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16. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.

4. - 6. Oktober 2017, Berlin

Biomarker in der Demenzdiagnostik – sind Studienergebnisse aus Expertenzentren auf die Primärversorgung übertragbar?

Meeting Abstract

  • Ingo Kilimann - Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE), Standort Rostock/Greifswald, Rostock, Germany
  • Felix Keller - Universitätsmedizin Rostock, Rostock, Germany
  • Urs Strohmaier - Deutsches Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) e.V., Rostock, Germany
  • Jochen René Thyrian - Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE), Greifswald, Germany
  • Wolfgang Hoffmann - Universitätsmedizin Greifswald, Greifswald, Germany
  • Stefan J. Teipel - Deutsches Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) e.V., Standort Rostock/Greifswald, Rostock, Germany

16. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung (DKVF). Berlin, 04.-06.10.2017. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2017. DocV091

doi: 10.3205/17dkvf159, urn:nbn:de:0183-17dkvf1598

Veröffentlicht: 26. September 2017

© 2017 Kilimann et al.
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Gliederung

Text

Hintergrund: Die intensive Erforschung neuer Biomarker zur Diagnostik der Alzheimer Erkrankung (AD) hat zu einem Paradigmenwechsel in der Diagnostik von ehemals phänomenologischen zu biomarkerbasierten Kriterien geführt. Diese neuen Biomarker aus z.B. MRT (Magnetresonanztomographie) oder Liquoranalysen werden zumeist in Expertenzentren wie Universitätskliniken oder Gedächtnisambulanzen entwickelt und auch dort auf ihre diagnostische Genauigkeit überprüft. Die meisten Patienten mit Gedächtnisstörungen wenden sich jedoch zunächst an den Hausarzt. Wie hilfreich die Anwendung von Biomarkern in der primärärztlichen Diagnostik der AD sein kann, ist bisher wenig untersucht. Am Beispiel der Hippocampusvolumetrie in der Diagnostik von AD wollen wir zeigen, dass die Ergebnisse nicht einfach vom Expertenzentrum in die primärärztliche Versorgung übertragbar sind.

Fragestellung: Gibt es Unterschiede in der Diagnosegenauigkeit der Hippocampusvolumetrie bei Alzheimer Krankheit zwischen Kohorten der spezialisierten und primärärztlichen Versorgung?

Methode: 71 Personen aus der primärärztlichen Versorgung und 71 eins- zu-eins bzgl. Alter, Geschlecht, Ausbildungsjahren, MMST Score und Diagnose gematchte Patienten aus einer spezialisierten Einrichtung (universitäre Gedächtnisambulanz) wurden in derselben Untersuchungseinheit (gleiches Team, gleiche Untersuchung, gleicher 3T MRI Scanner) mit gleichen Verfahren untersucht. Die Gruppe bestand aus Patienten mit leichter kognitiver Störung (LKS), AD Demenz, gemischten Demenz, nicht-AD Demenz sowie kognitiv gesunden Kontrollen. Die LKS beschreibt eine objektivierbare Gedächtnisstörung ohne Einschränkungen in den Alltagsfertigkeiten; Patienten mit einer LKS haben ein erhöhtes Risiko, eine Demenz zu entwickeln. Die vorgestellte Studie untersuchte die Hippocampusvolumetrie als aktuell meist genutzten Biomarker in der AD Diagnostik hinsichtlich der diagnostischen Genauigkeit zwischen den einzelnen Diagnosegruppen und Settings.

Ergebnisse: Die Hippocampusmessung von Patienten mit einer AD Demenz zeigte sowohl in der Gruppe aus dem spezialisierten Setting als auch in der primärärztlichen Kohorte eine diagnostische Genauigkeit von 82% bis 93% und war damit vergleichbar zu früheren Ergebnisse im spezialisierten Setting. Bei der Gruppe mit LKS entsprach die Diagnosegenauigkeit von 68% im Expertensetting ebenfalls vorherigen Studien, die Hippocampusmessung in der primärärztliche Kohorte erreichte jedoch unter denselben Untersuchungsbedingungen nur eine Ratewahrscheinlichkeit. Eine etwas erhöhte Rate an mikrovaskulären – also gefäßbedingten – Veränderungen in der primärärztlichen Kohorte konnte den Unterschied in der diagnostischen Genauigkeit zwischen den Settings nicht ausreichend erklären.

Diskussion: Mit der zunehmenden Nutzung von Biomarkern in Expertenzentren ist auch der Einzug dieser Verfahren in die primärärztliche Versorgung z.B. zur Fallidentifikation für neue Therapieverfahren zu erwarten. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die diagnostische Güte aus Studien an Expertenzentren nicht ohne weiteres auf die primärärztliche Versorgung übertragen werden kann. Welche Selektionsfaktoren eine Rolle spielen, bleibt zu untersuchen, da die vorliegende Stichprobe bzgl. Ausbildung, Alter und Geschlecht gematcht waren und auch cerebrovaskuläre Faktoren keine Rollen spielen.

Praktische Implikation: Unsere Studie unterstreicht, dass der Nutzen von Biomarkern immer in dem Setting überprüft werden muss, in dem die Anwendung angestrebt wird.