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Intersektionalität in der Geburtshilfe – eine interprofessionelle Lehrveranstaltung zur Sensibilisierung für Diskriminierung und Rassismus in der Geburtshilfe
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| Veröffentlicht: | 6. September 2024 |
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Hintergrund: Schwangerschaft und Geburt sind hochsensible Situationen, in denen die Gebärende auf die Unterstützung und Fürsorge von Hebammen und Gynäkolog*innen vertrauen möchte. Doch als migrantisch gelesene Frauen erfahren in diesen Situationen häufig Diskriminierung. Dies ist nicht nur ein Verstoß gegen den medizinethischen und berufsrechtlichen Grundsatz, dass medizinische Versorgung diskriminierungsfrei zugänglich sein soll, sondern impliziert auch maßgebliche Gesundheitsrisiken für die Frau und ihr Ungeborenes [1].
Dennoch tauchen Rassismus und andere Diskriminierungsformen aktuell weder in der Lehre noch in der Fort- und Weiterbildung auf bzw. sind in Wahlveranstaltungen verschoben, in denen sie nur einen Teil der im Gesundheitssystem Tätigen erreichen. Auch im Nationalen kompetenzbasierten Lernzielkatalog für Medizin findet sich lediglich ein Lernziel (VIII.6-04.4.13) das Studierende der Humanmedizin zu einem diskriminierungssensiblen Vorgehen befähigen soll [2].
Fragestellung/Zielsetzung: Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Rassismuskritik im Studium medizinischer Berufe integriert und als fester Bestandteil der medizinischen Ausbildung umgesetzt werden kann.
Methoden: Entwicklung, Pilotierung und Evaluation einer interprofessionellen Lehrveranstaltung zum Thema „Sensibilisierung für Diskriminierung und Rassismus in der Geburtshilfe“. Der Fokus liegt auf der Analyse realer Fälle in interprofessionellen Kleingruppen in Anlehnung der Methode der „Kritischen Erlebnisse“ [3]. In fünf Analyseschritten sollen die Studierenden herausarbeiten, welche sozialisationsbedingten Muster in einer Konfliktsituation wirksam werden und auf welcher Systemebene die Diskriminierung vorliegt. Darauf aufbauend werden Lösungsstrategien erarbeitet.
Die Evaluation erfolgte mittels EVASYS-Fragebogen. Einschätzungen zu Organisation und Struktur, Lerninhalten und Lerneffekten wurden auf einer fünfstufigen Skala abgefragt. Zudem wurden die Studierenden in mehreren Freitextfragen aufgefordert zu reflektieren, inwiefern sich ihre Wahrnehmung des Falles durch die Anwendung der Methode verändert hat.
Ergebnisse: Bisher wurde die Veranstaltung zweimal als jeweils 2,5-stündiges Seminar durchgeführt. Insgesamt haben hierbei 19 Studierende der Humanmedizin im Praktischen Jahr und 17 Studierende des Bachelors Hebammenwissenschaft teilgenommen. Alle Teilnehmer*innen (n=36) haben den Fragenbogen ausgefüllt. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Methode gut angenommen wurde (durchschnittliche Note: 2,0) und zu einer Sensibilisierung für Diskriminierung und Rassismus im klinischen Berufsalltag beigetragen hat. Die interprofessionelle Zusammenarbeit der Gruppen ermöglichte einen Einblick in den Berufsalltag der jeweils anderen Profession und eröffnete neue Perspektiven. Eine Teilnehmerin äußerte dazu beispielhaft: „Es ist wichtig, dass wir uns mit diesen Analysen so tiefgründig auseinandergesetzt haben. Dadurch hat man neue Sichtweisen, Perspektivwechsel und Verbesserungsvorschläge dargelegt bekommen“.
Die gemeinsame Bearbeitung der Fälle regte zum Nachdenken an und schaffte eine Atmosphäre interprofessioneller Solidarität: „Ich kann nun bestärkt in den nächsten Einsatz gehen. Es gibt viele, die genauso fühlen und empfinden. Das zu wissen ist wertvoll; dieses Ich bin nicht alleine…“
Insgesamt bewerteten die Studierenden den interprofessionellen Austausch, das Format Gruppenarbeit und die ausreichende Zeit für Diskussionen positiv. Kritisiert wurde, dass die Fälle emotional belastend waren und der Lesestoff zur Vorbereitung (drei deutschsprachige Artikel [1], [4], [5] mit 7, 5 und 21 Seiten) zu umfangreich.
Schlussfolgerung: Die Analyse von Fallgeschichten trägt zu einem tieferen Verständnis der strukturellen und institutionellen Mechanismen von Diskriminierung und Rassismus bei und hilft bei der Entwicklung von Lösungsstrategien in interprofessionellen Teams. Die Umsetzbarkeit dieser Lösungen wird von den Teilnehmenden aufgrund der bestehenden Hierarchien im Krankenhaus sowie aufgrund struktureller Eigenschaften des Gesundheitssystems jedoch als stark eingeschränkt eingeschätzt.
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die Autoren geben an, dass kein Ethikvotum erforderlich ist.
Literatur
- 1.
- Winkler C, Babac E. Birth Justice. Die Bedeutung von Intersektionalität für die Begleitung von Schwangerschaft, Geburt und früher Elternschaft. Österreich Z Soziol. 2022;47:31–58.
- 2.
- Finke R, Gerhards S, Honerkamp L. Rassismuskritik in der medizinischen Ausbildung: Kommentierung des Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs (NKLM) und Empfehlungen für den Revisionsprozess. Berlin: Bundesvertretung derMedizinstudierenden in Deutschland e.V.; 2022 [Abruf am 07.02.2024]. Verfügbar unter: https://www.bvmd.de/portfolio-items/pressemitteilung-rassismuskritik-gehoert-ins-kerncurriculum-bvmd-veroeffentlicht-rassismuskritische-analyse-des-nklm-2-0/
- 3.
- Healthy Diversity. Handbuch Kritischer Erlebnisse. Wien: University of Vienna; 2017.
- 4.
- Jung T. Gewalt in der Geburtshilfe als Gewalt gegen Frauen und gebärende Personen. In: Labouvie E, Hrsg. Geschlecht, Gewalt und Gesellschaft. Interdisziplinäre Perspektiven auf Geschichte und Gegenwart. 2023. S. 290-295.
- 5.
- Kajikhina K, Koschollek C, Bozorgmehr K, Sarma N, Hövener C. Rassismus und Diskriminierung im Kontext gesundheitlicher Ungleichheit – ein narratives Review. Bundesgesundheitsblatt. 2023;66(10):1099–1108.
