Artikel
Das Abhängigkeitspotential von E-Zigaretten: Erkenntnisse aus neurobiologischen, soziologischen und epidemiologischen Untersuchungen
Suche in Medline nach
Autoren
| Veröffentlicht: | 6. September 2024 |
|---|
Gliederung
Text
Einleitung: E-Zigaretten werden im Kontext der Schadensminimierung als gesündere Alternative zu brennbaren Tabakzigaretten und als Hilfsmittel zur Raucherentwöhnung beworben. Ihr Abhängigkeitspotential ist jedoch noch nicht vollständig erforscht und könnte insbesondere bei neueren Produktgenerationen ein Gesundheitsproblem darstellen. Im Rahmen des interdisziplinären Projekts EValuation of the Addictive Potential of E-cigarettes (EVAPE) haben wir daher das Abhängigkeitspotential aus neurobiologischer, soziologischer und epidemiologischer Perspektive untersucht.
Methoden: Im neurobiologischen Arbeitspaket wurde mittels funktioneller Magnetresonanztomographie die Hirnaktivierung auf belohnungsvorhersagende Reize für Geld, E-Liquid oder Tabakzigaretten in Verbindung mit der anschließenden instrumentellen Reaktion zum Erhalt der jeweiligen Belohnung untersucht.
Das soziologische Arbeitspaket untersuchte Daten aus Online-Foren und Fokusgruppen, um subjektive Berichte über Abhängigkeitssymptome zu untersuchen, die sich Abhängigkeitskriterien zuordnen lassen. Anschließend wurde eine Triangulation der Ergebnisse durchgeführt, um Muster der E-Zigaretten-Abhängigkeit zu identifizieren.
Das epidemiologische Arbeitspaket untersuchte die wahrgenommene Abhängigkeit und das relative Abhängigkeitspotential von E-Zigaretten im Vergleich zu Tabakzigaretten sowie deren Zusammenhang mit Abhängigkeitsmerkmalen im Rahmen einer Sekundärdatenanalyse des International Tobacco Control (ITC-4CV) Surveys aus England.
Ergebnisse: Das neurobiologische Arbeitspaket zeigte, dass E-Zigaretten für ausschließliche E-Zigaretten-Konsumierende als ebenso lohnend empfunden werden wie Geld, was ihr Abhängigkeitspotential unterstreicht. Ausschließliche E-Zigaretten-Konsumierende zeigten (trotz ehemaligem Tabakkonsum) eine erhöhte Aktivierung in limbischen Regionen während der Erwartung von E-Liquid und Geld gegenüber Tabakzigaretten, was darauf hindeutet, dass E-Zigaretten ein wirksames Instrument zur Tabakentwöhnung sein könnten. Es wurden keine signifikanten Unterschiede in der Antizipation von E-Liquid und Tabakzigaretten bei Personen beobachtet, die sowohl Tabak als auch E-Zigaretten konsumierten, was darauf hindeuten könnte, dass eine vollständige Umstellung auf E-Zigaretten für die Tabakentwöhnung effektiver sein könnte.
Das soziologische Arbeitspaket zeigte, dass die Konsumierenden sowohl in den Online-Foren als auch in den Fokusgruppen über Symptome berichteten, die sich Abhängigkeitskriterien zuordnen lassen. Allerdings berichteten die Konsumierenden häufiger über das Fehlen von typischen Abhängigkeitssymptomen, was vor allem in Bezug auf das frühere Rauchen betont wurde. Die Daten aus den Fokusgruppen zeigten zudem, dass E-Zigaretten spezifische Eigenschaften aufweisen, wie z.B. uneingeschränkte Nutzbarkeit, Unauffälligkeit und der angenehme Geschmack, die das Abhängigkeitspotential begünstigen könnten. Die Triangulation der Ergebnisse zeigte, dass sich diese Eigenschaften auch in den Beiträgen der Online-Foren wiederfanden.
Das epidemiologische Arbeitspaket zeigte, dass 17% der Befragten sich selbst als sehr abhängig nach E-Zigaretten einschätzten und 40% das Dampfen als genauso oder mehr abhängigkeitserzeugend als das Rauchen von Tabakzigaretten betrachtete. Teilnehmende, die sich selbst als sehr abhängig nach E-Zigaretten einschätzten, hielten E-Zigaretten mit größerer Wahrscheinlichkeit für genauso oder mehr abhängigkeitserzeugend als Tabakzigaretten. Merkmale der Abhängigkeit, wie der sofortige Konsum von E-Zigaretten nach dem Aufwachen, korrespondierten mit einem erhöhten Grad an wahrgenommener Abhängigkeit. Zudem waren der Grad der wahrgenommenen Abhängigkeit und das relative Abhängigkeitspotential mit Genuss bzw. relativer Zufriedenheit verbunden.
Schlussfolgerung: Unsere Ergebnisse deuten auf ein Abhängigkeitspotential von E-Zigaretten, das durch deren spezifische Eigenschaften (z.B. Unauffälligkeit, uneingeschränkte Nutzbarkeit, angenehmer Geschmack, Genuss und Befriedigung) begünstigt werden könnte. Wenngleich unsere Ergebnisse auch nahelegen, dass dieses Abhängigkeitspotenzial geringer ist als bei Tabakzigaretten, stellt es insbesondere für junge Menschen ein Gesundheitsrisiko dar, was die aktuelle Public-Health-Debatte zum Nutzens- und Schadenspotential insbesondere der neueren Produktgenerationen untermauert.
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die Autoren geben an, dass ein positives Ethikvotum vorliegt.
Literatur
- 1.
- Vollstädt-Klein S, Grundinger N, Görig T, Szafran D, Althaus A, Mons U, et al. Study protocol: evaluation of the addictive potential of e-cigarettes (EVAPE): neurobiological, sociological, and epidemiological perspectives. BMC Psychol. 2021;9(1):181.
- 2.
- Grundinger N, Andreas M, Lohner V, Schneider S, Mons U, Vollstädt-Klein S. From Smoking to Vaping: The Motivation for E-Cigarette Use at the Neurobiological Level – An fMRI Study. Manuscript submitted for publication 2024.
- 3.
- Andreas M, Grundinger N, Wolber N, Szafran D, Mons U, Vollstädt-Klein S, et al. Subjective experiences of the addictive potential of E-cigarettes: results from focus group discussions. Addiction Research & Theory. 2023:1–8.
- 4.
- Szafran D, Görig T, Vollstädt-Klein S, Grundinger N, Mons U, Lohner V, et al. Addictive Potential of e-Cigarettes as Reported in e-Cigarette Online Forums: Netnographic Analysis of Subjective Experiences. J Med Internet Res. 2023;25:e41669.
- 5.
- Lohner V, McNeill A, Schneider S, Vollstädt-Klein S, Andreas M, Szafran D, et al. Understanding perceived addiction to and addictiveness of electronic cigarettes among electronic cigarette users: a cross-sectional analysis of the International Tobacco Control Smoking and Vaping (ITC 4CV) England Survey. Addiction. 2023;118(7):1359–69.
