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Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH)

08.09. - 13.09.2024, Dresden

Post-COVID-Syndrom: Eine qualitative Analyse der subjektiven Krankheitskonzepte von Hausärzt:innen

Meeting Abstract

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  • Josefine Schulze - Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Hamburg, Germany
  • Lennart Lind - Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Hamburg, Germany
  • Stefanie Butz - Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Hamburg, Germany

Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH). Dresden, 08.-13.09.2024. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2024. DocAbstr. 360

doi: 10.3205/24gmds468, urn:nbn:de:0183-24gmds4683

Published: September 6, 2024

© 2024 Schulze et al.
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Einleitung: Obwohl die Corona-Pandemie offiziell für beendet erklärt wurde, leiden einige Patient:innen weiterhin unter den langanhaltenden Folgen des Virus. Des Weiteren bestehen nach wie vor Forschungslücken. Das Verständnis der Ätiologie ist noch unzureichend und lässt Raum für die subjektive Konzeptualisierung der Erkrankung. Insbesondere bei Krankheitsbildern, die nicht durch ihre organische Pathogenese, sondern vielmehr durch ihre Symptomatik definiert sind – eine Kategorie, die einen beträchtlichen Anteil der Post-COVID-Fälle ausmacht – kann die Diagnosestellung für Patient:innen mit Bestätigung und Verständnis verbunden sein [1]. Wird das Leiden nicht durch einen Diagnosecode legitimiert, kann dies dazu führen, dass den Betroffenen die soziale Anerkennung ihres Leidens verweigert wird [2]. Angesichts der fehlenden Standardisierung der Diagnosestellung und der Vielfalt der klinischen Beschwerdebilder bei Post-COVID ist davon auszugehen, dass die subjektiven Krankheitskonzepte der Behandelnden eine entscheidende Rolle bei der Diagnostik und Behandlung spielen. Die vorliegende Studie ist eine Sekundäranalyse der LoCoVGP-Studie, die sich mit der hausärztlichen Versorgung von Post-COVID-Patient:innen befasste [3]. Untersucht wurden die Aussagen der Hausärzt:innen im Hinblick auf ihre subjektiven Krankheitstheorien und deren Auswirkungen auf die Versorgungspraxis.

Methoden: Es wurden semi-strukturierte Interviews mit 31 Hausärzt:innen durchgeführt und mittels Thematic Analysis nach Braun & Clarke ausgewertet [4].

Ergebnisse: Hausärzt:innen charakterisieren Long COVID als ein „undurchsichtiges“ Krankheitsbild mit „unspezifischen“ Beschwerden, das sie oft mit der eigenen ärztlichen Hilflosigkeit konfrontiert, da sie weder eine eindeutige Diagnostik noch eine kausale Therapie anbieten können. Es zeigte sich eine Vielfalt an Auffassungen zu physiologischen Erklärungsmodellen. Darüber hinaus betonen viele Hausärzt:innen, dass sie eine hohe psychosomatische Komponente vermuten und die individuelle Krankheitsverarbeitung eine Rolle spielt. Als Faktoren werden insbesondere eine Hypervigilanz gegenüber Symptomen, eine ängstliche oder traumatische Verarbeitung der akuten Infektion, das Fehlen von Resilienzfaktoren und der Einfluss von psychischer Komorbidität angenommen. Einige interpretieren Post-COVID als ein neues „Label“ für unverstandene Beschwerden, möglicherweise anstelle einer psychosomatischen Erkrankung, die nicht akzeptiert wird, oder um medizinisch unerklärten Symptomen einen Namen zu geben. Die hohe mediale Aufmerksamkeit und der rege gesellschaftliche Diskurs würden zu einem verstärkten Abklärungswunsch seitens der Patient:innen führen, der mitunter Druck auf die Hausärzt:innen ausübe, eine formale Diagnose zu stellen. Bei Hausärzt:innen besteht dagegen die Sorge, dass Beschwerden fälschlicherweise auf Post-COVID attribuiert werden, obwohl sie durch andere Erkrankungen hervorgerufen werden oder eine Folge der pandemiebedingten Einschränkungen sind. Diese Unsicherheit hat verschiedene Konsequenzen für die Versorgungspraxis, wie z. B. Zweifel in sozialmedizinischen Fragestellungen, zurückhaltende Codierung und nachrangige Behandlung von Post-COVID-Symptomen bis hin zur Nicht-Verordnung von Therapien. Gleichzeitig sind sich viele Hausärzt:innen des Risikos einer Stigmatisierung bewusst und nehmen den Leidensdruck ihrer Patient:innen ernst. Insgesamt betonen sie die Bedeutung einer umfassenden diagnostischen Abklärung und einer empathischen und grundsätzlich offenen ärztlichen Haltung im Umgang mit den geschilderten Beschwerden.

Schlussfolgerung: Hausärzt:innen stehen aufgrund der unzureichenden Evidenzlage und der begrenzten eigenen Erfahrung in der Versorgung von Patient:innen mit (Verdacht auf) Post-COVID-Syndrom vor besonderen Herausforderungen. Es wird aufgezeigt, inwiefern sich die subjektive Krankheitskonzepte auf mehrere Aspekte der Versorgung auswirken, insbesondere auf die Codierung und Behandlung.

Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Die Autoren geben an, dass ein positives Ethikvotum vorliegt.


Literatur

1.
Nettleton S. ‘I just want permission to be ill’: towards a sociology of medically unexplained symptoms. Soc Sci Med. 2006;62:1167–78. DOI: 10.1016/j.socscimed.2005.07.030 External link
2.
Dumit J. Illnesses you have to fight to get: facts as forces in uncertain, emergent illnesses. Soc Sci Med. 2006;62:577–90. DOI: 10.1016/j.socscimed.2005.06.018 External link
3.
Schulze J, Lind L, Rojas Albert A, Luedtke L, Hensen J, Bergelt C, et al. A Qualitative Interview Study of General Practitioners′ Experiences of Managing Post-COVID-19 Syndrome [Preprint]. medRxiv. 2024:2024.04.23.24306074. DOI: 10.1101/2024.04.23.24306074 External link
4.
Braun V, Clarke V. Thematic analysis: A practical guide. SAGE; 2022.