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14. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.

7. - 9. Oktober 2015, Berlin

Korrelation zwischen räumlichen Sozialstrukturfaktoren und medizinischer Inanspruchnahme

Meeting Abstract

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  • Mandy Schulz - Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland, Fachbereich V - Regionalisierte Versorgungsanalysen und Versorgungsatlas, Berlin, Deutschland

14. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. Berlin, 07.-09.10.2015. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2015. DocV34

doi: 10.3205/15dkvf007, urn:nbn:de:0183-15dkvf0076

Veröffentlicht: 22. September 2015

© 2015 Schulz.
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Gliederung

Text

Hintergrund: Der medizinische Versorgungsbedarf in der Bevölkerung hängt maßgeblich von individuellen Faktoren ab, wie Alter, Geschlecht und Gesundheitsstatus. Gut belegt ist ebenso der Einfluss sozioökonomischer Merkmale auf den Gesundheitsstatus. Dieser Zusammenhang konnte sowohl auf der Individual- als auch auf der regionalen Ebene gezeigt werden. Der Berücksichtigung sozioregionaler Merkmale bei der Mittelallokation im Rahmen der Versorgungsplanung wird insbesondere im englischen Sprachraum bereits eine bedeutende Rolle zuteil. In Deutschland ist mit der Novellierung der Bedarfsplanungsrichtlinie im Jahr 2013 die Möglichkeit geschaffen worden, regionale sozioökonomische Besonderheiten bei der Erstellung des Bedarfsplanes zu berücksichtigen.

Fragestellung: Gegenstand der Studie ist die Darlegung einer möglichen Operationalisierung und Charakterisierung der sozioregionalen Lage und die Untersuchung der Beziehung zwischen sozioregionalen Indizes und regionaler Variation von ausgewählten Indikatoren des medizinischen Versorgungsbedarfs.

Methoden: Untersuchungseinheiten bildeten die 412 Landkreise und kreisfreien Städte Deutschlands (Gebietsstand 2010). Zur Charakterisierung der sozioregionalen Lage wurden für das Jahr 2010 27 Indikatoren der amtlichen Statistik faktoranalytisch untersucht. Als Indikatoren des medizinischen Versorgungsbedarfs wurden Kennziffern zur Mortalität und zur stationären Inanspruchnahme sowie der morbiditätsbedingt erwartete ambulante Leistungsbedarf (Relativer Risikoscore, RRS) und der abgerechnete Leistungsbedarf (LB) im Jahr 2010 auf Kreisebene aggregiert und mit den extrahierten Faktoren korreliert.

Ergebnisse: Die Faktorenanalyse ergab die Extraktion von zwei Faktoren, welche nach Varimax-Rotation 67% der Gesamtvarianz erklärten. Faktor 1 vereinte Merkmale sozialer und gesundheitlicher Belastungen auf sich, wie z.B. Arbeitslosenquote, Sozialleistungsbezug oder Lebenserwartung. Dieser Faktor wurde sozioökonomischer Gesundheitsindex, kurz SGX, genannt. Der zweite Faktor charakterisierte die Raumebene bezüglich Wanderungsbewegungen und Haushaltsgrößenkennzahlen, welcher, wie in weiteren Untersuchungen gefunden wurde, eine starke Abhängigkeit vom Kreistyp zeigte. Dieser Faktor wurde Urbanitätsindex, kurz UX, genannt. Die Regionalverteilung von SGX zeigte hohe Ausprägungen vorrangig im östlichen Bundesgebiet sowie in Teilen des Ruhrgebietes. Hohe Ausprägungen von UX verteilten sich über das gesamte Bundesgebiet und betrafen hauptsächlich kreisfreie Städte und großstädtisch geprägte Landkreise. Bezüglich der Korrelation von SGX und UX mit Indikatoren des medizinischen Versorgungsbedarfs wurden folgende Ergebnisse erzielt: SGX zeigte positive Korrelationen zum RRS, zur Sterblichkeit sowie zur stationären Inanspruchnahme. UX zeigte keine Korrelation zum RRS, jedoch eine schwach negative Korrelation zur stationären Inanspruchnahme. Bezüglich der Beziehungen von SGX und UX zum vertragsärztlichen LB wurde beobachtet, dass SGX mit einem höheren hausärztlichen und UX mit einem höheren fachärztlichen, insbesondere psychotherapeutischen LB einherging.

Diskussion/praktische Implikationen: Die extrahierten Faktoren zur Charakterisierung der sozioregionalen Lage zeigten deutliche Beziehungen zu Indikatoren des medizinischen Versorgungsbedarfs. Während SGX hauptsächlich mit Parametern zur Beschreibung der allgemeinen Morbiditätslast in der Bevölkerung korrelierte, zeigte UX konsistente Beziehungen zu spezifischen Bedarfslagen in der Versorgung, die mit urbanen Wohn- und Lebenssituationen assoziiert sind. Somit weist UX auf mögliche Bedarfe jenseits der allgemeinen Morbiditätslast in der Bevölkerung sowie auf Besonderheiten in der Versorgungsstruktur hin. Die Bedeutung der Faktoren im Hinblick auf eine bedarfsorientierte Versorgungsplanung ist in künftigen Studien weiter zu untersuchen.