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Ein Analyseschema für eine ELSI-integrierte formative Evaluation bei sozial-technischen Forschungsvorhaben im Sozial- und Gesundheitsbereich
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| Veröffentlicht: | 6. September 2024 |
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Hintergrund: Das Akronym ELSI steht für „ethical, legal, and social Implications“, also für ethische, rechtliche und soziale Implikationen. Die ELSI-Forschung kann bei sozial-technischen Forschungsvorhaben im Sozial- und Gesundheitsbereich dazu beitragen, Vorhaben auf ethische und soziale Sensibilität zu prüfen und die damit verbundenen rechtlichen Vorgaben zu berücksichtigen [1]. Im vorliegenden Beitrag soll ein Ansatz vorgestellt werden, der im Sinne einer integrierten Forschung ELSI-Aspekte in den Prozess der formativen Evaluation integriert. Die formative Evaluation wird auch als begleitende Evaluation bezeichnet und erfüllt im Projektkontext die Funktion der Optimierung [2]. Während ihr Hauptziel darin besteht, laufende Prozesse zu verbessern, ist es ebenso wichtig, ELSI-Implikationen zu berücksichtigen, um sicherzustellen, dass die Innovationen ethisch verantwortungsbewusst und gesellschaftlich akzeptabel sind.
Methode: Auf Basis von Literatur wurde ein Analyseschema mit Kriterien für das E, das L und das S entwickelt. Das Analyseschema dient zur kritischen Reflexion des „SOLL-Zustands“ einer Innovation. Für die Analyse wird in einem ersten Schritt der IST-Zustand ohne Technologie erhoben und mit Vorstellungen über eine Soll-Nutzung von verschiedenen Akteuren, die mit der Innovation konfrontiert werden, abgeglichen. Bei der Erhebung des IST-Zustandes wird der Fokus auf Arbeitsabläufe und -zustände ohne den Einsatz der Innovation gelegt. Der IST-Zustand soll dabei durch die Analyse im Feld (z.B. über Beobachtungen, Interviews, Fokusgruppengespräche oder Workshops) erfolgen und durch Recherchen zu themenspezifischen Inhalten unterstützt werden. Die anschließende Definition des SOLL-Zustandes (Ziele, Funktionen, Nutzendengruppen und Einsatzgebiete der Innovation) erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Konsortium und weiteren Akteuren aus den Anwendungskontexten. Die Erarbeitung des SOLL-Zustandes dient als Grundlage für eine anschließende Analyse anhand von E-, L-, S-Kriterien. Fragestellungen zu den jeweiligen E-, L-, S-Kriterien werden im Rahmen von OptiSyn-Workshops (Synergien durch interdisziplinäre Optimierung) im Projektkonsortium diskutiert. Um dem Ansatz der formativen Evaluation gerecht zu werden, sollen zusätzlich interne und externe Projekt(kontext-)faktoren berücksichtigt werden.
Ergebnisse: Das iterative Analyseschema umfasst für den Bereich der Ethik acht Kriterien: Nutzen, Alternativen, Funktionsfähigkeit, Verantwortung, Privatsphäre, Entscheidungsautonomie, Freiwilligkeit und Zugang. Der Bereich Rechtliches orientiert sich an folgenden vier Kriterien: Datenschutz, Haftung, Schutz und regulatorischer Rahmen. Für den Bereich Soziales wurden weitere vier Kriterien hergeleitet: Rollenverständnis, soziale Ungleichheit, Nachhaltigkeit und Akzeptanz. Interne und externe Projektaspekte, die es bei der Analyse neben dem SOLL-Zustand der Innovation zu berücksichtigen gilt, sollen im Rahmen einer stetigen Evaluation des Projektes identifiziert werden. Dabei soll es sich um Aspekte handeln, die einen maßgeblichen Einfluss auf den Projektverlauf haben können, wie z. B. die Projektkommunikation oder die (digitale) Infrastruktur.
Schlussfolgerung: Dem hier entwickelten Ansatz liegt der Anspruch zu Grunde, über eine ELSI-Begleitforschung hinaus zu gehen und ethische, rechtliche und soziale Aspekte als Teil einer integrierten formativen Evaluation von Anfang an in den Projektprozess zu integrieren. Der entwickelte Analyserahmen bietet ein Vorgehen, welcher für Innovationsprojekte im Bereich des Sozial- und Gesundheitswesens angepasst und genutzt werden kann. Die für die Evaluation entwickelten Kriterien sind mittels theoretischer Hintergründe ausgearbeitet, bedürfen aber je nach Forschungsfrage und Projektkontext thematische Anpassungen. Somit ist festzuhalten, dass der Ansatz mit der Anwendung in Projektkontexten insgesamt reflektiert sowie theoretisch und empirisch überprüft und darüber langfristig weiterentwickelt werden muss.
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die Autoren geben an, dass kein Ethikvotum erforderlich ist.
Literatur
- 1.
- Goldenberg AJ, Lloyd-Puryear M, Brosco JP, Therrell B, Bush L, Berry S et al. Including ELSI research questions in newborn screening pilot studies. GIM. 2019;21(3):525–533. DOI: 10.1038/s41436-018-0101-x
- 2.
- Bortz J, Döring N. Forschungsmethoden und Evaluation. Für Human- und Sozialwissenschaftler. 5. Aufl. Heidelberg: Springer: 2016.
