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Langzeiteffekte einer Alkoholkurzintervention nach 4 Jahren: Wie unterscheiden sich die Ergebnisse nach Geschlecht, Alter, Schulbildung und mentaler Gesundheit?
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| Published: | September 6, 2024 |
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Einleitung: Kurzinterventionen können einen wertvollen Beitrag dazu leisten, die alkohol-attributable Krankheitslast zu senken. Über Langzeiteffekte ist wenig bekannt, da beispielsweise nur vier von 69 Studien des aktuellsten Cochrane Reviews von 2018 Interventionseffekte nach mehr als einem Jahr berichteten. Zudem erscheint es für die Gestaltung von Alkoholprävention auf Bevölkerungsebene wichtig zu untersuchen, inwieweit es subgruppenspezifische Unterschiede in der Wirksamkeit gibt. Bisherige Alkoholkurzinterventionen fokussierten ausschließlich Personen, deren Alkoholkonsum oberhalb einer bestimmten Risikoschwelle lag. Wenig ist bekannt über die langfristige Wirksamkeit von Interventionen, die sich an alle Alkoholkonsument:innen, unabhängig von der Konsumhöhe, richten. Ziel dieser Studie war herauszufinden, ob sich die Effekte einer derartigen Intervention nach 4 Jahren nach Geschlecht, Alter, Schulbildung und mentaler Gesundheit der Proband:innen unterscheiden.
Methodik: Es werden Ergebnisse einer randomisiert-kontrollierten Studie berichtet. Die Stichprobe von 1.646 Alkoholkonsument:innen (55% weiblich, M = 30,8 Jahre) im Alter zwischen 18 und 64 Jahren wurde proaktiv im Einwohnermeldeamt der Stadt Greifswald rekrutiert. Die Interventionsgruppe erhielt drei individualisierte Feedbackbriefe (nach Baseline, drei und sechs Monaten) basierend auf dem Transtheoretischen Modell, die automatisiert von einem Computer-Expertensystem erstellt wurden. Die Kontrollgruppe erhielt nur Befragungen (Assessment-only). Primäres Zielkriterium war die Anzahl an alkoholischen Getränken innerhalb der letzten 30 Tage, erfasst nach 48 Monaten mittels standardisiertem Telefoninterview. Alle Moderatorvariablen wurden zu Baseline erfasst. Geschlecht und Schulbildung (weniger als 12 Jahre vs. 12 oder mehr Jahre Schulbildung) wurden jeweils dichotom analysiert. Mentale Gesundheit wurde mit dem Mental Health Inventory (MHI-5) erhoben. Die Daten wurden mittels Latenten Wachstumskurvenmodellen und Marginal Effects Plots (Johnson-Neyman Methode) ausgewertet.
Ergebnisse: Interventionseffekte nach 48 Monaten unterschieden sich weder nach Geschlecht (Inzidenzratenverhältnis IRR = 0.98; 95%-Konfidenzintervall CI = 0.73-1.32), noch nach Schulbildung (IRR = 1.22; 95% CI = 0.84-1.77). Die Wirksamkeit der Intervention nach 48 Monaten wurde teilweise von Alter und mentaler Gesundheit moderiert. Unter Proband:innen zwischen 18 (IRR = 0.79; 95% CI = 0.62-0.99) und 33 Jahren (IRR = 0.85; 95% CI = 0.74-0.99) reduzierten diejenigen in der Kontrollgruppe ihren Alkoholkonsum stärker als diejenigen in der Interventionsgruppe. Unter Proband:innen mit einem MHI-5 Score zwischen 67 (IRR = 0.85; 95% CI = 0.73-0.99) und 90 (IRR = 0.75; 95% CI = 0.57-0.99) reduzierten diejenigen in der Kontrollgruppe ihren Alkoholkonsum stärker als diejenigen in der Interventionsgruppe.
Schlussfolgerung: Es zeigten sich differenzielle Effekte einer Alkoholkurzintervention nach Alter und mentaler Gesundheit, jedoch nicht nach Geschlecht und Schulbildung. Unter alkoholkonsumierenden Erwachsenen jüngeren Alters und mit besserer mentaler Gesundheit verringerte die Kontrollgruppe ihren Alkoholkonsum nach 4 Jahren stärker als die Interventionsgruppe. Damit liegt erstmals Evidenz zu differenziellen Langzeiteffekten einer Kurzintervention vor, die sich an alle Alkoholkonsument:innen richtete, unabhängig von deren Konsumhöhe. Eine mögliche Erklärung für die dargestellten Befunde könnte in der Individualisierung des Feedbacks liegen. Denkbar erscheint, dass sich die motivationalen Prozesse bei Personen mit geringem Alkoholkonsum, die bislang nicht von Kurzinterventionen bedacht wurden, von denjenigen mit höherem Konsum unterscheiden. Darüber hinaus war die Teilnahme am Follow-Up nach 48 Monaten (59%) niedriger als zu vorherigen Messzeitpunkten und selektiv. Für eine umfassende Alkoholprävention in der Bevölkerung erscheint eine tiefgehende Untersuchung des Optimierungspotenzials von Kurzinterventionen, die sich an alle Alkoholkonsument:innen richten, notwendig.
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die Autoren geben an, dass ein positives Ethikvotum vorliegt.
