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12. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.

23. - 25. Oktober 2013, Berlin

Prävalenzunahme des Morbus Addison: eine Routinedatenanalyse für den Zeitraum 2007–2011

Meeting Abstract

  • presenting/speaker Roland Linder - WINEG, Hamburg, Germany
  • presenting/speaker Kathrin Neumann - WINEG, Hamburg, Germany
  • Gesine Meyer - Medizinische Klinik 1, Klinikum der J.W. Goethe-Universität, Frankfurt am Main, Germany
  • Klaus Badenhoop - Medizinische Klinik 1, Klinikum der J.W. Goethe-Universität, Frankfurt am Main, Germany

12. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. Berlin, 23.-25.10.2013. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2013. DocKV13-240

doi: 10.3205/13dkvf140, urn:nbn:de:0183-13dkvf1403

Published: October 25, 2013

© 2013 Linder et al.
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Hintergrund: Beim Morbus Addison handelt es sich um eine seltene, jedoch potentiell lebensbedrohliche Autoim-munerkrankung mit einem vollständigen Funktionsverlust der Nebennierenrinde (NNR). Zur Epidemio-logie des M. Addison in Deutschland existieren bislang keine Angaben. In Ermangelung eines Natio-nalen Registers für seltene Erkrankungen nutzt die vorliegende Studie GKV-Routinedaten einer großen deutschen Krankenkasse, bei der mehr als 10% der deutschen Bevölkerung versichert sind.

Methodik: Analysiert wurden GKV-Routinedaten der Techniker Krankenkasse im Beobachtungszeitraum 1.1.2007 bis 30.9.2011, insgesamt mehr als 30 Millionen Personenjahre. Aufgreifkriterien waren stationäre Entlassungsdiagnosen und ambulante Diagnosen mit dem Kennzeichen 'gesichert' oder 'Zustand nach' mit einer der folgenden ICD-10-GM: E27.1 (Morbus Addison), E27.2 (Addison-Krise) und E31.0 (Autoimmunes polyglanduläres Syndrom). Ausgeschlossen wurden alle Patienten mit Hinweisen auf eine sekundäre, iatrogene, traumatische, angeborene oder anderweitig nicht-idiopathische NNR-Insuffizienz: E27.3 (Arzneimittelinduzierte NNR-Insuffizienz), A18.7 (TBC der Nebenniere), A39.1 (Waterhouse-Friedrichsen-Syndrom), C79.7 (Nebennierenmetastase), C74.9 (Bösartige Neubildung Nebenniere), D35.0 (Gutartige Neubildung Nebenniere), D44.1 (Nebennierentumor), E23.0 (Hypophysenvorderlappen-Insuffizienz), E25 (Adrenogenitale Störungen), E27.4 (Sonstige und nicht näher bezeichnete NNR-Insuffizienz). E27.8 (Sonstige, näher bezeichnete Erkrankung der Nebenniere), E35.1 (Krankheiten der Nebenniere bei andernorts klassifizierten Erkrankungen), E89.6 (NNR-Insuffizienz nach medizinischen Maßnahmen) sowie Q89.1 (Angeborene Fehlbildung der Nebenniere). Eine Assoziation mit anderen relevanten Autoimmunerkrankungen wurde untersucht in Bezug auf Vitiligo, Diabetes mellitus Typ 1, Hypoparathyreoidismus, rheumatoide Arthritis, M. Basedow, Hashimoto-Thyreoiditis, primäre Ovarialinsuffizienz, Sprue, Autoimmunhepatitis, systemischen Lupus erythematodes und das Sicca-Syndrom.

Ergebnisse: Die ermittelte Prävalenz des M. Addison stieg kontinuierlich von 100 pro 1 Mio. Versicherte im Jahr 2007 auf 129 pro 1 Mio. Versicherte im Jahr 2011 (dort nur drei Beobachtungsquartale). Im Mittel stieg die Prävalenz jedes Jahr um ca. 7%. Sie lag bei Männern (72-90 pro 1 Mio.) niedriger als bei Frauen (127-169 pro 1 Mio.). Für häufigere Autoimmunerkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 1 oder Vitiligo zeigten sich keine auffälligen Trends im Zeitverlauf. Bei 58,4% der Patienten mit M. Addison wurde mindestens eine der untersuchten begleitenden Autoimmunerkrankungen diagnostiziert.

Diskussion/Schlussfolgerung: Die vorliegende auf GKV-Routinedaten basierende Studie erlaubt zum ersten Mal eine Einschätzung der Prävalenz des seltenen aber lebensbedrohlichen M. Addison in Deutschland sowie der ge-schlechtsspezifischen Prävalenzentwicklung. Im internationalen Vergleich liegt die Prävalenz mit 129 pro 1 Mio. niedriger als in Norwegen (144) oder Schweden (136) [1], [2], jedoch über den Schätzungen für andere europäische Länder [1], [3], [4], [5]. Die bei Frauen beobachtete höhere Prävalenz bestätigt frühere Publikationen [6]. Die Zunahme der Prävalenz um jährlich ca. 7% war überraschend. Im Vergleich zur Prävalenzentwicklung anderer Autoimmunerkrankungen erscheint es unwahrscheinlich, dass dieser kontinuierliche Anstieg durch Besonderheiten in der Entwicklung des Versichertenklientels der Techniker Krankenkasse zu erklären ist. Die steigende Prävalenz lässt prognostizieren, dass dieses heute seltene Krankheitsbild zunehmend Aufmerksamkeit erfordern wird. Insbesondere bei Frauen wird damit auch die Früherkennung an Bedeutung gewinnen. Als Alternative zu leider fehlenden Registerdaten haben sich die GKV-Routinedaten als sehr wertvoll erwiesen.


Literatur

1.
Lovas K, Husebye ES. High prevalence and increasing incidence of Addison's disease in western Norway. Clin Endocrinol (Oxf). 2002; 56(6):787-791.
2.
Erichsen MM, Lovas K, Skinningsrud B et al. Clinical, immunological, and genetic features of autoimmune primary adrenal insufficiency: observations from a Norwegian registry. J Clin Endocrinol Metab. 2009; 94(12):4882-90.
3.
Kong MF, Jeffcoate W. Eighty-six cases of Addison's disease. Clin Endocrinol (Oxf). 1994; 41(6):757-61.
4.
Willis AC, Vince FP. The prevalence of Addison's disease in Coventry, UK. Postgrad Med J. 1997;73(859):286-8.
5.
Laureti S, Vecchi L, Santeusanio F, Falorni A. Is the prevalence of Addison's disease underestimated? J Clin Endocrinol Metab. 1999;84(5):1762.
6.
Arlt W, Allolio B. Adrenal insufficiency. Lancet. 2003;361(9372):1881-93.