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Ambulante Verordnungen von Analgetika und Supportiva im letzten Lebensmonat bei Versicherten mit onkologischer Erkrankung: Retrospektive Analyse von GKV-Routinedaten (2016–2021)
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Published: | September 23, 2024 |
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Hintergrund: Die Verordnung von Analgetika und Supportiva am Lebensende ist eine zentrale Aufgabe der Palliativversorgung (PV). In Deutschland gibt es unterschiedliche Strukturen ambulanter PV. Es liegen bisher keine Daten vor, wie sich die Verordnungsraten in Abhängigkeit von der jeweiligen ambulanten PV-Form unterscheiden.
Fragestellung: Ziel ist die Analyse der Analgetika- und Supportiva-Verordnungen bei Verstorbenen mit onkologischer Erkrankung in den verschiedenen ambulanten PV-Formen im Vergleich zu solchen ohne ambulante PV.
Methoden: In der retrospektiven Kohortenstudie wurden Daten von 164.322 zwischen 2016 und 2021 verstorbenen BARMER-Versicherten mit fortgeschrittener onkologischer Erkrankung ausgewertet. Es wurden drei Gruppen analysiert: Versicherte ohne ambulante PV, mit allgemeiner ambulanter PV oder besonders qualifizierter und koordinierter PV (AAPV/BQKPmV) sowie mit spezialisierter ambulanter PV (SAPV). Die Untersuchung fokussierte auf die Verordnungsraten verschiedener Medikamentengruppen gemäß ATC-Codes (Nichtopioid- und Opioidanalgetika, neuropatische Medikation, Antiemetika, systemische Steroide, stuhlregulierende Maßnahmen) sowie deren Kombinationen im letzten Lebensmonat.
Ergebnisse: SAPV-Versicherte zeigten die höchsten Verordnungsraten, z.B. starke Opioide (71,8%), gefolgt von AAPV/BQKPmV (47,2%) und Versicherten ohne PV (22,5%). Die Verordnungsraten für alle Supportiva zeigten ähnliche Muster. Ein umgekehrtes Muster wurde bei schwachen Opioiden beobachtet: SAPV (5,8%), AAPV/BQKPmV (8,9%), keine PV (9,1%). Die leitliniengerechte Kombination von Nichtopioid- und starken Opioidanalgetika wurde in weniger als der Hälfte der Fälle in SAPV (49,8%) und noch seltener in AAPV/BQKPmV (29,5%) umgesetzt.
Diskussion: Die Studie liefert erstmals umfassende Einblicke in die medikamentöse Verordnungspraxis in der ambulanten PV in Deutschland. Die hohen Verordnungsraten in der SAPV spiegeln eine intensivere medikamentöse Behandlung von Palliativpatient:innen mit möglicherweise komplexerer Symptomatik in dieser spezialisierten PV-Form wider.
Take Home Message für die Praxis: Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer verbesserten Integration und Weiterbildung im Bereich Schmerzmanagement und Supportivtherapie in der allgemeinen und spezialisierten ambulanten Versorgung. Eine Angleichung der Verordnungspraktiken, insbesondere in der AAPV/BQKPmV, an die Standards der SAPV könnte helfen, diese potentielle Versorgungslücke zu schließen.