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Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH)

08.09. - 13.09.2024, Dresden

Klassenfraktionsspezifische Verbreitung moderner distinktiver Gesundheitspraktiken

Meeting Abstract

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  • Dominik Röding - Medizinische Hochschule Hannover, Hannover, Germany

Gesundheit – gemeinsam. Kooperationstagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi), Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH). Dresden, 08.-13.09.2024. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2024. DocAbstr. 21

doi: 10.3205/24gmds466, urn:nbn:de:0183-24gmds4660

Veröffentlicht: 6. September 2024

© 2024 Röding.
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Gliederung

Text

Einleitung: Laut Bourdieu [1] ist die Ungleichheitsstruktur moderner Gesellschaften nicht nur durch vertikal stratifizierte soziale Klassen, sondern auch durch horizontal differenzierte Klassenfraktionen charakterisiert. So sei in der herrschenden Klasse der asketische Aristokratismus der neuen Bourgeoisie antagonistisch zum Luxusgeschmack der Bourgeoisie und parallel dazu in der mittleren Klasse der innovatorische Habitus des neuen Kleinbürgertums antagonistisch zum Konservatismus des absteigenden Kleinbürgertums. Daher stünden sich die neue Bourgeoisie und das neue Kleibürgertum in Lebensstilfragen häufig besonders nahe und grenzen sich gemeinsam von Bourgeoisie, absteigendem Kleinbürgertum und Unterschicht ab. Dies träfe insbesondere auf die vom neuen Kleinbürgertum entwickelte Gegenkultur (z.B. Anthroposophie, Homöopathie, Impfgegnerschaft, vegetarische Ernährung) zu, mit der sie sich eine Intellektuellenexistenz aufbaue. Folglich seien diese modernen distinktiven Praktiken nicht nur umso verbreiteter, je mehr Kapitalvolumen eine Klassenfraktion besitzt, sondern auch je stärker in einer Klassenfraktion das kulturelle das ökonomische Kapital überwiegt. Der Beitrag untersucht die Hypothese einer solchen chiastischen Verbreitungsstruktur dieser Praktiken.

Methodik: Es wurden Querschnittsdaten der ALLBUS 2012 (n=3.480) und 2014 (m=3.471) verwendet. Die Hypothese wurde für vegane Ernährung, mehrmals täglicher Verzehr von Gemüse, Erfahrungen mit Homöopathie sowie Erfahrungen mit Anthroposophie geprüft. Entsprechende Hypothesentests wurden unter Verwendung aller drei derzeit vorhandenen Bourdieuschen Klassenschemata [2], [3], [4] durchgeführt. Kontrastierend dazu wurde die klassenspezifische Verbreitung dieser Praktiken mittels des European Socio-economic Groups (ESeG) untersucht, welches ein Abkömmling des bekannten Erikson-Goldthorpe-Portocarero-Klassenschemas (EGP) ist. Es wurden Kontingenzanalysen durchgeführt sowie Cramers V und p-Werte berechnet.

Ergebnisse: Die Analysen mit den drei Bourdieuschen Klassenschemata zeigen einheitlich, dass die vier untersuchten Praktiken nicht nur in höheren Klassen verbreiteter sind als in den darunterliegenden Klassen (vertikaler sozialer Gradient), sondern auch umso verbreiteter sind, je stärker in einer Klassenfraktion das kulturelle das ökonomische Kapital überwiegt (horizontaler sozialer Gradient). Beispielsweise stellt sich die klassenfraktionsspezifische Prävalenz von Erfahrung mit Homöopathie basierend auf dem Klassenschema von Atkinson wie folgt dar (Cramers V = 0,208; p < 0,001): In der Dominant class: Cultural dominant 65%, Professions & white collar 52%, Business execs 47%; in der Middle class: Cultural interm 60%, Technicians & Admin 48%, LMPs 51%; in der Dominated class: Caring services 49%, Sales & manual workers 36%, Skilled workers 35%. Abhängig von der untersuchten Praktik und dem verwendeten Klassenschema zeigen sich signifikante Assoziationsstärken von Cramers V 0,112 bis 0,208. Die Analysen mit dem ESeG zeigen hingegen keinen sozialen Gradienten in der Verbreitung dieser vier Praktiken (Cramers V = 0,104 – 0,228).

Conclusio: Die Ergebnisse untermauern für die deutsche Gegenwartsgesellschaft Bourdieus These einer chiastischen Struktur der Verbreitung distinktiver Gesundheitspraktiken. Dieser Befund ist unabhängig vom verwendeten Bourdieuschen Klassenschema. Demgegenüber lässt sich mit dem ESeG kein sozialer Gradient in der Verbreitung dieser Praktiken aufdecken. Analysen zu sozialen Ungleichheiten in distinktiven Gesundheitspraktiken sollten daher künftig primär mittels Bourdieuscher Klassenschemata durchgeführt werden.

Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Die Autoren geben an, dass kein Ethikvotum erforderlich ist.


Literatur

1.
Bourdieu P. Distinction: A social critique of the judgement of taste. Cambridge: Routledge & Kegan Paul; 1984.
2.
Atkinson W. Class in the new millennium. The structure, homologies and experience of the Britain social space. London, New York: Routledge Taylor & Francis Group; 2017.
3.
Hansen MN, Flemmen M, Andersen PL. The Oslo register data class scheme (ORDC): Final report from the Classification Project. Oslo: University of Oslo; 2009.
4.
Röding D. Gesundheitspraktiken und die Logik der Distinktion. Querschnittstudie anhand Daten des European Social Survey 2014. In: Villa PI, editor. Polarisierte Welten. Verhandlungen des 41. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bielefeld 2022. Bielefeld: Universität Bielefeld; 2022. p. 1-12.