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Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH)

08.09. - 13.09.2024, Dresden

(Intersektionale) Herausforderungen in der Umsetzung von Anti-Stigma-Maßnahmen im Kontext der COVID-19-Pandemie: Einblicke von Expert*innen in Deutschland

Meeting Abstract

  • Dafina Danqa - Universität Greifswald, Greifswald, Germany
  • Marlene Mühlmann - Universität Greifswald, Greifswald, Germany
  • Jule Menzinger - Universität Greifswald, Greifswald, Germany
  • Samuel Tomczyk - Universität Greifswald, Greifswald, Germany

Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH). Dresden, 08.-13.09.2024. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2024. DocAbstr. 295

doi: 10.3205/24gmds557, urn:nbn:de:0183-24gmds5575

Veröffentlicht: 6. September 2024

© 2024 Danqa et al.
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Gliederung

Text

Einführung: Die COVID-19-Pandemie und die damit verbundenen Bemühungen zur Eindämmung des Virus wurden von Stigmatisierungsprozessen gegenüber Infizierten oder mit der Krankheit assoziierten Personen begleitet. Diese Stigmatisierung kann sich negativ auf die (psychische) Gesundheit der Betroffenen auswirken sowie das Infektionsgeschehen vorantreiben und stellt somit eine zusätzliche Herausforderung bei der Bewältigung von Pandemien dar. Da soziale Phänomene wie beispielsweise Stigmatisierung nie isoliert stattfinden, stellt insbesondere die intersektionale Stigmatisierung eine komplexe Problematik dar. Diese betrifft nicht nur die Krankheit selbst, sondern gleichzeitig auch andere Merkmale wie z. B. ethnische Zugehörigkeit, Alter und Beruf (siehe auch Health Stigma and Discrimination Framework [1], [2]). Trotz der frühen Identifizierung von Stigmatisierung als Problem während der COVID-19-Pandemie wurden Anti-Stigma-Interventionen nur vereinzelt umgesetzt. Die vorliegende Studie untersucht aus der Perspektive von Anti-Stigma-Expert*innen in Deutschland, warum diese Lücke besteht, wie sie behoben werden und wie intersektionale Stigmatisierung in Interventionen berücksichtigt werden kann.

Methoden: Es werden semi-strukturierte Interviews mit aktuell N = 7 Expert*innen aus Praxis, Wissenschaft und Politik geführt, die in Deutschland in der Anti-Stigma-Arbeit tätig sind. Diese werden gemäß der COREQ-Checkliste [3] dokumentiert. Die Teilnehmenden werden zu umgesetzten Maßnahmen während oder nach der COVID-19-Pandemie befragt, wobei die Wirksamkeit, Implementationsbedingungen und potenziell negativen Konsequenzen beleuchtet werden. Die intersektionale Perspektive wird dabei stets berücksichtigt. Die Datenanalyse erfolgt mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz [4].

Ergebnisse: Die vorläufige Auswertung der Interviews deutet darauf hin, dass in Deutschland nur wenige Interventionen explizit auf die Reduktion von Stigmatisierung abzielten. Stattdessen lag der Fokus häufig auf der Aufklärung zu Themen im Zusammenhang mit COVID-19 (wie z. B. der Schutzimpfung), wobei Stigmatisierung eher sekundär berücksichtigt wurde. Behandelte Themen waren dabei z. B. Altersdiskriminierung oder Rassismus im Kontext der Pandemie. Die Aufklärung erfolgte überwiegend durch persönliche Informationsvermittlung, Pressemitteilungen, Positionspapiere oder Flyer, welche meist nicht im Austausch mit der Zielgruppe entwickelt wurden. Die Evaluation der Wirksamkeit der Interventionen fand selten statt. Als entscheidende Akteure bei der Förderung und Umsetzung von Interventionen wurden hauptsächlich führende politische Institutionen im Gesundheitssektor benannt. Finanzielle Investitionen und niedrigschwellige, mehrsprachige Angebote wurden als wesentlich für eine erfolgreiche Umsetzung betrachtet. Bürokratie, Mangel an geschultem Personal und sprachliche Vielfalt wurden als Hindernisse identifiziert. Potenziell negative Konsequenzen umfassten Reaktanz, Wut oder eine übermäßige Fokussierung auf das Stigma.

Schlussfolgerungen: Die vorläufigen Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit eines intensiveren Austauschs zwischen Wissenschaft und Praxis, um vorhandene Potenziale unter wissenschaftlicher Anleitung besser zu nutzen. Interventionen sollten auf die Bedürfnisse spezifischer Zielgruppen (z. B. im Hinblick auf Alter, Ethnie etc.) ausgerichtet sein und mit diesen gemeinsam entwickelt werden, um Barrieren erfolgreich abzubauen und potenziell negative Folgen zu verhindern. Besonders beachtet werden sollten z. B. die sprachliche Umsetzung der Maßnahmen und der Einbezug bestehender Empfehlungen bzgl. der (Krisen-)Kommunikation. Eine fortlaufende Evaluation der Interventionen ist zudem unerlässlich, um diese anpassen zu können und die Zielerreichung zu erfassen.

Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Die Autoren geben an, dass kein Ethikvotum erforderlich ist.


Literatur

1.
Stangl AL, Earnshaw VA, Logie CH, Van Brakel W, Simbayi LC, Barré I, et al. The Health Stigma and Discrimination Framework: A global, crosscutting framework to inform research, intervention development, and policy on health-related stigmas. BMC Med. 2019;17(1):31.
2.
Ransing R, Ramalho R, De Filippis R, Ojeahere MI, Karaliuniene R, Orsolini L, et al. Infectious disease outbreak related stigma and discrimination during the COVID-19 pandemic: Drivers, facilitators, manifestations, and outcomes across the world. Brain Behav Immun. 2020;89:555–8.
3.
Tong A, Sainsbury P, Craig J. Consolidated criteria for reporting qualitative research (COREQ): A 32-item checklist for interviews and focus groups. Int J Qual Health Care. 2007;19(6):349–57.
4.
Kuckartz U. Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung. 4. Aufl. Weinheim, Basel: Beltz Juventa; 2018. (Grundlagentexte Methoden).