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Können psychologische Faktoren die Ost-West-Unterschiede in der COVID-19-Impfbeteiligung erklären? Eine Mediationsanalyse unter Berücksichtigung von Altersgruppen
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| Published: | September 6, 2024 |
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Einleitung: Die COVID-19-Schutzimpfung zur Reduktion der durch das SARS-CoV-2-Virus ausgelösten Gesundheitsrisiken galt im Verlauf des Jahres 2021 als wichtigste Intervention zur Befreiung von Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens. Die COVID-19-Impfquoten variierten regional erheblich mit deutlich geringeren Impfquoten in den ostdeutschen Bundesländern. Der Beitrag untersucht, ob psychologische Faktoren des Impfverhaltens zur Erklärung der Ost-West-Unterschiede beitragen. Dazu wurde das etablierte „5C-Modell“ (5C), welches die Determinanten der Impfentscheidung Confidence (Vertrauen in die Impfung), Complacency (Risikowahrnehmung), Constraints (Barrieren der Impfinanspruchnahme), Calculation (Risiko-Nutzen-Abwägung) und Collective Responsibility (gesellschaftliche Verantwortung) differenziert, auf Ost-Westunterschiede angewandt. Um historische Prägungen von Unterschieden in der Impfakzeptanz zu berücksichtigen, wurde nicht nur nach aktuellem Wohnort, sondern auch nach dem Wohnort vor 1989 und nach Alters- bzw. Geburtskohorten differenziert.
Methoden: Für die empirische Analyse wurden Individualdaten der Studie “Corona-Monitoring bundesweit – Welle 2” (RKI-SOEP-2, Erhebungszeitraum: 11/2021 - 02/2022) verwendet (N=6651). Die COVID-19-Impfquoten (mindestens eine Impfung erhalten) der Bevölkerung über 30 Jahre wurden differenziert für Personen mit DDR- bzw. BRD-Hintergrund (Wohnort vor 1989) berechnet. Multiple logistische Regressionsmodelle wurden geschätzt, um die Ost-West-Unterscheide für Geschlecht, Alter, Migrationsgeschichte, sozioökonomische Position, bereits überstandener SARS-CoV-2-Infektion sowie Vorerkrankungen zu adjustieren und Assoziationen von Fragebogenitems der 5C-Faktoren mit der Impfbeteiligung zu berechnen. In einem zweiten Schritt wurde eine Mediationsanalyse mittels Karlsen-Holm-Breen Methode (KHB) durchgeführt, um eine Dekomposition des Ost-West-Effektes vorzunehmen und zu bestimmen, welchen Beitrag die einzelnen 5C-Faktoren zur Reduktion des Ost-West-Effektes leisten. In einem dritten Schritt wurden Interaktionseffekte zur Identifizierung von altersgruppenspezifischen Ost-West-Unterschieden berechnet und auf Signifikanz geprüft. Auf Grundlage dieser Modelle wurde ebenfalls eine Dekomposition der Ost-West-Effekte vorgenommen, die es erlaubte die Beiträge der 5C-Faktoren altersgruppenspezifisch zu betrachten.
Ergebnisse: Der Ost-West-Unterschied in der COVID-19-Impfbeteiligung belief sich in der gesamten Stichprobe auf etwa 8 Prozentpunkte (Ost: 85,4%, 95%-KI: 82.57-87.78; West: 93,3%, 95%-KI: 92.24-94.11). Adjustiert um Kontrollvariablen waren in den höchsten Altersgruppen (>70 Jahre) keine Ost-West-Unterschiede in der Impfbeteiligung festzustellen (OR=1.09, 95%-KI: 0.26-4.47). In allen weiteren Altersgruppen waren die Impfquoten unter Ostdeutschen deutlich geringer als unter Westdeutschen (60- bis 70-Jährige: OR=0.34, 95%-KI: 0.16-0.71; 45- bis 60-Jährige: OR=0.16, 95%-KI: 0.09-0.28; 30- bis 45-Jährige: OR=0.33, 95%-KI: 0.18-0.58). Insgesamt ließen sich die Ost-West-Impfunterschiede zu erheblichen Teilen auf die psychologischen Faktoren zurückführen (45%), wobei das Vertrauen in die Impfsicherheit (27%) und die Bewertung der Impfbeteiligung als gesellschaftliche Verantwortung (18%) die wesentlichen Erklärungsfaktoren darstellten. Die Differenzierung nach Altersgruppen zeigte, dass der Altersgradient - geringere Impfquoten in jüngeren Altersgruppen - unter Ostdeutschen stärker ausfiel. Die altersgruppenspezifischen Ost-West-Unterschiede waren allerdings auf ähnliche Beteiligung der psychologischen Faktoren zurückzuführen (Vertrauen in die Impfung: 28%-31%, gesellschaftliche Verantwortung: 11%-19%).
Schlussfolgerung: Studien haben ähnliche Ost-West-Unterschiede in der Inanspruchnahme und Akzeptanz der COVID-19-Schutzimpfung auch zwischen den Ländern West- und Osteuropas gefunden. Als Grund wurde jeweils die Skepsis der Bevölkerung gegenüber staatlichen Interventionen und globalisierten Konzernen angeführt, die insbesondere aus der Erfahrung der Transformationsprozesse nach 1990 herrührt. Die historisch bedingten Unterschiede in der politischen Kultur bieten einen Nährboden für politische Instrumentalisierung, die durch Fehl- und Desinformation z.B. in den sozialen Medien verstärkt wird. Zukünftige Impfkampagnen sollten die Gefahren der politischen Instrumentalisierung und die regional unterschiedliche Bereitschaft für die Übernahme gemeinschaftlicher Aufgaben und Belastungen besonders berücksichtigen.
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die Autoren geben an, dass kein Ethikvotum erforderlich ist.
