gms | German Medical Science

1st Symposium of Information and Communication Technologies in Emergency Medicine

12.06. - 13.06.2012, Rauischholzhausen

Heute die Möglichkeiten schaffen, um morgen die richtigen Antworten zu bekommen: Anmerkungen zum MIND3

Kongressbeitrag

  • corresponding author Simon Orlob - Medizinische Universität Graz; Medizinercorps Graz, Österreichisches Rotes Kreuz, Bezirksstelle Graz-Stadt
  • Martin Grübler - Medizinische Universität Graz
  • Stefan Heschl - Univ.-Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Medizinische Universität Graz
  • Gerhard Prause - Univ.-Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Medizinische Universität Graz
  • Gernot Wildner - Univ.-Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Medizinische Universität Graz

1. Symposium ICT in der Notfallmedizin. Rauischholzhausen, 12.-13.06.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12notit01

DOI: 10.3205/12notit01, URN: urn:nbn:de:0183-12notit014

Published: June 11, 2012
Published with erratum: June 26, 2012

© 2012 Orlob et al.
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Abstract

With the implementation of the updated minimum emergency data set MIND3 in 2011, the German Interdisciplinary Association for Intensive Care and Emergency Medicine (DIVI) created a simplified and therefore more powerful tool for supraregional acquisition of prehospital emergency medical data and quality management. While discussing the adaptation, the working group of the Austrian Society for Anesthesiology, Resuscitation and Intensive Care Medicine (ÖGARI) raised the question for further usability of the data set, e.g. linkage to other health records or use for scientific purposes. Most important to achieve this goal is the possibility of data association and matching data sets. Data privacy protection laws prohibit use of individual patient data for register purposes. Although being a good tool for overall quality management, MIND3 especially fails in questions where it is crucial to handle an individual as a consistent entity without disclosing personally identifiable information. Future application spectrum seems to be limited. To facilitate higher performance, it is urgently necessary to define the further purposes of patient data recording and to develop safe technological solutions. Possible implementations on privacy protection politics have to be identified and discussed.

Keywords: medical record linkage, data collection, database, documentation – emergency medical services, patient identification systems, confidentiality, quality management


Text

1. Hintergrund

Mit dem „Minimalen Notfalldatensatz MIND3“ wurde 2011 ein wesentlich überarbeitetes Instrument zur einheitlichen Dokumentation und überregionalen Datenerfassung präklinischer Notfalleinsätze implementiert [1]. Zur Vereinfachung und damit Verbesserung der Datenerfassung entschied sich die Arbeitsgruppe der „Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensivmedizin“ für einen modularen Aufbau mit einem gegenüber dem MIND2 deutlich gestrafften „Basismodul“ und „Zusatzmodulen“ für gesonderte Dokumentationserfordernisse, z.B. Anbindung an die Register verschiedener Fachgesellschaften. Der MIND3 soll Daten für eine flächendeckende Qualitätssicherung liefern, als Ziel wird eine nationale Datenbank analog dem „National Emergency Medical Services Information System“ in den USA formuliert [1].

Seitens der „Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin“ befasst sich eine Arbeitsgruppe derzeit mit der Adaptierung des MIND3. Diskutiert wird dabei auch eine Verwendung eines zukünftigen MIND3-A für wissenschaftliche Fragestellungen, eine Verknüpfung mit anderen Datensätzen (z.B. entsprechend dem Datensatz „Notaufnahme“ [2]) und weiterführend die kontinuierliche Erfassung von Behandlungsverlaufsdaten, wie etwa in [3] angedacht. Zentraler Punkt für eine Umsetzung dieser Fragen wäre die Assoziationsfähigkeit von Patientendaten.

2. Problemstellung

Hinsichtlich ihrer Aussagekraft als Identifikationsmerkmal können Daten in drei Qualitäten eingeteilt werden [4]:

  • Anonymität: Die Daten beziehen sich nur auf eine Gesamtmenge von Individuen.
  • Pseudonymität: Ein Bezug zum Individuum ist erkennbar, nicht jedoch dessen Identität.
  • Personenbezug: Das einzelne Individuum ist in seiner Identität erkennbar.

Datenschutzrechtliche Bestimmungen verbieten die Aufzeichnung personenbezogener Daten in einem Register. An Patientendaten werden daher im MIND3 lediglich Alter, Geschlecht und das Geburtsdatum (im Format: 01/MM//JJ) gespeichert. Trotzdem besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit, über andere, fallbezogene (z.B. geografische, zeitliche, strukturelle) Daten aus dem MIND3 Patientenbezüge herzustellen.

Gleichzeitig verhindert die jetzige Form der pseudonymisierten Datenerfassung aber eine individuumbezogene Assoziation und damit verbesserte Aussagekraft. Wollte man zum Beispiel Erkrankungsinzidenzen errechnen, käme es alleine aufgrund des gewählten Speicherformats des Geburtsdatums zu einer großen Anzahl von Homonymen und damit deutlichen Einschränkung der statistischen Aussagekraft. Die eingangs erwähnten weiterführenden Verwendungsmöglichkeiten sind in der jetzigen Version schließlich keinesfalls umsetzbar: Daten können lediglich im Kollektiv mit anderen Datenbanken verknüpft werden, einzelne Fragestellungen lassen sich rückwirkend nicht mehr beantworten. Würde z.B. retrospektiv in einem Rettungsdienstsystem eine Verschlechterung des Outcomes für ein bestimmtes Krankheitsbild auffallen, ließen sich aus dem MIND3 keine gezielten Aussagen bzgl. möglicher beeinflussender Faktoren treffen.

3. Diskussion & Schlussfolgerung

Der MIND3 stellt ein ausgereiftes Instrument zur überregionalen Datenerfassung und zum Qualitätsmanagement dar. Zum jetzigen Zeitpunkt bietet er aber keine Möglichkeit zur Assoziation der gespeicherten Datensätze, was seine Verwendbarkeit in Bezug auf systemübergreifende Qualitätssicherung oder wissenschaftliche Fragestellungen vermindert. Um hier Abhilfe zu schaffen, bedarf es mehrerer Faktoren. Einerseits sind die möglichen datenschutzrechtlichen Implikationen bereits vorhandener Lösungsansätze zu identifizieren und gegebenenfalls zu diskutieren. Andererseits sind, wie z.B. in [3] geschehen, Ziele und Fragestellungen an Gesundheitsdatenbanken auszuformulieren. Schließlich bedarf es sicherer informationstechnologischer Lösungen. Entsprechende Lösungsansätze bestehen, die technische Realisierbarkeit wurde bereits bewiesen [4], [5].

Es gilt, heute die Möglichkeiten zu schaffen, um morgen die richtigen Antworten zu bekommen.

4. Danksagung

Konstituierende Mitglieder der Arbeitsgruppe MIND3-A der ÖGARI: Univ.-Doz. Dr. Michael Baubin, MSc, Prim. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Voelckel, Dr. Alexander Franz.

Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass sie keinen Interessenkonflikt haben.


Literatur

1.
Messelken M, Schlechtriemen T, Arntz HR, Bohn A, Bradschetl G, Brammen D, Braun J, Gries A, Helm M, Kill C, Mochmann C, Paffrath T. Minimaler Notfalldatensatz MIND3. Notfall Rettungsmed. 2011 Oct 19;14(8):647-54. DOI: 10.1007/s10049-011-1510-4 External link
2.
Walcher F, Kulla M, Klinger S, Röhrig R, Wyen H, Bernhard M, Gräff I, Nienaber U, Petersen P, Himmelreich H, Schweigkofler U, Marzi I, Lefering R. Standardisierte Dokumentation im Schockraum mit dem Kerndatensatz „Notaufnahme“ der DIVI. Der Unfallchirurg. 2012;115(5):457-64. DOI: 10.1007/s00113-012-2220-1 External link
3.
Glickman SW, Kit Delgado M, Hirshon JM, Hollander JE, Iwashyna TJ, Jacobs AK, Kilaru AS, Lorch SA, Mutter RL, Myers SR, Owens PL, Phelan MP, Pines JM, Seymour CW, Ewen Wang N, Branas CC. Defining and measuring successful emergency care networks: a research agenda. Acad Emerg Med. 2010 Dec;17(12):1297-305. DOI: 10.1111/j.1553-2712.2010.00930.x. External link
4.
Pommerening K. Pseudonyme – ein Kompromiß zwischen Anonymisierung und Personenbezug [Internet]. staff.uni-mainz.de. [cited 2012 Apr. 30]. Available from: http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Artikel/pseudony.pdf External link
5.
Glock J, Herold R, Pommerening K. Personal identifiers in medical research networks: evaluation of the personal identifier generator in the Competence Network Paediatric Oncology and Haematology. GMS Med Inform Biom Epidemiol. 2006;2(2):Doc06. Available from: http://www.egms.de/en/journals/mibe/2006-2/mibe000025.shtml External link

Erratum

In der vorherigen Veröffentlichung wurden die Namen der Autoren Orlob und Heschl irrtümlich mit Olrob und Hensch angegeben.