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Können Vorerkrankungen berufsbedingte Unterschiede in der COVID-19 Erkrankungsschwere erklären? Eine Analyse von 3,17 Mio. gesetzlich Versicherten
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| Published: | September 6, 2024 |
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Einleitung: Zahlreiche Studien zeigen, dass das Risiko einer SARS-CoV2 Infektion oder eines schweren Erkrankungsverlaufs in der Bevölkerung ungleich verteilt ist [1]. Vor allem haben sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen oder bestimmte Berufsgruppen ein erhöhtes SARS-CoV2 Infektionsrisiko und schwerere COVID-19 Verläufe (inkl. Mortalität). Im Falle des Berufs gilt dies vor allem für personenbezogene Dienstleistungen oder Produktionsberufe [2]. Allerdings bleiben - trotz der wachsenden deskriptiven Evidenz - die zugrunde liegenden Mechanismen weiterhin unklar und es fehlen belastbare Aussagen dazu, was die Gründe für diese Ungleichheiten sind. Als mögliche Erklärungen scheint es dabei sinnvoll, zwischen Ungleichheiten in der Exposition (bspw. höhere Wahrscheinlichkeit mit dem Virus in Kontakt zu kommen), Ungleichheiten in der Versorgung (bspw. spätere Inanspruchnahme medizinischer Versorgung) und Ungleichheiten in der Vulnerabilität (v.a. aufgrund von Vorerkrankungen) zu unterscheiden [3]. Ziel des vorliegenden Beitrags ist es daher, Zusammenhänge zwischen Beruf und COVID-19 Erkrankungsschwere (Hospitalisierung und Mortalität) zu untersuchen, und dabei den erklärenden Anteil von Vorerkrankungen zu analysieren.
Methode: Als Datengrundlage dient die Forschungsdatenbank des Instituts für angewandte Gesundheitsforschung (InGef), die anonymisierte longitudinale Routinedaten von ca. 6,8 Mio. gesetzlich Versicherten von 60 Betriebskrankenkassen beinhaltet (Ludwig et al. [4]). Die Beobachtungszeit beträgt zwei Jahre (01.01.2020 – 31.12.2021). Die COVID-19 bezogene Hospitalisierung wird als Haupt- oder Nebendiagnose des ICD-10 Codes U07.1! bei Krankenhausaufnahme definiert. Zur COVID-19 bezogenen Mortalität gehört das Versterben nach ambulanter U07.1! Diagnose nach 30 Tagen oder nach 14 Tagen einer vollstationären Aufnahme. Die Vorerkrankungen werden in acht Erkrankungsgruppen nach ICD-Klassifikation unterteilt (bspw. Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Atemwegserkrankungen). Zur Unterteilung von Berufsgruppen nutzen wir vier unterschiedliche Gruppierungen der amtlichen Systematik der Klassifikation der Berufe, die sowohl vertikale (Anforderungsniveau und Führungsfunktion) und horizontale Merkmale unterscheiden (Berufssektor und Berufssegmente) [5]. Die Analyse erfolgt anhand von Vergleichen deskriptiver Kennzahlen (kumulative Inzidenzen) und multivariabler Cox-Regressionen (adjustierte Hazard Ratios).
Ergebnisse: Insgesamt wurden über 3,17 Mio. Versicherte (davon 47 % Frauen) analysiert. Auch nach Kontrolle von Alter, Geschlecht und Region lassen sich deutliche Unterschiede nach Beruf beobachten: Dabei haben Personen in Berufen aus den Segmenten „Reinigung“ und „Logistik und Verkehr“ vergleichsweise schwerere Erkrankungsverläufe und versterben häufiger an COVID-19, mit adjustierten Hazard Ratios von 2,40 (KI-95% 1,82-3,18) bzw. 1,76 (KI-95% 1,35-2,28). Ähnliches gilt für Berufe mit geringem Anforderungsniveau (HR=2,42 (KI-95% 2,21-2,65)). Auch nach gegenseitiger Adjustierung dieser horizontalen und vertikalen Berufsmerkmale bleiben die Zusammenhänge konstant. Nach zusätzlicher Berücksichtigung von Vorerkrankungen fallen die Zusammenhänge geringer aus, bleiben jedoch signifikant. Auch hier haben Personen in Berufen aus den Segmenten „Reinigung“ (HR=2,02 (KI-95% 1,53-2,68) und „Logistik und Verkehr“ (HR=1,66 (KI-95% 1,27-2,15)) vergleichsweise schwerere Erkrankungsverläufe, genauso wie Berufe mit geringem Anforderungsniveau (HR=1,67 (KI-95% 1,51-1,84)).
Diskussion: Die Ergebnisse weisen auf einen unabhängigen Zusammenhang zwischen vertikalen (Anforderungsniveau oder Führungsfunktion) und horizontalen Berufsmerkmalen (Berufssektor und Berufssegmente) hin. Unser Kernbefund liefert zudem erstmalig für Deutschland auf Basis eines umfangreichen Datensatzes Hinweise dafür, dass die Zusammenhänge zwischen Beruf und Erkrankungsschwere teilweise auf existierende Vorerkrankungen zurückgeführt werden können. Dies spricht für eine Verschärfung gesundheitlicher Ungleichheiten im Rahmen der Pandemie, bei der bereits gesundheitlich benachteiligte Bevölkerungsgruppen zusätzlich benachteiligt werden (Risikoakkumulation).
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die Autoren geben an, dass kein Ethikvotum erforderlich ist.
Literatur
- 1.
- Beese F, Waldhauer J, Wollgast L, Pförtner TK, Wahrendorf M, Haller S. Temporal Dynamics of Socioeconomic Inequalities in COVID-19 Outcomes Over the Course of the Pandemic-A Scoping Review. International journal of public health. 2022;67:1605128.
- 2.
- Wahrendorf M, Schaps V, Reuter M, Hoebel J, Wachtler B, Jacob J. Berufsbedingte Unterschiede bei COVID-19-Morbidität und -Mortalität in Deutschland. Eine Analyse von Krankenkassendaten von 3,17 Mio. Versicherten. Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz. 2023;66(8):857–868.
- 3.
- Quinn SC, Kumar S. Health inequalities and infectious disease epidemics: a challenge for global health security. Biosecurity and bioterrorism: biodefense strategy, practice, and science. 2014;12(5):263–273.
- 4.
- Ludwig M, Enders D, Basedow F, Walker J, Jacob J. Sampling strategy, characteristics and representativeness of the InGef research database. Public Health. 2022;206:57–62.
- 5.
- Matthes B, Neuhauser P. Berufssektoren und Berufssegmente auf Grundlage der KldB 2010. Methodenbericht. Nürnberg: Bundesagentur für Arbeit Statistik; 2015.
