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Arbeitsgemeinschaft für Medizinisches Bibliothekswesen (AGMB)

ISSN 1865-066X

Buchbesprechung: Erinnerungen eines Medizinbibliothekars aus der DDR

Buchbesprechung

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GMS Med Bibl Inf 2010;10(1):Doc04

DOI: 10.3205/mbi000187, URN: urn:nbn:de:0183-mbi0001877

Veröffentlicht: 12. Mai 2010

© 2010 Korwitz.
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Bibliographische Angaben

Volker Johst:
Vier Jahrzehnte – Nachdenken über mein Leben in der DDR
Machtwortverlag Dessau, 2009, 419 Seiten, ISBN 978-3-86761-052-0, 14,95 €


Rezension

Neun Jahre nach seinem Abschied von der Leitung der Charité-Bibliothek in Berlin bringt unser lieber Kollege Volker Johst das von ihm angekündigte Werk in Form einer Biographie heraus.

Es ist ein sehr lesenswertes Buch, das sein Schicksal vom Beginn des 2. Weltkrieges bis zum Jahr 2000 schildert. Ein bemerkenswertes Schicksal, das vollkommen von der politischen Entwicklung der DDR geprägt wurde. Paradigmatisch wird aufgezeigt, wie der Staat in das persönliche Schicksal seiner Bürger eingriff, wie von Schul- und Jugendzeiten an Kontrolle durch Lehrer, Vorgesetzte, Behörden und sogar Nachbarn ausgeübt wurde. Es wird aber auch aufgezeigt, dass man sich nicht anpassen musste oder gar linientreu politisch agieren musste. Es gab Möglichkeiten, eine kritische Distanz zu wahren. Wenn dies auch fall- und zeitweise mit deutlichen persönlichen Nachteilen verbunden war.

Volker Johst hatte mit Glück ein Studium der Biologie und der Bibliothekswissenschaft aufnehmen und zum Abschluss führen können, dabei hatten sich seine Präferenzen für die Verhaltensbiologie entwickelt. Dies war ein Forschungsgebiet, das in der DDR keine Unterstützung fand, da der Staat keinen Nutzen aus den Erkenntnissen ziehen konnte, ja fachliche Forschungsergebnisse eher fürchten musste, da sie nicht im Einklang mit der ideologischen und damit politischen Linie standen.

Aus politischen Gründen – Herr Johst hatte sich stets geweigert, in die SED einzutreten und unkritisch den Oberen und Vorgesetzten nach dem Mund zu reden – konnte er sich nicht habilitieren und damit eine Lehrtätigkeit aufnehmen. Stattdessen nahm er eine Ausbildung zum wissenschaftlichen Bibliothekar auf und wurde 1972 Mitarbeiter des IWIM (Institut für Wissenschaftsinformation in der Medizin), der Zentralen Informationsvermittlungsstelle für die Medizin und das Gesundheitswesen der DDR. Hier führte er neun Jahre Recherchen in Medline durch, wobei das DIMDI als Host nicht genutzt werden durfte; die Recherchen fanden im Computersystem des Medical Information Center (MIC) in Stockholm statt.

Der Autor nimmt bei der Erläuterung der Geschehnisse in der DDR immer wieder Bezug auf Erkenntnisse der Verhaltensbiologie. Sie erklärt z.B. mit der Theorie der Gruppenverteidigungsagressivität, warum Schüler solidarisch zusammenhalten und sich gegenüber Einflüssen von außen, in diesem Fall der aufoktroyierten politischen Ablehnung des Ungarnaufstands 1956, wehren.

Man merkt auf allen Seiten, dass es das Herzensanliegen von Herrn Johst war, seine Lebensgeschichte zu erzählen als die des Bürgers eines Staates, in dem er zwar physisch zu Hause war, aber geistig-seelisch nicht zuhause sein konnte. Wie hat er es als Erleichterung empfunden, als dieses Staatsgebilde 1989 zusammenbrach und der Weg in den Westen frei wurde. Herr Johst wurde bald zum Leiter der Charité-Bibliothek und baute diese zu einer führenden Medizinbibliothek in Berlin aus.

Die Biographie von Volker Johst kann allen Lesern nur sehr zur Lektüre empfohlen werden. Sie trägt dazu bei, das Verständnis für seine persönliche Schicksalsgeschichte zu entwickeln und auch die geschichtliche Entwicklung eines wichtigen Teils des Gesamtstaates Deutschland nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.