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Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH)

08.09. - 13.09.2024, Dresden

Verzicht auf medizinisch notwendige Versorgung – Ungleichheiten und wahrgenommene Gesundheitsgefährdung von ungedecktem Versorgungsbedarf in der Allgemeinbevölkerung

Meeting Abstract

  • Jens Klein - Institut für Medizinische Soziologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf UKE, Hamburg, Germany
  • Daniel Lüdecke - Institut für Medizinische Soziologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf UKE, Hamburg, Germany
  • Olaf von dem Knesebeck - Institut für Medizinische Soziologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf UKE, Hamburg, Germany

Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH). Dresden, 08.-13.09.2024. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2024. DocAbstr. 967

doi: 10.3205/24gmds510, urn:nbn:de:0183-24gmds5108

Published: September 6, 2024

© 2024 Klein et al.
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Text

Hintergrund: Ein wichtiger Indikator für ungleichen Zugang zur medizinischen Versorgung ist der subjektiv wahrgenommene, ungedeckte Versorgungsbedarf, welcher unter anderem mit der Frage nach dem Verzicht auf medizinisch notwendige Behandlungen erfasst wird. Ungedeckter Versorgungsbedarf unterliegt zeitlichen Veränderungen, z. B. aufgrund demografischer Trends, pandemischer und ökonomischer Krisen sowie versorgungspolitischen Entwicklungen und erfordert daher aktuelle Analysen. Gänzlich unbeantwortet ist die Frage nach den gesundheitlichen Folgen wahrgenommenen, ungedeckten Versorgungsbedarfs. Vor diesem Hintergrund wurden Ausmaß, Gründe, Ungleichheiten und wahrgenommene Gesundheitsrelevanz des Verzichts auf medizinische Versorgung in der deutschen Allgemeinbevölkerung untersucht.

Methode: In einer bevölkerungsrepräsentativ gewichteten Zufallsstichprobe (N=2201; Alter ≥18 Jahre; Winter 2022/23) wurde mittels einer Online-Befragung nach dem Verzicht auf medizinisch erforderliche Behandlung in den vergangenen 12 Monaten sowie Gründen für den Verzicht (Wartezeit, finanzielle Kosten, Entfernung, Arbeit oder andere Verpflichtungen) gefragt. Im Falle einer Angabe eines ungedeckten Versorgungsbedarfs wurde zusätzlich erfasst, ob dies zu einer Verschlimmerung der Beschwerden führte. Neben der deskriptiven Analyse von Häufigkeiten wurden Zusammenhänge mit individuellen (Geschlecht, Alter, Migrationsgeschichte, Bildung, Einkommen, Versicherungsstatus) und regionalen Faktoren (sozialer Deprivationsindex) mit Hilfe von Mehrebenenanalysen untersucht.

Ergebnisse: N=1955 Befragte (ca. 89%) berichteten einen medizinischen Versorgungsbedarf im besagten Zeitraum. 35% gaben mindestens einen Verzicht infolge der verschiedenen Gründe an (Wartezeit 23%; Kosten 11%; Entfernung 9%; Arbeit/weitere Verpflichtungen 12%). Die Mehrebenenanalysen ergaben signifikante Zusammenhänge mit weiblichem Geschlecht, jüngerem Alter, niedrigerem Einkommen und gesetzlicher Krankenversicherung. Die Zusammenhänge zwischen den individuellen Faktoren und den einzelnen Gründen für den Verzicht variierten unterschiedlich stark. Regionale Deprivation war ausschließlich mit dem Verzicht aufgrund von Distanz zur Versorgungseinrichtung assoziiert. Zwischen der Hälfte bis zu zwei Drittel der Befragten gaben im Falle eines Verzichts eine wahrgenommene Verschlimmerung der Beschwerden an. In diesen Fällen waren die Faktoren individueller Ungleichheiten weniger bedeutsam.

Diskussion: Verglichen mit früheren Studien gaben verhältnismäßig viele Befragte an, im Verlauf von 12 Monaten auf eine medizinisch erforderliche Behandlung verzichtet zu haben. Die ausgeprägte Häufigkeit, die durch den Verzicht wahrgenommene Verschlimmerung der Beschwerden sowie die Zusammenhänge mit Indikatoren sozialer Ungleichheit legen Interventionen nahe, die darauf zielen, den Verzicht auf notwendige medizinische Behandlungen zu reduzieren. Verringerungen von Wartezeiten (u.a. durch die Weiterentwicklung von Terminservicestellen) und privaten Zuzahlungen sowie die Sicherstellung gesundheitlicher Versorgung in deprivierten und ländlichen Gebieten können dazu beitragen.

Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Die Autoren geben an, dass ein positives Ethikvotum vorliegt.