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Monitoring gesundheitlicher Ungleichheit in Europa – eine Bestandsaufnahme
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| Veröffentlicht: | 6. September 2024 |
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Hintergrund: Gesundheitliche Chancengerechtigkeit (Health Equity) ist ein erklärtes Ziel von Public Health. Zur Verbesserung von gesundheitlicher Chancengerechtigkeit ist ein institutionalisiertes System zur Beobachtung und Berichterstattung gesundheitlicher Ungleichheit (Health Equity Monitoring, HEM) essentiell. Ziel eines HEM ist es 1) gesundheitliche Ungleichheiten systematisch zu identifizieren, 2) zeitliche Trends gesundheitlicher Ungleichheiten zu erkennen, 3) Ansatzpunkte für Prävention und Gesundheitsförderung zu erschließen und 4) verschiedene Zielgruppen wie z.B. Stakeholder aus Politik und Praxis oder die interessierte (Fach-)Öffentlichkeit zu informieren. Dabei ist insbesondere die Aufbereitung von Daten und Befunden zu gesundheitlicher Ungleichheit relevant, um Informationen verständlich und adressatengerecht zu transportieren. Im Rahmen eines Forschungsprojekts am Robert Koch-Institut soll ein HEM für Deutschland konzipiert werden. Dafür wurde in einem ersten Schritt eine umfassende Bestandsaufnahme von HEM-Aktivitäten in Europa vorgenommen, die in diesem Beitrag vorgestellt wird.
Methoden: Datengrundlage ist eine systematische Übersicht (Mapping) von HEMs aller Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU), dem Vereinigten Königreich (UK), Norwegen und der Schweiz. Ausgangspunkt für das Mapping waren die Webseiten der nationalen Public Health-Institute. Dabei wurden verschiedene Informationen zu Berichtsformaten, genutzten Bevölkerungsstatistiken sowie berichteten Maßen gesundheitlicher Ungleichheit erfasst. Analog zu den genannten Zielen eines HEM (identifizieren, informieren, Trends darstellen, Präventionspotentiale erschließen) wurden jeweilige Punktwerte (Scores) für die Güte der einzelnen Systeme vergeben und zu einem Gesamtpunktwert aufsummiert. Diese Bewertung wurde nach 4-Augen-Prinzip von zwei Personen unabhängig voneinander durchgeführt. Es wurde evaluiert, ob und in welcher Qualität die oben genannten Ziele eines HEM erreicht werden können und welche Systeme als Orientierung für ein HEM in Deutschland dienen könnten.
Ergebnisse: Insgesamt wurden 32 Institutionen betrachtet. 17 (53,1%) der Institutionen berücksichtigen bei ihren Monitoringaktivitäten neben Alters- und Geschlechtsstratifizierungen auch soziale Determinanten. Neun (28,1%) der betrachteten Institutionen informieren umfassend über gesundheitliche Ungleichheit, indem sie verschiedene Berichtsformate (z.B. Hintergrundinformationen zu gesundheitlicher Ungleichheit, Grafiken, weiterführende Informationen) zur Dissemination verwenden. Sieben (21,9%) berichten Trends gesundheitlicher Ungleichheit und vier (12.5%) diskutieren Präventionspotentiale um gesundheitliche Ungleichheit zu reduzieren. Die konkrete Berichterstattung gesundheitlicher Ungleichheit zeigt sich im europäischen Überblick sehr heterogen. Grafische Darstellungen und Hintergrundinformationen zu gesundheitlicher Ungleichheit werden am häufigsten berichtet (64,7% bzw. 58,8%). Die Quantifizierung gesundheitlicher Ungleichheit fokussiert sich zumeist auf stratifizierte Prävalenzen (70,6%), wobei absolute Ungleichheiten am häufigsten berichtet werden (82,4%). Als besonders umfänglich erwiesen sich HEMs aus Belgien, Irland, England (UK) und Wales (UK).
Schlussfolgerung: In vielen europäischen Ländern finden sich HEMs in sehr unterschiedlicher Ausgestaltung mit bedingter Vergleichbarkeit. Knapp die Hälfte der betrachteten Institutionen berücksichtigen soziale Determinanten in ihren Monitoringaktivitäten, während die weiteren Ziele eines HEM nur selten erreicht werden. Einzelne HEMs können als Orientierung für andere Länder dienen, um relevante Inhalte und Elemente eines HEM zu identifizieren. Für die Etablierung eines umfassenden und systematischen HEM sind jedoch weitere qualitative Betrachtungen der Ergebnisse notwendig um die Nutzbarkeit verschiedener Disseminationsformate im Kontext von Deutschland zu evaluieren. Außerdem braucht es die Einbindung von potentiell Nutzenden aus Forschung, Politik und Praxis, um ein HEM für Deutschland bedarfsgerecht zu gestalten.
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die Autoren geben an, dass kein Ethikvotum erforderlich ist.
