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Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH)

08.09. - 13.09.2024, Dresden

Rassismus in der Gesundheitsversorgung: Eine Befragung von Geflüchteten aus arabischsprachigen Ländern in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Deutschland

Meeting Abstract

  • Tugba Aksakal - Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit, Lehrstuhl für Versorgungsforschung, Witten, Germany
  • Mohamed Idris - Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit, Lehrstuhl für Versorgungsforschung, Witten, Germany
  • Kübra Annac - Universität Witten/Herdecke, Witten, Germany
  • Yüce Yilmaz-Aslan - Universität Witten/Herdecke, Witten, Germany
  • Patrick Brzoska - Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit (Department für Humanmedizin), Witten, Germany

Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH). Dresden, 08.-13.09.2024. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2024. DocAbstr. 465

doi: 10.3205/24gmds600, urn:nbn:de:0183-24gmds6007

Veröffentlicht: 6. September 2024

© 2024 Aksakal et al.
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Gliederung

Text

Einleitung: Rassismus und Diskriminierung in der Gesundheitsversorgung stellen erhebliche Herausforderungen in der Gesellschaft dar, insbesondere für marginalisierte Gruppen wie Geflüchtete. Deutschland war und ist häufig auch das Zielland für Menschen, die aus arabischsprachigen Ländern fliehen. Meistens werden sie zunächst in Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht, wo sie zum ersten Mal mit dem deutschen Gesundheitssystem in Kontakt kommen. In diesen Einrichtungen werden grundlegende Gesundheitsdienste bereitgestellt, was sie zu einer entscheidenden Schnittstelle für die Integration und das Wohlbefinden von Geflüchteten macht. Bisher ist wenig darüber bekannt, welche Erfahrungen Geflüchtete mit dem Gesundheitssystem während eines Aufenthalts in Erstaufnahmeeinrichtungen machen. Die Befragung von Geflüchteten in dieser sensiblen Übergangsphase im Hinblick auf ihre Erfahrungen mit der Gesundheitsversorgung in Deutschland kann wertvolle Hinweise liefern auf Bereiche, in denen Diskriminierung auftreten kann, sowie auf mögliche Barrieren beim Zugang zu medizinischen Dienstleistungen. Die Erkenntnisse aus der Befragung können dazu beitragen, strukturelle Probleme aufzudecken und den Weg zu ebnen, um Geflüchteten von Anfang an eine angemessene Gesundheitsversorgung zu bieten sowie eine diskriminierungsfreie Versorgung für alle Menschen in Deutschland sicherzustellen.

Methodik: Im Februar 2024 wurde eine Online-Befragung unter 123 Geflüchteten aus arabischsprachigen Ländern in einer deutschen Erstaufnahmeeinrichtung in Brandenburg durchgeführt. Die insgesamt 37 überwiegend Likert-skalierten Items thematisierten persönliche Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung in der Gesundheitsversorgung und den Umgang damit. Der Fragebogen wurde auf Arabisch zur Verfügung gestellt. Zugang zur Befragung erhielten die Teilnehmenden über einen QR-Code. Die Daten wurden über Smartphones der Befragten oder über bereitgestellte Geräte erhoben. Ein Projektmitarbeiter war für zwei Tage vor Ort, um bei der Bearbeitung der Umfrage zu unterstützen. Die Rücklaufquote lag bei 66,7%.

Ergebnisse: Von den 123 Befragten, waren 84 männlich (68,3%) und 39 (31,7%) weiblich. Im Durchschnitt waren die Teilnehmenden 30 Jahre alt und hielten sich seit 2 Monaten in Deutschland auf. 55,1% der Befragten gaben an, rassistische Diskriminierung aufgrund ihrer Deutschkenntnisse im Kontext der Gesundheitsversorgung erfahren zu haben. Weitere wahrgenommene Gründe für erlebte Diskriminierung waren Migrations‑/Fluchterfahrung (46,0%), äußere Erscheinungsmerkmale (40,6%), Hautfarbe (40,0%), sozialer Status (34,2%), Bildungsgrad (33,3%), Einkommen (31,6%), Geschlecht (29,0%), Beeinträchtigungen oder chronische Erkrankungen (20,4%), und Körpergewicht (20,4%).

85,4% der Befragten wurden bereits in einem Krankenhaus behandelt. Dabei erlebten sie nach eigenen Angaben häufig rassistische Diskriminierung im Kontext der Pflege (83,3%), im Kontakt mit Mitpatient*innen (77,8%) und in der Notaufnahme (76,9%). Auf die Frage nach dem Umgang mit rassistischer Diskriminierung gaben 63,3% an, diese zunächst zu ignorieren, während 82,9% nach der Behandlung die Einrichtung oder Arztpraxis wechseln würden. Zudem war den meisten Befragten keine Beschwerdestelle bekannt. Mehr als die Hälfte der Befragten (53,1%) gab an, Gesundheitseinrichtungen zu meiden, um weitere rassistische Diskriminierung in der Gesundheitsversorgung zu verhindern.

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse zeigen, dass rassistische Diskriminierung in der Gesundheitsversorgung von Geflüchteten aus arabischsprachigen Ländern in Deutschland weit verbreitet ist. Dies kann erhebliche Auswirkungen auf den Zugang und die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen durch diese Gruppe haben. Der hohe Anteil an Geflüchteten, die rassistische Diskriminierung in der Gesundheitsversorgung erfahren haben, sowie derjenigen, die Einrichtungen meiden, macht den Einsatz struktureller Maßnahmen deutlich, um rassistische Diskriminierung zu verhindern und sicherzustellen, dass Geflüchtete eine gerechte und nutzerorientierte Gesundheitsversorgung erhalten. Zudem sollten Beschwerdemöglichkeiten geschaffen und transparent vorgehalten werden, um Betroffene zu unterstützen.

Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Die Autoren geben an, dass ein positives Ethikvotum vorliegt.