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Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH)

08.09. - 13.09.2024, Dresden

Problembereiche in der sektorenübergreifenden Versorgung von Kindern mit komplexen Versorgungsbedarfen: Perspektiven von Eltern in der FamilyNavigator Studie

Meeting Abstract

  • Maike Schröder - Universität Heidelberg, Mannheim, Germany
  • Silke Voges - Jugendamt und Gesundheitsamt der Stadt Mannheim, Mannheim, Germany
  • Bettina Wrede - Jugendamt und Gesundheitsamt der Stadt Mannheim, Mannheim, Germany
  • Rana Tuncer-Klaiber - Jugendamt und Gesundheitsamt der Stadt Mannheim, Mannheim, Germany
  • Anne Zeutzheim - Jugendamt und Gesundheitsamt der Stadt Mannheim, Mannheim, Germany
  • Eva Boekholt - Jugendamt und Gesundheitsamt der Stadt Mannheim, Mannheim, Germany
  • Andreas Ebert - Jugendamt und Gesundheitsamt der Stadt Mannheim, Mannheim, Germany
  • Michael Eichinger - Universität Heidelberg, Mannheim, Germany; Johannes Gutenberg Universität Mainz, Mainz, Germany

Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH). Dresden, 08.-13.09.2024. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2024. DocAbstr. 1117

doi: 10.3205/24gmds610, urn:nbn:de:0183-24gmds6107

Published: September 6, 2024

© 2024 Schröder et al.
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Text

Hintergrund und Zielsetzung: Kinder mit komplexen Versorgungsbedarfen nehmen häufig Leistungen unterschiedlicher Sektoren in Anspruch (z.B. stationäre und ambulante Versorgung, Jugend- und Sozialämter). Obwohl Familien mit eingeschränkter navigationaler Gesundheitskompetenz ganz besonders auf eine gut funktionierende sektorenübergreifende Versorgung angewiesen sind, ist bisher wenig über die Erfahrungen dieser vulnerablen Zielgruppe und mögliche Problembereiche bekannt, die im Rahmen der Weiterentwicklung der Versorgung adressiert werden sollten. Wir identifizierten daher Problembereiche sowie nicht bzw. nicht-vollständig gedeckte Bedarfe in der sektorenübergreifenden Versorgung von Kindern zwischen 3-18 Jahren mit komplexen Versorgungsbedarfen aus der Sicht von Eltern mit eingeschränkter navigationaler Gesundheitskompetenz.

Methoden: Eltern mit eingeschränkter navigationaler Gesundheitskompetenz und Kindern mit komplexen Versorgungsbedarfen wurden über Familienlots:innen, Kita-Leitungen und per Schneeball-Verfahren über Elternnetzwerke rekrutiert. Zwischen Juni und Oktober 2023 wurden semistrukturierte Interviews auf Grundlage eines Leitfadens mit nicht-direktiven Leitfragen zu (1) den persönlichen Erfahrungen der Eltern mit der aktuellen Versorgungssituation, (2) Ansatzpunkten zur Stärkung der Versorgung sowie (3) hinderlichen und förderlichen Kontextfaktoren durchgeführt. Nach Transkription wurden die Interviews von zwei Forschenden inhaltsanalytisch nach Kuckartz ausgewertet. Die Bildung der Hauptkategorien erfolgte deduktiv basierend auf dem Interviewleitfaden. Die Subkategorien wurden induktiv gebildet. Zur Beschreibung der Teilnehmenden wurden soziodemographische Variablen und die navigationale Gesundheitskompetenz (Instrument: HLS19-NAV; Spannweite: 0 bis 100 Punkte; > 83,3 Punkte: exzellente Gesundheitskompetenz) erfasst.

Ergebnisse: Es wurden 16 semistrukturierte Interviews mit Eltern geführt. Die durchschnittliche navigationale Gesundheitskompetenz der Eltern lag mit 33 Punkten (Spannweite: 0-58) im inadäquaten Bereich. Insgesamt wurden 11 Problembereiche in der Versorgung von Kindern mit komplexen Versorgungsbedarfen aus Elternsicht identifiziert. Dazu gehörten u.a. fehlende Ansprechpersonen, die fehlende Vernetzung zwischen den Versorgungspartnern und eine schlechte Vereinbarkeit der Versorgung mit dem Familienalltag und der elterlichen Berufstätigkeit. Zudem fühlten sich Eltern häufig „abgefertigt“ und von Leistungserbringenden wenig ernstgenommen. Sie nahmen sich selbst als „Vermittler“ und „Entscheider“ in der Versorgungskoordination wahr. Versorgungsbedarfe zeigten sich aus Elternsicht in 10 Bereichen, zu denen u.a. Unterstützungs-, Beratungs- und Koordinierungsleistungen, die Moderation von Versorgungsübergängen und die Sensibilisierung von Institutionen und der Gesellschaft gehörten.

Diskussion: In der Versorgung von Kindern mit komplexen Versorgungsbedarfen bestehen aus der Sicht von Eltern mit eingeschränkter navigationaler Gesundheitskompetenz eine Reihe von nicht bzw. nicht vollständig gedeckten Bedarfen sowie Problembereichen, die häufig Bezüge zur Koordination von Versorgungsleistungen aufweisen. Koordinationsbezogene Versorgungsinnovationen wie Familienlots:innen könnten zentrale Bedarfe der Zielgruppe adressieren (z.B. feste Ansprechperson, Koordination des Versorgungsnetzes) und damit einen Beitrag zur Verbesserung der Versorgungsqualität leisten. Die Studienergebnisse bilden derzeit die Grundlage für die Weiterentwicklung eines kommunalen Versorgungsnetzwerks mit Familienlots:innen, das in einem Mannheimer Stadtteil mit vermehrten sozialen Risikofaktoren erprobt wird.

Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Die Autoren geben an, dass ein positives Ethikvotum vorliegt.