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Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH)

08.09. - 13.09.2024, Dresden

Die Rolle öffentlicher Gesundheit im Umgang mit dem Klimawandel. Eine gesellschaftstheoretische Einordnung

Meeting Abstract

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  • Judith Schröder - Institut für Urban Public Health, Universitätsmedizin Essen und Universität Duisburg-Essen, Essen, Germany
  • Susanne Moebus - Institute for Urban Public Health, University Hospital Essen, Essen, Germany

Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH). Dresden, 08.-13.09.2024. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2024. DocAbstr. 583

doi: 10.3205/24gmds471, urn:nbn:de:0183-24gmds4710

Published: September 6, 2024

© 2024 Schröder et al.
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Einleitung: Bei 80 Prozent der internationalen wissenschaftlichen Literatur zum Themenfeld Klimawandel und Gesundheit handelt es sich um Impactstudien zu den Risiken des Klimawandels für menschliche Gesundheit, während eine verbleibende Minderheit sich mit Lösungsstrategien für Klimaschutz und Klimaanpassung oder Co-Benefits auseinandersetzt [1]. In diesen Impactstudien dominiert ein pathogenetisches und individualistisches Gesundheitsverständnis, welches primär auf klimawandelbedingte Gesundheitsrisiken fokussiert und deren kurative Behandlung. Der wissenschaftliche Diskurs, sowohl nach innen, als auch nach außen in Gesellschaft und Politik hinein, zum Themenfeld Klimawandel und Gesundheit wird dadurch wesentlich bestimmt. Ein salutogenetischer Zugang zu Gesundheit sowie verhältnisorientierter und struktureller Gesundheitsförderung, der die Perspektive um Bedingungen und Möglichkeiten für Gesundheitsressourcen erweitert, findet dagegen kaum Berücksichtigung. Insbesondere für den sozial-ökologischen Umbau urbaner Strukturen kann ein solcher Zugang jedoch potenziell fruchtbar gemacht werden. Eine auf urbane Strukturen ausgerichtete Klima- und Gesundheitspolitik, die nicht nur Krankheiten und Gesundheitsrisiken verhindert, sondern proaktiv Gesundheit fördert und Gesundheitsressourcen schafft, kann Möglichkeiten schaffen für umfangreiche sozial-ökologische Transformationsprozesse und grundlegende gesellschaftliche Veränderungen. Gründe dafür, dass ein solcher Ansatz in Wissenschaft und Politik bisher geringe Berücksichtigung findet, werden in diesem Beitrag identifiziert und näher analysiert. Zu diesem Zweck werden Konstruktionen und Gestaltung von öffentlicher Gesundheit im Kontext des Klimawandels eruiert. Es wird argumentiert, dass durch vorherrschende Deutungen von Gesundheit im pathogenetischen und individualistischen Sinne, Ansätze und Ideen einer umfassenden und strukturell verstandenen Gesundheitsförderung blockiert werden und dadurch bestehende gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse sich fortschreiben.

Methoden: Verortet im Spektrum kritisch-normativer Gesellschaftstheorie erfolgt eine politikwissenschaftliche Analyse aus einem hermeneutisch-dialektischen Ansatz Kritischer Theorie heraus, welcher regulationstheoretisch erweitert wird. Durch diese theoretische Verortung wird die Public Health-Forschung im Themenfeld Gesundheit und Klimawandel stärker für bisher wenig berücksichtigte konstruktivistische Ansätze der Sozial- und Geisteswissenschaften geöffnet.

Ergebnisse: Die Analyse zeigt, dass Gesundheit als sozial-räumliches Ordnungsprinzip und als Faktor der sozialen Positionierung fungiert. Als solches ist Gesundheit in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und politischen Prozessen präsent. Die regulationstheoretische Einbettung ermöglicht es, Gesundheit als Teil der zeitdiagnostischen Analyse kapitalistisch organisierter Gesellschaften und deren Verfasstheit zu betrachten, wobei deren Krisenhaftigkeit und gleichzeitige Stabilität sichtbar wird. Dadurch wird die Bedeutung von Gesundheit als Teil des Politischen und Prozessen der Vergesellschaftung offenbar. In dieser Lesart unterliegt die Schaffung von Gesundheit im Klimawandel herrschaftsförmigen Produktions- und Reproduktionsprozessen sozialer Verhältnisse. Der Umgang mit der Klimakrise unterliegt dabei hegemonialen Mustern postfordistischer Regulation von Gesundheit, die bestehende Herrschaftsverhältnisse stabilisieren und weiter fortsetzen. Insbesondere fortschreitende Individualisierungs- und Subjektivierungsprozesse, kombiniert mit einer rationalisierenden biomedizinischen Deutungshoheit über Gesundheit und Krankheit, treten hier zutage. Möglichkeiten zur Gestaltung nicht-herrschaftsförmiger gesellschaftlicher Naturverhältnisse werden dadruch ins Abseits gedrängt.

Schlussfolgerungen: Um diese Herrschaftsverhältnisse aufzubrechen und dadurch Möglichkeiten für verhältnisorientierte und strukturelle Gesundheitsförderung und Gesundheitsressourcen zu bieten, müssen Fragen der öffentlichen Gesundheit im Kontext des Klimawandels verstärkt als Teil des Politischen begriffen werden. Ein salutogenetischer und kollektivistischer Gesundheitsbegriff kann dabei ein Gegenentwurf sein zum bestehenden pathogenetischen und individualistischen Verständnis von Gesundheit.

Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Die Autoren geben an, dass kein Ethikvotum erforderlich ist.


Literatur

1.
Berrang-Ford L, Sietsma AJ, Callaghan M, Minx JC, Scheelbeek PFD, Haddaway NR, et al. Systematic mapping of global research on climate and health: a machine learning review. The Lancet Planetary Health. 2021;5(8):e514-e525. DOI: 10.1016/S2542-5196(21)00179-0 External link