsbibliotheken vor strategische Entscheidungsfragen. Eine parallele Finanzierung von gedruckten Büchern und E-Books ist bei stagnierenden bzw. reduzierten Budgets nicht möglich. Wenn nun eine Bibliothek auf Lizenzmodelle setzt, besteht die Gefahr, dass die Bibliothek bei einer Kürzung der finanziellen Mittel und dem daraus resultierenden Ausstieg aus einem Lizenzvertrag die Bibliothek weder den Zugriff auf die elektronische Version anbieten kann, noch gedruckte Lehrbücher im Regal verfügbar hat. Als konkreten Lösungsansatz hat Thieme nun ein Modell entwickelt, bei dem für jedes lizenzierte E-Book ein gedrucktes Archivexemplar angeboten wird. Es ist jedoch fraglich, wie ein einziges Print-Exemplar, dass nur von einem einzelnen Studierenden gelesen werden kann, ein Ersatz für ein E-Book sein soll, das von allen Studierenden gleichzeitig gelesen werden konnte.


Einsatz von E-Books an Medizinbibliotheken

Ungeachtet der noch von und gemeinsam mit den Verlagen zu lösenden Fragen verzeichnet das elektronische Buch in den letzten Jahren einen rasanten Aufschwung. Nachdem an wissenschaftlichen Bibliotheken bereits in der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts die gedruckten medizinischen Fachbibliografien von bibliografischen Datenbanken abgelöst worden sind, und in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts der Wechsel von den gedruckten zu den elektronischen Zeitschriften weitgehend vollzogen worden ist, steht nunmehr der Wechsel vom gedruckten zum elektronischen Buch unmittelbar bevor.

Bei der Transformation der konventionellen Formen von Bibliografien und Zeitschriften an vorderster Front mit dabei waren die Medizinbibliotheken. Eine ähnliche Pionierrolle kommt ihnen auch bei der Transformation der Bücher zu. Dies wird etwa auch darin deutlich, dass die Arbeitsgemeinschaft für Medizinisches Bibliothekswesen das E-Book regelmäßig auf den Jahrestagungen bzw. in der von der AGBM herausgegebenen Zeitschrift thematisiert [3], [4].

Viele Medizinbibliotheken an Hochschulen haben in den letzten Jahren ihr Informations- und Literaturangebot kontinuierlich um elektronische Bücher erweitert [5]. Eine besondere Herausforderung liegt darin, dieses innovative Angebot interessierten Benutzern zu vermitteln. Am Beispiel von vier ausgewählten Medizinbibliotheken in Deutschland und der Schweiz wird die Angebots- und Nachweissituation für elektronische Medizinbücher dargestellt. Ausschlaggebende Kriterien für die Auswahl der Medizinbibliotheken in Berlin, Mainz, Münster und Zürich als Best Practice Beispiele waren das Vorhandensein eines entsprechenden E-Books-Angebotes sowie deren übersichtliche Präsentation auf der jeweiligen Bibliothekswebsite.

Charité Universitätsmedizin Berlin

Das E-Book-Angebot an der Charité Universitätsmedizin Berlin [6] umfasst mehrere tausend Bände (Elsevier, Karger, Ovid, Springer, Thieme, Wiley).

Nachgewiesen werden die elektronischen Bücher im Online-Katalog der Charité. Als zusätzliches Angebot bietet die Website der Bibliothek eine „Virtuelle Handbibliothek“ als separaten Rechercheeinstieg. Die Anordnung der Bücher orientiert sich an der NLM Classification.

Fachbibliothek Medizin der UB Mainz

Das E-Book-Angebot der Fachbibliothek Medizin der Universitätsbibliothek Mainz [7] befindet sich erst in der Aufbauphase (Springer Medizin Deutsch, 20 Titel von Thieme, Oxford Reference Works).

Die verfügbaren Titel werden sehr differenziert angeboten. Sämtliche E-Books sind in fünf Gruppen – Vorklinik, Klinisch-theoretische Fächer, Klinische Fächer, Gesundheitsfachberufe, Patientenratgeber – gegliedert, die jeweils wiederum in Topptitel bzw. in die Kategorie „alle“ Titel unterteilt aufgerufen werden können.

Zweigbibliothek der Medizin der ULB Münster

Die Zweigbibliothek Medizin der Universitäts- und Landesbibliothek Münster [8] hat ein sehr breites Angebot an elektronischen Büchern in deutscher Sprache (4 Titel von Elsevier’s Urban&Fischer, 90 Titel von Walter De Gruyter, mehr als 1.000 Titel von Springer, 42 Titel von Thieme) bzw. englischer Sprache (1.000 Titel von Elsevier, 409 Titel von Karger, weiters Bücher von Lippincott, Oxford Reference Online, Salerno).

Nachgewiesen werden die insgesamt ca. 5.000 lizenzierten elektronischen Bücher im Bibliothekskatalog der ULB Münster. Speziell für die Anforderungen der Studierenden der Medizin wurde eine separate Liste nach Fachgebieten erstellt, in der mehr als 200 Titel entsprechend den Notationen der NLM Classfication erfasst sind.

Medizinbibliothek Careum der Universität Zürich

Das E-Books-Angebot der Medizinbibliothek Careum der Universität Zürich [9] umfasst deutschsprachige Titel (Thieme, Elsevier Urban&Fischer, Springer) und englischsprachige Titel (Springer, Harrisson’s Online).

Nachgewiesen werden die elektronischen Bücher im Bibliothekskatalog entsprechend der NLM Classification nach einzelnen Fachgebieten; darüber hinaus gibt es ein eigenes Verzeichnis der elektronischen Nachschlagewerke.


Angebot und Nachweis von E-Books an der UB der MedUni Wien

An der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien wird das Angebot an elektronischen Büchern seit 2005 laufend erweitert; es umfasst derzeit ca. 5.000 Bände. Neben fachlichen Kriterien für die Titelauswahl werden dabei Kaufmodelle (Tabelle 2 [Tab. 2]) gegenüber Jahreslizenzmodellen (Tabelle 3 [Tab. 3]) präferiert. Bei den lizenzierten Titeln wird, abgesehen von „Herold Innere Medizin“ (hier ist immer nur die Vorjahresausgabe als E-Book lizenzierbar), die aktuelle Auflage bezogen.

Die Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien bietet derzeit Zugriff auf mehr als 5.000 E-Books der Verlage Springer, Thieme, Elsevier, McGraw-Hill, Ovid, De Gruyter und Urban&Fischer an.

Die Uneinheitlichkeit der Verlagsangebote spiegelt sich auch in der Vielfalt von Nachweisinstrumenten, die derzeit (noch) an der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien zum Einsatz kommen.

  • So gibt es zunächst die Möglichkeit, die einzelnen Verlags-Homepages anzusteuern und dort in den einzelnen Portfolios nach gewünschter Literatur zu suchen. Diese Vorgangsweise ist allerdings mühsam und nicht wirklich zeitgemäß.
  • Etwas komfortabler ist die Suche nach E-Books der Universitätsbibliothek in einem eigenen Katalog, der von der Agentur Missing Link bereitgestellt wird, wenn man E-Books bei ihr erwirbt. Dieser Katalog weist allerdings auch nur eine begrenzte Benutzerfreundlichkeit auf. Er bietet jedoch zumindest die Möglichkeit, bis auf wenige Titel, den gesamten Bestand zu durchsuchen. Die Nutzung dieses Rechercheinstruments ist allerdings nur so lange geplant, bis der derzeit vorbereitete Einsatz von Suchmaschinentechnologie an der Universitätsbibliothek starten wird.
  • Ergänzend zu diesen Katalogen wurde das Recherchetool Van Swieten Student 2.0 [10], [11] entwickelt. Hierbei handelt es sich um ein 2010 freigeschaltetes, zusätzliches Angebot für die Studierenden der Medizinischen Universität Wien. Van Swieten Student 2.0 ist ein eigenständiger Katalog, basierend auf der Blog-Software Wordpress und der Erweiterung namens Scriblio, welche es ermöglicht, einen Katalog in einen WordpressBlog zu integrieren. Studierende kennen die Lehrbuchsammlung und die Bücher, die sie für ihr Studium benötigen, wissen aber vielfach nicht, dass viele Titel (mittlerweile bereits mehr als ein Drittel des Bestandes der Lehrbuchsammlung) auch als E-Book an der Bibliothek vorhanden sind. Van Swieten Student 2.0 bietet neben dem vollständigen Nachweis von gedruckten und elektronischen Lehrbüchern unter einer Suchoberfläche auch den Vorteil, dass beim Suchergebnis der Link zum E-Book immer direkt mit der Print-Ausgabe angezeigt wird, egal um welche Auflage es sich handelt. So sieht der Studierende auf einen Blick, ob dieses Buch auch als E-Book angeboten wird, und muss keine zusätzliche Suche zu jedem Titel durchführen.
  • Die mit dem Projekt Van Swieten 2.0 gewonnenen Erfahrungen sollen bei der für 2012 geplanten Implementierung von Suchmaschinentechnologie an der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien – lizenziert wurde das Produkt Primo von ExLibris – genutzt werden.

Generell bietet das Medizin-Curriculum an der Medizinischen Universität Wien gute Voraussetzungen für den erfolgreichen Einsatz von elektronischen Büchern. Das Curriculum ist so aufgebaut, dass immer nur einzelne Kapitel aus verschiedenen Büchern für eine Prüfung relevant bzw. zu lernen sind.


E-Book-Nutzung an der UB der MedUni Wien

Vorteile von E-Books hin oder her, dieses Medium muss seinen Wert für die Bibliothekskollektion erst über das Schlüsselkriterium Nutzungsdaten beweisen [12]. Nutzungsdaten erhält die Bibliothek von den Verlagsplattformen automatisch oder nahezu auf Knopfdruck. Es lohnt sich aber, diese Datenberge genauer und auch kritisch unter die Lupe zu nehmen. Welche Daten werden angeliefert und was zählt der Verlagsserver als Benutzung? Durch COUNTER wurde ein relativ einheitlicher Standard niedergeschrieben, doch nicht alle Verlage, wie zum Beispiel McGraw-Hill, werten ihre Log-Files für E-Books nach diesen Vorgaben aus. Die Nutzungsdaten aller Verlage aller Plattformen in eine gemeinsame Datei zusammenzuführen würde eine nur wenig aussagekräftige Liste ergeben. Aus diesem Grund wurde die nachstehende Aufstellung der meistgenützten E-Books an der Medizinischen Universität Wien aufgetrennt.

Walter de Gruyter, Elsevier, Springer und Thieme liefern Nutzungsdaten nach der COUNTER-Vorgabe „Book Report 2“, das ist die Anzahl an Downloads von Sektionen pro Titel und Monat. Unter einer Sektion versteht man dabei ein Kapitel eines Buches oder einen einzelnen Eintrag in einem Nachschlagewerk [13].

Auf AccessMedicine, einer Plattform für E-Books des Verlages McGraw-Hill, sind die Buchkapitel noch in Unterkapitel gegliedert, die verwirrender Weise als „Sections“ bezeichnet werden. Auch Zugriffe auf Updates, Grand Round Lectures and Self-Assessments treiben die Nutzungszahlen der jeweiligen E-Books in die Höhe [14].

Die Nutzungsdaten von Walter de Gruyter für Pschyrembel Premium, ein Paket von mehreren Nachschlagewerken, enthalten überhaupt nur die Anzahl der Sessions und Searches auf der Plattform. Auch diese Benutzungsdaten müssen separat dargestellt werden, sollen die Zugriffszahlen einer sinnvollen Analyse unterzogen werden (Tabelle 4 [Tab. 4]).

Die 10 Top-Titel im COUNTER-Report sind deutschsprachige Lehrbücher. Eine Untersuchung der Nutzungsdaten aus 2010 für alle lizenzierten E-Books des Verlages Springer bestätigt dieses Ergebnis (Tabelle 5 [Tab. 5]). Das Studium der Medizin findet, ungeachtet der Bemühungen um mehr Internationalität, in deutscher Sprache statt.


BenutzerInnenbefragung an der UB der MedUni Wien 2011

Ein entscheidendes Kriterium für die Bewertung eines neuen Bibliotheksangebots ist neben den Zugriffszahlen auch das Feedback der Benutzerinnen und Benutzer.

Von 2. Mai bis 30. Juni 2011 wurde an der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien eine Online-Benutzerbefragung über die Angebote und Services durchgeführt. Auch wenn es sich dabei um eine umfassende Umfrage, bestehend aus insgesamt elf Fragenkomplexen, gehandelt hat, so konnten in vier Detailfragen interessante Antworten speziell zum Thema E-Books ermittelt werden, die in ihrer Aussagekraft durchaus vergleichbar sind mit ausschließlich auf elektronische Bücher fokussierte Umfragen, wie etwa einer 2010 an der Bibliothek der Medizinischen Fakultät der Universität Mannheim durchgeführten Umfrage [15].

Bei der Frage „Welche Medien der Bibliothek haben Sie bisher genutzt?“ nannten 906 der insgesamt 1.119 an der Umfrage teilnehmenden Personen die gedruckten Bücher (81% aller an der Umfrage teilnehmenden Personen), während 418 Personen (auch) die Option elektronische Bücher (37%) gewählt haben. Demnach scheint der Weg vom gedruckten zum elektronischen Medium – auch bei den Büchern – bereits annähernd zur Hälfte zurückgelegt zu sein.

Auf die Frage nach der Zufriedenheit mit dem E-Book-Angebot der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien entfielen 72 Prozent der Antworten auf die Kategorien „Sehr gut“ bzw. „Gut“, 25 Prozent entfielen auf „Befriedigend“ bzw. „Genügend“ und nur 3 Prozent wählten die Antwortmöglichkeit „Nicht genügend“ (Abbildung 1 [Abb. 1]).

Neben den Fragen über Benutzungshäufigkeit und Zufriedenheit mit dem Angebot an elektronischen Büchern wurde auch ermittelt, welche Kataloge für die von der Universitätsbibliothek angebotenen Medien genutzt werden und wie zufrieden man mit den angebotenen Nachweisinstrumenten ist.

Während 579 Antworten auf die Frage „Welche Recherchemöglichkeiten nutzen Sie?“ auf den Online-Katalog entfielen, wählten 309 Personen (auch) die Antwortmöglichkeit E-Books-Katalog. Demnach entfiel auf die gezielte Suchmöglichkeit für die von der Universitätsbibliothek lizenzierten elektronischen Bücher ein Anteil in der Größenordnung von 53 Prozent in Relation zu den Antworten, die für den Online-Katalog für alle Medien gezählt werden konnten. Folglich wird der Nachweis der elektronischen Bücher in einem von der Bibliothek aufbereiteten Spezialkatalog von vielen Nutzerinnen und Nutzern bereits als wichtiges Bibliotheksangebot wahrgenommen.

Der Online-Katalog für den Nachweis der elektronischen Bücher liegt demnach mit 309 Antworten bereits annähernd gleich auf mit dem Datenbank-Informationssystem (DBIS), das 312-mal genannt worden ist.

Auf die Frage nach der Zufriedenheit mit dem E-Book-Katalog der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien entfielen 74 Prozent der Antworten auf die Kategorien „Sehr gut“ bzw. „Gut“; 23 Prozent entfielen auf „Befriedigend“ bzw. „Genügend“ und nur 3 Prozent wählten die Antwortmöglichkeit „Nicht genügend“ (Abbildung 2 [Abb. 2]).

Eine bemerkenswerte Besonderheit der BenutzerInnenbefragung 2011 lag in der Bereitschaft der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die Möglichkeit zu Freitextkommentaren besonders intensiv zu nutzen. 450 Kommentare wurden von 262 verschiedenen Personen (23 Prozent aller an der Umfrage teilnehmenden Personen) geäußert. Neben allgemeinen Wünschen, wie „Stark verbesserungsfähig ist das Angebot von E-Books…“ bzw. den Erweiterungswunsch für „Das Angebot von Lehrbüchern in Form von E-Books“ wurden vor allem Wünsche für bestimmte Fächer bzw. Angebote einzelner, im aktuellen Bibliotheksangebot nicht berücksichtigter Verlage genannt. Vereinzelt gab es aber auch sehr konkrete Verbesserungswünsche:

  • „E-Books sind sehr plattformabhängig. Springerverlag ist vorbildlich. Thieme wirklich mühsam. Eine Homogenisierung wäre sehr schön. Auch ein verlagsplattformunabhängiges MUW ID abhängiges Tagging, das erlaubt einzelne PDFs oder Bücherkapitel Blöcken zuzuordnen, würde das Leben sehr erleichtern.“
  • „Ich habe stark den Eindruck, dass die Bibliothek viel mehr Angebote hat als ich sie als Studentin kenne! Es ist irgendwie viel Information auf der Bibliothekswebsite, aber für mich ist nicht durchschaubar, was ich wo finde. Dabei sind für mich als Notebook-Benutzerin jegliche E-Books und digitalen Angebote total interessant, weil mir die dicken Wälzer, z.B. Aktories, zu schwer sind, um sie nach Hause, auf der Uni herum und dann wieder in die Bibliothek zu schleppen.“

Resümee

„Gekommen um zu bleiben“ – dieses vorläufige Resümee kann für den bisherigen Einsatz von elektronischen Büchern an Medizinbibliotheken im Allgemeinen und an der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien im Besonderen gezogen werden. Für diese Einschätzung sprechen das bisher etablierte Angebot an E-Books, dessen bereits respektable Nutzung, sowie das ausgezeichnete Feedback von Benutzerinnen und Benutzern der Universitätsbibliothek zum neuen Medienangebot.

Die gute Akzeptanz des neuen Medienangebots E-Book an der Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien wurde bereits 2009 evident, als der COUNTER Report 1 (Journal Articles) 82.575 Full Text Requests aus lizenzierten elektronischen Zeitschriften des Springer Verlages ausgewiesen hat, der COUNTER Report 2 (eBook Sections) 85.213 Full Text Requests aus lizenzierten elektronischen Büchern des Springer Verlages. Damit wurde, bezogen auf das Angebot eines repräsentativen Verlages, dessen E-Book-Angebot bereits stärker genutzt als dessen seit Jahren eingeführtes E-Journals-Angebot.

Noch nicht abzusehen ist, in welchem Ausmaß die Ablöse der gedruckten Bücher durch elektronische Versionen erfolgen wird: „Man geht grundsätzlich davon aus, dass Printtitel nicht von der Bildfläche verschwinden. Dennoch lässt sich folgende Tendenz erkennen: Nachschlagewerke werden als Erste nur noch elektronisch als E-Book bzw. Datenbank erworben werden, dann folgen wissenschaftliche Publikationen. Lehrbücher werden weiterhin sowohl in print wie auch elektronisch erworben. Ausgehend von den Fachbereichen wird zunächst der STM-Bereich vermehrt auf e-Publikationen umsteigen, dann die anderen Fachgebiete. In Bezug auf die Gebäude- und Platzplanung wird dieser […] Punkt vermehrt diskutiert.“ [16]

Der Trend – auch beim Buch – von p (print) zu e (electronic) scheint vorgezeichnet und wurde in einer 2010 abgeschlossenen Delphi-Studie bestätigt [17]. Diese Tendenz spiegelt sich auch in einer globalen Studie über die Verteilung von Bibliotheksbudgets. Für den Anteil des Buchbudgets, der an den Bibliotheken der akademischen Einrichtungen für elektronische Bücher ausgegeben wird, wurde ausgehend von 3,2 Prozent im Jahr 2006 eine Steigerung auf 10 Prozent im Jahr 2010 prognostiziert [18].


Anmerkung

Interessenkonflikte

Die Autoren erklären, dass sie keine Interessenkonflikte in Zusammenhang mit diesem Artikel haben.


Literatur

1.
Folb BL,Wessel CB, Czechowski LJ. Clinical and academic use of electronic and print books: the Health Sciences Library System e-book study at the University of Pittsburgh. J Med Libr Assoc. 2011;9(3):218-28. DOI: 10.3163/1536-5050.99.3.009 Externer Link
2.
Czechowski LJ. Problems with e-books: suggestions for publishers. J Med Libr Assoc. 2011;99(3):181-2. DOI: 10.3163/1536-5050.99.3.001 Externer Link
3.
Bahmann K, Gemmel P, Lex A, Bauer B. Zukunft der E-Books: Innovationen und Geschäftsmodelle von Verlagen für Medizinbibliotheken an Hochschulen: Je drei Fragen von Bruno Bauer an Klaus Bahmann (Springe), Peter Gemmel (Thieme) und Angelika Lex (Elsevier). GMS Med Bibl Inf. 2010;10(1):Doc09. DOI: 10.3205/mbi000192 Externer Link
4.
Arbeitsgemeinschaft für Medizinisches Bibliothekswesen e.V. (AGMB), Hrsg. Schwerpunktthema E-Books. Med Bibl Inf. 2003;3(3). Available from: http://www.agmb.de/mbi/2003_3/heft3.pdf Externer Link
5.
Arbeitsgemeinschaft für Medizinisches Bibliothekswesen e.V. (AGMB), Hrsg. Schwerpunktthema Medizinbibliotheken in Deutschland, Österreich und der Schweiz. GMS Med Bibl Inf. 2009;9(2-3). Available from: http://www.egms.de/dynamic/en/journals/mbi/volume9.htm Externer Link
6.
Medizinische Bibliothek. Online-Bücher (e-Books) [Internet]. Berlin: Charité Universitätsmedizin; 2011. Available from: http://bibliothek.charite.de/literatursuche/buecher/online_buecher_e_books/ Externer Link
7.
Fachbibliothek Medizin. E-Books [Internet]. Mainz: Universitätsbibliothek; 2011. Available from: http://www.ub.uni-mainz.de/5305.php Externer Link
8.
Zweigbibliothek Medizin. Volltexte von Büchern [Internet]. Münster: Universitäts- und Landesbibliothek; 2008-2011. Available from: http://www.uni-muenster.de/ZBMed/buecher/volltexte/ Externer Link
9.
Medizinbibliothek Careum. E-Books Medizin und Gesundheit [Internet]. Zürich: Universität Zürich, Hauptbibliothek; 2011. Available from: http://www.hbz.uzh.ch/index.php?option=com_content&view=article&id=335 Externer Link
10.
Formanek D. Van Swieten Student 2.0 – Wie die Medizinische Universität Wien die Pflichtliteratur ihrer Studenten in der Welt des Web 2.0 anbietet. In: Mittermaier B, Hrsg. WissKom2010: eLibrary – den Wandel gestalten. 5. Konferenz der Zentralbibliothek, 08.-11. November 2010, Jülich. Jülich: JUWEL; 2010. Available from: http://hdl.handle.net/2128/4302 Externer Link
11.
Bauer B, Formanek D, Miehl M. Virtuelle Lehrbuchsammlung und eBooks on Demand als Facetten der Hybridbibliothek: zwei innovative Services de Universitätsbibliothek der Medizinischen Universität Wien. GMS Med Bibl Inf. 2010;10(3):Doc25. DOI: 10.3205/mbi000208 Externer Link
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Justin Littman J, Silipigni Connaway L. A Circulation Analysis of Print Books and E-Books in an Academic Research Library. Library Resources and Technical Services. 2004;48(4):256-62. Available from: http://www.oclc.org/research/publications/archive/2004/littman-connaway-duke.pdf Externer Link
13.
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The McGraw-Hill Companies. AccessMedicine Statistic Help Page [Internet]. Columbus, OH: The McGraw-Hill Companies; 2011. Available from: http://www.accessmedicine.com/statistics/help.htm Externer Link
15.
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