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Akutversorgung von atraumatischen Bauchschmerzen in Deutschland
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| Published: | September 6, 2024 |
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Einleitung: In den Notaufnahmen deutscher Krankenhäuser werden jährlich 20 Millionen Patient:innen versorgt. Dabei beträgt die Prävalenz des atraumatischen Bauchschmerzes 5-20% [1], [2], [3] aller Notfälle, der zudem der häufigste chirurgische Notfall ist [4]. Diese Art der Schmerzen, die nicht auf äußere Einwirkungen wie einen Sturz oder eine Verletzung zurückzuführen sind, stellen häufig ein komplexes Krankheitsbild dar.
Im Projekt „Abdominal Pain Unit - APU“ [5] soll ein neuer, App-unterstützter systematischer Behandlungspfad eingeführt werden. Ziel ist eine schnellere, sicherere und zielführendere Versorgung der Patient:innen mit atraumatischen Bauchschmerzen. Dazu werden in 10 deutschen Kliniken 2.000 Patientinnen und Patienten rekrutiert und die Versorgung vor sowie nach Einführung des neuen App-gestützten Behandlungspfads verglichen.
Um die spätere Projekt-Ergebnisinterpretation besser einordnen zu können, wird eine flankierende bundesweite Referenzmessung auf Basis von GKV-Routinedaten durchgeführt. Dieses erfolgt einerseits mit dem Ziel, (regionale) Besonderheiten bei patientenindividuellen Pfadanalysen (z.B. stationäre Aufnahmeraten) detaillierter nachzuvollziehen und anderseits das Überführen der neuen APU-Leistungen in die GKV-Regelversorgung hinsichtlich Versorgungspotential genauer zu quantifizieren.
Methodik: Auf Basis von Routinedaten (n = 11,3 Mio. TK-Versicherte) wurden für den Zeitraum 04.2021-03.2023 die Patient:innencharakteristika sowie Art und Umfang bundesweiter Leistungsinanspruchnahmen in Notaufnahmen versorgungskontextbezogen analysiert und regional ausdifferenziert. Eine ambulante Notfallbehandlung wurde entweder mit einer spezifischen EBM-GOP-Inanspruchnahme und/oder mit der Scheinart „Notfall“ operationalisiert. Dabei wurde jeweils nur auf am Krankenhaus angebundene Notaufnahmen fokussiert, die durch entsprechende Ziffernfolgen in der KV-Betriebsstätten-Nummer operationalisiert werden konnten.
Ergebnisse: Im Untersuchungszeitraum hatten 540.544 Versicherte eine Notfallbehandlung wegen atraumatischer Bauchschmerzen (58,7% Frauen, 41,3% Männer), wobei das mittlere Alter im ambulanten Setting (keine stationäre Aufnahme erfolgt) deutlich niedriger ist als stationär (44,5 vs. 52,2 Jahre). Dabei ist die Prävalenz im stationären Setting in Thüringen (3,4%) und Mecklenburg-Vorpommern (3,0%) deutlich größer als in den Stadtstatten Berlin (2,2%) und Hamburg (2,4%), wobei sich die Versicherten bei letzteren auf mehr Krankenhäuser (n = 43 in Berlin) verteilen als in den beiden ostdeutschen Flächenländer (n = 34 Thüringen bzw. 31 Mecklenburg-Vorpommern). Hingegen ist die ambulante Prävalenz in den beiden Stadtstatten Berlin und Hamburg am höchsten (jeweils 3,1%) und in Thüringen (1,5%) und Bayern (1,7%) am niedrigsten, wobei die Anzahl der aufgesuchten Notaufnahmen in Bayern (n = 319) und Nordrhein (338) am größten ist.
Während ambulant die symptombezogenen ICD-Codes R10.3 (15,2%), R10.4 (13,0%), R11 (7,5%) und A09.9 (7,5%) dominieren, sind stationär eher krankheitsspezifischere Diagnosen wie K57.32 (4,7%), K80.00 (4,2%) und K35.30 (3,5%) führend. Dabei betragen die Krankenhausfallkosten für atraumatische Bauchschmerzen als Notfall-Hauptdiagnose durchschnittlich 3.569,66€, variieren aber in Abhängigkeit von der genauen ICD-Diagnose zwischen 34.320,48€ (K74.4) und 1.102,24€ (N94.0).
Diskussion/Schlussfolgerung: Die in den Abrechnungsdaten identifizierten Fälle mit atraumatischen Bauchschmerzen bestätigen die hohe Public Health Relevanz der zugrundeliegenden Notaufnahmediagnosen, welche Ausgangspunkt für die Durchführung der Studie zu dem neuen Versorgungspfad war. Die Ergebnisse ermöglichen darüber hinaus einen Repräsentativitätsabgleich mit der in der Studie rekrutierten Patientenkohorte. Auffällig ist eine hohe regionale Varianz hinsichtlich der Notwendigkeit einer stationären Aufnahme bei der Akutversorgung von Patienten mit atraumatischen Bauchschmerzen. Dies sollte mitberücksichtigt werden, wenn der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss gemäß §92b Absatz 3 SGBV nach Projektabschluss über den Transfer des APU-Behandlungspfads in die Regelversorgung im Jahr 2025 entscheiden wird.
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die Autoren geben an, dass kein Ethikvotum erforderlich ist.
Literatur
- 1.
- Mockel M, Searle J, Muller R, Slagman A, Storchmann H, Oestereich P, et al.. Chief complaints in medical emergencies: do they relate to underlying disease and outcome? The Charité Emergency Medicine Study (CHARITEM). European journal of emergency medicine: official journal of the European Society for Emergency Medicine. 2013;20(2):103–8.
- 2.
- Fagerström A, Paajanen P, Saarelainen H, Ahonen-Siirtola M, Ukkonen M, Miettinen P, et al. Non-specific abdominal pain remains as the most common reason for acute abdomen: 26-year retrospective audit in one emergency unit. Scandinavian journal of gastroenterology. 2017;52(10):1072–7. DOI: 10.1080/00365521.2017.1342140
- 3.
- Lameris W, van Randen A, van Es HW, van Heesewijk JP, van Ramshorst B, Bouma WH, et al. Imaging strategies for detection of urgent conditions in patients with acute abdominal pain: diagnostic accuracy study. BMJ. 2009;338:b2431. DOI: 10.1136/bmj.b2431
- 4.
- Trentzsch H, Werner J, Jauch KW. Acute abdominal pain in the emergency department — a clinical algorithm for adult patients. Zentralbl Chir. 2011;136:118–128. DOI: 10.1055/s-0031-1271415
- 5.
- Altendorf MB, Möckel M, Schenk L, Fischer-Rosinsky A, Frick J, Helbig L, Horenkamp-Sonntag D, Huscher D, Lichtenberg L, Reinhold T, Schindel D, Stier B, Sydow H, Wu YN, Zimmermann G, Slagman A. The Abdominal Pain Unit (APU). Study protocol of a standardized and structured care pathway for patients with atraumatic abdominal pain in the emergency department: A stepped wedged cluster randomized controlled trial. PLoS One. 2022 Aug 24;17(8):e0273115. DOI: 10.1371/journal.pone.0273115
