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Übergabequalität bei papierbasierter vs. elektronischer Pflegedokumentation: Eine quantitative Prä-Post-Studie
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| Veröffentlicht: | 6. September 2024 |
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Einleitung: Um den Herausforderungen des Gesundheitswesens im 21. Jahrhundert zu begegnen, greifen immer mehr Krankenhäuser auf digitale Dokumentationssysteme zurück. Das komplexe und fehleranfällige Geschehen bei Dienstübergaben fungiert als wesentliche Informationsschnittstelle zwischen den am Versorgungsprozess beteiligten Personen. Während es umfassende Studien zu den Auswirkungen elektronischer Patientenakten auf verschiedene Pflegeprozesse gibt, fehlt spezifische Evidenz zur Verbesserung der Übergabequalität. Vor diesem Hintergrund soll beantwortet werden, ob sich die Übergabequalität zwischen Dienstschichten in der Pflege nach Implementierung der elektronischen Pflegedokumentation im Helios Klinikum München West verbessert.
Methodik: Für die Studie wurde ein quantitativer Forschungsansatz ausgewählt. Die schriftliche Paper-Pencil-Befragung fand mit der deutschen Übersetzung der Handover Evaluation Scale vor und nach der Einführung der elektronischen Pflegedokumentation im Juli 2021 und Februar 2022 im Helios Klinikum München West statt. Es wurden ausschließlich Pflegende, die auf einer Normalstation tätig waren und eine abgeschlossene Berufsausbildung in der Pflege hatten, eingeschlossen. Die Übersetzung erfolgte gemäß der WHO-Richtlinien „Process of translation and adaptation of instruments“. Die Datenauswertung wurde mit SPSS Statistics und JASP durchgeführt. Neben der deskriptiven Auswertung der sozialen Variablen wurden die relevanten Vorher-Nachher-Vergleiche inferenzstatistisch durchgeführt.
Ergebnisse: Insgesamt wurden 260 Informationsblätter und Fragebögen auf 13 Stationen verteilt. Der Stichprobenumfang zum Zeitpunkt t0 beläuft sich auf n = 80 und zum Zeitpunkt t1 auf n = 96. Aus genehmigungsrelevanten Gründen wurde eine unverbundene Stichprobe umgesetzt. Die Analyse der Summenwerte zeigt, dass eine Verbesserung der Übergabequalität zwischen Dienstschichten nach Einführung der elektronischen Pflegedokumentation statistisch nicht signifikant nachgewiesen werden kann (p = .16). Obwohl die beobachtete Verbesserung von t0 (M = 4,95; SD = 0,78) zu t1 (M = 5,07; SD = 0,83) eine Verbesserung andeutet, bleibt diese innerhalb der Unsicherheitsgrenzen. Ferner zeigt die Auswertung auf Subskalenebene keine statistisch signifikanten Tests (Subskala 1 „Qualität der Informationen“ p = .34, Subskala 2 „Interaktion und Unterstützung“ p = .34, Subskala 3 „Effizienz“ p = .08).
Diskussion: Die vorliegende Studie zeigt, dass trotz einer beobachteten leichten Verbesserung der Übergabequalität nach der Implementierung keine statistisch signifikante Veränderung festgestellt werden konnte. Während O'Connell et al. eine positivere Einschätzung der Informationsqualität und Effizienz berichteten, konnten diese Ergebnisse in unserer Studie nicht bestätigt werden. Die Ergebnisse der Studie unterstützen die Feststellungen von Randell et al., die darauf hinweisen, dass elektronische Pflegedokumentationssysteme die Bewertung der Übergabequalität beeinflussen können. Erklärungsbedürftig ist, dass es abweichend von Randell et al. keine statistisch bedeutsamen Effekte gab [1]. Mögliche Gründe können methodische Einschränkungen sowie digitalisierungsimmanente Gründe sein. Möglicherweise wurde die elektronische Pflegedokumentation nur unzureichend in den Alltag integriert. Alternativ ist denkbar, dass sich der gewohnte Übergabeprozess durch die digitale Lösung veränderte oder die Bedürfnisse von Pflegenden bei den Kommunikations- und Abstimmungsprozessen nicht im ausreichenden Maße unterstützt wurden. Das Clinical Adoption Meta-Modell zeigt, dass die Prozessänderung zum Zeitpunkt t1 noch nicht vollständig abgeschlossen war. Dies deutet darauf hin, dass neben technischen Aspekten auch soziale und organisatorische Faktoren eine wesentliche Rolle spielen.
Schlussfolgerung: Krankenhäuser, die auf digitale Dokumentationssysteme zurückgreifen, sollten stets das Transformations- und Prozessmanagement im Blick behalten. Ferner kann die Optimierung und Standardisierung des Übergabeprozesses sowie die Integration des Clinical Adoption Meta-Modells vorteilhaft sein.
Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Die Autoren geben an, dass ein positives Ethikvotum vorliegt.
Literatur
- 1.
- Flemming D, Hübner U. How to improve change of shift handovers and collaborative grounding and what role does the electronic patient record system play? Results of a systematic literature review. International Journal of Medical Informatics. 2013;82(7): 580–592.
- 2.
- Fachinger U, Mähs M. Digitalisierung und Pflege. In: Klauber J, Geraedts M, Friedrich J, Wasem J. Krankenhaus-Report 2019: Das digitale Krankenhaus. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag; 2019. S. 115-128. DOI: 10.1007/978-3-662-58225-1
- 3.
- O’Connell B, Macdonald K, Kelly C. Nursing handover: It’s time for a change. eContent Management Pty Ltd. Contemporary Nurse. 2008;30:2-11.
- 4.
- Randell R, Wilson S, Woodward P. The importance of the verbal shift handover report: A multi-site case study. International Journal of Medical Informatics. 2011;80:803-812.
- 5.
- Lauterbach A. „Das stimmt nicht, was da steht“ – Zur Qualität IT-basierter Pflegedokumentationen. PrInterNet - Zeitschrift für Pflegewissenschaft. 2009;(02):95-104.
- 6.
- Price M, Lau F. The clinical adoption meta-model: a temporal meta-model describing the clinical adoption of health information systems. BMC Medical Informatics and Decision Making. 2014;14:43.
