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Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH)

08.09. - 13.09.2024, Dresden

Kindertagesförderungsgesetz Mecklenburg-Vorpommern (KiföG M-V) – Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit beim Schulstart?

Meeting Abstract

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  • Vanessa Sophie Ernst - Universitätsmedizin Greifswald, Institut für Community Medicine, Abteilung Versorgungsepidemiologie und Community Health, Greifswald, Germany
  • Marco Franze - Universitätsmedizin Greifswald, Institut für Community Medicine, Abteilung Versorgungsepidemiologie und Community Health, Greifswald, Germany
  • Wolfgang Hoffmann - Universitätsmedizin Greifswald, Institut für Community Medicine, Greifswald, Germany

Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH). Dresden, 08.-13.09.2024. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2024. DocAbstr. 40

doi: 10.3205/24gmds285, urn:nbn:de:0183-24gmds2854

Published: September 6, 2024

© 2024 Ernst et al.
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Einleitung: Das KiföG M-V (Kindertagesförderungsgesetz Mecklenburg-Vorpommern) sieht seit 2011 die Durchführung einer jährlichen Früherkennung sprachlich-kognitiver, motorischer und sozial-emotionaler Entwicklungsgefährdungen bei 3-6-Jährigen aus Kitas in sozialräumlich schwieriger Lage vor. Dies erfolgt mittels des „Dortmunder Entwicklungsscreening für den Kindergarten“ (DESK 3-6 R). Ziel ist die anschließende gezielte individuelle Förderung von entwicklungsgefährdeten Kindern aus „DESK-Kitas“. Dadurch soll zu mehr Chancengerechtigkeit beim Schulstart beigetragen werden. Im Falle der Zielerreichung sollten somit keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen „Kinder aus „DESK-Kitas“ und „Kinder aus Nicht-DESK-Kitas“ im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung (SEU) sichtbar werden. Fragestellung 1: Unterscheiden sich die Gruppen in den Prävalenzen von Auffälligkeiten in der SEU-Erhebung 2021/2022? Fragestellung 2: Haben sich die Gruppenunterschiede seit dem Ende der Kita-Lockdowns als Schutzmaßnahme während der Pandemie (SEU-Erhebung 2021/2022) gegenüber der Zeit vor Ausbruch der Pandemie verändert (SEU-Erhebung 2018/2019)?

Methoden: Die Analysen von vom Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport M-V bereitgestellten SEU-Daten erfolgten getrennt nach SEU-Domäne und Stadt-/Landkreisen in M-V. Daten der Erhebung 2018/19 in den Landkreisen Rostock und Vorpommern-Greifswald wurden aus den Analysen zu Fragestellung 2 ausgeschlossen, da sie keine Variable zur besuchten Kita enthielten. Im Folgenden werden die Ergebnisse zu Fragestellung 1 und 2 exemplarisch für die SEU-Domänen Körperkoordination, Feinmotorik und Sprache (Fokus Artikulation) dargestellt.

Ergebnisse:

Fragestellung 1: Körperkoordination: In 6 von 8 Stadt-/Landkreisen sind Kinder aus „DESK-Kitas“ häufiger von Auffälligkeiten betroffen (Differenzen zwischen 2,5 und 8,1 Prozentpunkten; statistisch signifikant in 3 Stadt-/Landkreisen). Feinmotorik: Kinder aus „DESK-Kitas“ weisen in 7 von 8 Stadt-/Landkreisen eine höhere Prävalenz von Auffälligkeiten bei der Schuleingangsuntersuchung auf (Differenzen zwischen 0,3 und 8,9 Prozentpunkten; statistisch signifikant in 1 Landkreis). Sprache (Fokus Artikulation): In allen 8 Stadt-/Landkreisen sind Kinder aus „DESK-Kitas“ häufiger von Auffälligkeiten betroffen (Differenzen zwischen 3,6 und 26,7 Prozentpunkten; statistisch signifikant in 7 Stadt-/Landkreisen).

Fragestellung 2: Körperkoordination: Im Vergleich der Erhebungen zeigen sich in den Stadt-/Landkreisen deutliche Veränderungen über die Zeit. In der Erhebung 2018/19 war die Prävalenz zwischen den Gruppen vergleichbar hoch oder in „Nicht-DESK-Kitas“ sogar höher als in „DESK-Kitas“. In der Erhebung 2021/22 hat sich dieses Verhältnis hingegen gedreht, sodass die Prävalenz nun in der Gruppe „DESK-Kitas“ tendenziell höher ausfällt als in der Gruppe „Nicht-DESK-Kitas“. Feinmotorik: Auch hier ergeben sich im Vergleich der Erhebungen über die Zeit Veränderungen in den Stadt-/Landkreisen. Durch stärkere Zunahmen der Prävalenz in der Gruppe der „DESK-Kitas“ überholt diese die Prävalenz der „Nicht-DESK-Kitas“. Sprache (Fokus Artikulation): In diesem Bereich steigt die Anzahl der Landkreise, in denen die Prävalenz in der Gruppe der „DESK-Kitas“ signifikant höher ist, als in der Gruppe der „Nicht-DESK-Kitas“ von 2018/2019 zu 2021/2022 deutlich an (2018/19: 2 von 6 Stadt-/Landkreisen vs. 2021/22: 7 von 8 Landkreisen).

Diskussion: Die Ergebnisse liefern keine Hinweise dafür, dass das Ziel, zu mehr Chancengerechtigkeit beim Schulstart beizutragen, erreicht wurde. Stattdessen zeigt die Analyse des zeitlichen Trends vor und nach der Pandemie sogar eine Zunahme der Ungerechtigkeit, möglicherweise eine Folge der COVID-19-Pandemie und den damit verbundenen Schutzmaßnahmen wie bspw. Kita-Schließungen. Ursache ist möglicherweise, dass es für Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status schwieriger ist, die durch Kita-Schließungen eingeschränkte pädagogische Arbeit und Förderung von Kindern auszugleichen.

Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Die Autoren geben an, dass ein positives Ethikvotum vorliegt.