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173. Versammlung des Vereins Rheinisch-Westfälischer Augenärzte

Verein Rheinisch-Westfälischer Augenärzte

04.02. - 05.02.2011, Münster

Das Geheimnis des Sehens – Bilder in den Augen?

Meeting Abstract

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  • K. Gerstmeyer - Minden

Verein Rheinisch-Westfälischer Augenärzte. 173. Versammlung des Vereins Rheinisch-Westfälischer Augenärzte. Münster, 04.-05.02.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11rwa41

DOI: 10.3205/11rwa41, URN: urn:nbn:de:0183-11rwa410

Published: February 2, 2011

© 2011 Gerstmeyer.
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Hintergrund: Mit Keplers Modell der exakten Abbildung äußerer Wirklichkeit im Auge als einer „pictura“, einem optischen Netzhautbild, vollzieht sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine neue Sichtweise des Sehens analog der camera obscura. Parallel hierzu ergibt sich eine Wende im Bildbegriff, der sich nunmehr in den menschlichen Wahrnehmungsmodus einfügt, bezogen auf das menschliche Auge und auf das Strahlenbündel des Blicks. Ist die Hypothese einer Wahrnehmung durch bildhafte Repräsentation mit Empfangen und Verarbeiten von Abbildern, die von sichtbaren Gegenständen ausgesandt und zum Auge übertragen werden, heute noch von Bedeutung?

Methode: Übersichtsarbeit auf der Basis einer selektiven Literaturrecherche.

Ergebnisse: Auch wenn sich nicht alle Aspekte der ursprünglichen Bildhypothese in die heutige Zeit transferieren lassen, ist – trotz neurophysiologischer Erkenntnisse einer konstruktivistischen visuellen Wahrnehmung – der mit dem Abbildgedanken verbundene Glauben an eine Unvermitteltheit der sinnlichen Wahrnehmung im Sinne eines naiven Realismus nach wie vor verbreitet. Der schillernde Begriff und die circuläre Paradoxie des „Netzhautbildes“ zur Erklärung von Sehen und Wahrnehmung finden sich nicht nur in populärwissenschaftlichen Schriften, Schulbüchern, Lehrbüchern für Studenten der Biologie, Human- und Veterinärmedizin, sondern sind auch umgangssprachlich verbreitet im Gespräch mit dem Patienten(z.B. „kein scharfes Bild, stärkere Brille“) und auch im ophthalmologischen Fachgespräch (z.B. „Bildqualität, zwei Netzhautbilder bei der MIOL“). Auch jüngste Berichte und Diskussionen in Internetforen über Optogramme und den Mythos des letzten Netzhautbildes bestätigen dies. Retinale Abbilder sind jedoch Reflexionen, die weder die sensorische Wahrnehmung hervorrufen, noch handelt es sich streng genommen überhaupt um Bilder. Möglicherweise konnte sich der Abbildgedanke erhalten, da der Wahrnehmende im alltäglichen bewussten Erleben den Eindruck einer bedeutungsvollen, kohärenten und unmittelbar anwesenden Umwelt hat. Vielleicht ist die Bildhypothese auch nur die eingängigste Erklärung eines überaus komplexen Sachverhaltes.

Schlussfolgerung: Da Sprache und assoziative Verknüpfungen Voraussetzungen für die Kommunikation sind, ist für den Augenarzt ein differenzierter Umgang mit abbildtheoretischen Ausdrücken und Vorstellungen ratsam, um begriffliche Probleme im Gespräch mit dem Patienten zu vermeiden.