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13. Grazer Konferenz – Teaching Medicine – an Interprofessional Agenda

24. - 26.09.2009, Innsbruck, Österreich

Ärztliche Sterbehilfe – Einstellungen bei Grazer Medizinstudierenden zwischen Ethik und Patientenautonomie

Lecture/Vortrag

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  • corresponding author Christin Schmoelzer - Medizinische Universität Graz, Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Graz, Austria
  • author Willibald J. Stronegger - Medizinische Universität Graz, Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Graz, Austria

13. Grazer Konferenz - Qualität der Lehre: Teaching Medicine – an Interprofessional Agenda. Innsbruck, Österreich, 24.-26.09.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09grako03

DOI: 10.3205/09grako03, URN: urn:nbn:de:0183-09grako033

Published: December 14, 2009

© 2009 Schmoelzer et al.
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Lecture/Vortrag

Hintergrund: Die aktive direkte Sterbehilfe mit dem Ziel, den Sterbeprozess eines Kranken durch dessen Tötung abzukürzen, war in den europäischen Rechtsordnungen bis ins 20. Jahrhundert in der Regel verboten. Die zugrundeliegende Rechtsau assung sieht das menschliche Leben als ein unveräußerliches Rechtsgut, das grundsätzlich unabhängig vom Willen des Trägers um Interessen der Gesamtheit willen zu schützen ist. Seit dem 2. Weltkrieg befindet sich die Einstellung der Bevölkerung zur Zulässigkeit von aktiver Sterbehilfe in den meisten europäischen Staaten in einem deutlichenWandel. Die Ausführung der Sterbehilfe wird fast ausnahmslos als eine Aufgabe des ärztlichen Berufs gesehen. Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage, welche Einstellung zur Sterbehilfe angehende Ärzte und Ärztinnen einnehmen.

Methoden und Studienpopulation: Grazer Studierende der Humanmedizin wurden im Rahmen der „Übungen aus Sozialmedizin” mittels eines anonymen Fragebogens über ihre Einstellungen zur Sterbehilfe und ihre Erfahrung in Pflege- sowie Sterbebegleitung befragt. Durch die Beantwortung des Fragebogens in Präsenz wurde eine Rücklaufquote von über 95% erzielt. Aus drei Erhebungswellen (Jahre 2001, 2003/04 und 2008/09) stehen die Angaben von 757 Medizinstudierenden zur Verfügung. Zusätzlich wurden in der 2. Welle 68 Personen in Pflegeausbildung befragt.

Resultate: Die erhobenen Einstellungen zeigen keine oder nur geringfügige Abhängigkeit von Alter oder Geschlecht der Studierenden, sodass auf eine Alters- oder Geschlechtskorrektur zumeist verzichtet werden konnte. Die Befürwortung der aktiven direkten Sterbehilfe zeigte in der abstrakten Frage eine deutliche Zunahme über die drei Erhebungswellen (16% - 29% - 50%). In einem Fallbeispiel, das für die Anwendung der aktiven Sterbehilfe charakteristisch ist, nimmt die Befürwortung der aktiven Sterbehilfe weniger stark zu. In der im Fallbeispiel angeführten Begründung der eigenen Einstellung zeigen sich ebenfalls deutliche Verschiebungen in den drei Wellen. Argumente, die auf Patientenautonomie und Fürsorge Bezug nehmen, werden in der 3. Welle mehr als doppelt so oft angeführt als in der ersten.

Diskussion: Im Erhebungszeitraum der Jahre 2001-2009 zeigt sich eine massive Veränderung in der Einstellung zur ärztlichen Sterbehilfe bei den Medizinstudierenden. Diese Veränderung ist bei der Beantwortung einer abstrakten Frage markanter ausgeprägt als bei der Beurteilung eines konkreten Fallbeispiels. Ethische Überzeugungen und ein ethisch geprägtes ärztliches Rollenverständnis scheinen zugunsten einer höheren Bewertung von ärztlichem Fürsorgeverhalten als auch der Autonomie des Patienten in den Hintergrund zu treten. Die Resultate legen zudem in methodischer Hinsicht nahe, dass Einstellungen zur Sterbehilfe nicht mittels einfacher „abstrakter” Fragen gemessen werden sollten, sondern anhand von validierten Skalen, welche z.B. auf ausgewählten Fallbeispielen basieren.