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Erfahrungen und Perspektiven von Erwachsenen, die durch Leihmutterschaft, Ei- oder Samenspende gezeugt wurden: Eine qualitative Studie (IDENTITY)
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| Veröffentlicht: | 6. September 2024 |
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Hintergrund: Reproduktionsspenden wie Eizellspende, Samenspende oder traditionelle Leihmutterschaft ermöglichen unfruchtbaren Paaren, eine Elternschaft anzustreben. Diese Methoden der Familienbildung implizieren, dass das Kind eine genetische Verbindung zu einem Elternteil (genetischer Elternteil) hat, aber nicht zu dem anderen (sozialer Elternteil). Studien, in denen Spenderkinder mit spontan gezeugten Kindern verglichen wurden, deuten darauf hin, dass es keine Unterschiede im psychischen Wohlbefinden gibt. Die meisten Studien konzentrieren sich auf Kinder im frühen und mittleren Kindesalter und schränken die Anwendbarkeit der Ergebnisse auf Erwachsene ein.
Ziel: Es ist unklar, wie von Spendern gezeugte Erwachsene die existenziellen Fragen verstehen, die später in ihrem Leben aufgeworfen werden: Welche Relevanz hat der Spender, welchen Einfluss haben mögliche Halbgeschwister, wie prägt genetische Substanz die Identität? Die vorliegende Studie zielt darauf ab, das Verständnis der Perspektiven und Erfahrungen von Erwachsenen zu vertiefen, die durch verschiedene Formen der reproduktiven Spende gezeugt wurden.
Methoden: Semi-strukturierte Interviews wurden unter Verwendung eines vordefinierten Interviewleitfadens durchgeführt. Erwachsene, die durch Leihmutterschaft, Eizellspende oder Samenspende gezeugt wurden, wurden über verschiedene Kanäle informiert, darunter Online-Foren, Interessengruppen, Citizen Science-Panels, soziale Medien. Zur Analyse der Daten verwendeten wir Multi-Grounded Theory. Unsere Analyse orientierte sich an theoretischen Identitätskonzepten. Persönliche Identität: Einzigartige Merkmale und Qualitäten, die eine Person von anderen unterscheiden. Es umfasst die Aspekte des Selbstbildes einer Person, die definieren, wer sie ist und wie sie sich selbst sieht.
Soziale Identität: Der Teil des Selbstbildes einer Person, der sich aus der Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Gruppen ergibt. Es umfasst Gruppen, die auf gemeinsamen Merkmalen basieren und einer Person helfen, sich im Verhältnis zu anderen zu fühlen.
Genetische Identität: Für unsere Zwecke definierten wir genetische Identität als das Wissen über den genetischen Ursprung und seinen Einfluss auf das Selbstbild und die soziale Stellung. Es umfasst die Dimension des Selbstverständnisses, die sich aus der Wahrnehmung des Individuums über sein vererbtes Talent oder seine gelebten Erfahrungen mit dem genetischen Körper entwickelt.
Ergebnisse: Zwanzig Personen, die durch anonyme Samenspende gezeugt wurden, nahmen an den Interviews teil, darunter mehrere Geschwister, Gruppen von Halbgeschwistern und Zwillinge. Die Interviews wurden in Deutschland (n=10), der Schweiz (n=9) und Österreich (n=1) durchgeführt.
Überwiegend gaben die Teilnehmenden an, von ihren Eltern aktiv über ihre Spenderkonzeption informiert worden zu sein. Die Beschreibungen des Offenlegungsprozesses variierten jedoch in ihrer Intensität und reichten von völlig freiwilliger Informationsweitergabe bis zur Zufallsentdeckung, meist durch Zufallsfunde auf Genealogie-Plattformen.
Die Spenderkonzeption wurde mehrheitlich als konstituierendes Merkmal für die drei Identitätsformen beschrieben. Zahlreiche Teilnehmende berichteten über ihre personale Identität, von Fremdheitsgefühlen, und erheblichen negativen Einflüssen auf das eigene Selbstwertgefühl. Andere wiederrum beschrieben, dass die Spenderkonzeption keinerlei Einfluss auf ihre personale Identität hat. Die Auswirkungen der Offenlegung auf die soziale Identität waren bei einigen Teilnehmern durch das Gefühl der Trennung von ihren familiären, religiösen und kulturellen Wurzeln gekennzeichnet. Der Verlust der genetischen Verbindung zu den sozialen Vätern führte zum Verlust von Familienerzählungen, Traditionen und Bräuchen, die über Generationen hinweg weitergegeben wurden. Die genetische Identität erwies sich für fast alle Teilnehmenden als entscheidender Aspekt. Die Entdeckung unbekannter genetischer Ursprünge führte zu einer Neubewertung der persönlichen Identität und einem Gefühl des Verlusts familiärer Bindungen. Die Teilnehmende stellten die Bedeutung von Blutsbanden im Vergleich zur Erziehung in Frage und spekulierten über den Einfluss von Genetik auf Fähigkeiten, Fertigkeiten und Charaktereigenschaften. Trotz unbekannter Spender stellten einige Teilnehmende Hypothesen über den sozioökonomischen Hintergrund ihrer Spender auf und verknüpften beispielsweise wahrgenommene genetische Merkmale mit Bildungserfolgen.
Schlussfolgerungen: Diese Studie ist eine der wenigen Ausnahmen, die sich auf die Erfahrungen von durch Spender gezeugten Erwachsenen fokussiert. Spenderkonzeption kann ein grundlegendes Identitätsmerkmal sein. Identität ist als ein Konstrukt aus psychologischen, soziologischen und biologischen Faktoren zu verstehen. Diese Faktoren müssen nach der Offenlegung wieder in die Selbstkonzepte integriert werden.
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die Autoren geben an, dass kein Ethikvotum erforderlich ist.
