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GMDS 2012: 57. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V. (GMDS)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie

16. - 20.09.2012, Braunschweig

Das Forensische Online-Konsil „Forensikon“ – sichere Befundkommunikation bei Verdacht auf Kindesmisshandlung und sexuellem Kindesmissbrauch in Niedersachsen

Meeting Abstract

  • Urs-Vito Albrecht - Medizinische Hochschule Hannover. P.L.R. Institut für Medizinsche Informatik, Hannover, Deutschland
  • Melanie Todt - Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Rechtsmedizin, Hannover, Deutschland
  • Mirko Ketterer - IT-Choice Software AG, Karlsruhe, Deutschland
  • Oliver Pramann - Kanzlei 34 Rechtsanwälte und Notare, Hannover, Deutschland
  • Herbert K. Matthies - Medizinische Hochschule Hannover. P.L.R. Institut für Medizinsche Informatik, Hannover, Deutschland
  • Anette Solveig Debertin - Medizinische Hochschule Hannover. P.L.R. Institut für Medizinsche Informatik, Hannover, Deutschland

GMDS 2012. 57. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e.V. (GMDS). Braunschweig, 16.-20.09.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12gmds057

DOI: 10.3205/12gmds057, URN: urn:nbn:de:0183-12gmds0570

Published: September 13, 2012

© 2012 Albrecht et al.
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Text

Einleitung und Fragestellung: Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung gehören auch im 21. Jahrhundert zur traurigen Realität. Verschiedene Dunkelfeldstudien gehen davon aus, dass 1,42 Millionen Kinder von Misshandlungen betroffen sind [1], [2]. Oft werden – allerdings unterschiedlich qualifizierte – Ärztinnen und Ärzte als erstes mit fraglichen Fällen konfrontiert. Beim Umgang mit den betroffenen jungen Patienten und ihrem Umfeld bedarf es jedoch einer professionellen Einschätzung, ob es sich um einen Missbrauch oder eine Misshandlung handelt, um anschließend weiterführende Schritte im Sinne der zeitnahen Gefahrenabwehr für das Kind einzuleiten.

Mit dem „Forensikon” existiert in Niedersachsen seit Januar 2011 bundesweit erstmalig ein Online-Konsildienst für Ärzte, der eine rechtsmedizinische Beratung bei unklaren Befunden über ein Internetportal ermöglicht. Hiermit erhalten niedergelassene Allgemeinmediziner, Kinder- und Jugendärzte sowie ihre klinischen Kollegen einen qualitätsgesicherten, flächendeckenden Zugang zur rechtsmedizinischen Expertenmeinung. Dies war bisher nur über das Einschalten einer Behörde möglich [3], [4], [5], [6].

Material und Methoden: Das „Forensikon” verfügt über eine integrierte Vorgangsverwaltung und bietet auch Möglichkeiten zur Rücksprache. Die einfache Bedienung ermöglicht es den Anwendern, sich vollständig auf die Bearbeitung ihrer Anfrage zu konzentrieren, ohne sich selbst mit Fragen des Datenschutzes oder der Installation von Software auseinandersetzen zu müssen. In einer Pilotstudie [7] wurden zuvor Konstruktvalidität, Nutzerfreundlichkeit sowie Praktikabilität des Online-Portals geprüft und positiv bewertet.

Das Online-Konsil „Forensikon“ ist Teil des Projekts „Kinderschutz” zur niedrigschwelligen Beratung klinisch tätiger Ärzte am Institut für Rechtsmedizin der MHH, das mit seiner „Kinderschutzambulanz“ mit festen und kompetenten Ansprechpartnern eine zentrale Anlaufstelle zu Fragen der Kindesmisshandlung und des sexuellen Kindesmissbrauchs ist. Neben Untersuchungsmöglichkeiten in den eigenen Räumlichkeiten und der Vorortbegutachtung bietet es zudem eine „Hotline Kinderschutz“ als telefonischen Rufdienst [8], [9], [10], [11].

Basis für die Qualität und Nachhaltigkeit des „Forensikons“ ist eine interdisziplinäre Kooperation: Das Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover stellt die fachliche Kompetenz in der Beratung sicher. Die Entwicklung erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik (PLRI) und der IT-Choice AG. Das „Forensikon“ ist eingebettet in das Dienstportfolio der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen und nutzt deren Sicherheitsinfrastruktur. Gefördert wird das Projekt durch das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration sowie das Institut für Rechtsmedizin der MHH [1], [3], [9].

Ergebnisse: Bis Ende März 2012 besuchten insgesamt 195 Ärzte den Dienst. 25 Anfragen wurden elektronisch gestellt und zeitnah beantwortet. Das Konsultationsvolumen des Projekts „Kinderschutz“ lag bei insgesamt 200 Anfragen [12]. Eine Evaluation (Akzeptanz, Effizienz) des Online-Portals ist für dieses Jahr angesetzt.

Diskussion: Mit dem „Forensikon“ verfügen behandelnde Ärztinnen und Ärzte über ein telemedizinisches Werkzeug, um bei fraglichem sexuellen Kindesmissbrauch unkompliziert Anfragen an rechtsmedizinische Experten zu stellen und deren Fachkompetenz zu nutzen. Von Missbrauch betroffenen Kindern kann durch die so erreichte Sicherheit bei der Befundung schneller zielgerichtet und effizient geholfen werden. Der Erfolg des Projekts zeigt deutlich, dass bei ethisch schwierigen Fragestellungen, wie z.B. dem Kindesmissbrauch neue Informationstechnologien verbesserte Versorgungsformen ermöglichen. Die multiprofessionelle Kommunikation wird im Sinne des Kindeswohls wesentlich erleichtert. Das Projekt beschreibt, wie Einrichtungen aus verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens durch interdisziplinäre Zusammenarbeit erfolgreich kooperieren können.


Literatur

1.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Pressemitteilung vom 8. November 2000. Berlin: BMFSJS; 2000.
2.
Pfeiffer C, Wetzels P, Enzmann D. KFN Forschungsberichte 80 – Innerfamiliäre Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und ihre Auswirkungen. Hannover: Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen; 1999.
3.
Debertin AS. Bessere Strukturen für den Kinderschutz in Niedersachsen – Institut für Rechtsmedizin der MHH bietet niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten diagnostische Unterstützung bei Verdachtsfällen von Kindesmisshandlung und -missbrauch. Niedersächsisches Ärzteblatt. 2011;(1):52-3.
4.
DGTELEMED e.V. Abstract zum „Forensikon” [Internet]. Available from: http://www.dgtelemed.de/downloads/kongress2010/Abstrakt-Preistreager2010-Forensikon.pdf [cited 23.04.2012] External link
5.
DGTELEMED e.V. Pressemeldung 09.11.2010, Berlin. Erster gemeinsamer Kongress mit Rekordteilnahme [Internet]. Available from: http://www.dgtelemed.de/de/presse/2010/2010-11-09.php [cited 23.04.2012] External link
6.
Albrecht UV. Strategien der Informationssicherheit für die rechtsmedizinische Telematik am Beispiel des „Forensischen Online-Konsils (Forensikon)“ der Medizinischen Hochschule Hannover. Rechtsmedizin. 20(4):304-76.
7.
Albrecht UV. Das forensische Online-Konsil Forensikon der Medizinischen Hochschule Hannover – eine qualitative und quantitative Vorstudie – Magisterarbeit Public-Health. Hannover: Medizinische Hochschule Hannover; 2010.
8.
Projektsäule Kinderschutz. MHH-Institut für Rechtsmedizin startet landesweites Kinderschutzprojekt. Experten unterstützen Ärzte bei Diagnosen von Misshandlungen, KVN sichert die Befundübermittlung. Niedersächsisches Ärzteblatt. 2011;(2):62-3.
9.
Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit. Modellprojekt bietet gefährdeten Kindern frühe und besser vernetzte Hilfe. Pressemitteilung Nr. 16 vom 4. März 2008. Hannover; 2008.
10.
Medizinische Hochschule Hannover. Seiten der Kinderschutzambulanz [Internet]. Available from: http://www.mhhannover.de/20103.html [cited 23.04.2012] External link
11.
Spieker T. Pressemitteilung 26.02.2011, Hannover. Experten unterstützen Ärzte bei Diagnose von Misshandlungen. Sozialministerin Aygül Özkan eröffnet Kinderschutzambulanz am MHH-Institut für Rechtsmedizin. Hannover: Niedersächsiches Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration; 2011. Available from: http://www.ms.niedersachsen.de/live/live.php?navigation_id=4972&article_id=93709&_psmand=17 [cited 23.04.2012] External link
12.
Kinderschutz in Niedersachsen. Ein Jahr Kinderschutzambulanz Hannover [Internet]. Available from: http://www.kinderschutz-niedersachsen.de/index.cfm?uuid=5D76F0E5E341F0459AA7FB467AEED66A&nurlinks=1 [cited 23.04.2012] External link