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1st Symposium of Information and Communication Technologies in Emergency Medicine

12.06. - 13.06.2012, Rauischholzhausen

Die Patientenanhängetasche/-karte in der medizinischen Gefahrenabwehr

The triage card used in the medical hazard prevention

Kongressbeitrag

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  • corresponding author Benjamin Käser - antwortING Ingenieurbüro Weber Schütte Käser PartG, Köln, Deutschland
  • author Benedikt Weber - antwortING Ingenieurbüro Weber Schütte Käser PartG, Köln, Deutschland
  • author Frederik Schütte - antwortING Ingenieurbüro Weber Schütte Käser PartG, Köln, Deutschland

1. Symposium ICT in der Notfallmedizin. Rauischholzhausen, 12.-13.06.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12notit08

DOI: 10.3205/12notit08, URN: urn:nbn:de:0183-12notit080

Published: June 11, 2012

© 2012 Käser et al.
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Abstract

For security research the tactical usage of triage support cards was studied. The results show that there is no common instruction and training in the use of these cards which leads to an incorrect use or no use at all. Nevertheless these cards are one of the most important technical tools for sharing information in a mass casualty emergency.


Text

1. Einleitung

Eine hohe Zahl an geschädigten Personen (verletzte oder erkrankte Personen) stellt für die medizinische Rettung eine besondere Herausforderung dar. In der Frühphase besteht an der Einsatzstelle ein Ressourcenmangel an Einsatzkräften und ausreichendem Material [1]. (Unter Einsatzkräften werden ehrenamtliche Kräfte des Katastrophenschutzes, des Rettungsdienstes und der Feuerwehr, hauptamtliche Mitarbeiter der Feuerwehr und des Rettungsdienstes sowie Notärzte verstanden.)

Einsatzziel ist die Versorgung aller Geschädigten bei schnellstmöglicher Rückkehr zur Individualversorgung bei gerechter Ressourcenverteilung auf alle. Um die letzten beiden Teilziele zu erreichen, ist eine medizinisch-taktische Beurteilung der Lage notwendig. Nur so ist ein Arbeiten nach Prioritäten möglich. Die hierbei wesentliche Information ist die Priorisierung der Behandlungsnotwendigkeit, also die Sichtung [2].

(In Deutschland sind verschiedene PAT im Einsatz. Vorwiegend werden zwei Arten von PAT verwendet: die DRK-PAT, herausgegeben vom Generalsekretariat des DRK und die NRW-PAT, durch einen Erlass vom November 2005 in NRW eingeführt.) Die Patientenanhängetasche (PAT) ist daher nicht nur ein Werkzeug der medizinischen Dokumentation, sondern vielmehr ein Instrumentarium des Führungsvorganges für die medizinische Rettung und die Menschenrettung. Dies setzt grundsätzlich zwei Vorgänge voraus: Einerseits müssen die Patientenanhängetaschen selbst ausgefüllt werden, andererseits ist die zeitgerechte Erfassung und Weitergabe der Informationen der PAT notwendig.

2. Fragestellung

Im Rahmen der nationalen Sicherheitsforschung wurden und werden IT-Lösungen zur schnelleren Informationsdokumentation und zum schnelleren Informationsfluss auf Grundlage der heutigen PAT erforscht [3]. Nicht untersucht wurde die Praktikabilität und der technisch-taktische Einsatzwert der heutige PAT als solche. Die hier dargestellten Erkenntnisse sind Teil einer laufenden ingenieurwissenschaftlichen Begleitforschung im Rahmen der zivilen Sicherheitsforschung.

Diese untersucht, in wie weit das Prozessmodell des kritischen Pfades [4] organisatorisch-technisch heute durch die Nutzung der PAT verwendet wird. Dies ist Grundlage zur Entwicklung von Algorithmen zur Implementation einer IT-gestützten Lösung.

3. Methodik

Mit dem Standard-Übungs-Systems (SÜS) werden fortlaufend Übungen ausgewertet [4]. Bis dato wurden drei Großübungen mit zwischen 30 und 50 Geschädigten und mit 122 eingesetzten PAT ausgewertet. Bei den Übungen wurden NRW-PAT oder DRK-PAT eingesetzt. Hier wird lediglich ein Teil der bereits ausgewerteten Parameter dargestellt. Die Auswertung bezieht sich insbesondere auf den Ausfüllstatus und die Beschaffenheit der PAT nach dem Einsatz. Bei Anlage und Auswertung der Übungen wurde insbesondere auf die Vergleichbarkeit der zu erfassenden Parameter geachtet.

Für die Auswertung der PAT werden diese nach Inhalt und Haptik geclustert. Anschließend wird der Ausfüllstand der Cluster analysiert und dokumentiert. Über das SÜS werden die Übungsziele, der Übungsaufbau und der Übungsverlauf überwacht. Über den Abschnitt Auswertung, insbesondere den Unterabschnitt Beobachter, wird bereits während den Übungen der Einsatz der PAT beobachtet. Die Beobachtungsergebnisse fließen gemeinsam mit den Ergebnissen der Übungsüberwachung in die Vergleichbarkeitsanalyse ein und garantieren damit die Vergleichbarkeit der Übungen.

Eine erste Expertenbefragung im Rahmen eines Online-Surveys wurde durchgeführt. Ziel ist der Vergleich der Ergebnisse der ausgewerteten PAT aus den Übungen mit den Erfahrungen von Führungskräften aus der Gefahrenabwehr. Dabei wurde das Verständnis der Befragten zur Anwendung der PAT untersucht, sowie mögliches Verbesserungspotenzial ermittelt. Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Im Folgenden werden erste Ergebnisse insbesondere aus der Analyse der PAT vorgestellt.

4. Ergebnisse

Die Patientenanhängetaschen werden nicht genutzt. Informationen werden darauf nur vereinzelt und ohne erkennbares Ziel festgehalten. In keiner Weise reichen die dokumentierten Informationen für eine medizinisch-taktische Beurteilung aus, welche daher in der Regel nur unvollständig erfolgen kann. Daraus ergibt sich, dass das Einsatzziel, die Versorgung aller Geschädigten bei schnellstmöglicher Rückkehr zur Individualversorgung bei gerechter Ressourcenverteilung auf alle, nicht erreicht werden kann.

Anhand der Abbildung 1 [Abb. 1] werden einige der signifikanten Ergebnisse vorgestellt. Defekt waren 19% der PAT. Dies führt besonders bei den NRW-PAT aufgrund des Materials zu Verletzungsmöglichkeiten für den Geschädigten und für die Einsatzkräfte. Üblicherweise brechen die PAT oberhalb der aufgeschweißten Klarsichtfolie oder die Kordelzüge reißen aus. In beiden Fällen bestehen bereits erwähnte Verletzungsmöglichkeiten sowie besteht für die Einsatzkräfte durch eingerissene Einmalhandschuhe ein erhöhtes Infektionsrisiko. Außerdem bestehen Schwierigkeiten durch die Kordelzüge (NRW-PAT), welche sich verknoten. Verknotete Kordelzüge lassen sich kurzfristig nicht entwirren und sind häufig auf Fahrzeugen zu finden, die viel bewegt werden, insbesondere Fahrzeuge des Regelrettungsdienstes. Weitere Schwierigkeiten bestehen bei der Oberflächenbeschaffenheit hinlänglich der Beschreibbarkeit und folglich der Lesbarkeit. Somit haben die PAT häufig keinen technischen Einsatzwert.

Im Hinblick auf die erfassten Informationen kann konstatiert werden, dass über alle geclusterten Informationsfelder die Erfassungsrate in Korrelation mit dem Einsatzverlauf sehr niedrig ist.

Ausgefüllt werden 43% der ausgewerteten PAT auf der Vorderseite. Als ausgefüllt werden alle PAT gewertet, die mindestens eine dokumentierte Information enthalten, welche nicht das Geschlecht ist. (Die Information über das Geschlecht wird als alleinige Information als unbedeutend definiert.) Vollständig ausgefüllt ist keine der PAT. Am häufigsten wird das Cluster Sichtung ausgefüllt, wobei selten die beiden notwenigen Informationen Sichtungskategorie und Sichtungszeitpunkt vermerkt sind. Das Cluster Sichtung befindet sich bei der NRW-PAT und bei der DRK-PAT auf der Vorderseite.

Obschon auf der Rückseite wichtige Informationen (z. B. die Hauptdiagnose bei der DRK-PAT und der Transportaufkleber bei der NRW-PAT) vermerkt werden, wird nur in 6% der Fälle irgendeine Information vermerkt. Die Analyse der NRW-PAT im Vergleich zur DRK-PAT zeigt, dass die Vorderseite vermehrt ausgefüllt wird im Vergleich zur Rückseite, unabhängig welche Cluster auf den jeweiligen Seiten angeordnet sind.

Die Sichtungsfarben wurden bei 99% der PAT gesteckt. Bei 22% der PAT stimmt die letzte eingetragene Information bei den Sichtungskategorien nicht mit der gesteckten Sichtungsfarbe überein. Dadurch entsteht eine widersprüchliche Information für die Einsatzkräfte, welche den Patienten weiterversorgen oder transportieren.

Daher wird der taktische Einsatzwert insbesondere durch fehlende oder widersprüchliche Informationen stark eingeschränkt oder negativ beeinflusst.

5. Diskussion & Schlussfolgerung

Die oben vorgestellten Ergebnisse sind von ausgewerteten Großübungen. Die identifizierten Probleme lassen sich auf ManV-Situationen übertragen, dies wurde durch die erste Expertenbefragung uneingeschränkt bestätigt.

Die Gründe, dass die PAT so gering ausgefüllt werden, sind insbesondere auf eine unzureichende Zieldefinition und ein fehlendes Verständnis zurückzuführen. Fehlende Standards beim inhaltlichen Aufbau, dem Einsatz und der Verwendung verhindern eine einheitliche Ausbildung und damit die zielorientierte Nutzung.

Um das Einsatzziel der medizinischen Rettung zu erreichen, muss eine geeignete Informationsdokumentation und ein geeigneter Informationsfluss vorhanden sein. Daher ist die Diskussion der Abschaffung der PAT obsolet. Es besteht keine vergleichbare Möglichkeit die wichtigen Informationen zu sammeln und für die taktische Nutzung bereit zu stellen. Eine Weiterentwicklung der PAT mit einheitlichen Standards und einem einheitlichen Verständnis ist zwingend erforderlich. Für diese Weiterentwicklung muss der taktische und technische Einsatzwert gegeben sein, außerdem muss diese das Prozessmodell des kritischen Pfades voll umfänglich unterstützen.

Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt haben.


Literatur

1.
Habers J. Einsatzmanagement, Sichtung und Patientendokumentation beim Massenanfall von Verletzten und Erkrankten (MANV). Intensiv- und Notfallbehandlung. 2004;2:62-72.
2.
Sefrin P, Weidringer JW, Weiß W. Sichtungskategorien bei Großschadensereignissen und Katastrophen: Bericht der Konsensus-Konferenz an der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz des Bundesverwaltungsamtes in Bad Neuenahr-Ahrweiler am 15. März 2002. Leben retten. 2002;3:107-10.
3.
Kunze C, Rodriguez D, Shammas L, Chandra-Sekaran A, Weber B. Nutzung von Sensornetzwerken und mobilen Informationsgeräten für die Situationserfassung und die Prozessunterstützung bei Massenanfällen von Verletzten. In: GI, eds. Proceedings der 39. Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik (INFORMATIK 2009); 2009. Bonn: Lecture Notes for Informatics; 2009. vol. P-154.
4.
Weber B, Böll D, Junker S, Schütte F, Käser B. Üben mit System: Einsatzübungen – Das Standard-Übungs-System (Teil 2). Rettungsdienst. 2012;3:46-9.