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Where is the life we have lost in living? Von der Gesundheitsversorgung zur Regierung des Lebens
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| Veröffentlicht: | 6. September 2024 |
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Einleitung: Nach heutigem Verständnis orientieren sich Gesundheitsversorgung und -politik an rationalen zweckmäßigen Antworten auf bestehende Erfordernisse und Ziele der modernen Staaten und folgen dabei universellen ethischen Werten. Die oft staatlich getragenen Maßnahmen zielen auf die Sicherung immer breiterer Bereiche des menschlichen Lebens (Well-being, Life Satisfaction…), sodass diese Sorge nicht nur als eine unter anderen Staatsaufgaben einzuordnen wäre, sondern zunehmend in den Rang eines Staatsziels erhoben erscheint [1]. Um welchen historisch-politischen Prozess handelt es sich hier in seinen Grundmotiven? Sehr unterschiedliche Pioniere medizinsoziologischer Analysen wie Ivan Illich und Michel Foucault stimmten darin überein, die Entstehung von immer stärker auf Gesundheit fokussierte Gesellschaften auch von latent wirkenden Rationalitäten geleitet zu interpretieren, welche ihren Ursprung in epochalen historischen Prozessen hätten. Foucault sprach von der „Gouvernementalisierung des Staates“, und für Illich gehörte Gesundheit zu jenen Selbstverständlichkeiten, deren weltweite Akzeptanz ihr „den Anschein der Unabhängigkeit von Geschichte und Kultur“ verleihe. Der Beitrag schließt an diese Ansätze an und vertritt die Auffassung, dass ein umfassendes medizinsoziologisches Verständnis gegenwärtiger und zukünftiger Entwicklungen nicht möglich ist, ohne heute wenig beachtete historische Entwicklungslinien zu berücksichtigen.
Methoden: Unter anderen hat Michel Foucault mit dem Konzept der Biopolitik eine Deutung vorgeschlagen, welche mit einer Einordnung in historisch-politische Transformationen der westlichen Welt einhergeht, denn das Auftauchen einer Politik der Gesundheit muss, so Foucault, „mit einem sehr viel allgemeineren Prozess in Verbindung gebracht werden: mit dem Prozess, der aus dem ‚Wohlergehen‘ [bien-être] der Gesellschaft eines der wesentlichen Ziele der politischen Macht machte“ [2]. Der seither zentrale Topos der Bevölkerung besitzt zwei zu berücksichtigende Erscheinungsformen, „einerseits die menschliche Art [l’espèce humaine] und andererseits das, was man die Öffentlichkeit [le public] nennt“ [3]. Hier, in diesen für die Machtmechanismen neuen Realitäten zwischen Biologie und öffentlichem Diskurs, die ihnen „eine freie Fläche für autoritäre, doch durchdachte und berechnete Transformationen bieten“ [3], situiert sich der moderne Bereich einer Politik der Gesundheit und des Lebens.
Ergebnisse: Bereits die zur Zeit der Aufklärung einsetzende Professionalisierung der ärztlichen Tätigkeit und des Gesundheitssystems erweist sich als ein Prozess mit zwei Gesichtern: „Eine private, ‚freiheitliche‘, durch individuelle Initiative angestoßene und den Mechanismen von Angebot und Nachfrage unterworfene Medizin; daneben, gegenüberstehend vielleicht, eine Verwaltung der Medizin, beschlossen von den Autoritäten, gestützt auf einen administrativen Apparat und eingerahmt von strengen gesetzgeberischen Strukturen, die sich an das gesamte Gemeinwesen richtet“ [3]. Normalisierungs- und Sicherheitsdispositive ersetzten nach und nach religiöse und rechtliche Normen und etablierten stattdessen in Prozessen und Zielen ein „jeu de la norme“. Paradigmatisch für die neue Form der Politik der Gesundheit ist ihre biopolitische Zielsetzung des „faire vivre“: Es handelt sich gemäß Foucault nun „nicht mehr um die Unterstützung für einen besonders zerbrechlichen Randbereich der Bevölkerung, sondern darum, wie sich das Gesundheitsniveau des Sozialkörpers in seiner Gesamtheit anheben lässt…“ [2]. So geht es nicht mehr allein um die Bereitstellung einer hochwertigen medizinischen Versorgung, sondern um die Wohlfahrt und Förderung des Lebens in seiner naturalistischen Gesamtheit.
Schlussfolgerung: Auf diesem Hintergrund stellt sich die von Wilhelm v. Humboldts 1792 wohl auch in Reaktion auf die absolutistische „Medizinische Policey“ formulierte Frage erneut, ob es für die individuelle Entwicklung und Freiheit verderblich wäre, wenn der Staat unverhältnismäßig weitgehend die Sorge für Lebensglück und Wohlergehen seiner Bürger übernähme [4]. Die historische Perspektive verdeutlicht, dass die modernen Institutionen des Gesundheitssektors sich nicht einfach in der Folge medizinischen, sozialen und technologischen Fortschritts transformierten, sondern zunehmend von politischen Interessen geleitete medizinfremde „holistische“ Zielsetzungen übernahmen, deren Ursprung nicht zuletzt im neuzeitlichen Säkularisierungsprozess mit seiner Suche nach „dem Leben“ zu verorten ist: „Where is the Life we have lost in living?“ (T.S. Eliot 1922 [5]).
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die Autoren geben an, dass kein Ethikvotum erforderlich ist.
Literatur
- 1.
- Baier H. Gesundheit als Staatsziel, Wirtschaftsnutzen oder Biopolitik. In: Seewald O, Schoefer H, Hrsg. Zum Wert unserer Gesundheit. Baden-Baden: Nomos; 2008.
- 2.
- Foucault M. Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, Bd. III. Frankfurt am Main: Suhrkamp; 2003.
- 3.
- Foucault M. Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. 5. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp; 2017.
- 4.
- von Humboldt W. Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen (1792; erstmals publiziert 1851). Stuttgart: Reclam; 2002.
- 5.
- Eliot TS. The Waste Land and Other Poems. Sterling Publishing; 2005 [Orig. 1922].
