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Evidenzbasierte Kommunikation und Public Health: Ist Open Science immer sinnvoll?
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| Veröffentlicht: | 6. September 2024 |
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Hintergrund: Wie Volkmar Sigusch schon 1999 in seinen „Bemerklungen zur Logik der modernen Medizin“ ausführte, sind „Wissen und Wissenschaft … nicht nur eine direkte Produktivkraft, sondern vor allem als Informations- und Kommunikationsweise zur ‚Produktionsweise‘ geworden…“ [1]. Von der zunehmend engen Verflechtung der Wissenschaft mit Interessen der Ökonomie und der öffentlichen Governance ist unter den medizinischen Wissenschaften in besonderem Ausmaß der Public-Health-Bereich betroffen, der sich häufig auf Forschungsergebnisse der Epidemiologie beruft. Dieses Fach hat sich in den letzten Jahrzehnten - vor allem im angelsächsischen Sprachraum - den wenig erfreulichen Ruf einer „Junk Science“ zugezogen, dokumentiert auch durch einschlägige Beiträge in der internationalen Fachliteratur (z.B. [2]). Die Kontroversen über Junk Science begannen bereits in den 1950er-Jahren beim Thema Tabakrauch - mit einem Höhepunkt im Bereich der schwer quantifizierbaren Gesundheitsgefahren des Passivrauchens.
Methode: Ausgehend von der Arbeitsweise der Epidemiologie werden prinzipielle Limitationen und Stärken der epidemiologischen Methode diskutiert. Dazu gehört die Interpretation von Effektmaßen und ihre geeignete Auswahl für den öffentlichen Diskurs [3]. Durch diese Methodendiskussion können innere und äußere Faktoren für die bis in die Gegenwart anhaltenden Probleme der medialen Wahrnehmung bzw. Wissenschaftskommunikation der Epidemiologie identifiziert werden - wie beispielsweise die Beurteilung der Relevanz von Gesundheitsrisiken und die damit verbundene Unterscheidung von Risiko- vs. Nichtrisikogruppen oder die Frage der Evidenz für die Kausalität von Risikofaktoren.
Ergebnisse: Es gibt öffentliche Kontroversen zur Bewertung bzw. Relevanz von Risiken selbst, und andererseits Diskurse zur Validität epidemiologischer Studien. Von diesen Folgen unzureichender Methodenkompetenz in Medien und Politik sind die Ursachen jener fehlgeleiteten öffentlichen Diskurse zu unterscheiden, die ihren Ursprung innerhalb der wissenschaftlichen Praxis haben. So erweist sich die Vorherrschaft der Evidenzgraduierung der Evidence Based Medicine aufgrund ihrer Orientierung an Ergebnissicherheit als innerwissenschaftlich zu einseitig, da sie einer Hierarchie der A-priori-Wahrscheinlichkeiten („Prior Odds“) der Forschungshypothesen entspricht, die für den Forschungsprozess selbst kontraproduktiv sein kann. Die bereits 2008 von Jan P. Vandenbroucke [4] vorgeschlagene Unterscheidung von zwei medizinischen Forschungsarten bzw. Forschungszielen (Evaluation vs. Discovery/Hypothesengenerierung bzw. die analoge Unterscheidung von „Comparative Research“ vs. „Original Science“ in [5]) könnte helfen, die aufgezeigten Problemlagen weitgehend zu vermeiden, sofern entsprechend angepasste Standards in Forschungspraxis und Wissenschaftskommunikation implementiert würden.
Schlussfolgerung: Es zeigt sich, dass das Konzept der Open Science, welches darauf abzielt, „alle Bestandteile des wissenschaftlichen Prozesses über das Internet offen zugänglich und nachnutzbar zu machen“ (vgl. https://ag-openscience.de), für die Funktionsweise und Vermittlung epidemiologischer Forschung in öffentlichkeitsrelevanten Bereichen wie Public Health nicht durchgängig förderlich ist. Im Bereich der hypothesengenerierenden Forschung wäre sowohl in der Wissenschaftspraxis als auch in der Kommunikation eine Form einer „Closed Science“ notwendig, die auf einer inversen Evidenzpyramide beruht, um Junk Science-Vorwürfen zuvorzukommen. Die Wissenschaftskommunikation erfordert daher für Evaluationsforschung und hypothesengenerierende Forschung jeweils angepasste Standards. Zudem stellt sich die Frage, ob strengere Anforderungen als bisher an die Evidenz für ein positives Nutzen-Schaden-Verhältnis - insbesondere bei Masseninterventionen - gelten sollten.
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die Autoren geben an, dass kein Ethikvotum erforderlich ist.
Literatur
- 1.
- Sigusch V. Wissenschaft, Krankheit, Gesellschaft. Bemerkungen zur Logik der modernen Medizin. In: Schmacke N, Hrsg. Gesundheit und Demokratie. Von der Utopie zur sozialen Medizin. Frankfurt am Main: VAS-Verlag; 1999.
- 2.
- Vineis P. The skeptical epidemiologist. International Journal of Epidemiology. 2009;38:675–677.
- 3.
- Stronegger W . Vernachlässigte Differenzierungen: Von relativer und absoluter Risikoreduktion und von Sicherheitsgurten und Impfstoffen. Dtsch Med Wochenschr. 2023;148:192-197.
- 4.
- Vandenbroucke JP. Observational research, randomised trials, and two views of medical science, PLoS Med. 2008;5:e67.
- 5.
- Sheridan DJ, Julian DG. Achievements and Limitations of Evidence-Based Medicine. J Am Coll Cardiol. 2016;68(2):204-13.
