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Sozioökonomische Ungleichheit in der Inanspruchnahme der Krebsfrüherkennung und deren zeitlicher Entwicklung in Deutschland – eine ökologische Studie auf Basis vertragsärztlicher Abrechnungsdaten
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| Veröffentlicht: | 6. September 2024 |
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Einleitung: Krebserkrankungen zählen zu den häufigsten Ursachen vorzeitiger Sterblichkeit [1], [2] und tragen maßgeblich zur sozioökonomischen Ungleichheit in der Lebenserwartung bei [2]. Seit Ende der 2000er Jahre besteht für bestimmte Krebsentitäten im Rahmen der Regelversorgung die Möglichkeit der Krebsfrüherkennungsuntersuchungen (KFU), um diese Krebserkrankungen in einem frühen Stadium erkennen und behandeln zu können. Es handelt sich dabei um Krebserkrankungen, bei denen auch soziale Ungleichheiten im Erkranken [3], [4], Versterben [1], [2], [3] und Überleben [5] nachgewiesen wurden. Der vorliegende Beitrag untersucht, wie sich die jährliche Inanspruchnahme der KFU über die Zeit entwickelt hat, ob dabei sozioökonomische Ungleichheiten bestehen und welchen Effekt die COVID-19 Pandemie auf die jährliche Inanspruchnahme der KFU hatte.
Methoden: Die Analysen basieren auf den jährlichen vertragsärztlichen Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen der Jahre 2012 bis 2021. Einbezogen wurden Versicherte mit Arztkontakt in der vertragsärztlichen Versorgung im jeweiligen Kalenderjahr. Der bei den einzelnen KFUs betrachtete Altersbereich bezieht sich jeweils auf die anspruchsberechtigte Bevölkerung (z.B. Hautkrebsscreening gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren n≈44 Mio.). Um soziökonomische Ungleichheiten in der Inanspruchnahme von KFU-Leistungen zu analysieren, wurden die Abrechnungsdaten auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte mit dem German Index of Socioeconomic Deprivation verknüpft. Es werden jährliche altersstandardisierte Inanspruchnahmeraten aller KFUs der gesetzlichen Regelversorgung (Hautkrebsscreening, Koloskopie, Stuhltest, Mammographiescreening, Früherkennung Zervixkarzinom, Früherkennung Prostatakarzinom) stratifiziert nach Geschlecht und sozioökonomischer Deprivation berichtet.
Ergebnisse: Zwischen 2012 und 2021 zeigten sich in der Inanspruchnahme des Hautkrebsscreenings keine ausgeprägten Ungleichheiten regionaler sozioökonomischer Deprivation. Allgemein sank die altersstandardisierte Inanspruchnahme bei beiden Geschlechtern von ca. 15.000 pro 100.000 durchgeführten Screenings in 2012 auf ca. 11.500 pro 100.000 Screenings zu Beginn der COVID-19 Pandemie in 2020. Die Inanspruchnahme erholte sich bis 2021 nicht auf das vorpandemische Niveau (ca. 13.000 pro 100.000).
Bei den durchgeführten Koloskopien besteht ein ausgeprägter sozioökonomischer Gradient mit höheren Inanspruchnahmeraten in niedrig deprivierten Wohnregionen. Mit Beginn der Pandemie in 2020 sank die Inanspruchnahme von Koloskopien bei beiden Geschlechtern und in allen Deprivationsquintilen. In 2021 stagnierten die Raten in Wohnregionen mit niedriger und mittlerer Deprivation, waren jedoch in Regionen mit hoher Deprivation weiter rückläufig. Ein ähnlicher Trend konnte auch beim Stuhltest beobachtet werden.
Auch die Inanspruchnahme des Mammographiescreenings ist seit 2012 rückläufig (von 27.204 in 2012 auf 24.966 pro 100.000 in 2019). In 2020 sank die altersstandardisierte Rate noch einmal deutlich, erholte sich in 2021 und übertraf sogar das vorpandemische Niveau (25.637 pro 100.000). Insgesamt weisen Frauen in hochdeprivierten Wohnregionen eine um 3 Prozentpunkte höhere Inanspruchnahmerate auf als Frauen in Wohnregionen mit niedriger Deprivation. Beim Zervixkarzinomscreening und der Untersuchung der Prostata sind rückläufige Inanspruchnahmeraten über die Zeit zu beobachten, wobei kein ausgeprägter sozioökonomischer Gradient besteht.
Schlussfolgerungen: Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass bestehende sozioökonomische Ungleichheiten in der Inanspruchnahme der meisten KFUs über die Zeit persistierten – auch während der COVID-19-Pandemie. In welchem Ausmaß strukturelle Barrieren beim Zugang zur KFU oder Unterschiede in der Gesundheitskompetenz hierfür verantwortlich sind sollte eingehender untersucht werden. Maßnahmen zur Erhöhung der Inanspruchnahme sollten sowohl vertikale als auch horizontale Ungleichheiten beachten, um zur Reduktion sozioökonomischer Ungleichheiten im Krebsgeschehen in Deutschland beitragen zu können.
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die Autoren geben an, dass kein Ethikvotum erforderlich ist.
Literatur
- 1.
- Hoebel J, Nowossadeck E, Michalski N, Baumert J, Wachtler B, Tetzlaff F. Sozioökonomische Deprivation und vorzeitige Sterblichkeit in Deutschland 1998–2021 : Eine ökologische Studie mit What-if-Szenarien der Ungleichheitsreduktion [Socioeconomic deprivation and premature mortality in Germany, 1998-2021 : An ecological study with what-if scenarios of inequality reduction]. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2024 May;67(5):528-537. DOI: 10.1007/s00103-024-03862-0
- 2.
- Tetzlaff F, Sauerberg M, Grigoriev P, et al. The socioeconomic gap in life expectancy in Germany: a decomposition of age- and cause-specific mortality contributions, 2003–2021 [Preprint]. medRxiv. 2023. DOI: 10.1101/2023.12.08.23299713
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- 5.
- Finke I, Behrens G, Maier W, Schwettmann L, Pritzkuleit R, Holleczek B, Kajüter H, Gerken M, Mattutat J, Emrich K, Jansen L, Brenner H; German Cancer Survival Working Group. Small-area analysis on socioeconomic inequalities in cancer survival for 25 cancer sites in Germany. Int J Cancer. 2021 Aug 1;149(3):561-572. DOI: 10.1002/ijc.33553
